Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-11-08 · 45 (8.11.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
45 (8.11.1906)
Date
1906-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9894029--0878-7375362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 2. Wr. 4.«. Der ASraelll. X November ISO« rationen von N2l7 "2!׳'L' unmittelbar in die Er״׳ Männern zum Ausdruck, die vermöge ihrer Stellung in erster Linie zu einem Urteile in dieser Sache berufen sind, und wird an den maß aebenden Stellen sicher nicht unbeachtet bleiben. Und wenn, wie wir hoffen, das Oberratsprojekt von den gesetzgebenden Körperschaften in den OrkuS versenkt wird, so dars der ״Unabhängige Lehrerrwrein" das Verdienst in Anspruch nehmen,! dazu ein gut Teil beigetragen zu haben. Die! gewisi berechtigten Wunsche!)er jüdischen Lehrer! kann und wird die hessische l^esetzgebung auch ן ohne Schaffung eines Oberrats zu chrem Rechte ' kommen lassen. So viel scheint uns jedenfalls sicher, daß die Lehrerschaft die Billigkeit dieser Wünsche nmso wirkungsvoller zu vertreten vermag, je entschiedener sie zeigt, daß sic materielle Botteile in keinem Falle mit einer Gefährdung ihrer idealen Interessen, mit einer Schädigung des gcsetzestteucn Fudenttims, wie sie eine jüdische Zentralbehörde bedeuten würde, zu erkaufen gewillt isi. * * * Delegierfenfag äes öerbanöes äer Sabbathfreunöe. Wie bereits gemeldet, beruft der Berband der Sabbathsreiind? auf Ende Dezember einen Dele giertentag nach Berlin ein, dessen Tagesordnung eine Reihe praktisch bedeutungsvoller Gegenstände ausweist. Die Schaffung eines Führers für die Be rusSwahl ist für alle diejenigen .»reise, die ihre »inder mit Borbedacht vor den schwersten Konflikten zwischen Sabbathpflicht und rvirth schaftlichen Felktoren schützen wollen, ein dringendes Bedürfnis, denn die Ratlosigkeit, die bei den meisten Eltern aus diesem Gebiete herrscht, wird umso größer, je eomplieiertcr unsre modernen Wirtschastsvcrhältnisse sich gestalten. Allerdings wird es mit der eiumaiigen Herausgabe eines j solchen Führers nicht gelhan sein. ES bedarf fortgesetzter ansmerksamer Beobachtung der im gcsamtcil Bereiche der wirtschaftlichen Entwick-!»mg zu Tage tretenden Tendenzen, um jeder zeit diejenigen Enverbsztveige heranszuerkennen, innerhalb deren die Beobachtung des Sabbatks am wenigsten in die Bedingungen des Erfolges eingreist. Die Schaffung einer Stellenvcrmittlung für jüdische Handwerker,die den Sabbath Hallen, ist ein altes Desiderium, dem schoil S. R. Hirsch זצ׳יל in warmen Worten Ausdrntt gegeben hat, und die vorgeschlagenc Errichtung eines »red i tinst it n tS endlich könnte, lvenn die rechten Persönlichkeiten sich des Gedankens annehmen, zu greifbaren Erfolgen führen, die in! der Bermehrung der den Sabbath tvahrcnden! tzöeschäste und damit der Pflanzstätten für Gene- > scheinung treten würde. Daß wir schon deute auf die Ende Dezember stattsindende Berkamnilung Hinweisen, hat seinen guten Grund. Soll aus den Verhandlungen etwas Gedeihliches herauskommen, so ist es dringend notwendig, daß möglichst zahlreiche, dem Berband angehörige, im praktischen Leben stehende Männer, sich mit den zur Beratung stehenden (siegen ständen schon jetzt mit Ernst und Gründlichkeit besaßen, damit der Delegiertentag ausgereifte, aus ihre praktische Durchführbarkeit bereits einigermaßen geprüfte Borschläge in möglichst großer Anzahl bringt. Wir empfehlen also den ja schon in stattlicher Zahl vorhandenen Ortsgruppen des Verbandes, möglichst