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Jahrbuch für Israeliten · 1857-01-01 · 16 auf das Jahr 5618 (1858) · p. Seite 44

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Journal
Jahrbuch für Israeliten
Volume
16 auf das Jahr 5618 (1858)
Date
1857-01-01
Page
Seite 44 (sequence 44)
Language
German
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Jede bedeutendere polnische Stadt hatte demnach einen oder mehrere Marschälke. Diese Leute bekleideten aber nicht etwa eine» Posten mit einem bestimmten Gehalt, sondern ihre Einkünfte bestanden bloß in dem, was sie bei Gelegenheit eines Festes von dem Hausherrn, der sie dazu mietbete, bedungencrmaßen, und von den Gästen an freiwilligen Geschenken erhielten. Namentlich durften sie bei keiner Hochzeit fehlen. Sie wurden auch zu Hochzeiten in die benachbarten kleinen Städte geholt, die keinen eigenen Marschalk erhalten konnten. Waren daher in ihrer Heimath und der Umgegend häufig Feste dieser Art, so hatten sie ihr reichliches Auskommen. Dagegen sah cs schlimm damit aus, wenn eine geraume Zeit verging, in der keine Familie von ihren Talenten Gebrauch zu machen Veranlassung fand. Eine solche unfruchtbare Zeit war einst in einer Stadt eingetreten, in welcher zwei Marschälke, David und Baruch, in bester Eintracht lebten. Beide harten ihre früheren Einnahmen fast gänzlich aufgezehrt, und es zeigte sich keine Aussicht zu einer nahen Hochzeit oder einem andern Familienfeste, wodurch in ihre erschöpfte Kasse ein frischer Geldstrom kommen konnte. Hier war also guter Rath theucr. Doch als verschlagenen Köpfen konnte eS ihnen nicht fehlen, ein Mittel zu ersinnen, das ihnen aus der Noth helfen mußte. Sie beschlossen, nach einer entfernten Gegend zu reisen, wo sic sicher waren, keinen Bekannten zu tresfin, und zwar sollte sich auf dieser Reise David für einen Cantor, Baruch aber für einen Bal Schein, das ist, für einen Meister der Kabbala, ausgeben. Reisende Kantoren fanden ihre Rechnung, wenn ihre Stimme geeignet war, ihnen Beifall zu verschaffen. D e Gemeindevorstände gaben ihnen überall leicht die Erlaubniß, in der Synagoge des Ortes den Gottesdienst am Sabbath abzuhalten, und verabfolgten ihnen dann in jedem Falle, auch wenn ihre Leistungen nicht angcsprochen hatten, ein Honorar aus der Gemeindekasse. Doch das war meistens nur eine geringe Entschädigung, die kaum die Aufcnthaltskvste» deckte. Allein sie gingen dann auch zu sämmtlichen Familienvätern, und empfingen von jedem noch ein besonderes Geschenk. Die Größe desselben aber richtete sich nach dem Geschmack, den man an ihrem Gesang gefunden hatte; daher eine solche Reise nur für einen

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