Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 45 (8.11.1906)
- Date
- 1906-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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s. November 1906 D« Israrltt. Rt. 4\ Gettr 8. politische, menschliche Entlastungen haben das Asyln'cht zur allgemeinen Anerkennung gebracht. ׳)»UN soll es aus Gründen der Erbaltnna der rliassenrenrhert seine Eristenz eindüßen' Was ist'S denn mit dieser angeblichen Raffenreiirheit? Ist Deutschlands Bevölkerung denn überhaupt von einheitlicher Nasses Und zu welchen Konsequenzen liesangt man, wenn man die Erhaltung der s^assenreinheit zum Grnndnwtiv unserer gesetz geberischen Arbeit und unserer Benvaltungs Politik machen will? Die Auslieserungs Praxis spielt da nur eine geringe Rolle gegen über der Ausweisungspolitik. Wird hier ebenfalls das famose Prinzip angenommen, so wird dadurch jede Niederlassung von Ausländern, von ״Rassefremden" als etwas Unerwüilschtes verhindert werden müssen. Dost dies zum mindesten dem völkerrechtlichen Grundsatz der Niederlassungsfreiheit widerspricht, wird nicht bezweifelt werden können. ES bedarf nicht vieler Worte, un« klar zu machen, warum uns das Alles besonders inte ressiert. Noch leben in jedermanns Gedächtnis die jüngsten Debatten im Reichstag und preußischen Abgeordnetenhaus, die sich mit der Praxis der Regierung bei der Ausweisung russischer Juden aus dem preußischen Staatsgebiet be faßten. Auch seitdem sind die Klagen nicht ver stummt über die völlig willkürlichen, mit grausamster Härte durchgeführten Maßregeln, durch die cS den armen Flüchtlingen, die' heimatlos umher irren, unmöglich gemacht wird, bei uns Fuß zn fassen und in ehrlicher Arbeit sich eine neue Existenz zu erkämpfen. So mancher der in der!Deffentlichkeit bekannt gewordenen Fälle hat Widerspruch und Entrüstung selbst in Kreisen hervorgerufen, die sonst jüdische Interessen nicht zu vertreten pflegen. — Umso bedenklicher ist es, wenn jetzt von der Tribüne der Internationalen Kriminalistischen Bereinigung aus der Grundsatz der ״Erhaltung der Rassenreinheit" für die A n si i ese rungs- und damit auch für die Ausweisungspolitik empfohlen wird. Ein solcher Grundsatz widerspricht nicht nur den Anforderungen der Menschlichkeit und den Normen des Völkerrechts, er ist ebenso wenig vereinbar mit den Entwickelungsgesetzen der auf freien Verkehr und unbehinderte Freizügigkeit aufgebautcu Volkswirtschaft. Der inoderne Staat sollte sich hüten, an diesen Prinzipicil zu rütteln. H. Uon Meuclelssobn bis fierzl. 3*011 Dr. Raphael Breuer, Frankfurt 0. M Fortsetzung ■ wiener. Als man vor kurzem die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages feierte, da war es zuder Jude Rießer, dem man Kränze der .v ... ein aus cv einaereiht in die ^char gleich Anerkennung flocht Israels Stamm ward aon Israels Helten, die unvergeßlich sortlebcn werden in den Annalen von Israels Geschichte. Der Enkel von R. Raphael Kohn verdient diese Lorbeeren nicht. Seme Bedeutung ist aus engeren Raum begrenzt, eS ivar die Freiheit und nicht Israels Bekenntnis, der seine Liebe galt. Die Tbora liebte er nicht. Er verstand sie nicht, hat sie ivohl einntal als Hamburger Judenjunge gekannt, aber in den akademischen Stnrmjahren vergesien, sodaß wohl nur im besten Falle eine holde Erinnerung das Bindeglied zwischen Rießer und dem Lebensinhalt seines Großvaters ivurde. Was hat Rießer darum mit dem Judentum zu schaffen, wenn er dem positiven Inhalt dieser Konfession