Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-11-15 · 46 (15.11.1906) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
46 (15.11.1906)
Date
1906-11-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9894034--0896-7375379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15. November!906 trünnigcn allenfalls bedauern können, sicherlich aber die Pflicht fühlen sie zu überzeugen. Wer mit Verachtung an jenen unschuldig Schuldigen vorübergeht und sich mit dem Gedanken tröstet: mögen die schlechten Zweige getrost absallen, der Stamm wird um so besser gedeihe», je mehr er von den angeblich unlauteren Elementen besreit ist, versündigt sich gegen הוכה הוכיח אח עטיחך. Es in unsere Pflicht unsere» Mitbnideri, zu zeige»: ני הוא חכטהכם ובינחנם לעיני העטים איטי ישנועון אח כל החקים האלה יאכויו יק עם חכם ונבו; הגוי הגדול הזה. Unsere eigene Ueberzeugung kann dabei an Kraft ja auch nur gelvinneu. Solange wir einfach glauben, ohne auch durch Verstaudesgründe überzeugt zu sein, liegt die Gefahr inuncr noch vor, daß wir andererer Meinung werden können. יוחנן כי״ג בן שטנים שנה נעשה צדוקי. Ihr Väter und Mütter, schickt nicht eure Kinder ins Land hinaus, ohne sie vorher gestählt, geivappnet zu haben gegen die Gefahren, die das Leben bietet! Der vielgerüM« Kinderglaube mag ja vielleicht der reinste sedoch der am!»leisten Schlißbietende ist er sicher nicht. Die Zeiten haben sich in dieser Beziehung geändert und lver die An sorderungen, die an den Geist gestellt werden, nicht erfüllen kann, musi notivendigcriveise unter gehen, freilich, wer nur von VerstandeSgründeu iviifen will, der ist auch verloren, denn leicht wird jede andere Meinung, die äußerlich mehr Wahr scheinlichkeit in sich birgt, ihn i» seine» Prinzipien wankend machen. Vielmehr muß Gemüt und Verstand Hand in Hand gehen. Wissenschaft allein erquickt wohl den Geist, doch das Herz sättigt sie nicht. Der Hunger der Seele »vird erst gestillt durch Religion, diesen (Genius, den Gott in seinem Erbarmen dem Menschenpilger an die Seite gegeben, und dessen Wirksamkeit, ob auch das Judentum mehr ist als bloße ״Religion", doch die Voraussetzung der jüdischen Pflicht ernillung bildet. Es konunt vor, daß zu einer Zeit eines!!!,. serer heiligen Gesetze nicht richtig verstanden wird, und eS dann den Anschein hat, als ob ein derartiges Gesetz keine recht passende Anwendung für unsere Zeit finde. Zu einer anderen Zeit jedoch sind die Lebensverhältnisse derart, daß jedermann leicht die Vorteile dieser selben Satzung einsieht. Da handelt es sich für jeden geivissenhaften Israeliten darum, den »veiSheits vollen, naturgemäßen Zweck jedes Gesetzes zu jeder Zeit dem ander» plausibel inachen zu können und nicht nur zu der Zeit, »venu der Vorteil der betresienden Satzung in die Augen springend und somit ein Beweis der Vortrefflich feit dieses Gesetzes nicht mehr nötig ist.! Rur einige verhältnismäßig unbedeutende, zu I Der Israelit. Nr 46. Sri», I. fällig herausgcgriffeilc Beispiele sollen daS t^sagte erläutern. Sic ist noch nicht so lange her, die Zeit, »vv eine superkluge Hypcrkritik darüber spottete: ״daß eS einen mit Ansatz behafteten Kleiderstoff geben und dieser sogar zum Feuertode verurteilt werden könnte". והבגד כי יהיה בו נגע ציעח בנגד צטי! אי בבגד פשחים וגו׳ ישיף אח הבגד או אח השחי! או אח הערב בצטי־ או בכשחים או אח כל כלי העוי אשי יהיה בו הנגע כי ציעח טטאדח הוא i באש חשיף• ׳ויקיא י״ג. Wer möchte heute wagen