Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 49 (6.12.1906)
- Date
- 1906-12-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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€>ettc 2. Rr. 49 Der Israelit. 6 Dezember I'.O», fettigen Wirtschaftsstellung um so stärker trifft, braucht an sich nicht Wunder zu nehmen. Allein eö wäre törichte Selbsttäuschung, ja mehr noch, es iväre unsittlicher Fatalismus, solchergestalt den (Geburtenrückgang als die Jolgc eines Ratnrgcsetzes hinzunclimen, gegen das alles Ringen vergebens sein sollte. Mein Mensch ist darüber im unklaren, dasi es sittliche, durchaus im Bereiche der W i l l e n s - sphiire liegende Momente sind, die in Jrank reich so gut'wie unter den begüterten Juden des Westens — nnd leider nicht allein unter den ganz entfremdeten — die Kinderarmut verschulden. Diese Momente aber sind ihrerseits von zwei Faktoren bestimmt, burrfi deren Vermittlung un sereS Erachtens auch allein eine Besserung möglich ist: durch die individuelle Weltanschauung und durch die öffentliche Meinung. J-nr die wahrhaft gesctzeotrenen Juden kommt dann als dritter, vielleicht als erster Jaktor noch eines hinzu: die .Kenntnis des Religionsge sebes, die ihnen dank einer unverantwortlichen Prüderie in den meisten Jällcn vorenthalten wird. Sehen >vir uns diese drei Jaktorei. etwas näher an. Mochenrunöschau. KJ» Das Sabbathproblem in Gnglana. Bor einigeit Tagen wurde in einer der londoner jüdischst rerarischen Gesellschaften über daS Tabbatbvroblcm verhandelt. Wir geben aus der interessanten Debatte folgendes wieder: .\>crv Dr T u o w ma n wies auf die ausier > ordentliche Bedeutung der Angelegenheit für das! Judentum hin nnd iühite aus, dasi die zu e> warlcnde Äenderung der SonntagSruhcgesctze und die Schwierigkeit, aus die der Koarck ok 6vLick ans bei der Unterbringung von Lehr- , lingen in am Sabbath geschlossene Betriebe stösir,! die jüdische Oeffenilichkeit ans ihrer Gleich gültigkcit gegenüber der J-rage anfzrnütleln be j ginne. Jnr die Bcrnackiläsngnng des Sabbath wild gewöhnlich die llnerbiitlichkcir dos Kampfes um die materielle Eristenz als Motiv angegeben. In der übcrgrosien Rkebrzahl der Jällc sei das aber ledig ich ein Borwand. Am lautesten berufen sich auf die Härten der sozialen Verhältnisse die reichen Kauflcute, deren Geschälte von den Borfahren trotz strenger Beobachtung des Sabbath zur Blüte gebracht worden sind. Auch in der Berivaltung gemeinnütziger jüdischer Institutionen wird mitunter der Sabbat ilicht geheiligt. Die alte Opserfrendigkeit nnd die selbstlose Hingebung an die religiöse Pflicht ist mehr und mehr verloren gegangen. Die Zeit, da man sich verpflichtet fühlte, für den Sabbat Opfer zu bringen, scheine vergessen zu sein Die Assimilation habe ein Gefühl der Abneigung gegen die Beschränkungen, die das Judentum seinen Bekennern auserlegt, hervorgerusen. Herr A. Ka h n bemerkte, es müsse jedem Glied der jüdischen Gemeinschaft das Bewusitsein beigebracht iverden, daß er dieser Gemeinschaft gegenüber zur Heiligung des Sabbat verpflichtet fei. Weitn die leitenden Kreise diese Pflicht anerkännten, so wäre das Problem fchoii halb gelöst. Der Jehler sei, dasi man die Ehrenstellen der Gemeinde