Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 46 (15.11.1906)
- Date
- 1906-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2. •h. 46 Der Israelit. l» c. Die jüdifdie flusflelluna in London. Am vergangenen Mittwoch ist in der Whitechapel- Gallerte in 'London die Ausstellung jüdischer Kunstgegenstände und Altertümer, von der wir vor knrzeni berichteten, eröffnet worden. Bor einigen Wochen ivnrde auch in Rewnork eine jüdische Ausstellung veranstaltet dieselbe hatte die Entwicklung der jüdischen Landwirtschaft in den Bereinigten Staaten zum Gegenstände — | und es ist wohl fein Zufall, daß gerade in Eng j land lind Amerika solche Unternehmungen inner. : halb jüdischer Kreise in Mode kommen. Zeigen uns doch noch viele andere Svmptome beit Ein I siuß, den dort die aus Osteuropa eingewanderten Juden auf die alte jüdische Bevölkerung aus geübt haben. Tie Ursprünglichkeit des jüdischen Gebens, das mit jenen Maffen nach England und Amerika kam, war wohl die Ursache, wodurch das Interesse für Angelegenheiten des Judentums bei den Glaubensgenoffen in diesen Ländern sich so! lebhaft gestaltet hat, wie wir es heute beobachten! können. Herr E. Barnett, der die Ausiiellung in Whitechapel eröffnet?, hat denn auch in seiner! Ansprache betont, die Beranstalrung solle dazu \ dienen, das Band zu befestigen, das die Inden j der westlichen Stadt mit den eingewanderten! Brüdern im Astend zusannnenhält. Wenn freilich! Herr Barnett auch die Hoffnung ausspricht, dag die Ausstellung dazu beitragen iverde, den Kontakt der gegenwärtigen Hseneration mit der Bergan gen heit herzustellen, so glauben mir nicht, daß dieses Ziel auf solche Weise erreicht tverdcn kann. Das Interesse für dir jüdische Geschichte, das die Ausstellung ivohl wecken und stärke» mag,!nacht ׳ uns noch nicht zu würdigen Erben der großen! Bergangenheit unseres Bolkes. Das können wir! nur dann werden, wenn wir unser ganzes Leben so wie die Bäter gestalten. Und nur so in es auch möglich, ein DJt und 'West umschlingendes Band zu knüpfeit und ganz Israel zu der Einheit | zusammenzuschließen, die heute wer wollte nch j dieses Lehne ns nicht freuen aus so viel j künstlichen und innerlich unwahren Wegen er ן strebt wird. Kleines ^eltilleton. .,Cagcbucbblätter.“! Mitgrtrilt von 2. Horowiy m Krakau (Lchluß In, Eliernhausr wurbc streng rel'g'öe gelebt, und dennoch gab rs dabei nichts, was mein Gemüt angesprochen hätte Während vom Erzirbungsplan der Brüder jedes profane Wissen brinadr ausgrichlosten war. konnte ich > ganz nach eigenem Ermessen schallen und waUcn. durslr lesen, was ich wollte, genoß als Backnjch keinenRrligions unlerrichl mrdr. irachlrte nur ineinrn chrisilichrn Kollegin neu rvrnbürtlg zu werden, und so ging nicht nur mein religiöses Einpnndrn, sondern auch mein ZugehörigkritS gesülil madlich in die Brüche. Mein Baker, ganz von seinen ן Geschäften in Anspruch genomincu. die Mutter eine sinivle Zrau, der rS linponirrir, das? idre Mi!!am rin aceenlsreies Polnisch sprach, französisch parlierir. aus dem Klavier phantasierte. die nrursrrn Romane verschlang, und sich wir eine Konneste kleidete. Meine Brüder — der Wahrheit dir Edrr — wabrc Zeloten, titelte» rS