bald entweder Plenarversammlungen einzuberufen oder noch besser Kommissionen aus erfahrenen Geschäftsleuten zu bilden, die zu den Gegenständen der Tagesordnung auf Grund des ihnen vom Ber band zu liefernden Materials Stellung nehmen. Bielleicht dürfen wir uns ferner die Anregung gestatten, daß diejenigen ö st e rr e i ch i s ch e n »reise, die seit einiger Zeit danüt beschäftigt sind, die Gründung eines gleichartigen BerbandeS für Oesterreich-Ungarn ins Leben zu rufen, Delegierte zum Verbandstag entsenden. Dann werden die dort zu gewinnenden Eindrücke Segenskeime sein, aus denen sich auch in unserer Rachbarmonarchre reiches Leben entivickeln kann. Lin Stück modernen Uölkerrecbts. Das Völker r e ch i gehört zu den Rechtsgebieten, deren O.uellen zum größten Teil in der Rechtsübung, im Gewohnheitsrechte ruhen, und nur zum kleinen Teil durch Rechtss a tz u n g e n, völkerrechtliche Verträge repräsentiert werden. Das hat seine gute Seite. — So mancher von den Rechtsphilosophen, von den Theoretikern des Völkerrechts ausgestellte Grundsatz, har allmählich als Gewohnheitsrecht Aufnahme gesunden in den ungeschriebenen Eodez dieses Rechtsgebietes. Hier sei einer dieser Grundsätze herausgegriffen. Es gilt, seitdem das moderne Völkerrecht im 11». Jahrhundert sich seine Anerkennung verschafft hat, als Rechtsprinzip, daß kein Staat Angehörige anderer Staaten wegen politischer Delikte auslicfere. Fn der Zeit der politischen Unruhen in der ersten Hälfte des vorigen Fahr- Hunderts halte vieler Satz sich seine allgemeine Anerkennung errungen. — Es sollte das Ans la nd den in der Heimat verfolgten ״politischen Verbrechern" ein Asyl recht gewähren, unter dessen Schutze sie von Verfolgungen geborgen waren. Diesem im innersten Kern berechtigten Prinzip widettprechen die A uslieferungsverträ gr, die Preußen und Bayern im Jahre mit Rußland geschlossen haben und die heme noch gelten. Hier wird ausdrücklich bestimmt, daß die ״politische Absicht" bei der Begehung eines Deliktes kein Grund zur Ablehnung der׳ Anslieferung bilden dürfe. Es soll ausserdem nach diesen Betträgen ״mit Rücksicht auf die freund nachbarlichen Beziehungen" zwischen den Vertragsstaalen die Auslieferung bei allen Arten von Delikten stattsinden, während die völkerrechtliche Theorie bis dahin immer eine bestimmte Auf ählung der Verbrechen gefordert hatte, wegen ercr ausgeliesert wird. Dieser Rechtszustand mußte gerade in der gegenwärtigen Zeit, ivo in Rußland die politischen Deckte so an der Tagesordnung sind, wo jeder Angehörige der Oppositionsparteien ständig in Gefahr lebt, ohne weiteres Verschulden als politischer Delinguent verfolgt und zur Flucht gezwungen zu »verden, sich in seiner ganzen Härte zeigen. Zum Glück ist anzunehmen, daß die russischen Behörden im eigenen Lande genug Arbeit finden und sich augenblicklich um die Flüchtlinge im Allsland wenig kümmern. Sonst könnten wir es jetzt täglich erleben, daß die preußische Regierung Leute an Rußland aus liefern inüßte, die dort verfolgt iverden, weil sie sich bei der Regierung in irgend einer Weise niißliebig gemacht haben. Im russischen Strafgesetzbuch wird sich ja immer leicht ein Paragraph finden, unter den mau den Fall rubrizieren kann. Das Beispiel zeigt, daß unser deutsches Aus liefernngsrecht der Reform wohl bedarf- und cS ist daher nur zu begrüßen, wenn eine der an gesehensten Gclehrtenkorporationen ״die Inter n a t i o n a l e.» r i in i n a l i st i s ch c B e r e i n i g u n g" die Vorbereitung einer einheitlichen