Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 50 (13.12.1906)
- Date
- 1906-12-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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18 X'fjcmbft 1806 durch Arbeit, die für das ci 1ןc 11 e!׳eben qa»; | flut sein mag, doch ungeeignel, um die Erzeilflunfl immer neuer Sklaven eines sinnlosen «ultui־! Prozesses zu rechtseriigen dünn ivird allinäblich ' die Beschränkung der Kinderzabl zu einem Pro gramin, bei dessen Begründung sich e oiiti d e und pseudo ttliche Motive die Hund zinn Bunde reichen. So ist die schivädier gewordene! Triebkraft der religiösen Ueberzengung! der eigentliche Kern des modernen Kinderprob;!eins, rrnd die religiöse Holtlongkeit der neologen Znden, das Feblen der ölten negbnsten אגווגה lin Kreise selbst der noch Pslichtgeneuen — sie sind es, die nns mit dem volkergeichicht lid.en Untergang bedrvlten, und die mit erschüt rernder Gewalt die Kehrseite des ollen Wortes -״T היא חיץ־ 'אייר •r in den Wirrwarr einer inenden Zeit lnneinpredige». Rnr leben dige Eninnoh im olre!! Sinn, die Zuversicht in die ־Wahrbastigkeit der großen (Kotiesstiflung, die wir Judentum nennen, in die Wahrhaft g feit Gotte׳ und seines Gese1.es, die Zuversicht in die Ueberlieferungstreue der grossen (Keiner unserer Bergangenheit und in die Zukunft, die uns verheißen - nur Einunoh ollen kann uns, kann unseren Fr allen vor ollem den Mut geben, oll dem, was unsere Beeisen ommensossend צ^ר גדול בנים, die ״Not der Kinderzeugung und Erziehling" nennen, mutig 1 s Äuge zu ^schonen. Einunoh allein, in diese.» umsossenden Sinne gebrondn, lehrt nidn nur in jeder neu geborene» Menschensprosse ein Samenkorn der Ewigkeit erblicken, sonder» er weckt oud, jene vielte! l t nur in der jüdisdien Etbik anSgebildete erhobene Borstedung, die jüdisdie Eltern ans jedes kü nst ig e Kind als de» Träger einer neuen Fndividnalikät erwartungsvoll ausschanen läßt. ־Weit jo keiner, ivelcher der verschiedenen Zndividnolitäken, die er seine Kinder nennen wird, die t> ö di ft c ,'Förderung der Gotteszwecke ans Eiden vergönnt sein werde, dem ältesten der Reibe oder dem jüngsten. — Sind nur »ns darüber klar, daß der Kern des Problems in den tiesen Gründen des reli- , giösen Bewußtseins liegt, daß also auch nur von dorther eine dnrdigreisende Gesundung erfolgen kann, dann darf daneben der ziveite große Faktor nidit vergessen iverden, der sördend und bemmend! eine gewaltige W rkung entfalten kann, die öffentliche Meinung. Selbst i > den Kultur ländern deS bestens, in denen den Fudeu das soziale ^ebe» der Gesamtheit in der Theorie vssen steht, bilden sie doch mehr oder ininder einen abi geschlossenen Gesellschaftskreis, und es hoben sich! zu den von Älters her vorhandenen Organen j religiösen EharokterS grade in den letzten Fahr! zehnten iinter dem Einfluß des Äntisemitismus! tausend t!eue Fäden gesponnen die überall eine 1 t)rr spezifisch jüdische ״öffentliche Meinung" als litt- ( leiigbare Tatsadie erkennen lassen. Hier iväre - uriieres Erachtens für die Lösung unseres Problems relativ noch am meisten zu leisten ״Was Fhr ' den Geitt der Zeiten nennt, dos ift im Grund der Herren eigener Geitt, in dem sich nur die Zeiten spiegeln." 