sür umrr idrer Würde, sich sür ein Weid, selbst wenn es lkrr leidliche Lchwrsier war. zu interessieren. lledrigens liatien wir auch sr!!r wenig Berührungspuiikic. lind wir lebten zwar 1 eng lin Raume, aber doch mrilruweii geschieden Daß irmgc Heim im-rauir nicht vcrkrdrtr», war unter svlaneu llmnändrn ieldsirrdend. und da ich keine Gelege», de>t daur. dir Männerwelt krirnru zu lernen, waren meine Ron,anl»elden Ul, ״nch mus!rrg!lr:g. Daß die Lckr!fts!cllcr tür idre glanzenden Helden kr»»e Juden als Modelle nedinrn, >lt sattsam bekannt, und so wurde meinem Brr dängnts die Bahn geebnet. Dr. David und das gMlsdie Problem. In der Wiener Kultusgemeinde herrscht große Aufregung wegen einer Predigt des Rabbiners Dr. a vi d, die sich mit dem durch die Zeitungen genügend breitgetretenen Schapiraprozeß befaßte. Dr. David nahm den Falschmünzcrprozeß gegen die ans Galizien stammenden Tchavira und Ge׳ nosseil, der ss viel Häßliches zu Tage gefordert! hat, zürn Anlaß, um den rvidcrlichcn Charakter einer Sorte ״Frömmigkeit" zu kennzeichnen, die mit der gewohnheitsmäßigen Beobachtung einiger religionsgesetzlicher Pflichten die Verletzung der elementarsten Gebote bürgerlicher Sittlichkeit vereinbaren zu können glaubt. Der Redner führte darrn weiter aus, daß der Grund für die moralische Entartung der Berurteilten in den Wirtschaftlichen und kulturellen Berhältilisseil der Inden Galiziens zu fucheu sei, »ud forderte dazu auf, die auf die Hebung der ärmeren Klaffen der galizischen Juden gerichteten Bestrebungen aufs eifrigste zu unterstützen. Diese Predigt ries in iveiten Kreisen der Gemeinde große Entrüstung hervor. Man verurteilte das Berfahreu Dr. Davids als einen Mißbrauch der Kanzel und schob ihm bei teilweise unrichtiger Wiedergabe seiner Worte die Absicht unter, als habe er die Taten einiger Spitzbuben der ganzen galizischen! Judeuheit zur Laß legen, r!,td die westj europäischen Juden veranlassen wollen, wegen! der Affaire Schapira alle Beziehungen zu den ' galizischen Brüdern abzubrechen. Der Reichs ratsabgeordnete Dr. Breiter wurde veranlaßt,! die Regierung ivcgen der Angelegenheit zu inter pellicren. Altch an den Gemeind'evorstand wurde eine Juterpellation gerichtet und eine Protest Versammlung abgehalt n, in der mehrere Redner das Berhalten des Rabbiners scharf verurteilten. Wir müsieu gestehen, daß wir diese heftige Besehdung Dr. Davids t,icht sür gerechtfertigt halten. Es ist keineswegs ciu Mißbrauch der Kanzel, wenn der Rabbiner Schäden, die sich im Leben des TageS zeigen, in der Predigt bespricht und ihre Ursachen erörtert; dies \\t vielmehr sein gutes Recht, ja seine Pflicht. Auch ein scharfes Wort kann dabei durchaus angebracht sein. Freilich ist es nicht immer leicht, den der Sache angemessenen Ton zu sindcn und mit demjenigcil Takt sich seiner Ausgabe zu entledigen, der not־ wendig ist, wenn keines Zuhörers Empfindung verletzt werden soll. In der vorliegenden Sache mag das angesichts der schmählichen Art, wie die antisemitische Presse das Verbrechen einzelner gegen die Gesamtheit ausbeutete, besonders schwer gewesen sein, und wir wissen nicht, ob Dr David der Schn'ierigkeit Herr geworden ist. Selbst wenn dies