teuren übertrage, die sich der Beobachtiing des Sabbat entschlagcn zu können glauben solange dieser Zustand sortdanere, werde die Jrage nicht zu lösen sein. Auch Herr E. Stettauer betonte, dasi gerade in den Kreisen, denen die Heiligung des Sabbat keinerlei Schwierigkeiten bereite, die Entweihung desselben an der Tagesordnung sei In ähnlichem Sinne sprachen sich die Herren Maurice Muers, 26. Benschcr und 2l. Rosenthal ans. Der Borsitzciide Rev. H. 6. Priee erklärte zum Schluß, dasi die iverktätige jüdische Bevölkerung des Ostens sich organisieren nnd sich der religiösen Pflichten voll bewußt werden müssegeschehe das, dann sei schon viel erreicht. Ebenso ivie die Handlrulgsgehilsen einen halben Ruhetag in der Woche erlangt hätten, könnten die jüdischen Arbeiter durch eine» Organisation sich die Sabbatrnhe erringen. Es iväre der englischen Jndenheit zit ein psehlcn, dasi sie die Organisation, von der Herr Priee sprach, durch die Gründung eiiies Verbandes der Sabbatsrenndc, ivie er in Deutschland sich in erfreulicher Weise entivickelt hat, zu verivirklichen suchte. Gin Vorschlag?ur in'ernafionalen | Regelungjer einnjanöerung.! i Der Korrespondent der Londoner „Morning! Post" in Washington macht die Aufsehen erj regende Mitteilung, die nord-amerikanische Regie; rnng habe im ve.gangencn Jahr vorsichtig und! ohne Jormalität bei den enropäischcn Regierungen , angeklopft, um fcstzustellen, ob sie geneigt iväre»,! die Einivanderungssrage behufs geeigneter Regei lung auf einer internationalen Konferenz zu er örtern. Aus verschiedenen Gründen habe man in Washington dann die Angelegenheit vorläufig be ruhen lassen, die Zeit, in der Gegenstand ernstlich in Europa zur Sprache gebracht iverden solle, sei nunmehr aber näher, als man gewöhnlich glaube. Es handle sich, so will der Korrespondent der Morning Post von autoritativer Seite er fahren habeii, in der Hauptsache um die richtige Berteilung der Eimvanderung. Um dieses Ziel zu erreichen, solle aus der internatioiialen Kon serenz durch einen Vertrag eine Zentralbehörde für Einwanderung eingerichtet werden. „Dieser Zentralbehörde würden dann die Mächte, die den Bertrag unterzeichnet haben, in häufigen, bcstinninen Zwischenräumen Berichte über die in ihren Ländern Herr schendc 'Nachfrage nach Einwanderern, über ihre Zahl und »lassen > nd über den Teil ihrer Länder, wo ein Bedürfnis nach Hand- und sonstiger Arbeit vorlicgt, zugeben lafien. Das Zcnlralbürcau würde alsdann diese Auskunst an die Minister d S Auswärtigen der verschiedenen (.'ander übermitteln, und diese würden sie durch die geeigneten Regie rungskanülc und durch die Preise zur öffentlichen »ennl nis bringen. Wo eine Nachfrage n ch einer bestimmten »lasse Auswanderer befiel,l und dies amtlich durch das Zcntralbureau fefigefieilt worden ist, werden dir Regie rungen von Ländern, die au dieser Klaffe Uebersiust haben, weder unmittelbar noch mittelbar die Auswanderung umer stützen, noch auch durch Gesetz oder Berordnung die Auswanderung bindern. Um aber den Geist und die Abfichl der Verständigung zur Durchführung zu bringen, werde» die Mitunlcrzeichner des Tst'rtrages die Landung von Einwanderern mit Ausnahme derer, die an einem bestimmten £ r1 Beschäftigung