schon früh, noch ehe die Ehruilgcn öffentlicher Aemter seine Schulter drückten, den Rückeil wandte? Hätte Raphael Kohn den Enkel trotz seiner Freiheitsliebe, seines Edelmuts, seiner unvergänglichen Verdienste um die Emanzipation der Juden nicht verworfen, hätte er die Ent fremdung von Gott und Seinem Gesetze gekannt, in die, dem allgemeinen Zeitendrange folgend, sein Gabriel verfiel? Sollten n׳ir liebevoller gegen Rießer sein, als sein Großvater selbst, der sich schmerzlich von ihm abgewendet hätte, und das doch wahrlich nicht, damit wir hinterher dem also Verivorfeneu die Pforten unseres Pantheons er öffneten! Als er für Freiheit stritt, da kämpfte er für eine Theorie, den Niederschlag der öffeutlichcn Ueberzeugung, kämpfte er für ein europä isches Recht und eine europäische Pflicht, stand aber außerhalb des jüdischen Kreises und seiner Verpflichtungen, 1»nd in der Ferne verlor sich immer mehr für ihn daS Ideal, für das seine Väter Gut und Blut, Freiheit und Recht freudig dahingegeben, um nicht zu werden wie — Gabriel Rießer. Das 'Werk der Judcnbefreiung, als dessen tapferster Pionier unstreitig Gabriel Rießer gilt, bewegte sich aus durchaus realem Boden, operierte mit durchsichtigen Argumenten und steuerte auf ein greifbares Ziel los, verschmähte jede Brücke Mid jeden Schachzug und war darum nach all gemeiner Schätzung nur eine Frage der immer reifer werdenden Zeit. In diesem unanfechtbar scheinenden Ealeul ward aber ein Moment vollends außer acht gelassen. Immerfort dachte inan an und sprach von Freiheit und Recht. Man drängte förmlich auf die Anerkennung eines moralischen Postulats, dessen zwingeiide Logik man selbst empfand und in der audereii Brust ebenso zivingend voraussetzen zu dürfen glaubte. Man fchaute auf die Verleiher des Rechts und nicht auf die Empfänger dcS Rechts. Man fragte immerfort, wie ivird die Emanzipatiou verliehen, fragte aber nie, tute ivird sie empfangen iverden, horchte ausmerkfam aus den Pendelschlag de» O s .»•» i ,4»♦ *4» t «im »♦ץ ן x)my»u M *•t Itnieu der ctbifdH’M Entwicklung Deutschlands hin »>id vergaß in der Aufregung vollends, das Hör rohr an die eigene Bruff zu fetzen und zu er fundeil, tute es da drinnen pochte lind kämmcrte, ob es das alte gesunde jüdische Herz noch sei, deffen Schläge der neuen Gestaltung zmvallten, vergaß an die eigriie Sckiar zu denken, ivährend man auf die Throne und Parlamente starrte und — wunderte sich nachher, als die Stunde der Befreiung ickilug, daß inzwischen so vieles, so mancherlei im jüdischen Haus, in der jüdischen Familie, in Svnagoge und Schiile, so vieles, so verzweifelt vieles anders, so ganz anders worden. Hier liegt der schivarze Fleck dieser Emanzipations epoche. Hier klafft der tiefe Spalt, der die >ü dische Fahne, mit der man die deutschei« Paria mente und Regicrnngsliüuser zu erstürmen suchte, auseinandcrriß, hier ist der diinkle Punkt, der so störend in die Augen sticht, daß man auf unserer Seite wahrlich bester täte, mit mehr Diskretion von dieser Zeit der indischen Freiheit» kämpfe zu reden, statt mit >ubilierenden Fanfaren stößen in den Rausch eines RießerseffeS mit ein zustinnnen, wo doch der Verliist größer als der Gewinn iiiid bei rückschauender Berechnung ein peinliches Defizit für unser Judentum sich ergibt. יצא יבבי׳ ו בהפסדו, die Emanzipation ist da >«nd das Judentum ist iveg, und wenn nicht weg, so dock, zusanlinengeschrumpft aus ein Häuffein Weniger, die äugfflich sorge»» muffen, daß der un ersättliche