Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 46 (15.11.1906)
- Date
- 1906-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. ^6 des ״)sraelit". &u-.-^.\uA / W 1 euilleton. Der Baal-$cl)em von micbelstadt. Bon Dubaii*. |10] Bochdruck verboten. Als sie oben an dem 15ן1ז1ו>ן11וד der Höhle des Bchphethauptiiiaunes angekomineii ivaren, machte <KMdsticker Halt und sprach lialblniit zu sich selber in der heiligen Sprache : ״Unsere Weisen sage», inan legt sich Gelübde ans im Augenblick der Not. Wenn Du, hium! lischer Batet, mich und mein Besiytum aus dieser (Gefahr errettest, so iverde ich die Halste desselben den Armen und andern ivohltätigen Zwecken zu tuen den." Dieses (Gelöbnis gab i ui neuen Lebensmut und zuversichtlich trat er i» die Höhle ein, die von mehreren Kienspänen durstig erleuchtet ivar. Sic war ziemlich geräumig und in der Mitte der selben fall auf eincui über zwei Fässer gelegten Breit der Schiiideihaiiiics 1>>׳ve11 riiicm etiva siebzehnjährigen Mädchen, das ihm als die Jyra» des Hanplniannes von feinem Begleiter bezeichnet lvurde. ,x» der Höhle lagen .Kl.ider, Teppiche riild (Geräte aller An i» lluorduung umher. Auch ein Tisch und eine Kommode soivie ein Bett befand sich darin, aber durch den Bauch der Kicnspäne, der feinen rechten Abzug batte, ivar der Hauptiuauu selbst aus den erstell Blick nicht sichtbar. Als Goldtticker sich einige Schritte ge nähert hatte, trat auch die Person des Räuber hauptmauues und seiner Genossin aus dem dichten D.ualm deutlicher hervor. Goldnicker, der einen wetterfesten, im besten Maniiesalter stehen den Biesen erwartet hatte, war erstaunt, als er einen juilgeil, schmächtigcil Menschen erblickte, der kauni älter als zivei- bis dreiuiidzivauzig Satire alt sein konnte. Aber es ivar kein Ziveisel, er hatte den leibhaftigen Schinderhannes vor sich denn sein Begleiter trat einen Schritt vor und meldete mit der Haltung eines Soldaten vor seinem Borgeseyten: ״Dieser Hebräer hat mich 1.1» Borfnhruug vor den Herrn Hauptinann ersucht, er habe eine direkte Botschasl zu nbcrbringeu. Sein Wageu und Rutscher halte» am Lagerplay." ״?lach bieten Woneu tritt der Bä über zurück »nd »Koldtticker!rat rot den Hauptiuanii .Dieser schien nach fciitetn geröteten «Besicht uiid seinen glübeudeu Augen viel getrunken zu haben. Die Botschafteil. die er ur der Begel erhielt, ivaren Mitteilungen über Güter und Baneruböte, die;ii brand'äiahen ivaren, oft auch waren es War uuugeii vor Bersolgiiugcu. ivelche die Behörden gegen die Bäuberbandc vlaineu. Der Schinder Hannes mochte ähnliches erwartet haben und fragte, uachdeiii er einet! musternden Blick aus Goldtticker geivonen Hane, mit zur Schau ge rrageuer Gjcicklgilligkeit und Bachlässigkeit 1 Bo» wein habt Ihr mir eine Botschaft zu bringen?״ ״Bon dem Manne", erividerte Goldtticker, der dem >>׳rrn Haupliiiann zwischen Seligen ׳ladt und Babenhausen einmal Beis zu offen gab." Bei diesen Worten schirellke der Bäuberhallpt mann mit einer Plöylichkeit in die Höbe, das, das Brett, aus dem er mit seiner Gefährtin ias, das Gleichgeivichk verlor »nd diese zu Boden siel. Schinderhannes gab dein noch iiumcr am Eingang postierten Bänder ein Zeichen, das er mit dem Frauenzimmer die Höhle verlassen solle, was sofort geschah. ״Wenn Ihr von diesem Maiine fonnnr", be gaiiti der Hanptniann, der alle Trunkenheit ab gelegt zu haben