Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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60 „Barmherziger!" rief der Wirth entsetzt, „wäre es möglich? Der Rabbi hat gesagt, der Cantor soll ein Hund sein. Wäre das buchstäblich in Erfüllung gegangen?" „Und warum nicht?" schrie der Schulmeister, dem sich die Haare emporsträubten. „Wollt ihr schon wieder zweifeln? Wollt ihr auch ein Hund werden?" Alle stürzten auf den Hausflur hinaus, und vernahmen das fürchterliche Geheul. „Wau, huh, bau!" schallte cs aus dem Zimmer des Cantors. Unter denen, die diese gräulichen Töne hörten, war keiner, der nicht am ganzen Körper zitterte. Endlich wagten es die Beherzteste», indem sie laut Gebete zu ihrem Schutze sprachen, die Thüre des Gemachs zu öffnen, und nun erblickten Alle mit Grausen den verwandelten Cantor. Er lief auf Händen und Füßen herum, die Haare hingen ihm zerzaust uni das Gesicht, und er bellte unaufhörlich. Der Anblick von Menschen machte ihn noch wilder, er sprang auf die Thüre zu, aber er schien an sein Zimmer gebannt zu sein, er vermochte nicht, über die Schwelle zu dringen. Nachdem er sich zur größten Beängstigung der aufschrcienden und zurückwcichenden Zuschauer viele Mühe gegeben hatte, ins Freie zu gelangen, und alle Versuche fruchtlos blieben, wendete er sich mit wüthendem Gebell und durchdringendem Heulen in das Zimmer zurück und sprang mit gewaltigen Sätzen auf die Stühle, aus den Tisch, und wieder auf den Boden. „Wunder! Wunder!" schrieen die Leute bei diesem Anblick, und mit dem Geschrei: „Wunder! Wunder!" durchjagten sie die Straßen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von diesem unerhörten Ereignis; durch die ganze Stadt. Also war ein Bal Schein angekommen, der seine Macht durch ein so furchtbares Beispiel bewiesen hatte, ein Bal Schein, für dessen Aechtheit ein so schreckliches Strafgericht unwiderleglich Zeugnis; gab. Wer so zu verderben vermochte, mußte auch helfen, retten, wirksam segne» können, und in Schaaren eilten Männer, Frauen herbei und führten ihre Kinder mit, um sich zu dem heiligen Rabbi zu drängen, und von ihm, je nachdem sie des einen oder des andern bedurften, Trost, Rath, Besprechung, Fürbitte, Amulette, Segen zu erlangen. Aber nur den inständigsten Bitten des Wirthes gelang es, de» Rabbi von seinem Entschlüsse, hier in Zurückgezogenheit zu bleiben, abzu-