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Der Israelit · 1906-12-13 · 50 (13.12.1906) · p. Seite 20

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
50 (13.12.1906)
Date
1906-12-13
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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Seite 20. Ro. 50. Vamon und Phiritias i« der I«dr«gasse. Bon Arthur Kahn.!4«;' Nachdruck verboin,. Tein Schlvagcr der anfänglich fast jede Stunde gek «innen «var, uni eine furze Unter- Haltung anzuknüpfen »md sich nach seinen« '.Mc finden und Z«t,״,nfch-n z׳.! erkundigen,!:es« sich jcljt seltener sehen. Zutveileu einen ganzen Tag nicht mehr, und «veirn er eintrat, schien er besangen und verlege««, Limbacher, dessen früherer Scharfblick stark abgestumpft »var, entging das veränderte Liesen seines Schwagcrs viel länger als Betty. Sie fühlte sich gedemütigt, zumal, lvcnn, »vas jetzt häufig geschah, des Onkels Braut zu deu Mahlzeiten erschien. Ter mitleidige Blick dieser Tarne, de» sie ostentativ auf den still da- «inenden Barer gerichtet hielt, «vährend sie sich mit dem Onkel unterhielt, trieb Betty häufig heiße Träne!« in die Augen. Tic Kehle «var ihr daun «nie zugeschnürt,׳ sie vermochte kau««« einen Bisse!« mehr zu sich zu nehnieu, so hungrig sie auch sich oft zu Tisch gesetzt hatte, und sie mußte ihre ginze Willenskraft zusauimcituehmen, um nicht laut auszuschluchzen Tagsüber bl׳eb sie mit den« Boter zu *'a׳.!fe; erst bei cintretcudcr Tämmerung verließen beide das Hans. Aus Betttis A»ru und seilten« Stock gestützt, durch schritt Liuibache» mit schlvcren, steifen Schritten einige stille Straße««, und kehrte dann erschöpft zurück, mit keuchcildem Atem die weuigen Tlllsen emporsteigend. Mit ängsilichen Blicken betrachtete Betty de«« ennüdeten Mann, verließ da«««« noch zutveilen aus kurze Zeit die Wohnung, und kehrte stets mit stark geröteten Augen zurück. Sie genoß dann das traurige Borrecht der vom Unglück Gebeugten, nilbcachtet ihren Schmerz auszn «vkineu. Tas Schicksal, das diese drei Menschen betroffen hatte, lastete au« schlvcrsten auf ihrer Seele. ^(1111« einem Vebci« ««««getrübter Heiterkeit, voll Glanzes, in das nie ein Werinutströpschen des Leids!,ineingesallen «var, ««׳ar sie heute nicht besser daran, vielleicht noch viel schlimmer als eine Bettlerin, die niemals den Stachel der Gilt behrung so :!■» einvsand, «nie daS im Ueberfluß au«ge«vach,ene Mädchen. Tie demütige Haltung des Bakers, sein ängstlich fragender Blick, «venu der Onkel in das Zimmer trat, schnitt ihr tief «ns Herz, erinnerten sie immer von neuem dara««, daß sie ein (Gnadenbrot aßen und ein uilsicheres A«««l bei dem Onkel gesunden hatte««, das sie jede Stunde verlieren konnte». Traußeu siel scho«« seit früher Stunde ein »einer kal«e» Regen, und immer neue Wolken lagerte!« sich über die Stadt, ein düsteres Zivie licht verbreitend. Tüster wie der Regentag «var die Stinunnng Beuvs und Limbachers. Sie beide hatten eine schlaflose 'Jiadit hinter sich. Während Limbacher, schlaflos, «vie er schon seit Wochen war, häußg schwer ansseuszre und, «venu er in einen kurzen Scki'.as verffel, laut ftöbute oder leise «vie im Zwiegespräch in abgebrochene«« Sätzen vor sich hin redete, zermarterte Betty ihr Gehirn, «vie sie aus dieser denrütigen Lage heraiiSgelangen könnten, ״.fältelt Tn je gedack«t, daß «vir beide einmal in zwei Hintersrnbeu Hausen müßten? Uns bei dem Manne, mit dem ich dreißig Fahre zusammen gearbeitet, der mit nur am selben Tisch gegessen, unter eine», Tache geschlafen, uns nicht «vohler »ühlen «vürden, «vie z«vei Bettler in einer Herberge?" Ben«, antlvortete nur nur einen« Seufzer. Tie Hä!