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Der Israelit · 1906-12-27 · 52 (27.12.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
52 (27.12.1906)
Date
1906-12-27
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Seuilleton-Boilago zu Nr. 52 bcs ״Israelit n euilleton. Der Baal ■Sehern von micbelstadt. Bon Iudäus. *יי Nachdruck verboten. ״Gewiß, ich inrrß sogar darauf bestehen, denn das, was jetzt folgt, ist s ja, ivorum es sich hier allein handelt; alles bisherige war ja nur die Ginleitung dazu." ״Girre Stunde", fuhr Mendel fort, ״mochte ich so gesefferr sein, ohire etivas besonderes be merkt zu habeir. Tie einzelnen Häuser, die ich beobachten konnte, löschterr die Wickler ans, auch in dem meinigerr brannte kein seicht rnehr, als derRachtwächter die zehnte Stunde verkündete. .Sieht Borübergehender störte mehr die Stille der Rächt, aber durch eine Ritze des Fensierladens sah ich kurz vor elf ein Licht in meinem Hause schimmern, das bisher nicht gebrannt batte und das sicher soebeir erst angesteckt wurde. Bon ferne hörte ich schon die schweren Tritte des Rachtwächters, als er das Tors durchschritt, um die elfte Stunde auszurufen und hörte die Schritte dann wieder verhallen. Aber kanur war dies geschehen, so sah ich von der entgegengesetzten Richtung einen jungen Burschen von hohem, schlankem Wuchs daherkommeu, den ich für 17 bis 18 Jahre hielt. Gr ging raschen, leichtert Schrittes gerade aus mein Haus los, pochte leise an den Laden, der sich sofort geräuschles öffnete. Bei der Helle des Lichtes, das aus dem Fenster leuchtete, sah ich meine Gttel so deutlich, wie ich jetzt den Rabbi und Rabbi Walt sehe. Sie reichte dem jungen Manne die Hand und dieser schwang sich, auf sie gestützt, über das Fenstergesims in die Stube, in der ich außer den beiden noch den Schatten einer dritten Person gervahrte, die ich selbst aber nicht zu Gesicht bekam. Tann schloß der junge Mann den Laden wieder, und ich sehe nichts als die Lichtritze in dem Fenster laden. Fch meinte, ich müßte ivahnsinnig werden und wollte ans dem Hause in das rneinige stürzen, um mir Recht zu verschaffen und die Schänderin meiner Ghre zu züchtigen. Aber ich war wie gelähmt und gebrochen, ich vermochte vor Schreck, vor Scham und Wut kein Glied zu rühren. Wie sestgebnnden blieb ich auf demselben Fleck sitzen trnd stierte unverwandten Blickes aus den Fensterladen, hinter dem die Mörder meines Lebensglücks ihr frevelhaftes Spiel trieben. Trei Stunden saß ich so, es tvar eben zwei Uhr vorbei, als sich der Fenster.aden wieder öffnete. Ter junge Mann sprang mit einem Satz von dem Zimmer auf die Straße, reichte beide Hände der Ghebrecherin zum Abschiede hin und huschte davorr, während sie den Fensterladen schloss und das Licht verlöschte. Und nun frage ich den Rabbi, bin ich nicht berechtigt, ja, bin ich nicht ver pstichtet, aus Scheidung von einer solchen Frau zu dringen?" Ter Rabbi ließ bedächtig seinen bis aus die Brust herabwallenden Bart durch die Hand gleiten, wie es reine Gepstogenbeit war, wenn er über einen Gegenstand tiefer nachdachte, urtd rvandte sich dann an Mendel Momart, indem er ihm schart ins Attge blickte: ,Hevor ich Guch diese Fra׳,e beantworten kartn, mtrß ich noch einige Fragen an Guch Achten. Grstens: Seid Ihr bereit, das alles, was Fhr mir gesagt habt, auf Berlanqen durch eirren Ltd zu bekräftigen?