Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 62)
- Language
- German
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62 «nd der arme Eantor, der in der Synagoge singen sollte, horte noch immer nicht auf, bellend umhcrzurascn, und erweckte allgemein das innigste Mitleid. Endlich kamen auch die Gemeindevorsteher, um nach ihm zu sehen, und da sein beklagenswerther Zustand fortdauerte, faßten sie den Beschluß, sich beim Rabbi für seine Begnadigung zu verwenden. Sie begaben sich demnach zu dem Wunderthäter, und stellten ihm in den ehrerbietigsten Ausdrücken vor, daß der Cantor genug gelitten habe und Erbarmen seine Pein endigen könne. „Ihr seid gute und gefühlvolle Leute," sagte der Rabbi mit seinein freundlichen Lächeln. „Vielleicht bin ich euch hark vorgekommen. Glaubet mir aber, daß Härte nicht in meiner Natur liegt. Ich war auch weit entfernt davon, eine Rache zu suchen, aber die Strafe, die ich dem Sünder aufcrlegte, war zu seinem Heile nothwendig und diente zu seiner Rettung. Wer das Heilige durch Verläumdung entweiht und schändet, stirbt, und seine Seele fährt i» de» Leib eines Hundes. Dieses Unheil hat meine Strafe nun von dem Manne abgewendet, und er ist durch eine kurze Trübsal einer dauernden Pein entgangen. Auf eure Bitte will ich nun sogar noch sein Leiden, das länger währen sollte, abkürzen. Er soll wieder zum Menschen werden, doch soll er noch bis zu Ende des SabbathS mit Stummheit geschlagen bleiben." „Warum vollendet ihr nicht das Werk der Gnade?" versetzte schüchtern und flehend der Wortführer der Vorsteher. „Erlaßt ihm doch auch die Stummheit, damit er den Gottesdienst abhaltcn kann. Der arme Mann ist darauf angewiesen, sich dadurch sein Brod zu erwerben, und er wird den Tag eurer Anwesenheit durch seinen Gesang verschönern, de» ihr ja selbst gerühmt habt." „O, sein Gesang ist von einer wunderbaren Vollendung," erwiederte der Bal Schein, „und es thut mir ungemein leid, daß ihr um einen ausgezeichneten Genuß gebracht werdet; aber ich kann es nicht ändern. Ich darf ihm sein Vergehen nur in so weit verzeihen, als es mich persönlich betrifft, aber er hat durch seine Lästerung auch den Abglanz der Göttlichkeit beleidigt, der ans jedem Kabbalisten ruht. Diese Sünde zu vergeben, steht nicht in meiner Macht, und dafür büßt er mit dem