Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 52 (27.12.1906)
- Date
- 1906-12-27
- Page
- Seite 4 (sequence 3)
- Language
- German
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*51 .ז. «et* 4 Der Israelit. Herr Prof. Dr. Berliner hatte sich erlaubt, in dem erftcn weitaus nmfanqreichcren Teile seines Vortrages eine austerordentlich scharfe Kritik an dem reinen, religionslosen Zivnis - mnS zu üben und hatte diese Kritik -- ob mit?Htdjt oder Unrecht, kann h er ganz auster Betracht blechen an die Schrift » Theodor Herzls ge׳ knüpft. Darob gewaltiger Entrüstiingssturin in den Leihen der zahlreich anwesenden ״re.nen" Zionisten und panischer Schrecken im Kreise des ui, solchen ,vreunut leider ganz und gar nicht gewohnten Misrachi I So n׳ard denn die Szene zum Tribunal, und als Angeklagte standen die doch wahrlich wohl- I meinenden misrachistischrn Veranstalter der Vcr! saminlung vor der Majestät des unverfälscht I ״nationalen" jüdischen Volksbewusztseins!! Der Richterspruch lau ete, wie es scheint, aus Totschweigen, und auch wir, nicht aus Respekt vor der Würde dieses Urteils, ivohl aber um! unnötige Polemik zu vermeiden, ivürd n j tveiter geschwiegen haben, wenn uns nicht der! Vorsitzen e des Berliner Misrachi ausdrücklich! zum Reden auffordertc. Bon ihn! geht unS mit! dem (Ersuchen um Veröffentlichung eine längere j Erklärung zu, die acht Tage vorher bereits die; Zionistische Rundschau brachte und die unS schon - als wir sie dort lasen, überaus schmerzlich berührt! hatte. Sie >var, »vohlgemerkt,an das offizielle C 11011ן der deutschen Zionisten gerichtet und lautet jetzt: Meran ׳ lirol), 16. Dezember 1906. Lehr fleebrter Herr Redakteur ' .׳»achsolgrndrn Zeile» bitte ich Ausnahme »n Sprcchsaal des ״Israelit" gewähren zu wollen: Am 2!'. November fand zu Berlin in Dräscls Fest säten eine von der neubegründetcn Misrachi Gruppe vrr ansialtetr Bersanmilung statt, aus der Herr Dr. (׳. '^rniuf aus Altona ein sormvollendrs Referat über das Thema: «Gesetzestreucs Judentum und Zionismus" hielt. Boran ging ein wie ich als Vorsitzender und Einberufer in n»1ne» kinleiirnden Worten ausdrücklich betonte — in oNlzicUer Bortrag des Herrn Pros Dr. Berliner. Dieser Bortrag brachte zunächst eine scharsc — sür alte Zionisten schmerzliche Kritik HcrzlS uttO des sogenanntei» ״kraiie», nationalen״ Zionismus, um ini ziveitcn Teile alle gesetzeStreuen Jitden zum Anschluß an den Mierachl und burch diesen an die zionistische Bewegung auszusordrrn! Im Berlautr der sehr lcbhastcn Diskussion wurde mir mehr such vorgeworsen. daß ich eine solche Kritik Herzls auf einer zionistischen Brrsammlung übrrlmupt zugrlanen hätte. Dcnigkgeniiber erk ärr ich, dag ich dir Bresche, die der grseirrtr Gelehrte niu srinrni begeisterten Ausrusc zum An j'chluß an den Misrachi schlug, sür weit ivichtigcr hielt, als dir Kritik von Herzls religiösen Anschauungen, die irdenialls von anderer Leite mit Leichngkeit zuriickzuweisen ist Zu meiner Rechtfertigung gebe 1111 dem greisen Bor käwpser der Berliner grsrtzrstrrurn Judenbeik, der übrigens die volle Berannvorlung sür seinen Bortrag übernehmen zu wollen rrklärie, selbst das Wort, indem ich einige Stellen aus dem Bortragr wörtlich ansübrr . .Za, dir mit Thronen säen, werden mir Jnbrl ernten' Aber säen niüssrn ivir. nickt die .Hände in den Schon legen' Das Gebet bewirkt nur die Halste, sagen unsere Weisen, aber eslräsugr uns Dina öffnete die T ürr, uni sich zu überzeugen, da» kein Lauscher da sei, setzte sich dann wieder ihrer Freundin gegenüber und sprach »nt gedampster Stlinmr : ״Meine