Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 47 (22.11.1906)
- Date
- 1906-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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22. November 1906 f ft Israeli» Nr. 47. Leite 3. In den 10/115 Fällen, in den die United Hebretv Cbarilies angeqangen wurden, brauchte sehr häufig nur Rat erteilt zu werden,- nur in 6200 Fällen wurde materielle Unterstützung nachgesucht. Meist war diese Unterstützung aber nur eine vorübergehende, und man kann aus den stütiftischen Feststellungen deutlich das Bestreben der HUfsbedürftigen sich mit der Zeit völlig auf eigene Füße zu stellen, erkennen. Bon den Personen, die 1 ><04—1805 zum ersten Mal Unterstützung begehrten, wandten sich 1005 nur noch 3°., von denen aus 1890—189** 5״/«, von denen auS 1000—1903 7V/״ und von den vorjährigen Supplikanten 14", an die United Hebrew Charities. Eine vergleichende Tabelle lehrt, daß nur 8°/״ der Inden, dagegen 8'/,°/, der Engländer, 30°/« der Iren und 10°/, der Deutschen die Wohltätiakeit in Anspruch nahmen. Nicht minder günstig gestaltet sich ein Bergleich der Kriminalirät unter den verschiedenen Rationalitäten. Die Juden zählen 6%, die Engländer 11°/«, die Iren 15'/» und die Deutschen und Italiener >e 13“!« bestrafte Individuen. Hervorzuyeben ist ferner aus dem Bericht Lindsay's die Anerkennung, die er über die Mäßigkeit, den Fleiß und die geistigeil Fähigkeiten der jüdischen Einwanderer ausspricht. Die Resultate dieses Berichtes sind um so be deutsamer, als es sich dabei um amtliche, völlig objektiv gehaltene Feststellungen handelt. Erwirb jedenfalls den Elementen, die über die lieberschwemmung Amerikas mit armen Leuten klagen, nicht willkommen sein, noch weniger aber wird | ihnen eine Rede des früheren Präsidenten Cleve land, die im Anhang abgedruckt ist, Bergnügen > bereiten. In dieser Rede sagte Cleveland u. a.: ״Man behauptet, daß dieO.ualität der gegemvärtigen Einwanderung nicht wünschenswert sei. Roch aber ist es in aller Erinnerung, daß man dasselbe einst von Einwandrern behauptet, die mit ihren Rachkommen jetzt zu unsren besten Bürgern gehören." Ein ״J’accuse“ in alter Zeit» Bon A. Mannheimer in Dettelbach. Es ist keine seltene Erscheinung, daß Inden vor Personen, Leistungen und gescyichtlichen Tatsachen der nichtjüdischen Welt überaus viel Respekt haben, dagegen taub und blind sich zeigen gegenüber den Wahrnehmungen im eigenen Lager. Sie stannen den Freimnt eines Lnther ans dem Reichstage zu Worms an, haben aber kein Wort der Bewunderung übrig für die eignen Ahnen, die todesmutig die lodernden Scheiterhaufen bestiegen. Als vor mehreren Jahren der große französische Romancier sein donnerndes ״I'aeeuse" in die Wagschale der Wahrheit und Gerechtigkeit warf, da waren es nicht in letzter Lmie unsere Glaubensgenossen, die den kühnen Annmlt deS Rechtes bewlrndcrrcn und verherrlichten. Handelte es sich doch dazumal um einen jüdischen Männrer und dessen Ehrenrettung gegenüber einer elenden antisemitischen Mache. Der Kampf ums Recht konnte da naturgemäß unserer Sympathien von vornherein gewiß sein. Die jüdische Geschichte zeigt aber in überaus lehr reicher An, daß ״alles schon dagewefen", die Zeit sorgt nur für