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Der Israelit · 1906-12-13 · 50 (13.12.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
50 (13.12.1906)
Date
1906-12-13
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Sc1ulIctonA\'iIaae 311 Nr. 50 des ״Israelit". euilleton. Vrrkasl-Zcbem von Iflicbelstadt. Bon Iudäus. 14 ')tackdruck vcrdolcn. XII. 2״e0t (Luch, (5ttcl!" rebete in feiner leutseligen, herzgewinnenden Beeise der Baal Schein die verschämt an der Thüre siedende Iran an. ״Es kostet ein Geld, ob ibr steht oder sitzt. '\fn׳ seid doch nicht zu Iuß die zivei Stunde» liier her gegangen ״Ich habe keine Fahrgelegenheit gehabt", er widerre die Angeredete. ״Aber ich bi» nicht müde von dem Weg, wenn man jahrein, jahrtns zu Hause sitzt, ist immer ei» solcher Weg eine angenehme Abwechslung. Wenn nur nicht die Ursache so traurig wäre, die mich hierbertührt." ,,£ic Angelegenheit ist auch mehr wunderbar, als traurig, Ihr seid dreiundzwanzig Jahre zu Guten! verheiratet; aus Eurer (5he lind sieben prächtige Kinder hervorgegangen, die zum Teil schon verjorgt sind, Ihr und 15» t -bcanu seid überall nk' vernünitige, srommc und ehrenwerte keute bekannt, sodaß ich vor einem wirklichen Rätsel stehe, Ihr wollt (51111, von Eurem Manne scheiden lassen?" ״Es muß sein, Rabbi, mein ׳.Mendel hat in eiucr Weile an mir gehandelt, die mir selber nn begreiflich ist, aber wir könne» lischt mehr länger zusammen leben. (50 mutz ein ^ched Dämon in meinen Mendel gefahren sein, denn sonn konnte mein Mendel - - —" ״Ettel, warn,» Wat Ihr denn immer ״mein Bkendel", wenn Ihr von Eurem Manne sprecht?" unterbrach sie in ׳einer milde» Weise der Rabbi. ,?Wie soll ich denn sagen?" entgegnete die Gefragte. ״Ich habe doch Ehnppo nnd Kidduschin mit ihm!" ״To, daS wollte ich nur von Euch hören" bemerkte der Baal Schein. ״Und nun erzählt mir einmal alles, was Ihr vom Tage Eurer Verheiratung an miteiiiailder in Irend und keid erlebt habt; vergesst aber nicht, was EllerMuild weben selber gesa t hat, das; eS ״Euer Mendel" in, mit dem Ihr Ehuppo und Kidduschin habt, und lagt kein bitteres, kränkendes Wort in Euere Beichte einslieszeii. Erzählt mir n»r, was wirklich geschehen ist, zum Beschuldigen und Beklagen sollt Ihr später auch noch das Wort erhalten." Ettel wischte sich mit der Sckürze über die Stirne als ob sie die Schweißtropfen, die daran hingen, abwischen wollte. Aber in Wirklichkeit galt der Schürzzipsel einer nuterdrückte» Träne, die an der Wimper perlte und die, wenn sic hervorgetreten wäre, den Seelenschmerz verraten hätte, der das arme Weib durchwühlte. Aber ihr Innerstes so offen bloßznlegen, das gab das verletzte Ehrgefühl der wackeren Iran nicht zu. Tie erhob kaum merklich das feuchte Auge zu dem Rabbi, dem kein einziger dieser ׳P"1ge entgangen war, und sprach mit gedämpfter stimme: ״Der Rabbi weisi'bereits, dass wir seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet sind und dag wir sieben Kinder haben, von welchen die zwei ältenen verheiratet sind, während fünf noch bei nnS im Hauie leben. Gott erhalte sie gesund. Mein Mendel hat daS gewiß alles schon dem Rabbi erzählt, als er mich verklagt hat. Aber dag der Rabbi!lach alledem noch mit einer Iran so ge mein spricht gemein, hat hier die Bedeutung von herablassend, die so schwer beschuldigt ist, lägt wich hoffen, in dem Rabbi einen gerechten, nach sichtigen Richter zu finden." ״Daraus dürft Ihr Euch rechtschaffen ver lassen", unterbrach sie :!,»-",,"?"?