schien, ״so habt Ihr mir gewis eine Mitteilung unter vier Augen zil machen, üm was handelt es sich?" ״Mein Auftraggeber", eutgegnetc Goldtticker, ״läst den Herr Hauptmauu durch mich an sein Bersprechcu erinnern, die Juden zu schoucn. Er hat nämlich gehört, das dietcs Bcrfprechen ivieder holt gebrochen worden sei." Diese wenigen Worte machte» aut den Bäuber einen Eindruck, der alle Erivartungcii hi ter sich zurück lies, lautlos stand er mit uiederge tchlagcnen Augen einige Minuten wie ein abge kauzelter Schulknabc da. Dann erhob er den Blick und heftete ihn wie bittend aus Goldsticker, indem er fragte: ״Wo lebt der Manu? Wie Heist er? Welche Stellung bekleidet er?" Diese vollkomiirene Unkenntnis!nachte Gold sticket׳ ttuyig. Seine Eigenschaft als Baal Scheu! ivar es also nicht, die dem Auftrag seines Auf traggebers einen solchen Eiuslus verlieh. Weni! aber der Baal Schein Ursache hatte, den Bäuberhauptmann über sich nicht aufzuklären, so glaubte sich Goldstickcr zu derselben Zurückhaltung ver pflichtet. Er erwiderte deshalb kurz: ״Zur Beantwortung dieser Frage habe ich keinen Auftrag." ״Meinen Austrag?" wiederholte finster der Bäuberhäuptmaiin. ״Wann ich Euch aber liiermit den Auftrag dazu gebe, werdet Ihr Euch auch daun noch weigern?" ״Auch daun ivürde ich mich weigern, bis ich die Erlanbnis von der einzigeil Seite hätte, die mich dazu allein bcauftragen kann"; eutgegnete furchtlos Goldtticker. ״Respekt vor Euch!" Ues ihm der Haupt mann zu. ״Ihr seid ein ivackerer, furchtloser Mann. Hat er Euch die Geschichte mit dem Beis erzählt?" ״Bein, davon weis ich nichts. Ich iveis nicht mehr als ich den» Herrn Hauptinaun bcrichtet habe." ״Das ist schön von Eurem Herrn, das er sie Euch nicht erzählt hat. Aber ich will sie Euch erzählen, damit Ihr »׳ist, woher meiue Achtung vor Eurem Herrn datiert, ob ich nttn feinen Bauien und "Wohnung iveis oder nicht." Bei diesen Worten legte der Schinderhannes das Brett ivieder auf die Fässer und lud seine» Gatt ein, neben ihm Play zu nehmen, 11m sein Abenteuer zwischen Seligenstadt und Babeukausen anzukören. X. ,,Es mögen jcyt, ich iveis int Augenblick selb» nicht genau, wieviel Jahre her sein", Kob der Schinderhannes au, ״die Zeiten ivaren schlecht nnd die lleberfälle und Plünderungen brachten so viel ivie nichts ein. Da hörte ich. das Aschafscnburger .Kaufleute, ,velche die Frankfurter Messe besuchen ivollren, ihren Weg über Seligen stadt und Babenhausen nehnien. ״Wenn die Venre ans die Messe gehen, so sind sie lins viel will kommener, als ivenn sie von derselben kommen, ^m ettteu Falle führen sie bares Geld, >»> andern ,volle nur "Waren mir sich. Meine Bande ivar im Speisart engagiert, ich arbeitete daher allein auf eigene Faun mrd stellte mich in eineiu Scheidewege in dem großen Walde zivifchcu Seligenstadt und Babenhausen hinter einen grasen Baum, um die Borüberziehendeu abzuwarteu und abzufangen. Als ich kaum eine halbe Stunde aut der Lallet gestände >, kam ein "Wagen, ober nicht von Aschaffenburg, sondern aus der Richtung von Frankfurt her. In dem selben saseii zwei Hebräer und ein christlicher Rutscher. Ich falle den Pferden in die Zügel lind lasie einen ׳chrillcn Psin nach der einen Seite des Waldes hin ertönen, um die Beisendeu glauben zu machen, ich hätte noch Helfershelfer zur Stellein Wirklichkeit aber war ich ganz allein. Ich ris zunächst den Kutscher von seinem Siye zu Boden und wollte ihm Hände und Füße fesselnmit den Insassen des "Wagens dachte ich dann schon allein fertig zlt werden. Die beiden »*«*Vf♦• rt:*♦ ,*.