יי *״Fch bin jeden Augenblick bereit, das Gesagte beider Sescr Thora zu beschwören." .,Zweitens: Wißt Fhr, wer'der juitge Mann war?" JM4 t* ״Rein, das weiß ich Erricht. Fch rvüßte es auch nicht, wenn^ich ihm am Hellen Tage in tttdtt Haus hätte steigen sehen, woher roll ich nach elfjähriger Abivesenheit die jungen j Leute der Gegend kennert?" ,״Habt Fhr in den drei Wochen gar keine Schritte getan, tun zn erfahren, rver der junge Mann eigentlich ist?" ״Rein, und wenn ich die Wahrheit sagen soll, es interessiert mich gar nicht. Wenn ein halbwüchsiger Bauernbursche in die Rebe geht, die ihm in so verschlagener Weise gestellt werden, soll ich ihm deshalb gram sein? Schrvindet die Schuld des Bertührten rticht vollständig vor derjenigen der Bersührerin? Hätte cs!ich darum gehandelt, die Schrtld meiner Frau eist fest- .zustellen, so hätte ich es mir schon angelegen sein lasse», den Schuldigen z!r ermitteln, aber unter diesen Umständen, was erfahre ich durch Rainen Temütigenderes als ich schon weiß?" ,,Gut", entgcgnete der Rabbis ״jetzt noch eine dritte Frage: Habt Fhr Guter Frau das alles vorgehalten, und rvas bat ne daraus zu erwidern gehabt?" ״Fch bin am Tage, der ans jene schreckliche Rächt folgte in aller Frühe hierher nach Michel stadt gegangen, habe hier meinert Mummenschanz, die breite Binde über dem rechten Auge trnd eine schwarze Brille mit den verschliffencn Mletbem abgelegt und bin als Mendel Momart des Rach mittags in mein Haus getreten. Mein treuloses Weib wollte sich mir nähern, ich aber nannte sie in Gegenwart unserer .Stinder eine pflichtvergessene Ghebrecheriit und wies sie rauh von mir. Tiefe Gttel bat aber eine Berstellungskurtst, daß ich an mir selber hätte irre werden .können, wenn ich meiner Sache nicht so gewiß gcrvcsen wäre. Sie leugnete nicht nur alles, sondern sie erklärte nrich für verrückt und für einen Menschen, der einen Borwand sucht, sich feiner Frau zn entledigen!" ״Was sagt sie denn zn Guercr Behauptung, daß Fernand des Rachts zn ihr ins Fenster gestiegen fei?" ״Tazn sagt sie gar nichts, denn ich habe mich ails Einzelheiten gar rticht eingelassen. Fch habe sie eine Ehebrecherin genannt. Warum und wieso sie cs ist, das weiß sic ja bester als ich; was sollte ich ihr denn erst erzählen? Sie würde mir die Einzelheiten ebenso verleugnen, rvie sie verlogener Weise ja ihre volle Unrchuld nicht zu behaupteit anfhött. Gs wäre schade um jedes Wort, das man an sie verlieren würde. Gs bleibt hier kein anderer Ausweg als die Scheidung und ich gestatte mir daher die Frage, ob der Rabbi es wirklich für Recht lält, mit einer solchen Frau rveitcr zu leben?" ,.Bevor ich Erich diese Frage gewissenhaft beantivorten kann, muß ich noch einmal Euere Frau verhören und zwar in Eurer Gegenwart. Wartet in dem Borzimmer eine kleine Biertel stunde, ich werde Guch hereinrufen, wenn wir soweit sind." XIV. Ter Baal Schern und Rabbi Wolf Muhr wechselten einen erstaunten, fragenden Blick, als Mendel Momart sie verlästert hatte. Rabbi Wolf brach das Schrveigen jrrerft, indem er halblaut die Frage stellt.:׳ ״Wer hat da von den beiden Recht und wer Unrecht?