«de über das Knie verschlungen, «ah ne mit trostlosem Blick in den kleinen Garten hinaus dessen Bäume nnd Sträuche» melancholisch in den« grauen Regentag dastandeu. Tann '«ihr Limbacher toit: ״'\dj, Fisroel Limbacher, ein Sohn von Tavid Limbacher, der schon als Kind in der Wiege der letdiftc Menilt« unter allen Fuden der (legend «var «lud denen Baker, dein Urgroßvater, fünfzig Fahre Boritand und ein großer (belehrter gavesen i«r, ick« s«tze heule, ein klein bischen besser, als ein ganz ordinärer Der Israelit._ Bettler, von Haus nnd Hof vertrieben, dem Mitleid preisgegeben, in einer Stube, «vie sie bei unS die Köchin gehabt hat." Tann entstand eine kleine Pause, «vorauf Limbacher wieder begann: ״Mein Sohn irrt in der Fremde umher, ebenso unglücklich «vie sein Baker. Wer «veiß, «vie er sich jetzt nach «««,S I sehne» «nag und ich vergehe hier vor Heimiveh nach ihn« — — und dafür muß man fünsundsechzig Jahre alt wr»den'״ Er «chlug die Hände vor sein Antlitz und «veintc. Tas «var ein tägliches Thema, an das Betty bereits gewöhnt »var. Als Limbacher «vieder ruhiger geworden, ergriff Betty das Wort: ״Wir «vollen dem Onkel nicht allzusehr Unrecht tun, denn ich bin fest überzeugt, daß «vir uns bei ihn« so «vohl Hütten fühlen können «vie zu Hause, «venu er nicht so völlig unter den Bann dieser Frau geraten wäre, die uns unfreundlich gesinnt ist, «veil sie fürchtet, daß »vir ihre selbstsüchtigen Pläne vereiteln «vollen, Niemals könnte ich diese Jvimt Tante nennen. Sie erheiratet sich den reichen Mann, den «vir nicht warnen können, «veil er uns nur mißtrauen aber nicht glauben «vürde." ״Ta hast Tu schon Recht," benötigte Lim bacher, ״«venu eine alte Scheune in Brand gerät, Hilst alles Lösche«« nichts.׳׳ ״Fch bin helite", nahm Bett»« wieder daS Wort, ״zu einem Entschluß gekommen, den ich Tir vor der Ausführung Mitteilen «vollte. Fch habe im Pensionat in Frankreich perfekt »ranzösich ge lernr und möchte melne Kenntnisse schlecht und recht venverten. TaS kan» in einer Stadt in der so viele fremde verkehren und so viele Schulen bestehen nicht allzuschiver halten ,׳ dann Papachen, ziehen «vir von hier fort und «vcrden «vieder eigene Heuen. Tann," fuhr sie mit er hobener Stimme und leuckitenden Angen fort, ״soll ein nenes Leben beginnen. Wir «vollen vergessen, «vas hinter uns liegt und Gustav «vird »vieder mit uns vereint «verdcn." Limbacher sah seine Tochter groß an. Staunen, Zweifel «md Rührung nialtci« sich aus seinen verhärmten Bügen. ״Was «väre das n'ir ein Gl «ick, mein süßes Kind!" ״Tann muß id« Ti «ff aber öfter als jetzt allein lassen, Bätcrchen, ich habe mir scho» die Wege im Geiste zurechtgelegt, «vie ich mein Borhaben aussühren «vill." Sie hatte ,'ich erhöbe«« und sich über den zusaminengesnukeii dasitzenden Greis gebeugt, ihre Arme um seine Schulter gelegt und mit leisen Lippen seine Stirn berührt. Tann machte sie sorgfältig Toilette, Fhre Züge hellten sick, ans, «vährend sie sich im Spiegel be׳ trachtete. Tie Schicksalsschläge, die mit zer «nalmender Wucht aus ihr Haupt niedergesaust «varen, hatten ihre» großen Schönheit keinen Abtrag getan, Fa, vielmehr hatten sich ihre regel mäßigen Züge veredelt. Eine geivisse Leere, die selbst im Antlitz des schönsten Weibes ein Schönhcitsmanko bleibt und jene Bergcii'tigung vermissen läßt, welche nur Schicksalsersahrungen in ein Antlitz hineinzuschreiben pflegen, «var auch Bettys Zügen früher eigen gewesen, bis das Unglück das Strombett ihrer Gefühls und Gedanken«velt vertieft hatte. Heute »var sic mehr noch «vie für die Massen, eine Schönheit für Künstle» >«nd Poeten, mir dem «veihevollen Zug einer ernsten Gedankeinvelt erfüllt. Er«'t bei eintretender Tämmerung kam Bettu von ihrem Ausgang zurück. Tas Glück haue sie mehr begüm'tigt, als sie zu hoffen gewagt hatte. Eine Fnsricutsvorsieherin engagierte sic «ü» ihre Schule und versprach, ikr außerdem noch soviel Privatuiltcrricht zu verschaffen, daß ihre ganze mie ^011 ausgesüllt «verdeu sollte. Amt« in der folgenden Nacht konnte Bett»! nur »venig Schlaf sinden. Ei!