aber nicht der Fall gewesen sein sollte, so Es ist rigemümiich, daß ich. die!ctzl so abgeklärt aus die letzten inhaltsschweren Jahre zurückblickr, oft bei den Gedanken an mellte stlittrrwochen verweile, obwohl diese Erinnerung nunmehr nu rein abstrakicr Begriff ist. Die erstell Monale verlebten wir in einem törmlichen Rausche und die Außenwelt existierte säst nicht für unö. Allmählich aber begann die Wirklichkeit an die Psortc zu pochen und ihrem Einlaßbrgrhren mußte Gehör geschenkt werden. Mein Mann, seines Zeichens Architekt, mußte trachten, seine für einige Zeit an den Nagel gebangte Bcrusstätig feit wiederum arnzunebmen, denn seine Barmittel waren bereits von der Wohnungseinrichtung und den crwrrblosen Monaten ausgeschöpft. Als ich in Nacht und Nebel aus dein Eltcrnhausc stüchtrte, nahm ich nur das Unentbehrlichste in einer Hand ׳ rajchc mit lind er muiue tur alles Lorgr tragen. Leu ich meine Eltern verlassen halte, war ich ftir sie und, zu meiner Beschämung sei rs gesagt, sie für mich wie ver schollen und zwischen meinem neuen Domizil und meiner Batrrstadt waren alle Drähte entzweigeschnitrcn. Während mein chatte wieder seinem Geschäfte nachging und ich an sing mit meiner neuen Umgebung in Berührung zu kommen, begann ich successivc das Lchiefe meiner gesellschaftlichen Llellung zu verspüren. Wir machten Besuche, die aber äußerst selten erwidert wurden. Ein Etwas lag in der tzust, eine undrnnirrbarr! irclndsrligkeu, dir sich nicht bannen ließ. Die Heute Hanen von meiner!üd'ichrn Bergangenheit Wind bekommen, und obwohl ich regelrecht gelaust »hu. >a, wochenlang in einen! Kloster christlichen Religionsunterricht grnoffen halte, br stand bei meinen lieben Mitmenschen der jüdische ״Makel״ nach wir vor zu Recht. Ich batte mrdr als einmal Ge Irgrnbeil zu belauschen wie man von n»r nicht anders als Von de! ״Jüdin sprach, und die Jraurn insbesondere konnte» über die ״Jüdinnicht hinivrgkonunen. Daß unter solchen Umstanden der gesellschastlichr Ber kebr ׳ich unerauicklich gestaltete, ist selbstredend und ich 1.V November 1906 würde dieser Fehler doch nicht die maßlosen :1» griffe rechtfertigen, die man gegen ihn gerichtet hat. War ja der Kerngedanke seiner Predigt, dir für das Auswnchern sittlich fragwürdiger Ert stenzen die trostlosen wirtschaftlichen Ber. hältniffe Galiziens verantwortlich macht, zweifellos richtig, und schon die alte jüdische Weisheit bar ihn in dern treffenden Worte ausgeprägt׳ ״' עניות רעיביריז את דאדם על דעתי רגל דעת קונוDir wirtschaftliche Rot in ihrer krassesten Form führt den Menschen hinaus über das, was er selbst will und was sein Schöpfer von ihm heischt.״ Arbeit — nicht etwa ״europäische Bildung" als Selbstzweck ist darum das einzige Heilmittel sür alle jene geistig-sittlichen Rotstänke Galiziens, Arbeit im Berein mit תורד וניצית von ehrlichen jüdischen Händen gereicht. Aus einem gehobenen wirtschaftlichen Niveau wächst dann von selbst diejenige Geistesknlrur empor, die für Land und Bolk taugt nnb die, mag sie auch etwas länger auf sich warten lassen, unserer beliebten Import Schulweisheit unendlich über legen ist. Wissenschaftliches und Kunstlerisches im althebräischen Schrifttum. Bon