Rachen einer nicht immer toleranten Majorität sie nicht verschlinge. Das Licht haben sie unS gebracht, aber nicht die Augenkraft, seine sengendeil Strahle!» zu ertragen. Die Pforten unseres Kerkers ha eu sie uns geöffnet, aber uns nicht den alten Stab, mit dem ivir uns in der langeii Kerkernncht umhergetastet und auf den Fünen erhalten, in die ncile Welt, inS n«^1e Leben mit hinausgereicht. Anweifungen haben sie uns in die Tasche gesteckt, Empsehlungszettel in die Hand gedrückt, damit man uns nicht die Salontüren iveise und alle Karrieren abschneide, aber uns nicht das Gehcimmittel gelehrt, wie nian Emanzipation von Druck und Not nicht gleich bedeutend halten müsse mit Emanzipation von Gott und Gesetz l»nd zur lleberzeugung gelange, daß der emanzipierte Jude nicht aufhären müne, ein gesepesrreuer «1 sein und die Geschlechts solge vo»i Raphael Kohn zl» (Gabriel Rießer kein Rückschritt sondern Fortschritt werde. Wie man sich als gleichberechtigter Bürger in der neuen Welt zurcchlzufiiiden habe, Leutnant und Professor, Kommerzien- und Justizrar wird, daS hätten wir zur 'Not, ohne eines besonderen Führers und Lehrers zu bedürfei», a»rs eigener Einsicht gelernt. Wie mai» als Jude auf den europäischen Markt zu treleu habe, wie man, um die Gegenwart zu gaiizischen Glaubensgenossen erscheint mir desto gräßlicher. Glaubensgenossen! Hab ich noch das Rechi, mich zu clinen zu zahlen? Hab ich denn nicht offiziell und osten lariv meinen Aus- und Ucbertritl proklamiert? Und kann diese Fabnenslnchi aus der Welt geschasst werden, weil ich letzt ncch. an Körper und Geist gebrochen, an der Schwelle des Grabes stehend meinen Wiedereintritt angemeldet habe? Ist dieser Wiedereintritt nicht vielleicht aus Angst vor dem ״Sprung inS Ungewisse" ersolgt? Nein und tausendmal nein! - Ich stand unter einem fremden Willen, war hup nolisiert, meine Willenskraft wie auSgeschaltrt, und uicine Vergangenheit war wir in Nebel gehüllt. Tie nur am nächitcn Stehenden erschienen mir wie Schattenbilder, und das Nebelland ward nur von einem sichre erhellt, das mich inagnetisch in seinen Bannkreis zog, und ich mußte in diesem Lichte wandeln, denn er strömte diese Strahlen aus. Als aber dies Licht erlosch, als der Bann gebrochen war und ich mein Gleichgewicht wieder erlangte, kam das Intermezzo mir wir ein Traum vor, und ich knüpfte wiederum dort an, wo ich unter dem Einstuß du« un widerstclilicken Macht jäh abgebrochen hatte. Ich suchte wieder in meinem Boden Wurzel zu fasten und obwohl ich äußerlich den entzwei gerissenen Trakt noch nicht an׳ knüpsrr, verspürte ich innerlich doch meine vorherige Zu grhörigkrit und memr svmpatbirn setzten dort wiederum ein. wo ne unvermittelt wie durch Morpbmmgrnuß rmge schlummert waren . . . Jetzt, da mein Leid dein״»-, alles Irdische adzrsirdft, '■ da meine Sinne schweigen und meine Psvchr nur noch voll, wenn auch zeitweise wie umnebelt, funktioniert, kann :ch dir letzten schick,״>ssch>»>«r11 I״h,e vb,rkl,v Nrvue passteren lasten, und meine Gefühle und Empnndungen Haarschars analvfirrrn. Wenn ich dir Sonde m mein Inneres senke, komm« so manches an die Oberfläche was mir selbst derborgen war. WaS für ein rapid« Uedergang in drei Jahren'; Tai unrrsabrene, von wahlloser Nomanlekküre überspannte Mädcben. und das von Lebenserfahrungen srühgereistr I 'Weib. Mit welch schwungvollen Gefühlen tritt man ins Leben, und wie resigniert blickt man daraus zurück! Und doch liegt zwischen diesen beiden Polen eine Verhältnismäßig