י der Rabbi. ״Alio erzählt mir eininai alles, was Ihr zu sage» habt, so, als ob ich noch garnichks wüßte, als ob ich das Ganze von Euch jetzt zum ersten Mal hören sollte. Bergegt s für einen Augen blick, dag Euer Mendel schon mit niir gesprochen hat und ich werde es auch so machen." Die Iran atmete erleichtert aus und nibr fort: ״Mein Mann hatte in Momart vom Iürffen zu Iienbnrg ein großes Gut gepachtet, das uns in den ersten Jahren un erer Berheiratung gut ernährte und uns auch gestattete, jedes Jahr einen kleinen Tparpsennig znrnckznlegen. Aber später traten nnvorhergcsehene Berhältiiisse ein, die nns ohne unser Berschnlden mehr und mehr ziirückbrachten. Wir konnten Jahre lang nicht einmal de» Pachtzins ausbringen, der Iürff mahnte nnd drohte mit Tchuldarreff. unsere Kinder wnchsc» heran, ohne Aussicht sie einst versorgen zu können, kurz wir waren in einet sehr gedrückten Vage. ׳Wir waren beide darüber einig, dag eS so nicht sortgehen könne und mein Mann entschloß sich, mit meiner Inffiininnng. hinaus in die 'Welt zu gehen und eine andere Parnoso Mahrungszweig zu suche». In Momart wohnten außer iliis damals noch vier jüdische Ianiilie»; diese weihte» wir in unseren Plan ein nnd auch sie stiniiinen zu. Mein '.Mann ver lieg nnS kurz nach Pesach nnd ging in der Rich tung von Darmffadt nnd Mainz, um irgend etwas Genügendes zu ünden. W:r schuldeten da ,»als dem Iüiffen uahezrr i^ulden. Als dieser von der Entsernnng »1 ines Mannes Hörle, ivollte er mich nnd mein׳ Kinder ins X-sängnis werfen lassen. Ich ging selber nach Isenb7.׳׳g und gute Irennde standen wir bei, um den Iürffen zu überzeugen, ds.ß sein Guthaben durch die Ent sernung n1»׳״z ..-, nזd!t schlechter, ׳onuern *11”,,(ti׳ geivordeu sei, da er de» ehrliche» Wsillen habe, seine» Berpslichkiinge,! nachznkomnien »1id deshalb in der Iremdc die Mittel dazii suche, die er zu Hanse nicht sinde» konnte. Der Iürff war ein braver Mann und sah auch ein, dag er nichts gewinnt, wenn er eine Iran mit sieben Kindern im TchnIdgesängniS ernähren muß. Er räumte uils eine alte Baracke ein, die in früheren Jahren der Hofknecht inne hatte nnd die jetzt leer stand, und verlangte, dag wir, meine Kinder nnd ich, ans seinem Xne als Taglöhner arbeiten, »in so die Schuld abzuverdienen. Daraus waren wir gesagt mit» wir unterzogen uns gern dieser Rotwendigkeit. Ab״r die Sache hatte nach einer anderen 42eite h,n ihren Haken, an den wir vor her nicht gedacht hatten. Der Iürff war wie gesagt durchaus gutmütig, wenn er auch seine berechtigten Ansprüche geltend machte, nm zu seinen« Gelde zu gelangen. Aber »e ne Xite äußerte sich auch darin, dag er uns zum Ehriffe» turne bekehren ivollte. Er schickte uns den Pfarrer aus den Hals, dieser aber kam bald zu der lieber engung, dag seine Bekehrunqsversnche bei mir einen Erfolg hatten. Der Iürff glaubte dann ivenigsteils meine unmündigen Kinder nach seiner Meinung selig macken zu können und trennte die Kinder von mir, indem er sie aus Bauernhösen in der Mähe, in,Iell und Broinbach unterbrachte. Was ich damals gelitten habe, braiiche ich dein Rabbi nicht zu sagen und ich bedauerte oft, dag ich die Eimvilligung zur Reise meines Mendel gegeben hatte. T, hätte ich das niemals getan!" ״Hat deim Euer Mend l niemals eitvas von sich hören lauen?" warf der Rabbi ein. ״C doch", entgegnete die tvVefraqte. ״In der ersten Jeu hatte er nichts gesunden. Doch die fortwährenden Kriege kam auch di? Post ,ehr unregelmäßig. Aber dann schloß er sich dem Here Rapolcons als Marketender an und be gleitete in dieser Eigenschaft die französische Armee nach Italien. Et verdiente dort auch schönes Geld, von dem er mir so viel nach Hause schickte, dag ich unsere zwei älteffen Töchter verheiraten konnte. Seine Iawilie konnte er nicht nach?0:!!!:!