noch darüber zu lachen, heute wo es feststeht, daß selbst in Fällen, wo das Schaf von den Pocken genesen, die Wolle durch das Bindemittel des Wollschweißes deii Ansteckungsstoff noch auf Jahre hinaus zurückbehält und ohne richtige Wollkrämpelei ihn gar auf daS aus ihr bereitete Fabrikat übergehen läßt! Wer muß da nicht mit Bcivunderung auf die Weisheit unseres Gesetzes blicken, welches sagt: צרעח טטאדח היא באש״ ״ "תשיףes ist ein auf andere übergehender Aussatz, darum muß es (ein solches Gewand) im! Feuer verbrannt werden. Gesetz vorhanden wäre, daS nicht seinen weisen Zweck in sich trage. Wir »vollen hier nicht der Ansicht das Wort reden, daß >vir es in חזייע טצוייע schon unbe dingt mit .KrankheitScrscheinungen und deren Heilung zii tun hätten. Sicherlich sollen mit der! נגעים den» Menschen seine Verirrungen und Ver gehen zum Bewußtsein gebracht werden. Doch sicherlich auch sind diese Gotlesgesetze so voll kommen, daß ihre fegenoreichen folget, iveit über den Bereich ihrer Motive hinaiisragen. — Wir wollen nicht unbedingt der Ansicht fouldigeu, daß die Speisegesetzc, wie sie uns die heilige המיה verschreibt, nur unserem Körper heilsam seien. Sicherlich ruht die nach den Gottesgesetzcn geschaffene RahrungsauSwahl auf der BorauSsctzung, daß unser Essen kein bloß physischer Vorgang sei, sondern in sittlicher Hinsicht auf uns einwirke. Doch dürfen lvir anderseits auch überzeugt sein, daß die göttlick-eii Speisegesetze in iveisester Art ebenfalls das phnsische Heil des Menschen im Auge haben. ׳ Fortsetzung folgt. Wer entsinnt sich nicht, daß es erst vor kurzem wie ein Schrei der Entrüstung durch alle Lande ging, als inan die Kunde veriiahm, »vas in den .Konservenfabriken Amerikas vorguige! Im ganzen Lande gab es Agenten, deren Aufgabe darin be staiid, altes, gelähmtes, krankes Vieh ausfindig zu machen, dessen Fleisch in Büchsen eingemacht »verdei» könne. Da gab eS Tiere, die mit häßlichen Beulen und stinkenden Geschwüren bedeckt waren — alles wurde zerhackt und gepfeffert, damit es nach etwas schmeckt. Die Ratten, die in verwahrlosten Magazinen hausten, brauchte» sich »vegen ihrer letzten Ruhestätte keine grauen Haare wachsen zu lassen — sie wurden einfach eingcivurstet. DainalS wurde unwillkürlich der Blick auf die kleiiien or thodorcn jüdischen Genieindeil gelenkt, und die, die sonst!0 lächerlich gemacht ,vurden, die wegen ihrer sogenannten ״Iüdischkeit" als ungebildete Rarren hingestellt ivurden, wurden plötzlich vor» den Zeitungen als Weise gepriesen und ihr Bei spiel wurde nachgeahmt. Die Ereignisfe hatteil ihnen recht gegeben — Lange hält natürlich ein derartiges Lob nicht an. Es ist ja viel leichter die jüdischen Gesetze zu vernachlässigen als dieselben hochzuhalten, und gar leicht fallen die meisten wieder in daS gewohnte Lotterleben zurück. Der ehrliche Denker jedoch »vird sich ernsilich fragen, was Rechtens ist und sich nicht von den Zeit strömungen wegschwemmen lassen. Der ehrliche Denker wird mit dem רנוב״ם im ט"נ III. -Kap. Ri überzeugt sein, daß, so wenig man von der Schönheit, die Gott ins Dasein gerufen^ aussagen könnte, daß sie planlos, ziveck!os geschaffen sei, cs ebensowenig denkbar »ei, daß in dem Gottesbuch ein Die Kriminalität der (Juden. Die .Kriniinalität d. i. die Straffälligkeit der Juden und ihr Anteil an de»! verübten Ver brechen, ist seit langer Zeit ein (Gegenstand, dem sich ein lebhaftes Interesse zuwcndet. Dieses Interesse