Golde ist am Zaum Grdalie neunzcn Jalne alt geivordrn : e» wäre daher die büchste Zeit ne zu vrr keiralc». Aber wenn nian nicht einmal Holz und Brvd hat. «n daran nicht zu denke». Da kommt vorige Woche der alle Israel Orlowskv zu uils und sagt uns. sein Sundel wolle gern Golde heiraten. Du kennst doch Sundel, er ist rin prächtiger Mensch in jedir Hinsicht und ein Talinid tzlhochom. die!ungen Leute!ollen eins bis zwei Jahre bei uns Kost rsicn, dann nsill ihm der Barer das eigene Geschäft abirercn, er verlangt 150 Rubel Redau Das ist ein Svotlgrld sür eine» lolchrn Schldduck und wir können nicht darauf entgehen: wir könnten ,etzt nicht einmal die Kost versprechen." .,Und was habt Ihr dem Barer grantworier" iragte Eba!a. Du kannst Tir denken,׳ rnlgegncte Di»a, ..dasi wir unsere vage nickt offenbarten. ch.em Piann sagte, >v!r wollen uns dir Lache überlegen und diele Woche Antwort sagen. Zn dre! Tagen ist die Woche zu Ende: wir müssen aus den Lchidduch verzichten, obwohl wir, so weit Menschen seden. so leicht nicht etwas desirrrS sinken werden." Die beiden grauen sahen sich nach dieser Mitteilung ewige Minuten schweigend gegenüber, tzr tmja Mlrels schien in Gedanken ucvtieft nach einem Wege zu suchen, aus dein 150 Rubel zu sinden sind, aber ihr uinsiortrr sinnender Bluk zeigte dir Eriolglongkcil ihres Suckens »Mein Mann bat cincn Augenblick daran gedacht' ׳uh! Dura fort, ״die Lumme gegen Zinsen auszulriben» aber wer wird uirs einen solchen Betrag gegen Kredit geben, obwohl er sicher zurückbezahll wür r. mit Gorics Hilse. Wie denkst Du Dir dir ׳. öglichkcit rinünndert und fünfzig Rubel >e wieder zuruckzablen zu könnend״ iragte Eha!e teilnehmend für die Tat, die wir im Berlrauen auf Gott unternehmen wollen, nämlich für die zionistische Bewegung, in die so viele ringrtrrtrn sind, sie in die richtigen Wege zur Ent. Wickelung einer religiös-nationalen Bewegung zu leiten. Mögen wir in der gemeinsamen Liebe zu Zijon uns zusammrnfinden und uns nicht zurückschreckcn lasicn von der Wahrnehmung, wie vielen wir hierbei begegnen werden, dir als Atheisten, als Leugner der Thora und ihrer Borschuften unter dem dunklen Schatten ״nationaler Zude" sich bergen. Sehen wir uns lieber die Zünglingc an, besonder» aus studentischen Kreisen, die anfangs nnf-r d-r nulivnairn Firma dem jüdischen Bekenntnis sich wieder; zugewrndrt haben, dann aber sür das jüdische Leben und die religiöse Praxis gerettet wurden. Wir wissen'ö selbst aus verschiedenen Borkonimnissen, haben es auch von! anderen gehört, wie Eltern durch ihre zionistischen Kinder j zum jüdischen Leben zurückgrftthrt wurden." . . . ״Aller-- j dings werden die GeschcStreuen darüber wachen, daß alles! nach dem obersten Grundsätze, der weiter unten näher! auszusühren sein wird, ins Werk gesetzt werdeden > Rationalen, solange sic auf ihrem sprzisischen Standpunkte! verharren, werden sie hierin trotzdem vertrauen, da sie von! ihnen folgendes erwarten dürfen: Kein Zionist wird, wie eS so oft in anderen Kreisen vorkommt, sein Kind nach der Geburt in die Kirche zur Taufe schicken! Kein Zionist ivird dafür stimnirn, daß man den jüdischen Gottesdienst verchrisiliche, durch die Einsührung der Orgel, oder durch deutsche Gebete! Kein Zionist wird dafür stimmen, daß die hebräische Sprache aus dem 0 otteshause verbannt werde. Kein Zionist wird dafür stimmen, dah der Sonntag als Ruhe und Feiertag anstatt des Sabbath eingesetzt werde' Somit haben die gesrtzestreuen Juden von den gionisien schon als Gegner der Assimilation Mithilfe im ampfe gegen dir sogr»ü,>nie Reform zu erwarten!