'Wir alle machen den Zeitgeitt und jeder, der eine mehr, der andere iveniger, ift in der Lage an dieser Gestaltung und Korlektur des Zeitbeiunßn'eins mirznarbeiken. Bor ollem verdient hier die mehr ged nikenlos frivole, als bösivillige Stellungnohme der ״We sellsdiaft" gegenüber der bei dem Problem des I Kindersegens zunächst beteiligten Frau ernste Äufmerksonikeit und Erziehung. Ter Respekt vor der kinderreichen Mutter, das j müßte das erste sein, ivas olle Tenkenden in unserer Zeit der ״Gesellschaft" anzuerzieliei, ' verpslidnet wären. Tos Roserümpsen nicht nur! höherer T ödner, sondern selb» sogenannter gebildeter ׳ Fuden und Jüdinnen über die ^mmbi», die ״jed s Zahr ein Kind bekommt", die geringe Ächtung, deren die dnrd) das Zeichen des Kinder segens geadelte Mutter auf der Straße wie im Salon leider io oft begegnet, sind zwar Smnp tome sittlidier Minderwertigkeit, die außerhalb des jüdischen Kreises ebenso stark oder noch stärker hervortreten, ober grade in׳, jüdischen Kreise könnten sie leichter bekämpft werden. Es broudnen nur die ernster und j tiefer Empnndeuden nidn zu schweigen, sondern 1 lauter zu reden als die andern, es brauchten! nur Bäter und Mütter, Lehrer und Lehrerinnen, Freunde und Z-reundiunen, wann und wo sie 1 können und berufen sind, die G.-fj״nnug, ans der jene Lliniprome fließen, gebührend zu geißeln — j und eine Besserung würde nidit onsbleibe». Tie! öffenilidie Meinung ist eine Großmacht und die I Ehrenkränze, die sie vergibt, rufen ebenioviele I Tausende zum Wettbewerb um die a e krönte n fitt liebe» Ziele aus, wie ihr Viidiel» und Sticheln, ihr Zischen und Tusd) ln von d in Beschreiteu des herobgeivürdigleiz Weges, und ,ei er der h ilvoilfte,! Tausende abschreckt. Ri'ondies v rmog in dieser Beziehung die jüdifd>e j P r e s se, die nidit nur aus dem Äege ernster > Belehrung, sondern vor allem in den Fdealen. > die sie im Feuilleton auf den Thron erhebt, die Stinimung zu beeinflussen imftande in. Bkehr nod, könnte die Kanzel wirken, ivenn wir Prediger in größerer Zahl besäßen, die nicht j nur den M u t habe», Tinge von so surechtbarem Ernste zu besprechen, sonder» auch den Takt, dabei die rechte norm zu wählen und den Kredit, in ernsten Lebensfragen überhaupt gehört zu iverden Wie die Tinge liege», spielen allerdings die! Äerztebei der Bildung der öffentlichen Meinung' Nr. .'>0. Lette 3. über unfer Problem eine größere Rolle als irgend eine andere Fnttanz. Sie selbst find zumeist nur d,e Kanäle, durd, deren Bermittlung die gerade herrschende Änsdiauung der zünftigen Wissenschaft, zur Sdieidemünze ausgeprägt, ins Publikum dringt, so weil dafiir nicht eine populär wissen schaftliche, oft leider wenig gediegene Litleratur sorgt. Pflidik der gesetzestreuen jüdische» Äerzie und ihre Zahl ist heute ja m den Großstädten gar Nicht iv gering Iväre es darum, ßdi aus dem Sdiatze der jüdischen Lilteratnr, aus dem Geine des ReligiouSgesetzes und der jüdisdien Ethik nicht nur die Maßstäbe zn gewinnen, die eine geivissenhaste Stellungnahme zum Einzelfalle erinöglidien, sondern vor allem innerhalb der gar nicht so tiefgründigen Wissen schatt die jüdische Betrachtungsweise durdi litterarifche Ärbeit zur Geltung zu bringen. Wenn man sieht. wie aus verwandten Gebieten, in der ״Frage" der vorehelid>en Äbstinenz, beim Problem des mütterlidien Nähren» die herrschenden wissensdiaftliche» Tendenzen in ncrhalb kurzer Zeit den radikalsten llmschivung erfahren haben, >o braucht wahrlich kein Forel und kein B l o di den jüdisdien Ärzt so sehr in Respekt zil v.rsetzen, daß er sid> ohne iveiteres zum Bertreter fremder Äiisdiauungen macht, statt inir Ernst und Eise! audi auf die Stiminen seiner Weifen und auf die am Baume der jüdischen fehle gereiste sittliche Erkenntnis zu hören. Zu letzter Viitie aber das muß endlich hervorge hoben weiden — in jeder Fnde und