׳?:: lasse::, weil er selbe» mnnt sesien Wohn sitz hatte nnd immer dort »ein mußte, wohin die Truppen zogen. 'Besuchsweise einmal nach Hause koininen konnte er auch nicht, weil er sonst seine einträgliche Stellung verloren hätte. So blieb mein Mann, ui» es kurz zu sagen, elf volle Jahre um. Bor drei Wochen kam er zurück. Meine Ireude und die der Kinder kann sich der Rabbi denken. Aber sie dauerte nicht eine Minute lang. Den» nie׳» Mendel kam mit drohendem Blick nnd gefurchter Stirne über unsere Schwelle. Statt des Willkomniengrug s sagte er mir. ich sei ein ehrloses, pflichtvergessenes Weib, ich habe ihm die Treue gebrochen, er könne nicht mehr mit mir leben, er müsse »tu Gel geben" ״Im erffen Moment glaubte ich mein Mann sei von Sinneil, dann meinte ich. dag ich es selber sei. nachher verdächtigte ich meinen Mann, er hänge mit ׳einem Herzen an einer anderen Iran und suche nach einem Borwand mich los zu werden. Die jüdischen Ianiilien ivareil in den eli Jahren alle bis aus eine einzige von Momart sorlgezogen. Die 'Besserung unserer Vage durch die wiederholten Geldseiidnagen meines Mendel hatten de» ׳?leid dieser Ianiilie rege ge macht. Wir sind uns dadurch fern und fremd geivorden »nd wenn mir auch feine ansgeiprochenen Ieinde sind, >o gehen wir uns doch gegenseitig ans dem Weg : ich konilte sie nicht als Iengen für meine rechtschaffene Iührung ausrusen. Ber gebens beffürnite ich nie nen Mann, mir doch wenigstens z>t sagen, ivoriil mein llnrecht be ffehe, ob er nicht vielleicht durch falsche An schnldigungeii aus diesen schwarzen Berdachl verfallen sei, er aber blieb immer bei einer und derselben Rede: ״Was das Auc^e sieht, glaubt das Herz. Ich habe Deine Swlechtigkeit nicht nur von anderen gehört, ich habe sie mit eigenei« Angen gesehen, denn ich habe Dich scharf beob achtet, "bevor ich zu Dir znrückgekel׳-״ fenint Deine;cdiler•»״׳ so g.;» ״״h ״och beiier als ich und die Scheinheiligkeit, mit der Du die gekränkte llnschuld so gut spielff, setzt Deinem Schandlebeu noch die Krone aus!" Das iff alles «vas ich ans ihn« heransbringe» konnte. Ick weiß also zur Stunde noch nicht, ivaS es eige.'Blich iff, deffe» mein Mann mich anklagt, vielleicht weiß der Rabbi mehr. Aber jedeirsalls sehe ich ein, dag ans diese Wteife ein Zusammenleben nicht mehr «nöglich iff. Ich ivillige daher in den Get nicht nur ein, ich beffehe sogar daraus und es iväre mir lieb, »venu es recht bald geschehen könnte " Der Baal Schein sah die Iran einen Augen b.ick prüfend an und sagte dann, inbeni er keinen Blick von ihr abivandte, um den Eindrilck seiner Worte beobachten zu können: ״Euer Mendel hat mir allerdings gesagt, daß er Euch bei Euerem Ehebruch selber ertappt habe, über die Einzelheiten habe ich ihn nicht gefragt und er hat auch mir nichts davon ge sagt. Aber wenn das richtig ist, muß doch Euch ettvas davon bekannt seinsagt mir offen und ehrlich, was Ihr darüber wißt." ״Ich schwöre bei »»einem Veden und dem meiner Kinder, daß ich unsere Ehe nicht mit einem Gedanken, nicht mit eine»! Wort und noch »».׳Niger durch eine Tat gebrochen habe. Wenn aber mein Mendel das Gegenteil de hanplet, wenn er mich vor dem Rabbi als Ehe brecherill verklagt, so muß er doch auch den Ehebrecher keniieu, den soll er einmal nelinen, wenn er kann." ״Das ivird und muß er ohne Iiveiscl tun - ich werde ihn darüber befragen", entgegnete der Baal Schein. ״Ich habe ihn eine Stunde spät ׳r als Euch zu nur bestellt. Wollt Ihr, daß ich ihn in Euerer Gegenwart befrage?" (Iortsetzung folgt.-

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