suchen, verbiete n." Danach werde dann nnr derjenige 2lnswande rer 2lnfnahme nnden, ceffett Jahrschein nach be stimmten Bezirken und Orten des betreffenden Landes lante. Ohne Zweifel würde eine solche Riaßnahme für unsere zur Auswanderung ans ihren Heimatländern gezwungclien Brüder eine weitere grausame Beschränkung bedeuten. Es ist aber nicht wahrscheinlich, dasi die Regierung der Bereinigten Staaten jetzt, nachdem das Repräsen- 'tantenhans sich gegen eine wesentliche Verschärfung derEinwanderungs-Gesevgebung ailsgcsprochen hat, einem Projekt, ivie cs oben dargestellt wurde, näher zll treten Reignng habe. Eine rationelle Verteilung der Einwanderer aus das ganze Land ist gewiß recht wnnschensw rt, vor allem auch im Interesse der Einwanderer selbst. Es darf aber angenommen iverden, dasi es den jüdischen Hilss gcsellschaften in Europa und 'Amerika ohne behördliches Eingreifen allmählich gelingen werde, die Emigranten zur Wahrnehmung dieses ihres eigenen j Interesses zu veranlassen. Kleines Feuilleton, -kn eine jüdische Braut. sehr geehrtes aTüHlcin' Unter dir verschiedenen vtegenständr, dir unsere jüngste mündlicbr Unterhaltung gcsirriit, aber nicht erledigt Val, zählt auch die lüdffchc Jrauenpstickt, das Haupthaar verhüllt zu tragen. seitdem wir uns mclit mehr gefprocliett haben, find sic glückliche^ Braut geworden und in wenigen Wocben schon gedenken sie dem Erwählten Ihres Herzens die Hand zum Ehebündius zu reichen. Ich kann »nr leb hast denken, das, es Jlnten unter diesen llmständcn doppelt erwünscht ist, wenn ich meine von Ihnen hierüber erbetene Ansicht nicht b>S zu ttnscrem nächsten persönlichen Zu samntentreffen itlspendiere, io gern ich dies sonst auch getan batte Das Auge ist skeptisch, das £br sanguinisch. Btcles von dem. was leicht über die Lippen fiiefit, sträubt fick vor dem Weg durch die Jeder. Aber selbst dasienige, das diesen Weg zurückgelegt bat und nun schwarz aus weist vor uns ftebt bat ,n dem schwarzen Bade viel von dem >Tchmelz, der Glut und der überzeugenden Innigkeit ver loten, welche dem gesprochenen Jreundeswortc naturgemäst anhasten. Nickt aus die gesckrlrbene, aus dir mündliche Tbora bat Gott das Bündnis gegründet, das Ihn mit seinem Bolke verbindet „Meine Ansicht '" würdevlme dafi sich die Lippen vsjnecen. -Sie mein eriiaiiiiter Blick tragen I „Was liegt Ihnen an meiner Ansicht r Wev unt fragen Lte nickt nach meiner Ansicht vom kleinen EtnmalemS von Ehrlichkeit, Sittlichkeit und anderen schönen Talgen?" lieber die Bedeutiamkett und sundameniale Wichtigkett des Einmaleins und der Ehrlichkeit gtebt s eben kctnc Ansicht, ledemalls keine Berschiedriihett der Ansichten, am wenigsten zwischen uns beiden. Deshalb kann es hierüber kemc Jrage geben. Macht man aber die Erfüllung einer Pflicht und die Anerkennung einer Wahrheit von der Ansicht eines anderen abhängig, so bat man ihr bereits damit ihre grundlegende, absolute Bedeutsamkeit abgesprochen, hat sic zum Gegenstand der Meinung, des Jürwalirhallens eines dem Jirnnn unterworfenen Menschen gemacht und hat damit die rückhaltlose Berhindlichkcit, die ewige Giltigkeit, d. l>. das eigetttliche »ritmimi in Jrage gestellt das iSotles Gesetz von menschlicher -Satzung in