jede Füdin vor «Kokt und dem eigenen Gewisse» sid, selbst verantwortlidi und weder die Älinosphäre, die die öfsentlidie Meinung schafft, noch das Wort ein zelner Berater können von dieser Berantivorlung befreien. Wo nidn mehr in alter Weife gelehrt und gelernt ivird, kann dieses Berantwortungsgesühl nur mittelbar auf den angedeuteten Wegen ge iveckt und gestärkt »veide». Än den Stätten aber, au denen nodi jüdisdie Männer zum (Kesetzes ftudinni sich;nsaniinennndeu, du sollten Rabbiner und Lebrer den Problemen, die nur hier be sprochen, nicht ängftlid, aus dem Wege gehen, sondern dorr wenigstens, in den! engen Kreise der zur Thora Strebenden, das Licht deS Gesetzes and» i» dieses Gebiet hmemleuchten lassen. ״Wo ein Licht ist, da leuchtet'-?," hat S. R. Hirsch einmal gesagt, und aus dem engen Kreii'e dringts ivenn nur die Energie seiner Strahle» groß genug ist, auch hinaus ins Weile. Tie alte Weisheit der jüdischen Gokteslehre hat inrmei nur aus kleiuen Kreisen — oft aus unerkailnten Pfaden — in die neme hinausgewirktsie wird auch diese Berirrung der Zeit überdaueril und sich ihrem Bolke wiederum als Lebenselirir de Talern nur dem Hirngespinst eines Professors sein Dasein verdankte. Zweitens, daß sie eine Moral har, aus der man etwas Rechtes lernen kann, während inan aus seinem Beispiel eher etwas Unrechtes lernen konnte. Deshalb bedarf die solgcnde (ücfdjidjte auch feiner philosophischen These als Folie, denn üe trägt ihren Wert in sich selber und mag hier erzählt werden, obwohl sie der Herr Professor, der schon längst den Weg aller Philosophic-Prosenoren gewandert ist, nicht mehr hören kann. -Iber weil seine These mir die (beschichte einst in die Erinnerung gerufen hat, habe ich seiner gedacht; und erzählt ne jetzt, weil idi nicht weiß, ob ich noch einmal einige und dreißig Fahre Zeit dazu haben werde. Ehaja Mircls, die Frau von Rabbi Foses Mirels, war eine Frau, die an Bravheit, Herzensgute und Ätenschen liebe in ialvstok und weit darüber hinaus nicht ihres (^leidien haue. Es sind >etzt gerade fünfzig Fahe her, daß der Harle Tod dem tzirbeswirken dieses Engels m Menschen geslalt, ein Ende machte, aber das Ändrnken der Edlen lebt m unvcrwelkllcher Frische fort, bei allen, welchen sie >c im Leben nahe getreten war. Und dazu zählien Hunderte, Tausende von Ärmrn, von welchen sich keiner erwlalos je an sie geivandi haue. Bei den meisten ließ sie^ es aber gar nicht dahin kommen, daß man sie erst um Hilfe ansprechen mußte. Lie suchte das Elend, die Armut und Hilslosigkctt selber aus und tröstete, spendete und stützte, ioweit ihre Kräfte reichten und oft noch viel weiter Rabbi Fosef Mirels war zwar ein sehr reicher 8aui mann, welcher dem Wohliätigkeitssinn seiner Frau keiner lei Schranke zog. Ader was will auch der höchste Reichrum und dle unermüdlichsie Hil'sbereitschasr gegen das Rlefenrlrnd bedeuten, das >n Hunderten, in tausenden derschirdenen Formen in einer größt n Gemeinde wie Bialvsiok an ein gutes Herz täglich, ja stündlich heran!rill' Ta kamen Arme, die um ein Ltück * rot baten, um »tnm Veldbeitrag, um ein kleibungesiück; das waren die Anibu'anren, welche kamen und gingen und sich ment au« auswärtigen Unglücklichen rekrutirrirn. Dan» waren die ^rtsarmen, denen cs an Heizung, an Mietgeld, an der Möglichkeit, LchabdoS oder Fonuos zu machen fehlte. Da waren d׳e doppelt und dreifach Armen 1 die Kranken, die Lchwachen und Äedrechlichrnhier ga>t's einer arme! Wöchnerin, der es am Rörigstcn fehlte, helfend bkizustehen, dort handelte es sich um rme