Reuauflagen und Wieder- Holungen im Laufe der Jahrhunderte. Bon einem ״I'accuse" in der ältesten Zeit weiß auch unser heutiger Wochenabschnitt zu berichten, und wir empfinden mit hoher Genugtuung den glänzenden Sieg der unterdrückten Unschuld. Die Sidra ויצא bringt uns eine der interessantesten Szenen aus dem reichbcwcgtcn Leben unseres Stammvaters Jakob: Das Zusammen trefen Labans mit dem heimlich ent wichenen Jakob! Wir müssen jedoch den Hintergrund genau kennen, ans dem sich der Borgang abgespielt: dann erst verstehen wir ihn recht zu bewerten. Lange Zeit hatte Jakob bei Laban gelebt, treu und gewissenhaft seines Hirtenberufes gewaltet und dafür nur wenig Dank und Ancrkennnng geerntet. Selbst den rechtlichen Anspruch auf den lauer verdienten Lohn suchte Laban durch allerhand betrügerische Manipulationen illusorisch zu machen. Einem Betrüget gegenüber, wie cs Laban gewesen, half selbst die größte Borsicht nichts. Ausdrücklich hatte Jakob als Lohn der ersten sieben Dienstjahre ״Rachel, die jüngere Tochter" bezeichnet. Am Ende der Zeit erhielt er sie doch nicht! ״Man tut das nicht au unserem Orte, die Jüngere vor der Aelteren herzugeben", meinte kaltolütia Laban. Und wiederum mußte Jakob sieben Jahre die Schafe hüten um der Geliebten willen. Das bittere Unrecht, das hierin für Jakob lag, mußte diesen umsomehr schmerzen, als es der eigene Oheim war, der die legalsten Rechte mit Füßen trat, nicht einmal menschliche, geschweige denn venvandtschaftliche Empfindungen bekundete. Und das Schmerzgefühl des Dienenden erfuhr mit den Jahren noch eine Steigerung durch die fortgesetzt schnöde Handlungsweise des nnatürlichenn Schwiegervaters. Kauni ivareii die vierzehn Dicnstjahre beendet, als die Chikanen von neuem beganilen. Jakob diente sechs Jahre um Schafe, iind von Jahr ztl Iahrsuchte ihm Laban unter allerlei Bc rivänden den Hüterlohn zu entziehen, hänftc neues Unrecht zn den alten Sünden. Dennoch segnete Gott den Stammvater Jakob mit reichen Gütern. Es erblühten ihm in Labans Hanse elf Söhne und eine Tochter, es wuchsen seine Herden zu ansehnlichem Umfang, und es mehrte sich sein Besitz. Das erregte iviedcruni den Reib Labans. Er wurde überaus unfreundlich; Labans Söhne kränkten Jakob mit dem Hinweis, daß er sich von ihres Baters Gut bereichert habe. Das vergällte dem Bater Jakob den Genuß seiner schwer errungenen Lebensgüter, verleidete ihm jeden Tag und jede Stunde, die er in solcher llmgebnna zuzubringen batte. Ist's ein Wunder, daß ihm oic göttliche Aufforderung, nunmehr zur Heimat zurückzukehren, wie eine Erlösung klang aus jahrelangem Druck und Unrecht? Jakob rief alsbald seine beiden Frauen auf's Feld, hielt ihnen die Handlungsweise ihres BaterS vor und stellte ihr die eigene, allzeit strenge Redlichkeit gegenüber. Besonders aber machte er Mitteilung von dem göttlichen Befehl, jetzt nach der Heimat zurückzuivandern. Mit lcharfen Worten verurteilen Rachel und Lea das schändliche Gebahren ihres Baters, dem sie nicht mehr kindliche Gefühle cntgegenbringen können. "העוד לגי, חלק ונהלה בבית אביני haben wir denn noch Anteil und Erbe am väterlichen Hanse? Wurden wir doch Fremden gleich von ihm geachtet: denn er hat uns verkauft und ver zehrt, ja