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Jahrbuch für Israeliten · 1857-01-01 · 16 auf das Jahr 5618 (1858) · p. Seite 54

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Journal
Jahrbuch für Israeliten
Volume
16 auf das Jahr 5618 (1858)
Date
1857-01-01
Page
Seite 54 (sequence 54)
Language
German
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54 aus. Er habe sich genöthigt gesehen, sagte er, gegen die Vorsteher, weil er ihnen unbekannt gewesen sei, mit einiger Ruhmrednerei von sich zu sprechen, um nur von ihnen die Zusage des Gottesdienstes zu erhalten. Nun er aber seinen Zweck erreicht habe, wäre jedes Wort, das er zu seinem Lobe spräche, eine unziemende Prahlerei. Man würde ihn hören, und er müsse das Urtheil ihrer Kennerschaft überlassen. Hatte er auf diese Weise vermieden, sich selbst zum Gegenstand des Gespräches zu machen, so verstand er es vortrefflich, durch die Auswahl eines andern Stoffs die Unterhaltung zu beleben, und durch muntere Anekdoten, witzige Bemerkungen, komische Erzählungen und possenhafte Geschichten zu würzen. Die Leute lachten, daß ihnen die Thränen aus den Augen drangen, und waren im Voraus überzeugt, daß sie in der Synagoge eine» ungewöhnlichen Genuß zu erwarten hätten, da ein so überaus angenehmer Gesellschafter auch ein ausgezeichneter Sänger sein müsse. Endlich erhob sich der Cantor, um sich in sein Zimmer zurückzuziehcn. Auf die Bitte der Anwesenden, noch bei ihnen zu verweilen, entschuldigle er sich mit der Rothwenvigkcit, sich auf den Vortrag der Gebete durch Auswahl der Melodien und Einübung schwieriger Passagen vorzubereiten, und nahm freundlich Abschied. Aber schon auf der Schwelle stehend, wendete er sich um. „Apropos!" sagte er zum Wirth; „da sehe ich ja einen zweiten Wagen vor der Thüre. Sind noch andere Reisende hier eingckehrt?" „Rur einer," antwortete der Wirth, „Rabbi Varuch Bal Schem aus Jassy." „Was?" schrie der Eantor, völlig wieder in's Zimmer tretend; „dieser Lump! dieser Landstreicher, dieser Betrüger!" Alle sahen einander betroffen an. „Ihr kennt also den Val Schem?" fragte der Wirth verlegen. „Ob ich ihn kenne!" rief der Cantor heftig. „Aber nennet ihn doch nicht Bal Schein, das ist er so wenig als ich ein Seiltänzer bin. Ein Betrüger ist er, der sich für einen Kabbalisten ausgibt, um Ignoranten, die sich durch seine scheinheiligen Mienen täuschen lassen, Geld abzulockcn. Ich habe ihn auf meinen Reisen schon oft getroffen. An manchen Orten hat ihm auch seine List Frucht getragen, denn er hat

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