verwaiste Familie, welcher der Ernährer hinweg gestorben war. Alle diese Müb seligen und Beladenen wandten sich in erster und in letzter Reihe an Ehaja Dtirels. Lie hatte eS verstanden, auch andere Frauen für lhr'Liebeowlrken zu interessieren, sie hatte die (Gründung von Beremen angeregt, welche diese verschiedenen Zweige der Wohltätigkeit pflegten, aber m allen Beremen war sie das treibende Element, die alles belebende Seele. ES konnte bei einem io regen Berkchr mit armen Leuten nicht fehlen, daß sich darunter auch oft solche be fanden, welche die Güte der Wohltäterin mißbrauchten und sich derselben sehr wenig würdig zeigten. Biele gutherzige Menschen, die sich in liebender Teilnahme den Armen und Unglücklichen nähern, ziehen sich wieder von ihnen zurück, wenn ne bei denselben nur die geringste krümme des Eharaktrrs oder cinen Mangel an Rechtlichkeit und Ehrlichkeit entdecken. Bei Eba,a Mirels war da» nicht der Fall. Lie hatte für dir Armen nicht nur Zeit, Geld, Rat und Tat, sondern auch Nachsicht und Milde für ihre Fehler und Lchwächen übrig. Wenn ihr Jemand einen Armen al» Tchnorrer und Lchw'.ndler denunzierte, weil er sich irgendwie eine Unredlichkeit zu Schulden kommen ließ, so pflegte sie dem Angeber oft zu antworten: ״Haben wir Reichen denn allein das Recht, Schwindler und Spitzbuben zu srm? W,r lasien wir im Geschäsi, im Handel und Wandel die Grad heil und Ehrlichkeit so oft vermiucn, und wenn einer durch Smfik und Isisie s«u> Geschäft gemocht bat, wenn er wahr heitSwidriger Weise die schlechte Ware als gut anprrisi und ebenso verlogen erzählt, wer alle» von der Ware schon gekauft habe, dann nennt man einen solchen einen rüch »gen, geriebenen Kaufmann. Wenn aber ein armer Mann, ein armes Weib, durch falsche Borspiegelungen ein An grin auf mein Herz und auf die paar «opeken macht, die ich geben kann, dann stehen alle zur Berurteilung der Schnorrer und Schwindler bereu Wie weit muß man S eigrnllich gebracht haben, um ungestraft lügen und täuschen zu dürfen? Unter den vielen Armen, die täglich den MtttagStisch bei Eha!a Mirels halten, fanden sich auch einige Soldaten. Eines Tages fehlte einer der Soldaten und sein Kollege meinte, derselbe sei kein sehr großes Mitleid wert, er sei kein Kostverächter, denn er eile jeden Tag, wenn er hier vom Tisch komme, noch einmal setnr Ration verbotener Speisen in der Kaserne. ״Wirklich!״ fragte erschrocken dl» Wirtin. ״Die Sünde habe i ch vor (flott cu verantworten. Hätte er hier satt zu esirn bekommen, so hätte er in der Kaserne nicht noch einmal essen können. Bon jetzt ab will ich es mir angelegen sein lasten, daß er doppelte Portionen erhält." Eine» Tages klagte Rabbi Jolek, ihr Gatte, eS fet ihm hinterbracht worden, vaß von dem schönen Brennholz im Hofe jede Nacht einige Scheite gestohlen werden, ohne daß e» bi» jetzt gelungen sei, den Dieb zu entdecken. Ehaja versprach ihrem Mann, eS sich angelegen sein zu lasten, den Dieb zu entdecken, nur solle man eS ihr allein überlasten und jede anderweitige Nachforschung einstellen Sie stellte sich eine ganze Nacht hinter den Borhana eine- Fensters. d«S nach dem Holzplatz ,zu gelegen war. In der dritten Morgenstunde gewahrte sie leise einen Mann über die Mauer steigen, die ihren Hos von deS dem Nachbar- Jrkes Ullreick abgrenzte. Er harte eine» der schweren Lcheitr und brachte es mühsam auf die Mauer, wo es jemand von der anderen Leite abnehmen mußte, den sie aber von ihrem Platze au» nicht sehen konnte. Auch den Mann erkannte sie in der Dunkelheit nicht sofort. Erst