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Der Israelit · 1906-12-20 · 51 (20.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
51 (20.12.1906)
Date
1906-12-20
Page
Seite 3 (sequence 4)
Language
German
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«r. 51. *rite 3. 20 Dezember 1906 und das! dieser Zude den dnnmlischen Aufiru^, der ihm ward, nicht c!cmz durchschnuie, r* vorzofl, den unjüdischen Sozialrefornter zu spielen, zn kurzsichtiq war und nicht begriff, wie den 50 ziallsten mit dem Zuden 11ן vermählen, ist un aemein schmerzlich, da hier lviedcr ein wnnder Punkt in Israels beschichte zur Cnciibanimi fouuiil, mu ntm dem moralisclic» Enncksluß, der geistigen Art eines Manties hätten sür die Zolgczeit die sruchtbarsteii Zmpulse cuisgebcn können nnd unterblieben, versumpsten, vcrnockneten, weil ein unglücklickier Stern über dem Zeit alter dieses Mannes schwebte. Bielleicht noch nie hat unser Volk einen M'ctischeii bervvrge bracht, der gleich Miffaüc die Kraft besag, einen großen Teil der jüdischer! Mission, ivic sie jedes Geschlecht zu ersüllen hat, aut seine schultern zu laden und der so kurzsichtig, so leichtsinnig, 10 dumm gewesen wäre, die Quelle seiner genialen >krait in ihrer ganzen Mächtigkeit nicht rauschen zii hören, nicht zu wissen und zu ahuen, ivelche Ausgabe seiner harrte und mit einein Gleichmut über seine Stainiiiesmifflvn zu denken, der vielleicht bei einem von Jugend aus assiini liertcn Börsenjobber, nicht aber bei Ferdinand "assalle entschuldbur ist. Tiefer gervallige Mensch, von dem Bismarck einmal scherzend nngetähr meinte, er sei so gut monarchisch gesinnt >vie er selbst, nur wisse er (Miffalle nicht, ob Preußen mit einer Tmiaffie Hobenzollern oder einer Tlinastie Vtn'fnUe abschließen werde, gleicht mir seiner Unkeniitiiis des eigentlichen Sinnes seiner irdischer! Bestinimilng einem reichgeborenen Aristokraten, der, von einem mißgünstigen Geschick aut einen engen Zleck Erde beschränkt, von den zahllosen Feldern und Schlössern, die er besitzet, nichts ahnt und mit den Bedüifnissen eines armen Schluckers durch das M'bcn wandelt. Groß rvar Miffalle wie selten einer. Gr wußte von seiner Größt. Tenn ein mächtiger Stolz leuchtete auS seinen Augen — und ein starkes Selbstbewußt sein glühte in seiner Brust. Aber er wußte nicht, wie unendlich groß er hätte sein können. 21M11 man die Bedeutung Missalles »ür die Geschichte des deutschen Sozialismus und, was damit zusammenhängt, für den Kulrursortschritt der europäischen Menschheit definieren, so hat man nicht zu sragen. was nnd wo sind die positiven Schöpfungen, die er hinterließ, was har er an greisbaren (Gütern seinem Staate nnd der Men!chheit geschenkt und nt an, Ende, rvas er a» ^zdeen und konkreten Gebilden ins Tasein rief, nicht schon längst von berufenen und ein sichtsvolleren Nachfolgern überholt. Man mag für deir größeren, erfolgreicheren, w nenschaftlich bedeutenderen Bertreter des sozialen Gedankens den kühleren Marx erachten, uns wird allezeit als die lvpische Gestalt des an den Arbeiten Der JSraelit sür die öffentliche Wohlfahrt teilnehmenden Juden, des temperamentvollcit Agitators, des von einer ewigen Minie» seiner selbst und des Staates, dem er dient, übcrzcngten jüdi'chcn Politikers Ferdinand Miffalle erscheinen, Zn ihm verkörpert sich — allerdings leider in nur einseitiger Boll enduna — jener brennende Zreiheirsdurff, jener stürmische Gleichheitsdrang, jener zornige Ent rüstunqsschrei gegen alles, was nach Knechtschaft und Löolkendüner