״ Ich betone, ״eine gemeinsame Tätigkeit", denn die Misrachi ן gruppe wird sich der gesamten Organisation angliedern und zwar auf Grund folgender Erwägungen: ״A s oberstcn leitenden Grundsatz hat der Kongreß erklärt: Der ZioniS muöunternimmtnichts,wasdeniRcligionsgesetz e desJudcntunt» widerspricht." (Siehe Schachtel: ״Beschlüsic . . . ." S. 18). Fermer: ״Kür den Eintritt in die zionistische Organisalion wird ein zweifaches gefordert, welches jeder gesctzestreue Jude ohne Bedenken acceptieren kann, Zuerst die Zahlung eines Schekels an die genicinsame Kasse. Die zweite Bedingung ist, daß der in die Organisation des Zionismus einlrelcnde auf dem Boden des Basler Programms stehe. Auch hierzu kann sich der gesctzcstrcue j Jude bereit erklären. Mil dem Streben sür die Schaffung : einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimsläite sür das jüdische Bolk in Palästina kollidieren durchaus nicht uniere täglichen «Gebete, zu Gott dem Allinächtigcn. dem Hüter Israels, der nicht schläft und nicht schlummert. Wird Gott seinen Beistand siir eine solche Heimstätte geliehen Häven, oann brauchen ivir nicht zu sorgen, welcher Art die Bersasiung derselben zur Zeit sein wird' Dann werden alle die weiteren Berbeißungen sich erfüllen, für die uns Gott selbst Gewähr leister, und ״Gott ist kein Mensch, daß er lüge, kein Erdensohn, daß cs ihn aerrue". ruft schon der Heidnsichc Seher aus.״ ״Aber inzwischen gilt cs zu arbeiten, teil zunchmen an dem großen Arbeitsgebiete, dessen Umrisse zu zeichnen vorzüglich die jetzige Ausgabe der Misrachistcn sein wird, für die ne aber alle gesetzrstreuen Elemente aus- und wachrusrn müsien. Nur durch den Masieneinirüt aller geseves treuen Jrhudml kann einerseits der Gefahr der Rellgions losigkeir, wie sie ursprünglich geplant war, gesteuert werden, andererseits die religiös nationale Richtung im Zionismus immer mehr zur Geltung gelangen. Der Ausruf ergebe von Land zu Land, von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, daß sich alle Gesctzcstrcuen konzemrirren, organisieren, ordnen, um dem Zionismus die religiös nationale Richtung aufzuprägeii, die allein von ilim erwartet werden muß aus 87. Dezember ISO« Grund unserer Thora und unserer Geschichte durch die Jahrtausende!" * Wenn ich selbst auch nicht mit allem, was in obigen Worten gesagt ist, übereinstimme, so glaube ich doch durch diese von siammrndrr Begeisterung fürs Judentum zeugenden Sätze dafür gerechtfertigt zu sein, daß ich diesen Bor trag auf einer Bersnmmlung, dir die gesrtzestreuen Juden den! Zionismus näher bringen sollte, durchaus am Platze fand! Meines Erachtens haben wir allen Grund, uns zu freuen, daß schon so viel- Mißverständuissr brseiliat sind und dürfen freudig in die uns dargrbotene Hand einschlagrn. Mit besten Zionsgruß Ihr sehr ergebener Hermann Struck. Wir schätzen den Urheber dieser Erklärung als aufrichtig gesetzestreuen Juden und als einen Mann von Takt und Urteilsfähigkeit. Umso un begreiflicher ist es uns, wie er es über sich ge winnen konnte, mit diesem Schriftstück seine politischen Parteigenossen aus Kosten seiner religiösen Gesinnungsgenossen zu erfreuen. Wie'? Es bedarf der Entschuldigung, wenn einmal in hundert Jahren in einer Versäum! lung des Misrachi ei» kräftig Wörtlein fällt gegen die Degradation des jüdischen Gottcsbewusttscins des jüdischen Borsehnngsbegiiffes und der jüdi scheu Religion als eines Ganzen? Es bedarf der Entschuldigung, wenn in einem Kreise, der sich vor Moses und den Pro pheten ebensowenig geniert wie vor den Tal mndisten und — dem lieben Gott selbst, es bedarf