״ ״Fch glaube," erwrderf der Rabbi nach einer Pause tiefen Rachdenkens, ״sie sind beide brave Leute, wie wir sie von alterSher kenrren und sie haben beide R cht und beide Unrecht. Sie haben beide Recht, indem sie beide in Wirklichkeit nichts fchlechtes gedacht und getan haben und habet, beide Unrecht, indern sie sich gegenseitig grundlos verdächtigen/ ״Grundlos'׳" erreg,-gnete Rabbi Wolf - ״Wenn der Mann zir bcschrvören bereit ist, was seine eigenen Augen gesehen haben?" ״Gs muß hier ein Frrtuin, ein Mißverständnis oder irgend eine Länschnng vorlicgcn, die ich mir aber selber noch nicht erklären kann, auf die wir aber sicher kommen rverden, rvcnn sich die beideir hier gegenseitig anssprechen." ״Und rviero in das dem Rabbi so sicher?" ״Tas ׳chließe ich aus den Mitteilurrgen des Mannes selber. Grstens sagte er, daß mit seiner Fra» und dem Burschen noch eine dritte Person im Zimmer tvar. Zrveitens habe er beobachtet, daß während des ganzen Znfarnrncnseins das Licht im Zimiirer gebrannt hat und daß es erst verlöscht rvnrde, als der Bursche das Zimmer verlästert hatte Taraus schließe ich, daß da nichts Sträfliches vorgesallen ist. Wie die Sache aber in Wirklichkeit liegt, das weiß ich allerdings selber nicht, das rvcrdcir rvir aber erfahren, wenn wir die Beiden einander gegenüberstellen. Meint Fhr nicht auch?" ״,sdr?" entgcgnete der destogtc rnit tut gekünstelter Bercheidenheit? ״Fch habe keine Meinung, >vo ein so scharfsinniger Berstand wie der des Rabbi eine Ansicht äußert. Ten Zweifelir des Rabbi rvohnt mehr Sicherheit inne, als dem, rvas ich gewiß weiß. Ter Rabbi wird gewiß Klarheit in diesen Wirrwarr bringen." Ter Baal Schein ließ darauf Mendel Momart und feilte Frau eintteten, stellte sie beide neben einander und trat unmittelbar vor sie hin. Einige Sekunden ließ er prüsend das Auge aus dem Paar ruhen rrnd redete es dann mit solgenden Worten an: ״Fhr leid im Begriff Euch rrach dreiundzwanrigjähriger glücklicher Ehe zu scheiden Fch brauche Euch nicht zn sagen, was kür ein errrster, verantwor.ungsschwercr Schritt das ist. Bevor er erfolgt, müsten wir den Sachverhalt vollständig klar schert. Also, Fhr Red Mendel be hauptct, Eure Frarr habe die Treue gebrochen und daß Fhr Glich davon rnit eigenen Augen über engt habt. Wieso?" ״Fa, Rabbi." ״Und was sagt Fhr dazu, Gttel?" ״Fch sage, daß das alles Lug und Trug ist, er soll mir einmal den Mann mit Ramen neniten, mit dem ich mich vergangen haben soll, er soll ihn hierher vor den Rabbi bringen." ״Tas kartn ich nicht, denrr ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nur int Tunkel der Rächt ins.Haus steigen sehen." ״Tu fchlechler verlogener Schelm, wie kannst Tu mir so etwas in Gegenwart von zrvei Talmide Ghachomim Thoragelehnen ins (Besicht sagen, ohne vor Scham in den Boden zn sinken, Tu ״Ruhig, Eitel," unterbrach sie bcränftrgend der Baal-Schern. ״(SSebt mir einmal Antrvort auf meine Frage. Was tut derrn der junge Mensch bei Euch, der als Abends in rpäter Stunde zu Euch konnnt und dann — — ״ Weiter konnte d.׳r Rabbi nicht sprechen — als die Frau ihn durch einen lauten Aufschrei unterbrach. War es Schreck oder Freude, einige Angenblicke blieb sie siehen, dann aber rief Ire laut: ״Ter also ist es! Run, dann wird auch mein Mendel sich überzeugen, daß ich seine Borwürfe nicht verdiene!" Sir rang einige Augenblicke nach Fastutrg u«ö fuhr dann mit Tränen in den Augen fort: ,^Fch habe ja dem Rabbi erzählt, rvie der Fürst vorr Fsenburg es daraus angelegt hat mich und meine Kinder für daS Ghri|tentum zu ae- Winnen. Unser Gabriel war, als mein Mendel in die Fremde ging, sieben Fahre alt Bier Faire blieb er noch bei mir im -Hause, dann lieg ihn der Fürst in einem Bauerngut tu Zell unterbringen. Ta ich den Tag über im Tagelohn arbeitete, so tumue ich auch itt den vier Fahre», in welchert der Ftr!׳ge noch bet mit int Hause

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