Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 48 (29.11.1906)
- Date
- 1906-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 4M. «ritt 4. ftraqc der Trennung von Kirche und Staat. RacH den (besetzen Basels wird nur die Landeskirche vom Staat erhalten. Unter der Landes kirche sind aber nur die Protestanten und die Altkatholikeu verstanden, während die Römisch- Katholischen, deren es in Basel über 40000 giebt. uiid die Juden, bcrcn Zahl 2—Gxx> beträgt, von Staate keinen Beitrag zu den Kosten ihres Kultus empfangen. Es lagen nun dem Große» Rat zwei Anträge zur Beratung vor. Ter eine - ,,Anzug״ Gutziviier verlangte die Subventionierung der katholischen Kirche mit jährlich Fr. 40,000, der aitucu■ ״Anzug״ Knörr — ersuchte die Regie rnng ein besetz über die Trennung der .Kirche vom Staat ansznarbeiten. Die llngerechtigkeit des bisherigen Zustandes, daß ans den Steuer- Beiträgen Andersgläubiger die beiden ״Landes kirchen" uiiterstützt werden, wurde von allen Seiten lebhaft anerkannt, und der Bcrtreter der Regie rnng, Vorsteher des Justiz-Tepartements Regie rungsrat Burkhard, trat sogar für die völlige Trennung der Kirche vom Staat als der gerech testen Lösung der Frage ein. Merkivürdigerweise waren die Konservativen grosicit Teils ebenfalls dieser Ansicht. Ihre Sprecher meinten, die Reli gion »verde auch ohne die Bevormundung des -Staates sich gedeihlich und segensreich entwickeln, die Beziehungen des Pfarrers zu seiner Gemeinde »vürden noch innigere und herzlichere werden, wenn er, ohne ein Tiener des Staates zu sein, ihr seine Fähigkeit widmesei doch die Hauptsache schon heute ״nicht was der Pfarrer ans der Kanzel» soiidcrn was er unter der Kanzel rede." Tie freisinnige Partei trat geschlossen für den Antrag Gutziviler, Unterstützung der Katho liken, ein, womit ivie die masigevenökil Führer hervorhoben, auch eine Subventionierung des jüdischen Kultno verbunden sei. Sie machten geltend, daß der Staat die Religion nicht entbehrcn könne, sic sei ein wichtigeo Moment der Erziehung. Tie Religion diene dazu, die Jugend zu gewissenhaften, treuen Bürgern hernnzubilden, ne citiille eine Kultur Rcission, deren der Staat nicht enrraren könne 'Würde die Kirche vom Staat getrennt, — auch dieses Moment lvnrde zu gunsten der Beibehaltung des bisherigen Zn standcs in die Wagschalc geworfen, so würden unter den verschiedenen kirchlichen Richtungen, die bis 1etz! unter der Aussicht der Sraatsbchörden in Frieden und Eintracht neben einander wirken, Streit und Zwietracht unausbleiblich sein. Schließlich siegle der Antrag Gutzwiler ״Unter Nützung des katholischen Kultus" mit «0׳ gegen Stinnncn. Ein endgültiges Resultat liegt aber mit dieser Abstimmung nicht vor. Jetzt arbeitet der Regiernngsrat einen GeictzEurwurs aus, der wahrscheinlich durch das Referendum der Volksabstimmung unterivorsen lverdcu wird. Tas lepte i^ort hat also, »vie in allen demokratischen Staatsive'eii, das Volk zu sprechen. Wie immer die Entscheidung falle, 11>h Juden können, wie cs scheint, nur geivinnen. Bis jetzt har die hiesige jüdische Gemeinde ivedcr als Bei stcuer für ihr jährliches Budget, das Ir. .'►<)(HH > beträgt, noch bei dem 'Bau der Svnagoge, der Enverbtliig des Friedhoies und der Errichtung der verschiedenen Wohlrätigkeits Anstalten die ge ringsie finanzielle Unterstübung von der Regierung empfangen. Run wird, ivenn die Trennung von Kirche und Staat iiicht ausgesprochen, die jüdische Gemeinde, ebenso lvie die katholische eine jährliche Subvention erhalten. Bis jetzt bat die Regie rnng sich jeder Einmischung i» die Angelegenheiten der jüdischen Een,einde völlig enthalten. Manche fürchten, sie iverde mit diesem Prinzip brechen, wenn wir einen!