Tr. M. Ascher in N e u ch ä 1 r l. War häufig hört man sagen, unsere תייה fei nicht mehr zeitgemäß, mau könne sich nicht mehr nach den veralteten Satzungen richten, die für frühere Zeiten und für orientalische Gegenden gut gewesen sein mögen, denen aber! imiiierinchr in heutiger Zeit praktischer Wert beigemessen werden könne. Deshalb ist es wohl der Mühe wert zu zeigen, daß wie von jeher, so auch heute noch und immerdar die Worte dieser תויה neu sind, daß ihre Satzungen wegen des nnendlichen Nutzens, den die Menschheit durch sie hat, nie veralten, sondern sür alle Zeiten nnb Berliält nisse ihre Giltigkeit haben. Blau kört zwar hie und da eimvendcn, man sollte jene, die die Stirit haben sich von unserer תויה abzuwenden und erst Begründungen Mid wissenschaftliche Beweise haben wollen, n׳o es sich um einen Akt des ״Glaubens" handle, einfach mit Berachtung strafen und keiner Antivon würdigen. Dieser Ansicht können wir jedoch nicht beipflichtcn. Jeder der weiß, wie schwer es ist angesichts aller heutigen Zeitftrömnngcn gcsetzcs treuer Jude zu bleiben und wie hänsig es gerade Eltern und Lehrer sind, die den Kindern mit schlechtem Beispiel voraugeheu, ivird je! e Ab schränkte ihn auf ein Minimum ein. Lbwohl mein Monn nach wie vor, wenn auch nicht der stürmische Hiebbabcr. io doch rin zärtlicher Gatte war, und sich bestrebte, alle Lleme des Anstoßes aus drin Wrae zu räumen, vrrmochle er doch nicht immer eine gedrückte Ltimmung zu verberge», denn auch er litt unter den abnormen Berhältniffen. ttiid selbst in seinen Geschäften war die ״jüdische Wntttn" mit unter ein Hemmschuh. Er gab sich zwar die erdenklichste Mühe sich nichts amnerken zu lassen, aber nicht immer vermochte er eine gewisse nervöse Gereiztheit zu unterdrücken Wir standen im zweiten Jahre unserer Ehe und stau au Boden zu gewinnrn, fühlte ich s wir Flugsand unter meinen Füße». Gcwiffe, sozusagen angeborene Antipathien und Gegensätze kamen zuin Ausbruch, prallten aneinander, und wie eine unsichtbare Macht schob sich .;wischen uns ein unnennbares Etwas. Subtile Regungen. Gefühls ausbruch. Nervenzusällr stellten sich ein, die an und sür sich nichts besagten, aber mit kritischen Blickcn^m Zusammenhang beobachtet, eine Kette ergaben, die ״m schwer fühlbar machte. Lo war die Lachlage, als eine furchtbare Katastrophe eintral, die mich aus meiner neuen Lphärr, in welcher!m ab-r noch keine Wurzel gefaßt hatte, hinausschleuderic und mittelbar dazu beitrug, daß meine ganze Handlungsweiic meinen Eltern, meinen Bolksgenoffen gegenüber, in ihrem wahren tzichle erschien, und in letzter Konjeauenz mich.auw Krai.kenlalager warf. Da ich meine Bergangenheit in solch »nvri.zeihluhem Hcichlsinn in dir Lchanz-- geschlagen, tollte für mich keine Zukunft mehr blühen. Er, dem ich alles, meine Religionmeine Eltern geopserl. wurde mir nach kurzer Krankheit durch den Tod enkrisirn und ich blieb zurück, wiezwüchen .Himmel und Erde schwebend. Den Boden, dem ich cm spronen. hatte ich schmählich int Ltich gelassen, ich hatte, wie eine exotische Pstanzc nn nrueii Terrain nicht Wurzel fasten können, nun ich meiner einzigen Ttützc bcrauvk war. wankte und schwankte ich. Aber auch ohne diele