Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 52)
- Language
- German
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52 „Da trefft ihr es eben heute recht gut," sagte der Gast- Halter, „denn ein fremder Cantor wird sich hören lassen." „O weh!" rief jener, „dann möchte ich lieber meine Andacht zu Hause halten. An diesen fremden Kantoren ist meistens nichts, sie verunstalten mehr die Gebete, als daß sie sic zierten. Es gibt allerdings rühmliche Ausnahmen, aber sie sind selten. Wer ist denn dieser Cantor?" „Ich kenne ihn weiter nicht," crwiederte der Wirth, „aber er hat sich mir David aus Czarnikvw genannt." „Wie?" rief der Rabbi freudig ans; „der Czarnikvwer David? Ei! den lasse ich mir gefallen! Das ändert die ganze Sache, den möchte ich um keinen Preis versäumen Ich habe ihn schon oft gehört, aber den kann man nie genug hören. Das ist ein Cantor, der schwerlich seines Gleichen findet. Seine Stimme ist honigsüß, und sein Vortrag muß jedeS Herz schmelzen. Ihr könnt euch glücklich schätzen, daß ein so berühmter Caiuor zu euch gekommen ist. Denke doch einer: David aus Czarnikvw! Das ist keine Kleinigkeit!" Es duldete nun den Wirth nicht länger im Zimmer, er mußte seinen Trinkgästen sein doppeltes Glück, einen Bal Schein und ein n weltberühmten Cantor im Hause zu haben, schleunigst verkündigen. Er fand aber in der Schcnkstubc nicht den gewünschten Anklang, denn nur, was er vom Cantor berichtete, wurde allgemein gut ausgenommen und brachte die Gegner der reisenden Sänger zum Schweigen; dagegen mußte er zu seinem Verdruß bemerken , daß man die Würde seines andern Gastes in Zweifel zog. Der Name dieses Mannes sei ganz unbekannt, meinte man, da könne man ihm nicht so leichthin eine so heilige Stellung zuschreiben. Wenn man ihm auch gerne als einem Unparteiischen das glauben wolle, was er vom Cantor rühme, um so mehr, da man ja hierüber in wenigen Stunden selbst entscheiden würde, so wäre cs doch ein anderer Fall, wenn ein Fremder sich selbst einen Bal Schein nenne, er möge sich nun mündlich oder durch die Bezeichnung seines Gepäckes diesen Titel beilegen. Bei einer solchen Gelegenheit bedürfe cs der äußersten Vorsicht, um nicht etwa die Beute eines listigen Lügners zu werden. Dieser Meinung trat nur der Wirth entgegen, den der Bal Schein schon für sich eingenommen hatte, und der auch