*♦** •••••ff♦* »•*th?•♦ן f ,״־, 1“44♦*^ “•״V4VV «WUlllll, deren Widerstand ich nicht fürchtete. Aber während ich mit dem Kutscher zu tun hakte, geht der junge Mensch ganz ruhig alis dem "Wagen, packt mich von rückwärts »mb wirst mich mit einer Kraft auf den Boden, das ich mit dem Gesicht zur Erde zu lieg» kam. Ich knirsche vor "Wut und mache alle Anstrengung, um wenigstens das Gesicht nach oben zu bekommenaber cs war umsonst. Der junge Mann hatte eines seiner Knie in »leinein Bücken mit einer Heftigkeit ein gebohrt, das ich glaubte in einem Schraubstock zil Necken. Ich fluchte, wetterte und arbeitete mit aller Kraft, um den lästigen Angreifer abzu fchütteln; es war umsonst?' ״Gib den Strick her", ries er dem Kutscher zu, ״mit dem Dir der Strolch die Hände gebundeil hat!" ״Das kann ich nicht", eutgegnete der Klilscher, ״die Hände sind mir ja ziisammengeknebelt." ״Warte", rief der Alte, der iinmer noch ruhig ini "Wageil sas, ״ich iverde dem Kutscher die Stricke von den Hündcn lösen", lmd wollte aus dem Wagen steigen. ״Babbi", rief der junge Biese dem Alten zu. ״das erlaube ich nicht, das Ihr Euch wegen eines solchen Schurken von Elirem Siy beivegr. Es wäre doch eine ewige Schande für mich, ivenn ich Euch deshalb bemühe» sollte - mit dem Kerl will ich schon allein fertig werden. Johann, komin hierher zu mir, das ich Dir den Ltrick von der Hand nehme." Bei diesen Worreit scmc der junge Mann auch sein ziveites Knie auf meinen Bücken, die Hände aber lies er voll mir los, tim den Strick lösen zu können. Aber er preste mich ohne Zu hilfenahnie der Hände mit seinen blosen Knicu so fett an den Boden, das ich hätte laut auf schreien mögen, wen» ich mich!licht geschämt hätte. Mciiicm Bezwinger schien diese Arbeit gar keine Auttrengung zu machen, er griff ruhlg in die Tasche, holte sein Messer heraus, schnitt den Knoteil des Strickes dlirch ilnd schnürte meine beiden Hände auf den Bücken, dann packle er mich im Genick und trllg mich ohngefähr zehn Schritte schlvebend bis zu dem großen Baum, an welchem meine Flinte lehnte, lies sich aus dem Wagen einen ziveiten Strick geben und band mich so fest an den Baum, das ich kein Glied regen konnte. Das alles ging dem Biesen so leicht und glatt, als ob er sich ein Paar -Hand schlihe auziehe. Ich war mit der vorderen Seile des .Körpers au den Bauul gefesselt, aber »1eiu Kopf und Hals war frei, so das ich ihn rechts und links bewegen koimte. ״Ist Dein Gelvehr geladeii?" fragte er mich dann, mit einer Bube, als ob die Bezwingung voll Bällberhauptleuteu sein tägliches Geschäft sei. Ich aber hatte vor der Biesenkrast und kalt blütigcn Besonnen heit des jungen Mannes einen so höllischen Respekt bekomuiell, das ich ganz unterwürsig und vetfchüchtert antwortete: ״Bein, mein Herr, es ist nicht geladenicki habe allch niemals einen Menschen getötet und wollte auch Euer Leben nicht antatten." ״Glicht?" ries mein Bezlvingcr, ״was ivollteit Du denn sonst?" ״Die Zeiten sind schlecht, ich lvolltc Euch Euer Geld abnehnieu." ״Woher wist Ihr denn, das wirlKeld haben? ׳ ״,Hebräer haben immer Geld, und Ihr scheint gar von Frankfurt zu komnten " ״Und meint Ihr denn, daß wir uns unicr Geld so ruhig abnehmen lassen?"