verzehrt nnser Geld! Wohlan, alles was Gott zn Dir gesagt, das tue!" — Rach solch entschiedener Rede, ans solch ent schiedenen Rat der Rächststehenden entschloß sich Jakob zur Flucht' Heimich wollte Jakob ent weichen, heimlich nur konnte er entweichen unter den vbwnllenoen Berhäilniffen. Wir sehen aber an der Rücksprache mit Lea und Rachel, daß eS Jakob nicht leicht fiel, den Abzug aus solche Art zu organisieren: der Plan könnte illegal erscheinen. Doch war es die uhima ratio, ein anderer Aus weg bot sich kaum. AuS der Unterhandlung mit seinen Frailen entnehmen wir Jakobs Rechtsertiaung bei seinem Borhaben. Das ist der historische Hintergrund zu der j hochdramarische:׳. Szene im heutigen Wo^euab-! schnitt. Erst so können nur sie psychologisch j würdigen, in ihren Motiven recht begreifen, i Laban eilte Jakob nach, furchtbare Rachegedanken im Herzen' Die Hagada stellt ihn als einen größeren Feind dar als Pharao in Egypten. 'לבן בקש לעקר את הבי, Laban suchte die ganze Iakobsfamilie mit der Wurzel auSzurotten, nicht etwa nur die Männlichen, wie Pharao. Er hätte das Leben der eigenen Kinder und Enkel nicht geschont, wenn Gott nicht eingegriffen und ihm die st re nste Reserve anferlegt hätte. ״Weder Gutes noch BöseS" soll Laban mit Jakob reden. In Eilmärschen verfolgt Laban seinen Schwiegersohn und holt ihn bald ein. In mühsam verhaltenein Grimm sagt Laban, daß um Gottes Wort ihn abhalte, von der weit überlegenen Kraft unheilvollen lsiebrauch zu machen. Das heimliche Entweichen findet er thöiicht, aber Crroache! Schild Awrohoms, Schützer Jisrorls, Stoße mit bcrgedurckzitterndem Tone vsn die Posaune und aui Deinem Berge, Libanon schwenke das Banner JiSroels, Sammle die Deinen, die Deiner harren, Sammle, die ehemals dort dich verehrten, Auf Deiner Stätte Jerusalem: Schwenke daS Banner und sammle die Stämme, Blase in die Posaune und rufe: Ziaun, Ziaun, erwache, erwache! Siegfried Ros ent dal in Eöln-Maven. Lear Hagen. ״Und Leas Augen waren — blöd". Diese Kraftprobe j eines feinen Geschmacks und eines wohlausgebildcten Sinnes ' für galante Zuvorkommenheit hat sich vor Jahc und Tag i rin der ״ästhetinerrnden" Rcformrichiung angehörrnder Bibelüberfetzer geleistet. LraS Augen waren blöd. Der ״orthodore Mucker" S. R. Hirsch hat sich auch hier als > der größere Aesthet erwiesen, wenn er ועיני ־יא- רכיון mit ״LeaS Augen waren zarr" verdeutscht. Zarr waren sie, nicht blöd. Sanft und mild. RahclS prangende Schönheit, LraS sanfte Anmut — rin dankbarer j Borwurf für Novellisten, die nur über daS genügende > Mab cineS unverdorbenru Geschmacks und über auS-! reichende Fähigkeit einer zartfinnigrn Einfühlung verfügen müßten, um mit ihrer plumpen Häufung von marktschreierischen Adiekrivrn und endlosen Appositionen die deceme Einfachheit nicht zu zerstören, m!t der ein göttlicher Griffel Frauenichünbeit zeichnet. Wenn Schiller in seinem PerfonenverzeichniS zum s Fiesko die Kontrastwirkung von JuliaS und Lronares Aeusterem in Worten wiedergedrn will, wie umständlich häuft er die Attribute, wie schlecht gelingt eS Ihm, präci« und klar die Schönheit seiner Heldinnen zu nüancieren. Auch für solche Nebcnsächüchkeiten scheint die Bibel dir kundigste Lrhrmeisterin zu