ährlichen Staatsbeilrag empsan gen. In diesem Falle iväre allerdings die Staats Hilw zu teuer ciTauft! In der Ttskussiou wurde von den hcrvortagenden Mitgliedern des Erosion Rates die jüdische Geineinde stets achtungsvoll genannt lind ihr gutes Recht aus gleiche Behändttmg ivie die ander» Kulte als etwas selbstver ständliches hingettellt. Besonders wohltuend de rübne ein in den ״Basler Rnchrjchkeil" erschie nener ichöiwr Aufsatz von Pfarrer Bolliger. der gegen die Trennung von Kirche und Staat pole m,nene. weil nur dir Religion im Stande sei, Der J-raeltt. das Gewissen des Menschen zu schärfen und ihn ur Pflichttreue zu erziehen. Wo man bei Mensche», ie sich vom Glauben abgewendet, diese Eigen schaft dennoch finde, beruhe sic, oft unbewußt, aus religiöser Erziehung, deren wohltätige Folgen sich ivährend des ganzen Lebens bemerkbar machen. Zum Schluß wandte sich der Versasier der Frage zu, ob auch die Jüdische Gemeinde unterstützt werden solle, und glaubte, diese Frage aus voUem Herzen bejahen zu sollen. ,״Kommt doch, wie der Apostel Johannes lehrt, alles Heil von den Juden! Und wer hat ans bereit, nngen lind hoffen gelehrt, ivenn nicht die Juden? Ist doch das Ehristeutum nichts anderes als fortgeschrittenes veredeltes Iudentuin!"! Selbstverständlich denken wir über die Frage, ob das Ehristentum einen Fortschritt gcgeuüber dem Judentum darstellt, etwas anders, als Herr Pfarrer B.) — Bis dahin lvaren in der Tebatte antisemitische Accente zu unserer Freude vermieden worden. Tem sozialdemokratischeu Sprecher Bruno Gutsmailn blieb es Vorbehalten, seinen antisemitischen Gefühlen mit einer Zitierung aus den Schriften bes be kannten Iudenhassers P. Lagarde, durch die er die Religionsauschauungen des Judentums zu diskreditieren suchte Luft zu macheu. Wie verträgt sich mit dem sozialdemokratischen Partei-Grund satz ״Religion ist Privatsache" diese Einmischung in jüdische interne. religiöse Anschauungen, die dem Verständnis eines Andersgläubigen völlig fern liegen, auch wenn er sich aus den Schriften des bekannten Antisemiten Lagarde Belehrung sucht? Ist nicht die Stellung der Sozialdcmo kratie in dieser Frage eine durch ihre Prinzipien völlig klar vorgezeichnete? Sie ist arundsätzlich gegen sie Subventionierung irgend einer Kircheivird aber die eine unterstützt, so erfordert es die Gerechtigkeit, daß alle Kulte in gleicher Weise staatliche Hülse erhalten. Sder hört auch bei den Sozialdemokraten die Gerechtigkeit auf, ivo es sich um jüdische Angelegenheiten handelt? Taß der sozialgemokratische Redner sich nicht nur gegen das Judentum, soildern gegeit die Prinzipien seiner eigenen Partei versündigt hat, erkennt mau am deutlichsten, wenn man seinen Worten diejenigen Liebknechts gcgcnüberstellt: ״Jeder Mensch hat das Recht, zu denken und zu glauben, was er ivill und niemand hat das Recht, jemand in seinem Tenken und Glauben zu behelligen, einznschränken, ihm sein Tenke» und Glauben zu einem Rackneil irgend welcher Art gereichen zu lassen. Vorgehen kann man dann erst gegen Meinungen und Glauben, ivenn Meinungen und Glauben sich in gemeinschädliche und ungesetzliche Haiidimlgen umsetzcn, lvie z. B. bei gewissen Muckersekten. Aber die Meinungen, der Glaube müssen direkt und frei sein, ivir als Sozialdemokraten haben sie zu respektieren, und der Sozialdemokrat, der das Recht, die Würde des Mitineuscheu achtet, ivird sich hüteii, den Glauben eines Mitmenschen zu verhöhne», lieber Haupt nt die Verhöhnung irgend eines Vorurteils stets töricht und unpolitisch und ivird das Borurteil niir stärket»." I»1 grosicil Rate selbst trat Tr. Feigemvinter, der Führer der Katholiken, dem Sozialdemokraten scharf entgegen. Von allgemeincni Interesse dürsten in unserer Zeit der allgemeinen Anti Schacht Bewegung die tolgeiidcn Bemerkungen des Redners ieiir: ״Es ist wahrhaftig keine Perle in unserer schweizerischen Bundesversassnng, iveilii das Schächtverbot cingesührt worden ist, denn ivenn man iveisi, wie bamit eigentlich die Gewissen be drückt werden, wie deshalb kem Pfund weniger geschachtetes Fleisch gegessen ivird, wie vielmehr die Israeliten durch dieses Schächtverbot ge-;willigen lverdcu, geschlichtetes Fle sch aus dem Auslaiid zu beziehen, was ihnen vielleicht >00, AX», Fr. unnötige Kosten verursacht und aus der anderen Seite unsere schweizerische In dustrie in einem gewissen Maße schädigt, so