Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 43)
- Language
- German
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43 an einem andern Erwerbszwcig eine heitere Laune, einen angebornen Witz benutzten, um durch die Belustigung geselliger Kreise ihren Unterhalt zu gewinnen. Dergleichen Kreise versammelten sich nur bei besonderen Veranlassungen, da die Juden in Pvlen, wenn ihre Zeit nicht vvn Geschäften in Anspruch genommen wurde, sich dem ernsten Studium des Talmuds Hingaben. Das war ihre Erholung, denn von allen Zerstreuungen und Lebensgenüssen, nicht nur von den verfeinerten, die unsere Tage bieten, sondern sogar wie sie damals in einer roheren Weise für die Erheiterung der übrigen Welt gebräuchlich waren, hatten sie keine Ahnung, ja auch für dergleichen keine Empfänglichkeit. Wenn nun aber ein Fest, die Feier eines frohen Ereignisses die Einförmigkeit ihres gewöhnlichen Lebens unterbrach, verlangten sic eine derbe Lust, die sich nicht selten bis zur Ausgelassenheit steigerte. Daun war der Marschalk, Lustigmacher, Possenreißer willkommen, der durch die tollsten Einfälle, die kecksten Reden die Zwerchfelle der versammelten Gäste erschütterte. Je einfacher man damals in strengster Zucht und religiöser Observanz lebte, um so weniger fürchtete man, daß ein dreistes Wort die Sitte und die Religiosität gefährden könnte, und so erlaubte man dem Marschalk jede Verletzung dessen, was wir heut zu Tage Anstand nennen, die tollste Deutung biblischer Verse, den kühnsten Spott über fromme Gebräuche; man verzieh ihm alles, wenn es nur Lachen erregte. Freilich aber mußte der Marschalk, um seiner Aufgabe genügen und seine Zuhörer befriedigen zu können, mit dem Talmud genau bekannt sein, denn er konnte durch nichts so sehr entzücken, als wenn er einen auf rabbinische Sprüche gegründeten Witz verbrachte. Gelang es ihm gar, den Rabbiner, wenn dieser etwa am Feste Theil nahm, mit Glück zu bestreiten, und durch Anführung ersonnener Talmudsprüche aus dem Felde zu schlagen, so hatte er Alle, auch den lachenden Besiegten, zu jubelndem Beifall hingerissen; denn die lustige Posse, die sich gegen den Rabbiner gewendet hatte, that der Ehrfurcht, die diesem gebührte, so wenig Abbruch, als die religiösen Vorschriften durch die kecken Bemerkungen des Schalks entweiht wurden. Wußte man doch, daß der übermüthigste Scherz von dem Possenreißer nur in der Sicherheit gewagt wurde, daß Niemand in seinen Worten eine ernstliche Absicht suchen und so seine fromme Ergebenheit bezweifeln würde.