Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 49 (6.12.1906)
- Date
- 1906-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I Der isrcielif J 6. Dezember 1906. 19. H'sleiu 5667. 47. Jahrgang, Sranhfurt a. M.. den M *9 ^^———————wbbmb r«r Israelit kNckeint jkdrn Tomiersla«. Abonnement»r sfrwöbnlichr Au-gabr Mt. 1.3» vlertriiSdrlich, Hettau-nabe aut K»»st»ru>1papier Mt. 3.— vieNeliäbrlich. Ait-land-pmfr für die gewöhnliche Ausgabe: L^eslerrcich 2 Kr., Rußland 1 N»>>., England 2 sli., Amerika 5» cts., Riederlaude 1,3» il.i AbouiieinenlS bei allen Poßaiiklalten, Auchboudlungeu, towie direkt bei der Expedition, HettauSgabe nur direkt. Ansernte: 30 Pttiinige für die sechSgeipalirue Colonel-'seile; Rabatt »ach Tarif. Anferaleuaiiiiabine nur durch vaafenfteiu u. Vogler A.-<A. in <konto bei der >1. S. Postsparkasse P)ien 'JJu. 7t»Araiikfurl a. M. und deren Ailiale». Vonto bei dem H. Postsparkafsenamt Budapest Bo. Kindersegen. j i{ov wenig iit'oriicit har bae Möniglid) Preußische Landcsaml für Statiftif die cnb^iltiflcu Ergebnisse der preußischen Bolkszählnug vom I. Dezember 1905 veröffentlicht. Die trockenen Ziffern, die da ancinantergereiht dein Auge begegnen, beigen auch für uns ^nden eine Iülle wertvoller Wahrheit in sich, und für den, der zu lesen nnd zu deutet! versteht, erhebt s ch aus diese» Tabellen und Ucbersichten ein naturtrenes Abbild der sittlichen Berfassnng, in der sich die preußische Iudeliheit — und analoge Verhältnisse herrschen ja auch im übrigen Deutschland — heute befindet. Fluidem unifangreicken Material sei für jetzt nur die eine Angabe herausgegriffen, daß die Zahl der preußischen Juden seit dem Jahre 1900, da sie 392322 betnig, in dem Jahrfünft bis 1905 um 17 17^ auf 409 501 gestiegen ist. Das bedeutet eine Zunahme von nur 4 79"..,, während sich die evangelische Bevölkerung um *59,*5*., die katholische um 102,2*5 » vermehrt bat. Die Iolge ist, daß, wie die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden" berechnet, der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung neuen Rückgang ersahien hat. Er betrug' 1*71 1 „321» 1**0! „337., 1**5 1,29"/. 1*90 1,24% 1*95 1,19% 1900 1,14% 1905 1,10% Daß die Ursachen dieser mit wahrhaft erschreckender Konstanz zu Tage tretenden Erscheinung nicht au einer Berfchiebung der Bevölkerung, in starker Auswanderung au» Preußen, auch nicht an dem mit 40o Seelen jährlich zu veranschlagenden Ber lüfte durch Taufen liegen beweist ein Blick in die Geburtsstalisiik der preußischen Juden, die uns leider den Schlüssel zur Lösung des traurigen Rätsels ohne weiters darbietet. Wahrend noch int Jahre 1*75 m Pr uße > 11 133 jüdische Kiiwer das Licht der Welt erblickten, war diefc Ziffer im Jahre 1900 aus *5*54 ge snnken, mir anderen Worten die Iahreezifser der (Geburten in in dem genannten Zeitraum um nicht weniger als 3*,44*/. gefallen, obgleich die Zahl der jüdischen Eheschließungen zwar ebenfalls zurückgega gen — das ist ein Kapitel für sich —, aber doch nur um 5,42*'» gesunken war! Und dieses Ergebnis in einer Periode, während deren bei der christlichen Bevölkerung die Geburten von 993364 auf 1 177 494, das heißt um 1*,47% gestiegen sind' Noch erschütterndere Sprache reden diese Ziffern, wenn man danach die aut je 1000 jüdische Einwohner entfallende Geburtsziffer be rechnet und sie mit der Geburtenzahl anderer Nativnalitäteu vergleicht. Dann eigibt sich solaende Tabelle. Die Geburtenziffer mit löoo Einw. beträgt in Rußland außer Finnland und Polen: to.» Ungarn.: .57,0 Sen erreich .. 30,*'. Deutschland. 35,1 Italien .: 32,5 Holland. 