schmeckt, wie sie nur in dein Abkömmling eines Märtvrcrvolkcs nisten können. Wer mit solch seuriger Rücksichtslosigkeit an Kerkertüren pochen und rütteln kann, wer mit solch grausamer Unerbittlichkeit einem Bolke .Krieg und Berderben weissagt, wenn den Gedrückten und Entrechteten nicht ein Heim bereitet wird aus der Erde, rvcr so reden und schreiben, so laut sordern und überzeugend belehren kann, wie dieser turbulente Mensch, der nrit se.ncr zünden den Rednergabe Millionen zu elektrisieren ver stand, muß, wenn auch nicht unmittelbar, teil haben an dem Elend, das er bekämpst iiud sür dessen Abstellung er plaidiert, der kann keinen, Hirtenvolk, keinem von allen Sonnen der Huma nität umspielten Eilande als vollberechtigter Bürger an ehören. Seiner jüdischen Ader verdankte Missalle die Bonibcnenergie, mit rvelcher er rein schweres agitatorisches Gesckiütz unter dem Bei fallsjauchzen seiner Arbeiterscharen vor den, Palästen der Große» anffahren ließ.! Lassalle rvar nicht nur ein starker Willensj inensch, ein glühender Redner und bahnbrechender! Agitator, er rvar bei all seiner Schwärmerei und; utopischen Uebcrschwäriglichkeit ein scharfer, klarer! .Kopf, in dessen Hirn wohlgeordnet die Gedanken j lagen, aus welchen in vielfacher Modifizierung zwar, aber doch »och heute unverkennbare Spuren! seiner Prägung tragend, das Silstein der Sozialdemokratie erwuchs, Miffalles Teduktionen werden j mit einer haarscharfen Präzision, zugleich mit; einer feurigen Bervc und einer enthnsiasmiertrn Entschlossenheit, die eine nüchterne Kritik beinahe hintertreibt, vorgctragcn, sodaß man in seiner ganzeil Art einen talmudischen dkiederschlag sofort erkennen wird Jede Agitation, aber die ieinige ganz besonders operiert mit ethischen Momenten, mit dem Aufruf zur lind Anlehnung an die Moral, mit dem Gedanken der Bollkommenheit der menschlichen Gesellschaft, die an sich arbeiten müsse, damit sie den Zweck ihres Seins in der Weltgeschichte erreiche. Tiefe ethische Tendenz!! der Missallescheu Tenkweise schmeckt sür den! Kundigen ganz erheblich nach jüdisch talmudischer! | Heimatkunst.!Thne daß er!ich dessen vielleicht 1 j deutlich bewußt war, ׳׳and Haffalle bei all seinem j rückhaltlosen Anschluß an die ihn unislutende!! europäische Kultur im Zwange und Banne «einer j jüdischen Abkunst, die er nie betont hat, aber! auch nicht verleugnen konnte. Vaffalle will nicht nur satte und zufriedene Menschen, er will ne auch groß uud gut, ehrlich und sittlich haben. Er gibt sich darüber keiner Täuschung hin, daß nicht nur die ökonomische (Kcfundung. sondern auch eine geittig-nttliche Regeneration der Ge srllschat'r ihren heilnimen ,vvrlban »nd!egens reichen Fortschritt ermöglichen kann. Sein stür »»sches Pathos lin Kampf gegen Lüge und Heuchelei hat in erster Linie nicht >virtsci,aftliche Schäden, sondern moralische Gcbreffen im Auge. Und er — M'Nalle - ein Jude, mit solch glücklicher Beranlagnng, ein geborener Bolks tridun und Welterretter, ei» Jude, der ein emp nndliches Thr für alles Schlechte und Berkehrte, em scharfes Auge für alles Geineinc nnd ')!iedrige, eine prophetische Zunge besaß, ״in dieses Schlechte und Niedrige, Berkehrte und Gemeine mit klenientarer Glicht aus der Welt zu reden, dieser begnadete Jude. der nur zu wollen brauchte, und Tausende Menschen lagen wie frstgcbann: voit der Allgewalt seiner Rede ihm zn Züßen, er liatte seine Heimat, seine Abkunft, die Thora, scin Stamniesblnt, sein Bolksgeschick »nd seine Nar!s1!a!nüssiou so gründlicki, so beschämend gründlich