sein. LeaS Augen waren zart. Rahel war schön von Gestalt, schön von Ansehen. Die Thora verschmäht es, die ästde- : tischen Gesetze der maßvollen Einfachheit, da« künstlerisch- ' ne mml5 zu verletzen. ' LeaS Augen waren zart. Warum? שהיתר, כבורה יעלות בגורלו שי עשו ובינה -בודו הנל אוםיים שני בנים לרבקה ישתי בנית «1לבן הגדולה לגדול יהקטנה לקטן. Sie waren zart, weil sie sich oft mit Thränrn füllten. , Und warum weinte sie? Weil e» ihr vor Esau graute. > Man klatschte allgemein- Zwei Söbne hat Riwka, zwei Töchter hat Laban: dir ältere kriegt den älteren, die jüngere! den jüngeren. ' LeaS Grauen ist ein heroischer Zug im Eharaklerj bilde unserer Stammmutter und erregt Bewunderung.! Sie fürchtet sich vor dem reisigen Esau mit dem klirrenden : Schwert an der Seile und beneidet wohl ihre jüngere j Schwester, die der Stadtklatsch mit dem ganz unsoldatischrn ׳ Jakob vermählt. j ES giebt keine sprechenderen Augen al» die verweinten > Lea». Eindringlicher als alle eingebundene Mondschemlvrik predigen ne den sittlichen Zweck der höchsten Lebensgemeinschast aus Erden. Nach dem reckenhaften Esau, der nicht nur ein Held, ein trefflicher Träger der Waffe war, in deffrn Adern doch ünmeryin das blaue Blut des abrahamitlschen Adel» wallte, mag sich gar manche vor treffliche Maid mit stillen TehmuchtSieuszern verzehrt haben. Dir öffentliche Nieiniing war ihm zugrta». Beweis yc Vermühltr ihu bei Theegesrllfchaflen schon lange mit rincr der ehrsamsten Bürgerstöchtrr, mit Lea. Man hat eS wobl öfters Lea selber ins Gesicht gesagt und ihrer Tränen nicht geachtet oder ihre Tränen nickt verstanden, die ihre Augen füllten, so daß sie weinte, immerfort weinte, biS sie ihren ursprünglichen Glanz vei loren und sanft und trübe wurden. Slr wollte ihn nicht. An der Seite eines wilde» IägrrS glaubte sie n:chi glücklich zu iveiven. Er Hane alle äußeren Borzüge eines tüchtigen Manne», wir ihn die Romane zeichnen. Und er konnte sicherlich auch Liebesbrirse schreiben, LiebeSschwüre stammeln, das! eS nur so krachte. Und renommieren konnte er — eS war ein Bergnügen zuzuhören. Seine Witze — einfach zum Kranklachen. Dave! welch ein Held' Die halbe Welt werde er ihr zu Fützen legen, fl״sterte man beim Tbee und bedauert» wohl >m Stillen das Geschick der schönen Rahel, die glücklich sein müsse, wenn ihr Gatte über Jahr und Tag em Stückchen Brot zum kärglichen vebensmabl erlangen werde. DaS alle» wuhte und hörte Lea und dennoch graute es ihr vor ihm und sehnte sie sich nach dem jüngeren Jakob, dem die öffentliche Meinung weniger Vorbeeren in Aussicht stellte, der weniger Talent zu einem hochgemuten Recken aleine ungewöhnliche Eignung besäst, Gatte und Bater zu werden. An seiner Teile blitzte kein Säbel, aber in seinem Innern lebte Gott. DaS dünkte ihr ein groher Borzug, weil sie den Lebensbund nicht nur schließen, sondern auch mit Größe und Schönheit beseelen und durchdringen wollte. Ta Lea noch frei war, malte sie sich in da Phantasie alle Schrecknisie einer Lebensgemeinschaft mit Esau aus. Sie war nicht von;ener hausbackenen Nüchternheit, die sich in dir Sensationen einer Romanze nicht hlneinjudenken versteht. Wer mit solcher sinnvollen Innigkeit persönliche Empfindungen in die Namen irmer