Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4085237-9641004--061-7392726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59 der Ehrfurcht und der Freude erfuhr die Gesellschaft, daß die Engel dem Bal Schein jedes Wort mitgetheilt hätten, das vorhin hier gesprochen worden war, und zwar ohne irgend eine Auslassung oder eine Abänderung in der Reihenfolge, daß aber der Rabbi ein himmlisches Gemüth habe, allen, die der Lästerung Glauben geschenkt, Verzeihung erflehen und nur den Cantor bestrafen wolle. Die Lebhaftigkeit der Erzählung vergegenwärtigte den Zuhörern den Vorgang so vollkommen, daß sie alles selbst zu sehen und zu Horen glaubten und vor Schauder und heiliger Furcht erbleichten. Sie bestürmten die Berichterstatter dabei mit vielen Fragen nach den Einzelheiten, und die Antworten steigerten noch das Wunderbare der Begebenheit. Der Schulmeister, der sagen sollte, ob er die Engel mit eigenen Augen gesehen, glaubte bei seiner einmal erregten Einbildungskraft das fast bejahen zn können. Wenigstens versicherte er, habe ihm ein Nebel vorgeschwebt, der sich »nt den heiligen Mann zusammcngcballt, auch zuletzt auf ihn selbst zugewälzt, und endlich die Empfindung erregt habe, als würde ihm die Flasche ans der Hand geschlagen. Der Wirth, der keinen Nebel bemerkt hatte, glaubte dagegen die Stimme dct Engel gehört zu haben. Er wollte dies zwar nicht mit Bestimmtheit behaupten, meinte aber doch, die eine Rede sei voll einer andern Stimme, als der des Rabbi, gesprochen worden. „Genug, wir haben einen bewährten, vorzüglichen Bal Schein im Hause," rief einer, „und wir wollen zn ihm hinauf gehen und seinen Segen erbitten." „Nein!" rief ein anderer, „erst laßt uns in der Stadt seine Anwesenheit bekannt machen, daß ihm die gesummte Einwohnerschaft ihre Ehrfurcht bezeige, und alle Hilfsbedürftige sich an ihn wenden." Die letzte Meinung behielt den Sieg, und sämmtliche Gäste schickten sich zum Weggehn an. Der eine wollte nur erst sein Glas leeren, der andere suchte seinen Stock, ein dritter nahm seinen Ueberwurf von einem Pflock, als ein Kind, das Söhnchen des Wirthcs, mit überlautem Gelächter in die Stube trat. „Vater!" rief er, fortwährend lachend, „wir werden einen kuriosen Cantor hören. Ich lauschte an der Thüre, weil ich glaubte, er würde sich einen hübschen Gesang cinüben. Aber, weißt du, wie es klingt? Bau, bau, wau, wau, bau, wau, huh, hau! gerade wie es unser Pudel macht. Es ist zum Kranklachen."