muß man sagen: Es ivar damals eine autisemitschc Strömung, die besser nicht zur Majorität und zum Siege gelangt wäre. Wir sollte» uns hüten, aus derartige Tinge hier eiuzurreten. Tenn es 2st. November 1906 nützt nichts und kanu höchstens diejenigen, die sich hier nicht verteidigen können, beleidigen." Im großen Rate von Basel sitzen zwei jüdische Sozialdemokraten, von denen der eine allerdings, soweit uns bekannt, sich ״konfessionslos" nemil^ ivährend der andere Mitglied der jüdische» Ge' nieinde ist. Taß beide kein passendes Wort ge funden haben, um gegen den, gerade vom sozial demokratischeu Gleichheits-Standpunkt ebenso un würdigen ivie ungerechten Angriff aus die jüdische Gemeinde zu protestieren, das ist das Merkwürdigste an der ganzen Angelegenheit. Ein ״J’accuse" in alter Zelt. Bon A. Mannheimer in Denelback. «Schluß. Tie Sprache, die Jakob gegenüber Laban geführt, ist in ihrer Ursache, Form m,d Wirkung höchst bemerkenswert. Sie ist zunächst die laute Stimme des guten Gewissens. So ivcnig es den, Menschen gelingt, das Gewissen aus der Brust zu scheucheil, in die es Gott als Zeugnis seines Taseins und der gerechten Welt ordnling einsetzte, ebenso ivenig vermag man die Sprache der Unschuld und 'Wahrheit aus die Dauer z»l linterdrücken oder zu erftiefeu. Sie ist eine Macht, mit der selbst Despoten und ge fürchtete Gewalthaber rechnen. Auch sie fühlen die Siegeskrast des Rechtes und der Wahrheit. Ihrem Banne kann sich der Mensch nicht leicht entziehen, so gerne er auch möchte. Es bedarf großer Anstrengung, um äußerlich iiicht inerkeu zu lassen, daß man in Unaunicht'.gkeit redet, eben iveil das gegen die Ratur geht. Ter Mensch ist im Ebenbilde Gottes geschaffen, und אדה חותמו יצל ריקב״ה Wahrheit, das Gottessiegel, ist unsercm Wesen aufgedrückt. Von Ratur sind wir un die Wahrheit geschaffen, von Natur empfinden »vir Liebe zur Wahrheit, Freude an ihr, den Trang, sic ailfzunehmeil und das Bedürfnis sie z» be kennen. Dieser Draug läßt sich nur kuiptlich ab lveiseu, selbst die Virtuosität im Lügen ist und bleibt eilte Vergewaltigung der Natur. Tie Sprache des Rechtes und der Unschuld quillt aus der •Natur lind sucht auch ihr Ziel in der natüv liehen Reignng des Menschen zur Wahrheit und ziim Rechte. Gerade dar»»»״ wird sie so gefürchtet, >vo sie ״unbequem" erscheinen könnte. Der Heb räer hat für ״Ding" und ״Wort" denselben Aus druck: רבי־. Ihm ist ein Wort schon eine Sache, ein Gegenstand, nicht ein verhallender Hauch. Tas Wort ist eilie Waffe. Und wenn auch er aller Verteidiguugsiuiltei bar ist, bleibt doch dem Menschen in letzter Linie das דבי־, das Wort übrig, das ihm Gott zum Schutze mir aus deil Lebensiveg gab. Wehe, ivenn äußere Geivalt es so iveit treibt, daß Unterdrückte imd Mißhandelte zu dem letzten Kampsesmittel greisen müsse» - wehe, ivenn die Unschuld;11 Gott ausschreit! והיה כ* יצעק אלי ו׳צמעה* בי חנון אני, Solchen Aufschrei vernehme ich 2. B. M. 22, l‘.♦. Und ivenn auch alle Himnielstore verschlösse!» wären, der unschuldig geiveinreir Träne bleiben sie nimmer ver schlossen! — — Jakob Ni acht von jenem Mittel Laban gegen über Gebrauch. Sein Wort, als die Sprache des reinen Gewissens, des Rechtes und der Un schuld, trifft mächtig das Innere Lnbairs. Diese» Held der falschen Zunge, dieser Mann der kühnen Tat sieht machtlos einem Jakob gegenüber, dessen persönlicher Eharakter, deffen Vergangenheit nur lauter, klar und in schönstem Lichte sich gezeigt. Ei!» solcher Manii kamt leicht das böse Gewissen eines Laban einschüchtern, ihn »iederschmettern, die Macht der Unschuld führt das 'Wort, Jakob redet — Laban stammelt! — — Jakob s flammender Protest verdient wahrlick! unsere volle Beivunderung! Es gehörte iiiimclbin Mm dazu, so auszutretcn. Konnte nicht Laban seine überlegene Macht gegen Jakob ainvendeil trotz göttlichen Verweises? Zeigt doch Laban seinen grimmigen Haß gerade durch das Gestand nis, daß nur Gott ihn von verderblichem L1»> abbaltc. צ ייאל •די לע׳צית עטכם יע", daß er »iber wohl den Willen und die Macht besitze, Un