31,* Rorwegcn . . . .. oo,o Irland.: 23,o Frankreich .: 21;*> bei den p r e u ß i sch e n Jude» . : 1*,4 * * * Man muß ans die Jahrhunderte der verlinken den alten Welt, aus Rom und Griechenland in den letzten Stadien ihres geschichtlich n Seins zurück greifen, um annähernde Beispiele >ür ein so turcht bares Sinken der Reproduktionssähigkeit innerhalb einer sozialen Gcmeinschast zu finden. Damals konnten, im ersten Jahrhundert, die griechischen Städte keine dreitausend waffenfähigen Männer mehr ins Ield stellen, und als die kulturstolzc römische Gesellschaft, an der sittlichen Würde des eigenen Seins verzweifelnd, sich der neuen Ehriitenlehre von der Richtigkeit alles Irdischen erlösungs durstig in die Arme warf, da war schon vorher grade der irdischen Zukunft diesersienleu, kinder armen -lachkommen eines kraftvollen Stammes das Todesuitcil längst gesprochen geivesen. Uns Juden ist die Irage des Kinderreichtums kein Problem der Politik. Nicht um Waffen zu tragen und t»en nationalen Boden mit starker Hand zu schirmen und zu schützen, bedürfen wir der Generationen, die mir frischer urwüchsiger Kraft an die Stelle der Alten, der Sterbenden treten. Umso mehr aber ist sie uns die Irage aller Iragen, das grundlegende Problem unserer religiösen Weltanschauung und der daraus sich entfaltenden Sittlichkeit. Iür den Einzelnen io gut ivie für ganze Bölker hängt alle dauernde Daseins re»ide im letzten (Grunde von dem Beivuszkscin ab, ein wirk samcr, wenn auch noch so kleiner, unscheinbarer Iakror im Kulturvrozeß;>i sein, n d kein Bolk auf Erden, keines wenigstens von all denen, die heu'e im Lichte der Kultur wandeln, hat so nach drücklich, mit so klarem Bewußtsein den Anspruch erhoben, nicht vom Zufall, sondern vom Schöpfer aller Seins und Werdens, vom Herrn der „Heerscharen" aus einen welt historischen Po sie» gestellt zu fein, wie das jüdische. Wie ivärcn ohne dieses Bewußtsein alle die Wunder eines durch Jahrhunderte fortgesetzten Martyriums möglich geworden, wie hätte das jüdische Bolk aller materiell-nationalen Grund lagen bar, sonst überhaupt sich als ein einheitlicher sozialer SrganismuS erhalten können in den Stürmen der geschichtlichen Entwicklung' Isi s aber eine Wahrheit, daß unsrer als Bolk noch eine große geschichtliche Aufgab,' harrt, der wir mir jedem Tage in der Erfüllung von P’XtT rv^P vorbereitend gerecht zu iverden suchen, dann sieht und fällt ja die Möglichkeit der endlichen Losung dieser Aufgabe vor allett Dingen mit der Irage unseres Da Seins. Ist Leben zwar nicht Selbstziveck, wohl aber Bor bedingnng für den nationale!'. Pffichtdicnsi des jüdischen Bolkes. danii sind die .Kinderscharen, die wir in den Kulturvrozeß hineinsenden, die wahrhaften Träger der sittlichen Weltentwick lung, dann ist die Geb urtsstatiftif der allcrcrft c Gra d m esse r für den Stand der nationalen Sirtiichkeir des jüdischen B o l k e s. Zn alle» Zeiten ha: denir auch im Kreise des indischen Bolkes die grundlegende Bedeutung dieses Gedankcits unbeschränkte Anerkennliiig gefunden. Als eine sittliche Pflicht galt dem Juden die Gründung seines Hauses, als edelste und heiligste Pflicht nicht minder die Schöpfung immer neuen reichen fröhlichen Lebens in den Mauern dieses Hauses. Kein Unglück ward härter empfunden als die Bersagung des Kindersegens, keine Schmach drückender als der Fierdacht, es könne Ieigheil, Selbstsucht oder Begucmlichkert den Mangel dieses Segens selber verfchuldet haben. Wohl zieht nach der positiven Seite das jüdische Gesetz, das die göttliche Wahrhaftigkeit und Tiefe seiner -tormen nirgends so sehr wie auf diesem Oiebiete beivährt, eiiie scharfe Grenzlinie zwischen der absoluten Erfülliiug der formulierten Gesetzes pfficht 1. B. M., I. 2* und der darüber hinausgehenden Anforderung sittlichen Pflichtbewußtfeins. Allein es bat durch die ganze Regelung des ehelichen Lebens, durch die scharte und rücksichtslose F*erdammnng des ganzen Systems der kliiderarmen Ehe, das die Hyperkultur des Altertums wie der Neuzeit geschaffen, doch mit Deutlichkeit den Weg vorgezeichnet, den seine treuen Söhne und Töchter zu wandeln haben, um sich selbst vor sittlicher Entartung, ihr Bolk vor dem Iluche des BölkertodeS zu bewahren. Prüft man dir Ursachen, die trotz alledem i» den letzten Jahrzehnten dem westeuropäischen Teil des jüdischen BolkeS das Brandmal der Degeneration aufprägen, io wird wohl znmeisi dtiraus hingewiesen, daß die sinkende GeburtSrate ein allgemeines Symptom fortschreitender Kultur (ei. Gewiß mag der in immer schärferen Iormen einsetzende Kamps ums Dasein mit dem uuge heuren Berbrauch an Nervenkraft, den er b-b*,^», die Iortpffanzungskraft des Kulturmenschen überhaupt beeinträchtigenI unddasz dieseDcgenrrationserscheinung den Kurtur - I u d,e n mit seiner ein- 4