hat sich jedoch oft als schlechter Pfadnnder in dem statistischen Zahlen Ehaos gezeigt. Antisemitische und philoscmitischc Interessen, die man »nit der Wissenschaft der .Kriminal-Statistik verquickt hat, haben hier mehr Verwirrung als Klarheit gebracht. Es fehlt allerdings lischt an Behandlungen des Gegenstandes, die frei von »eder persönlichen Tendenz ausschließlich dem Interesse der statistischen Wahrheit dienen. Aber diese dringen durch die Trockenlieit des liegen standes und in folge der scharfsinnigen Aufmerksamkeit, die zum Erfassen und Prüfen ihrer Resultate notwendig sind, nicht in die Massen. Das »vas wohl in bie Massen dringt, verdankt seine Verbreitung eben dieser es begleitenden Tendenz. Dabei ist die Frage, ob oie gante Scheidung der Verbrecher nach Konfessionen überhaupt eine berechtigte ist, noch sehr diskutierbar. Sie setzt einen Einfluß der Religion auf das von ihren Bekenner» verübte Vcrbrecheii voraus. Sie schließt von der Quantität der Verbrecher auf die!D-ualität der Religion; ein Schluß, der doch nach verschiedenen Seite»! hin als sehr gewagt erscheinen muß. Abgesehen davon, daß keine von den hier in Betracht kommenden Religioiien egoistischen Gedanken wirkte der Beriust meines Manne» auf mich wie ein Donnerschiag. Er erlag einer Lungen cinzündung. und obwohl man Fikbrrpboniuiien kem Gewichi beüegen soll, glaube ich seinen Delirien entnommen;1, baden, taß er seine Krankheit als eine verdiente Strafe ansah, und das erschütterte mich doppelt. 1 Der Tod meines Gemahls hatte meine schwere Er . krankung zur Folge, in deren Beriauf das in mir keimende! lungc Leben zu Grunde ging und die auch mein jetziges Liech tuni verursachte. Als ich nach Wochen das Ben verlassen konnte, war ich elend und verlassen, jeder Zukunstshoffnung bar. Ich raffte meinen letzten Mut zusammen, an Crt und Stelle war nicht mehr memes Bleibens, vor allem muhte ich mein Domizil wechseln: ich veräußerte die Wohnungsemrichtung und kam »nt einigen hundert Gulden nach Wien. — Wie Aprilschauer durchrieselt es meinen Leib, meine Lcele ist so unruhig, unslät und ein Etwas belastet mich wie Alpdrücken. Draußen haben sich die Märzstürme gelegt, in den Gossen verlausen sich die Gewässer des letzten Regens, der Boden danipst drüben, in» Park des Franz׳ Jo,es Quai beginnt es zu sprießen und zu knospen, und durch die Luft zieht ein Lenzhauch. Rur für mich girbt es keinen Frühling inebr, in mcinrr Krankenstube ist die Atmosphäre nicht lrnzlich. Ich habe auch bereits mit der Welt abgeschlosirn, füge noch ins Unvermeidliche und sehe meiner aUmähiichen Auslosung gefaßt, ohne zu klagen, cmן ׳ gegen. *! Lieche ich doch schon seit Monaten dahin! Gleich als ׳ das llcbel sich entwickelte, war ich mir meiner Hoffnung»- losen Lage bewußt, denn ich verspürte in meinem Innern den ToLeSkeim. Der Arzt memte, eure ״Erholungsceisr nach dem Lüden tue mir wohl, aber ich lehnte rrngnien lächelnd ab. Die Geldmittel hierzu hätte ich zwar noch , erschwingen können, denn ich besaß nebst dem Rest von , dem Erlös des Mobiliars noch einig» Lch«n׳.!ckg;g?nst2ndr. j Uebrigens konnte ich auch, für den äußersten Fall, aus eine Unterstützung seitens meiner Eltern rechnen, denn so ivie ich sie kannte, ivußte ich, daß, wenn sic von meiner Lage Kenntnis hätten, ne mir trotz allem sofort zu Hilfe geeilt wären. Meine Eltern' Leit meinem Aufenthalt in Wien begann ich indirekt über sie Erkundigungen