allererster Neilic so scharf und cnschteden scheidet. Welche nefeergreifende 'Wahrheit hat doch der sterbende Meister Rabbi Jochanan ben saktai seinen Jüngern mit dem segnenden Wunsche hinterlanen. ne möchten Gott fürchten, wie ne Menschen von Jlcisch und Blut fürchten: Wie wäre doch der Tbora, ihrer Ers llung und Berwirklichung int Kreise ihrer »inder gedient, wenn ihre Gesetze und Anordnungen auch nur au, den gewiffenhastcn Ernst und aus die pünktliche Befolgung rechnen dürsten, die man c.ner beliebigen polizeilichen Bersügung entgegendringt! Haben sie schon cininal gehört, da,h wenn die Polizei bet Glatteis daS Bestreuen der Trottoire unter Androhung einer strafe vorschretbt, dasi inan die Erfüllung dieser Borschrist von der Ansicht eines andcien abhängig gemacht hätte:-' Und wir brauchten den Anior erungen des lebendigen Gottes nur unsere Ansichten. Meinungen, Standpunkte, Prinzipien, und wie diese Steckenpferde menschlichen Ber standcs und Unveistandes alle heisien, enigegenzusetzen, um ne aus Grund dieser Euisiän und Antta.! anzuerkennen oder zu verwerfen? 'Jiim weist ich s >a ganz wohl, dasi sic es mit Ihrer Jrage Nicht so schlimm meinten, weist, dasi Ihnen Gone.' Gete^ nn «Lg»in,,,,»,, uno oie vier in Rede stehende Anforderung nn besonderen gleich mir als heilige, von keiner menschlichen Ansicht abhängige Lcbcnspsiichl gilt. <c\t haben, wie cs >a nn Bcrtchr mit Jrcunden gang und gäbe ist, wenn Sic um »teilte Ansicht fragten, Ihre 'Worte nickt aus die Goldivage gelegt und einen Ausdruck gcbrauckt, der in Ihrem Biundc irdenfalls nicht die Bedeutung Hai, die ihm sonst allgemein zukomml. Ich habe auch wenigcr Ihretwegen als incinethalben mich etwas länger bei dtcicr Acustcrlichkcit aufgehalten. Denn ich sage mir, wie mutt die Berkennung unseres GottesgescheS doch die ganze Atntosphärc erfüllen, wenn selbst denkende und gcsinnintas tüchtige Damen Ihres scklages die Ausdrücke und Be zeichnungcn unbesehen hinnehmen und wcitcrgebcn, t» welchem sich die Geringschätzigkeit gegen unser Allerlieiligues um so charakteristischer ausprägt, >e unabsichtlicher und gcdaukeiilvscr cs geschieht! Genug, mehr als genug von dieser äustercn die auch zu den vielen Dingen zählt, die fick mündlich besser als brieflich erledigen lassen. Dem Leser erickemt die Diskussion darüber leicht alS hohle Jörmlickkeit und blostc silbensteckerci. Dast sie es wahrlich nicht itt. dag cS sich um den Geist und die Gesinnung handelt, welcke diese Wortsormen unwillkürlich verraten, fühlt der L'drcr viel rascher und leichter at.S dem gesprochenen, als der Leser aus dem gcschtiebenen 'Worte. lieber unser Thema besonders w rden wir uns leickter nussprecken, als ausschreiben. sic wünschen eine z ur slellung, Erklärung und Begründung der Pflickk lüdisckcr J-raucn das Haupthaar verhüllt zu tragen. Aber -->c besitzen das, was sie wünschen, bereits in ko denkbar vor lendrtrr Weife, dast kein Hinweis auf den Wortlaut ltmere heiligen Gesctzcsurkundcn und auf die fick daran knüptenve reiche Literatur, dast noch weniger meine etwaigen e.r gänzungen derselben auch nur an dasjenige^ heranrcicvcn, das Tie so glücklich sind in iurer nächsten Nähe zu va--n. Ich meine Ihre wardige Mntler, die ihrem Haut