vergessen, daß, wenn heute Geschieht schreibet von ihm erzählen, sie das Judentum mit diesem Meteor nicht anders in Zusammen. Hang bringen können, als indem sie einfach, fast mit schmuckloser Tiskreiion sagen, er sei als Jude dann nnd dann geboren und habe einen auffallend jüdischen (Kenchtsichnitt gehabt. Sagt, itt das nicht schrecklich? Ein Mann mit solchen Gaben, ein Zude mit solchen Aufgaben soll in seiner Lebensarbeit sür soziale Berjüngung und Berbesserung der (Gesellschaft die sozialen (Kesichts punkte und Borschriften der Bibel bei Seite lassen, soll alle Geietzgebnilgen kennen, nur die am Sinai nicht, und cs soll überhaupt in den Gtundzügen seiner gesamten Wcltansicht daS Judentum so wenig deutlich zum Borschcin kommen, als habe es ein jüdisches Bvlk nie ge geben, als sei die Soziologie der Thora in das Reich der Tichtuug zu verweisen und nicht gerade sie berufen, der Menschheit die Tirektiven zu Heben, ivie man Hüiteil baue und an heimischer schölle glückliche (Geschlechter züchte. Tiefer ivissenschastliche Abfall überwicgt an herber Tragik alle gesellschaftlichen Amalgamicrungsversuche unierer ucuzcitlicheu Asnniitanken. T.׳enn Ausfälle war kein einzelner Banguier, den Trüffeln, Sonn tagsruhe u. dgl. m. zum Taufbecken führen und dessen Berluff, wenn geiviß schmerzlich genug, aber doch in seiner Zolgen'chwere nicht unmittelbar sichtlich und erkennbar in, Hassalle ivar ein zu glänzender Berkörperung des jüdischen Ideals be rutener Heros, der in seiner Kurzsichtigkeit nicht sah, wozu er als Jude ausersehen sei vor allen nnd, wenigslens soweit ilire Kinder »1 Betracht kommen, diese Pflichten als etwas Beralleies und Unwichtiges bedandeln. Die Rabbiner kümmern sich um diese lraungen Zustände herzlich wenig; sie lassen die Berderbms rulng weurr fressen, ohne sich darüber grvsre Sorgen zu mache». Bei meiner längslen Anwesenheit!.ז Tetroit hatte ich ver schirdcntlich itzelegenheit, mit dem dor igen Rabbiner dir Zrage zu rrörlern, wie gegen diese Mißachtung altes jüdischen angekämpsl werden könne. Ter Rabbiner teilte mir nnl, er brabsichlige, in, nächsten Lommer dir orthodoxen Rabbiner zu einer Brrsammlung zu bcrusrn, die sich mit dieser Ziege befassen solle. Bekanntlich gab es hier schon einmal einen orthodoxen Rabbincrvcrband, doch waren dir! Mitglieder so wenig einig, daß der Verband zu keiner 1 Wirksamkeit gelangte und seit einer Reibe von fahren auch keine Bersammlungcn mehr abhielt. Hoffentlich i!t den! Unteciiehmen, das der Dctroner Rabbiner vorlmt, ein; besserer Ertolg deschieden. Es wäre allerdings ein außer - ordentliches Man von Tatkraft die Vorbedingung, und vor allem (Kitte es mich das Mißtrauen zu überwinden, dag die Runen hinsichtlich der religiösen Gesinnung dem deutschen Juden gegenüber hegen. Zn letzterer Beziehung habe ich mancherlei Erfahrungen machen können. Es ist mrr schon unzählige mal vorFekonnnen, daß, wenn ich aus meinen Reisen in eine rusnschc Svnagoge kam und aus Betragen angab. ich sei auS Deutschland, man mir nicht glauben wollte, da es doch in Deutschland keine frommen Juden gebe. Za das geht lo weit, daß in diesen Kreisen die; Reiormer schlechthin ..deutsche Juden״ genannt werden. Wenn ich aber dann sage, ich •et ein Zranksurter, dann geht aut ihren Gesichtern eine Beranderung vor sich. ״Li. sw und aus Zrankturt? käs ist a semr Stobt, a minime Stobt'״ Und manche zeigen mit dann ihre Wmrnschasl, indem ne Baron Rothschild לצ״ל und auch zuweilen . Rabbiner Hirsch זצ״ל erwähnen. Uebriaenin der ב"- des letzteren