Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für Israeliten · 1857-01-01 · 16 auf das Jahr 5618 (1858) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für Israeliten
Volume
16 auf das Jahr 5618 (1858)
Date
1857-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4085237-9641004--010-7392675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 einen Juden wegen eines Vergehens zu vertheidigen. Ans seine das Judentyum im höchsten Grade verunglimpfende Berthcidigungörcdc antwortete dem Herrn Jusiizrath der würdige Obcrrabbiner Bodcnhcimcr zu Crcfeld, dessen Replik hier wörtlich wiedcrzugebcn wir uns nicht versagen können. Der Wcselcr „Sprecher," der.auch die Gerichtsverhandlungen gebracht hat, theill sie in seiner Nr. 12 wie folgt mit: „Unter den im „Sprecher" Nro. i!l> mitgctheiltcn Verhandlungen vor dem Königlichen Schwurgerichte zu Wciel' gegen die Handelsleute Harfs befindet sich eine Vcrthcidigungsrcde des Herrn Justizraths Lancclle, welche Ansichten auszusprcchcn wagi, die wir nicht mit Stillschweigen hinnchmen dürfen. Wenn auch das eifrige Streben eines Vcrthcidigcrö, alle erdenklichen Mittel aufznfindc» , nin die in Anklagestand versetzten Personen vor der Streue des Gesetzes zu schützen, jede Ächtung verdient, so dürfte dieses doch nicht gebilligt werden, sobald cS auf Kosten Nichlbcthciligter, oder sogar aus Kosten einer ganzen Neligionsgenossenscbaft geschieht. In der vorliegenden Rede begegnen wir aber einem solchen Falle: der Lcrtheidigcr einzelner Individuen wird, vielleicht ohne cö zu wollen, Ankläger einer Gesammthcit. Der Herr Justizrath sagt: „Es sind Juden, die nicht zu fragen haben nach den Grundsätzen christlicher Moral uns christlicher 'Nächstenliebe, die auch nach der Lehre des Talmuds und der Rabbiner ihren Feinden, ihren Widersachern keine Rücksichten schuldig sind, die diese nicht als ihre Nächsten zu betrachten, die. sich also auch kein Gewissen daraus zu machen haben, wenn sie ans der Verlegenheit Jener Vortheil ziehen können u. s. w." Solche herrliche Dogmen stellt der Herr Justizrath auf! Sind sie aber wahr? können sie im Grüfte behauptet werden? Ist cS wahr, daß sich die Lehre allgemeiner Nächstenliebe nur in der christlichen Moral ausgesprochen finde, und im alten Testamente keine Spur davon anzutrefscn'sei? Hat nicht vielmehr das neue Testament dieses Mvralprincip auS den Büchern Mosiö und der Propheten geschöpft? Im dritten Buche Mosis lesen wir Kapitel ll> Vers 18: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, ich der Ewige." Also nicht den Israeliten, sondern deinen Nächsten Auch der zur'christlichen Religion sich Bekennende ist dein Nächster. Sogar über Feindcslicbe enthält das alte Testament die schönsten Sentenzen. Im 2. Buche Mosiö Kapitel 21! Vers-i und 5: „Wenn du antrissst den Ochsen deines Feindes oder seinen Esel hcrumirrcnd, so sollst du ihm denselben zurückbringcn. Wenn du den Esel deines Hassers erliegen sichst unter seiner Last, so hüte dich, ihn zu verlassen." In den Sprüchen Salomo'S Kap. 25 Vers 21: „So dein Feind hungert, so speise ihn; so ihn durstet, reich' ihm zu trinken." Die Bibel kennt demnach auch FeindcSliebc, und der Talmud enthält Nichts und kann Nichts enthalten, was diesem Principe widerspräche. Im Gegenthcil, die in der christlichen Moral so hoch obcnanstchcnde Lehre: „Was du nicht gern hast, daß cs dir geschehe, das tbuc auch deinem Nächsten nicht" — findet ihren Ursprung einzig und allein in jener talmudischcn Erzählung Tract. Sabbatb 5>I 31 a.: „Ein Heide kam zu Hillel mit dein Ersuchen, ihn mit der ganzen Religion bekannt zu machen, während er auf einem Fuße stehe, woraus dieser Weise geantwortet habe: Was du nicht gern hast, daß cS dir geschehe, das thue

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.