nur kurze Spanne Zeit! Eine dem Lebensarnussc ent gcgcnhastendc Jungs» au und eine vom Leben geknickte Geliebte, Gattin und Witwe' Was dazwischen liegt, ist das wirkliche Leben, das Leben mit seinem vrrstie^cndrn Zauber und seiner realen Brutalität, dann stellt nch drr Katzenjammer ein und mit ihm FasttagSbetrachtungen. Auf meinem Talchrmuche ziehen sich, wenn ich es von den Lippen entferne, Blutsädchrn dahin, drr Kops ist mir so schwer, der ganze Leib wie zerschlagen, und die Gedanken schwirren in rasender Jagd durchs Hirn. Welche soll ich scsthalten, welche zu Papier bringen? Und schließlich wozu? Hat cs denn einen ZweckJ Läßt sich das Geschehene ungeschehen machen -' Brrmögen denn die Rückcrinnrrun gen 1»ir einen lichien Punkt, einen Trost zu bieten? Wozu also die Bergangrnbeit noch einmal hcrausbeschwürrn? Und doch, wenn ich mich, sei es auch nur mit drr Frv«. aussprcche, empfinde ich eine gewisse Erleichterung und: wie soll ich nur sagen, eine schadenfrohe Genugtuung. Ich will ,a nichts bemänteln, nichts beschönigen, will nur mein Borgrhen, so wett ich es vermag, psvchologisch erklären. Mein Schicksal hatte seinen Ursprung in meinem übrrschaumenden Naturell. Lache der Erziehung wäre cs gewesen, aus die Klippen aufmerksam cu macken, nun ״r aber m mein« Blindheit übersah und an ihnen elendig »«schellte, habe ich meine Tat gebüßt. Für diese Untrrlastung find nicht einzelne P«sonen ««antwortlich, landern das ganze Svsiem und dir Berhältmstr in meinem Heimatland«. Eine Tocht« strenggläubiger Eltern genoß »ch, nach gallzischen Begriffen, c.ne glänzende Erziehung, besuchte, da uns«r pekuniären Brrhältnistr es gestatteten, ein vor nehmechristliches Pensionat und hi« in diesem Milieu nadiii daS Urbel seinen «sten Anlauf. Ich war im Pen fionar doch nur!vier'.err, dre vaar jüdlschen Mitschülerinnen ivurdcn von den viertel, halb und ganz adeligen Polinnen wie minderwertige Eindringlinge betrachtet und gesell schasrlich dot,kolti«t. Es gab aus Schritt und Tritt Sticheleien, und man ließ un» bei jeder pastenden und unpassenden Gelegenheit den sozialen Abstand verspüren. Dir jüdischen Schülerinnen blickten zu ihren christlichen Kolleginnen wie zu höherstehenden Wesen empor, und so ist rS nur begreiflich, daß wir uns bestrebten, den ״christlichen Ehlk" nachzuäffrn. Wenn wir aus dem Pensionat kommend, aus drr Straße unseren Bolksgrnosien in ihren langen Kaftans begegneten, v« spürten auch wir eine Entfremdung und wir verloren all» mählig irden moralischen Halt, jegliches ZugehürigkettS gesühl (Schluß folgte Oskar Strauß. In der ״Welk" plaudert N. S okolow üb« den neu ernannten jüdischen Staatssekretär d« B«rinigten Staaten ״Herrn OSkar Strauß habe ich letztens zweimal gesehen; bei dem von den ״Marcabeons" ,zu seinen Ehren veranstalteten ״Tinner" und bet der Shrltrr-Einweihung in London. Beim ״Dinner" frtrrte Herr Marion Spielman den würdigen "last in einer gropen Nedr, wobei « an den Mn« Fingern ferner Hand füi.s Eigenschaften des Herrn Strauß verherrlichte: Amerikaner, Jurist. Tiplopmt, Philanthrop, Jude. Der Jude also hing am letzten sikingee Hätte H«r Spielman jetzt tu Lu lg,! de. Herrn Strauß zu srikin, so müßte « sich einen sechsten Fing« wachsen lasten: Minist« Die Antwort dr» Herrn Strauß aus diese gelstieiche, fünkstngrige Apotheose war schlicht und gradlmig. Er bombardierte nick! mit seinen Kvmpil nirnlen und Lobsprüchen — er sprach bescheiden über Echolaum, ich mdchtr säst sagen, wir rin gutherziger