ziemlich bekannt unter ihnen, und ich fand ihn schon verschiedentlich in der in Kowno erschienenen hebräischen Uebersetzung vor. Es ist mir schon einige male vorgekommen, das; mir d!c Heute nicht glauben wollten, daß ich em grsetzestreuer Zudc sei — iveil ich nicht ״Jiddisch" spreche. — Zst das nicht spaßhaft? Zn meinen Unterredungen mit dem Detrourr Rabbiner regte ich auch den Gedanken an, man möge — nach dem Beispiel des Hamburger Bcreins — eine Liste drr!enigrn D!rte aussiellen, an denen man י■־*”; essen kann; da eS jedoch nur wenig ׳”י־; Reilauranis gibt, so müßte dir Liste die Adressen grsetzestreuer Privathäuser Mitteilen, in denen man aut vorherige Ankündigung Eflen erhalt. Bielleicht bleibt dir Anregung nicht ohne Wirkung. EdeUttiiK. Eine Geschichte aus Rußland II. ^rau Eltaia MirrlS war in die Küche gegangen, aber ihr Linnen und Denken war im Nachbarhaus bei ihrer Jreundin. Ebaja'S Zartsmn suchte zunächst nach einer Gelegenheit, bei welcher Dina Ullrenb ihr eme Gefälligkeil tun könne. WaS konnte aber die reiche Zrau von der beruntrrgekommenrn Freundin erbitten? Da fiel ihr ein, daß Dina seit Jahren ihren Eisig selber ansetzte, es war vielleicht das einzige, woran üe keinen Mangel hatte. ZlugS nahm Eda!a rin Töpfchen und sprang in der Morgentoilette zu der Freundin nebenan, mn der Bitte um etwas von ihrem guten EGg Beim Eintritt kam es ihr einen Augenblick vor, alob die Zreundin dieser Besuch m Verlegen heit setzte, aber als nch herauSstelltr, daß sie der guten, reichen Eda>a Mirel» eme Grsalliokeit »nnetsen könne, glanzte ihr Gesicht und üe gab freudig da» Verlangte. -Man flebt Dich gar nicht״, sagte Ehaja zur Freundin. .,eS ist gewiß schon über eine Woche her, daß Du nicht bei mir warst und ich nicht bei Dir״ ,.Du darfst mir glauben,״ enigegnete die Angrrrdetr, ״daß ich schon die ganze Woche irden Tag zu Dir wollte, ich hätte wichtiges mit Dir zu überlegen; einmal war ich schon an unserer Haustür, aber ich bin wieder zurück gegangen." ״DaS verstehe ich nicht," erwiderte ^rau Ebaja, ״siehst Tu, wenn ich ein Anliegen habe, jo Lenke ich in erster Reihe an Dich; warum machst Du s nicht auch so und kommst tu nur?" ״Zeh weiß," enigegnete Dma, «daß ich keine besiere Zrrundln aus Erden habe, als Dich, und doch geniert r» mich. Was soll ich Dein gutes Herz mit meinen Lachen betrüben, da du mir doch nicht Helsen kannst? ״Haben unsere Ehachomim nicht gesagt", wandte Eha!a rin ״daß man den Gram seine- Herzenanderen auS sprechen soll? Auch wenn die anderen nicht Helsen können, ist das bloße AuSsprrchrn eine Erleichterung. Damit ich » nicht vergesieweißt Du vielleicht wo Ehaskel Trilling wohnt? Er ist gestern verbastet worden und die Jamilie lebt gewiß in großer Rot, ich wollte mich heute Rach mittag einmal nach ihr umsrhrn, vielleicht begleitest Lu mich, dann können wir über Deine Lache uneinmal aussprechrn, was die Ursache seiner Verhaftung ist, weiß ich nicht einmal.״ ,,Ich kenne seine Wohnung ganz genau und weiß auch, warum man ihn eingesteckt hat. Em Polizet-Wachtmettter, den er nicht genug grs.hmiert hat, legte ihm heimlich em Lchächkrlchrn Lchwesrlhölzrr ohne di« amtliche Tteutpelmarke in den Laden und denunzierte ihn dann, weil er unversteuerte Lchwesrlhülzer verkaufe. WaS leben wir doch in rmem Golus! Der EhaSkel war auch r,nmal em reicher Mann, und die Ztau ist gar oekowed.״ Lie hatte da- ״auch" so nachdrücklich betont, daß selbst eine weniger aufmerksame Zubörerin den rechten

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