rinzuzirhrn, und ich erhielt von den verzweisrlten Anstrengungen, die sie unternommen Hanen, um mich aussindig zu machen, Kunde. Als der Lchritt geschehen war, als sie von meiner Ber heiratung erfuhren, erkrankten meine Eltern vor Schmerz und Gram, und meine arme Mutter büßte die Fahnen »lucht ihrer ticulosen Tochter mit dem Tode, Ich konnte es nicht überS Herz bringen, mich meinem armen, verwitweten Bater zu nähern, denn zu tief mußte in seiner Brust der Ltachel sitzen. Bor allem beschloß ich wenigstens äußerlich das teilweise gut zu machen, was ich durch meinen Austritt angerichtet hatte. Ich sage äußerlich, denn innerlich war ich nie Christin gewesen. Freilich ließ sich daö Unheil nicht mehr gut machen, wenigsten» aber erleichterte mein Wiedereintritt meinem Baker die soziale Poittion und auch sein religiöses Gemüt wurde dadurch teilweise versöhnt. Ich glaube, daß auch ohne den herben LchicksalSschlag eine Umkehr meinerseits erfolgt wäre, wenn auch erst in späterer Zeit. Ich überzeugte mich eben täglich mehr, daß ich in ein mir fremde« Milieu geraten war und daß es für mich eine Lache der Unmöglichkeit sei, mich zu afstmilieren und zu akklimatisieren. Die Katastrophe hat nur meinen Entschluß beschleunigt, aber auch so wäre die Lache früher ocer später in» Rollen gekommen. Jetzt, da meine Krane zu Ende gehen, beklage ich inrrne Verblendung aus voller Leele. Ich glaube aber mein unverzeihliche» Borgehen wenn auch nicht gerechtfertigt, jo doch psycholognch teilweise motiviert und dem Brrflüi,o״i» nape gebracht zu baden Fetzt, da ich bas dreqährige Jnterniezzo aus meinem Gedächtnis verwische, da ich das entzwei grrisiene Band wieder knüpfe, nach den Leiden, die ich durchgemachk, nach den Gewisie!rsv!sien, die mir schlaflose Rächte bereiteten, glaube ich wenigsten» de» Tröste» würdig zu sein, daß mem Bater mir dir Augen zudrückr. Meine Erlösung naht. Ein mvsteriöser Lchauer durch rieselt meinen Leib, die Leele ringt, Jugenderinnrrunaen schwirren durch mein grauältes Hirn und wie eine (ata morgana taucht meine Heimat vor mir aus. Ltill, rudig. Bald ist über allen Wipfeln Ruh! Ich habe nur noch einen Wunsch, den, meinen Bater noch einmal zu seben. Wird dieses mein letzte» Sehnen in Ersüllung gehend Ich habe an ihn telegraphiert und der Draht hat mir dle Antwort gebracht, daß er mit dem nächsten Zug rintrifft. Rur einige Stunden trennen mich nocb von diesem Moment Wird eS nicht zu spät sein? Mein Geist beginnt sich zu umnachten, wird dir Seele bi» dabln verweilen!׳ Roch eine Depesche, er ist bereit« unterweg«, der Abendzug bringt ihn nach Wien: also nur eine kurze Spanne, rin Atom m Zeit und Raum. Berwrile, verweile! ach' -- die älteste Vesievelnng B«bylo»ie«O.- In der soeben in Philadelphia erschienenen definitiven Publikation der Ergebnisse der amerikanischen Ausgrabungen in Rippur (öibyioman Expedition ot tbe University of Pennsylvania — Excavations at Nippur. Part I) gtebt der Architekt Elarence 2 Fisher eine Beschreibung der phvfikaliichcn Natur Babylonien» als Ganze», die für die Archäoloaie van größter Wichrrgkeir ist. O'ihrr ist der Lnficht, daß der au» Kreide, Kolk und Sand bestehende Boden ein idealer Agrikulturuntergrund ist. To fei Babylonien die Heimat der Weizenpflanze und, wie da» Alhenaeum binzufüat. der 1יייוי>וי)«»י>ו» geworden, als: Produkte, die am meisten zur Zivilisation der Menschheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.