« unsägliities (Klücksgefübl schivellic ihre Br«1«'t und ließ sie ihre traurige Lage mit einem Schlage in einem ganz anderen Licht ciidieinei«.;^ihii erstcumale in ihrem Leben sollte «je aus eigener Kraft, durch eigenes Können ihren Lebenunterhalt enve«benihren Bake, ernähren und aus Bot und »11־ _ I3• Dezember 1906 würdiger Lage befreien. Plötzlich «var ihr zu Mute als sei sie nicht mehr die von der Höhe des Lebens Herabgestürzte und das Unglück würde nun vorüber sein. Sie e«npsand int Boraus die Wonne eines arbeitsgesegneten Taseins und malte sich mit dem Enthu«iasmus der Unersahreneu die schönsten Bilder aus, «velche die Benvertung eigenen Könnens und Wissens Gefolge haben «Mißleii. Am nächsten Tage «vanderle sie durch die Stadt, um eine passende Wohnung alissindig zu niachen. Als - sie zurückkehrte, ' «var ihr Onkel anwesend. Mir finster zusammengezogenen Brauen stand er am Feni'ter unb blickte mißvergnügt in den Garten. Limbacher hatte ihm bereits die Absichten Bem,s und den guten Erfolg mitgeteilt. Er «rar ebenfalls mit fertigen Plänen hereingekommen. Er «vollte aus eigene Kosten dem Schwager eine Bohnung n! einem gute» Viertel «nieten, damit Limbacher sich nicht beengt fühlen sollte. 9i«««1 eröffnete ihm Limbacher daß Betty Lehrerin »verden «vollte, um aus eigener Kraft für sich und deu Barer eine Existenz zu finden. Tie Nichte als eine arrne Lehrerin deklariert zu wissen, gerade in dem Moment, in dem er ein Haus machen, ge sellschastlich hcrvourelen «vollte, «var ihm peinlich und «vürde auch schwerlich nach dem Geschmack seiner künftigen Gattin geivesen sein. Aus einer gewissen Tistanz hätte der Onkel schon ganz gerne mit der bildschönen Nichte Furore gemacht- und nun «vollte dieses Mädchen als Lehrerin «'ein Leben fr ften. Tas «var ihm doch nicht recht. Ta brachte der Briesbote einen Brief, gerade in dem Augenblick, als Betty von ihrem Ausgang zurückkehrte. Ihre Wangen färbten sich «vährend lie las, dam« »eichte sic das Schreiben mir einem vielsagenden Blick dem Onkel. ״Ta gratuliere ich doppelt", sagte der Onkel, sichtlich erleichtert, ,,da scheint ja Selig tüchtig für Tick« gearbeitet zu haben- Tu >vir«'t jetzt nicht nötig haben, für eine armselige Entlohirung nirterrickiten zu müssen." Eine große Ruhelosigkeit belnächligre sich Bettys. Ter Onkel «var «vieder liebenswürdiger «vie je zuvor, und selbst die zukünftige Tante bemühte sich aufrichtig, Betty beim Auffinden einer passenden Wohnung behilflich z«« sein. Wieivohl der Onkel gern von Betty erfahren hätte, ob sie ihre Absicht, Unterricht zn erteilen, ausgcgeben habe, «vich sie doch jeder bestimmten Antwort aus. Mit Selig unterhielt sie jetzt einen lebhaften Briefwechsel. Tann vollzog sich der Umzug. — Ungefähr zur selben Zeit «vurden eines Morgens die Läden und Türen des ehemals Limbacherichen Hanfes weit geöffnet. Tas Haus, das bisher «vie ausgestorben dagelegen hatte, »vurde von einer schaulnstigen Meuge durchflutet, die alle Möbel mit kritischen Blicken betrachtete, tarierte, be wunderte oder tadelte, je nachdem sie glaubte, dadurch vermutliche Kauflut'tige und sonstige unliebsame .Konkurrenten beim Mitbiete» abzuschrecken. Laut sprechend, Spässe machend, drängten sich die Menschen aus den Treppen, Flure««, in Küche und Wohnräumen umher. Was durch z«vei und drei Generationen hindurch derselbe» Familie gedient hatte, Gegenstände, an die sich ernsie und fröhliche Erinnerungen knüpfte««, die eine Tradi tion bekundete», die nicht immer nur aus den engen Familienkreis, sondern auch öfters hinausgewirkt auf die «veitcre llnigcbnng, «varen in diesen Stunden herrenlos, allen Händen preisgegeben. Ter ganze Besitzstand einer Familie mit seinen tausend idealen Werten, die jetzt weder Kurs noch Rechte hatten, »vurde nach seinem et «vaigen Geldtvert abgeschätzt. Und die seitherigen Besitzer waren nicht aus den« Lebe«« geschieden, sondern durch eine Schicksalswendung, in die viel eigenes Berfchulden «uiilvirkte, gewaltsam vom ererbten nnd vermehrten^ Gute losgelöst. (Fortsetzung folgt.) Q^J

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