der Entschuldigung, wenn in einem solchen Kreise das, was nicht jüdisch war an Theodor Herzl, ausgesprochen und kritisch erörtert wird? Wahrlich — es gibt keine glänzendere Pe stätignng der Befürchtungen, die wir an die Unter ordnung des Misrachi unter die zionistische Partei schablone von jeher geknüpft, als die T hat lache dieses E ll t s ch u l d i g u n g s b r i e s e s. Er zeigt aufs neue, wie leitenden Persönlich keilen des Misrachi die Parteidoktrin und der Beifall unjüdisch denkender Parteigenosse:: böhcr )viegt, als die Sache des mit Fristen getretene» alten Judentums, sür die Prof. Berliner, was man auch methodisch gegen seine Beweisführung sagen mag — jedenfalls mit erfreulichem Mute in die Schranke getreten war. Dieser Mut hätte von misrachistischer Seile jedenfalls besseren Lohn verdient als eine Entschuldigung. Dass der Vorsitzende des Berliner Misrachi. nachdem der Brief in der zionistischen Presse seine apologisierende Wirkung getan, ihn nun noch in unserem Blatte abgedruckt wünscht, hat natürlich seinen ganz guten Grund. Hier soll er im Kreise der gesetzcStrenen Juden für den Zionismus werben, und das verdiente ״Ivel wird gewiß, wenn s sein muß, auch seinen Teil dazu beitragen und vielleicht bedeutend mehr als die Summe ausmacht." , Wenn das der Kall ist, so könnt Zhr dock, den Schidduch fertig macken, dann soll Ztzel gleich zahlen und nickt erst, wenn Zhr Euch eine Sckuldenlast mit Zinsen nusgeladen habt." ״Können wir S jetzt von ihm verlangen," entgegnetc Dina, ..wo er ohnedies unö zweihundert Rubel jährlich schickt? Er unterstützt außer uns noch vier Geschtvisier und wenn er auch sehr reich ist, so bat doch alles seine itzrenzcn." (Schluß folgt.) (Lclbstmorde in Preuften im Jahre 11)04.) Nach den in Band U»-°> der Preußische» Statistik gegebe ncn Nachweisen waren unter den 72!X> (.'«!L2 männlichen und l>'>!).tz weiblichen) Personen, welche im Zabre 1904 in Preußen durch Selbmord endeten, nuinnl wcibl. zusam. 1341» 5674 Katholische . . . 1041 22J 1270 Sonstige Ehristcn 20 2 22 Juden . . Konsuziusanhängr 87 28 115 r. 1 0 1 Unbestimmte und ohne Angabe 178 20 208 Es entfallen hiernach Selbstmorde au! sk 100000 Männer Frauen zusammen Evangelische . 37.8», ./״11,4 ./״24,4 Kalbolische. . . . 15.7 3,4 ״9.6 Sonstige Ebrittkn . 22,0 .. '2,2 m 12,1 ״»t Juden . . . 43.2 .. ״ 13,5 ״ 28,1 Die Zuden baden hiernach sowohl bei den Männern j wie bei den Krauen die relativ größte Zahl von Selbst | Mördern auszuweisr». Die Ursachen hierfür, so bemerkt die Zeitschr. s. D. u. St-, dürsten darin zu suchen sein, daß die Juden ganz besonders in solchen Berufen (z. B. freie Berufe, Handel und Industrie) vertreten sind, deren Angehörige durch wirtschaftliches Mißgeschick oder seelische Erregungen am meisten dem Selbstmorde zuneigrnwo zu noch kommt, daß die Juden vorwiegend Stadtbewohner sind und der Selbstmord in der Stadt eine weit häufigere Erscheinung ist wie auf dem Lande. Ob aber nickt auck der religiöse Berfall und das Schwinden dcS Gottver trnuens, dieser Blüte am jüdischen Lebensbaume, zu einen! outen Teil die traurige Tatsache, die sich >n den angc führten Ziffern auSdrückk, mitverschuldet hat? Aus dir einzelnen Provinzen entfielen von den ju bischen Selbstmördern: männlich weiblich zusammen Ostpreußen. 2 Westprrußcn .... 2 LandcSpolizeibczirk Berlin 16 Brandenburg .... א Pommern. 2 Posen. '> Schlesien. 10 Sachsen. 10 Schleswig-Holstein . . 8 Hannover . 2 Westfalen. 2 Hessen Nasiau .... 16 Rheinland. 9 Hoben zollen! .... — zusammen 87 _ 0 _ 2 9 25 10 2־ 1- _ 7 2 12 2 10?: 4 2 8 1 29 7 12 3