Regelling der AusweisungSbestimmungen in ihren Arbeits plan ausgenommen hat. Ans der im September d. Fs. in Frankfurt a. M. abgehaltcnen Tagung der Vereinigung war die Frage des Entwurfs eines Auslieserungsgesetzes als Beratungsgegenstand einer der wichtigsten Pro grammpunkte. Das Hauptreserat, das Professor Franck aus Tübingen übertragen worden ivar, erregte allerdings in manchen Punkten Befrea den. Referent ging nämlich davon aus, daß er das bisher nahezu allgemein anerkannte Asyl recht leilgnete, vor einer allzu sentimentalen Auffassung in dieser Frage lvarnte, und es als viel wichtigere Pfiicht der Staatsregierung hinstellte, dafür zu sorgen, daß unser Volk raffen rein und von fremden B e st a n d t e i l e n frei gehalten iverde. — Damit wurde ein Moment in das Auölicferungsproblem hineingetragen, das bisher keine Rolle darin gespielt hatte. Rechtliche eines Feuilleton. ״Gagebucl>b>ä<ier.“ Milgeieili von 2, Horowiy m Krakau Er fflirte vom Begräbnis beim, vom Begräbnis jeiner einzigen Tochter. Aus ieiner gattzischen Henna! war er herbeigeeili, telegraphisch nach der Kaüersiadi an der Donau berufen, und kam gerade zeing genug, um seiner Miriam, die seil Andren für ibn verschollen war, die Äugen zuzu drücken Der gramgebeugie Barer baue m feinem Kummer wenigstens den einen Trost, den. die irdischen lleberresie seiner Tochter in einem indischen Grabe zu wissen. Ietzi, dcr alles zu Ende war, wollte er der lebten stürmischen, kumniervollen Jahre nicht medr gedenken, wollte er der Heim gegangenen ihre Entgleisung nicht mebr nachtragen 1 das Bild seiner einstigen earrucken Tochter schwebte vor seinem geistigen Äuge und bittere Tränen. Tränen der Trauer ob der Bereiniamung rannen über die eingefallenen Wan gm des gebrochenen Mannes, sammelten sich in seinem grauen Barte und lropsien aus seinen langen, schwarten Kakan . . Er liep ü.ch aus einen Zchemel niedernnken, vergrub fern Haupt in die Handflächen, und schwere Seufzer ent rangen nch stoßweise seiner Bruü. Drausten rumorte das ^rostsiadtleben der betäubende Härm der verkebrsreichen Straßen drang gedamvit ins Zimmer, und der alte Mann, >n aebeugter Hairung sitzend, l»ng seinen trüben Gedanken nach, .letzt richtete er seinen D berkörper etwas in die Hede,?udr mir de» Hand in die Brusncnckie seines laugen Nockes und lose Pap,erdlätter, mit weiblichen schritt rügen dtdeckt, kamen pim Borschein. Diese Auszeichnungen von der Hand seiner Tochter badeten deren einzige Hinter lailenschast. Diese Blätter batte er unter ihrem Kopfkissen gesunden, in der schweren Zeit zwischen dem Sterbe und Begräbnistag einigemal gelesen,und obwohl seinem schlich ten Sinn nicht ,ede Gedanken und Stilwendung ganz verständlich war, begann er aufs neue sich in die Hektüre des Manuskripts zu vertiefen. Äus der ersten Seite stand mit grossen lateinischen Buchstaben der T ilel: ״Tagebuchblätter." ״Der Änsang vom Ende' Der Körper ist wie durch sichtig und Blutstropfen wie dünne Fädchen . . . Auch ich liege in meiner Matratzengrult. die ich wohl aus eigenen Stücken nicht mebr verlassen werde. Mit meinen Kräften geht eS rapid abwärts und wenn draußen die Natur sich * verjüngen und der knospende Lenz ins Hand ziehen wird, dann wird mein Heib wohl schon in kübler Erde ruben.! Die Märzstürme rauschen, denn es will Frühling werden, morsche nicht mebr keimsübige Äeste werden geknickt und Schwindsüchtige, nicht medr lebens und verjüngungs säbige!DrganlSmen welken dabin. bis ein letzter Windstoß manchmal sachte, manchmal auch gewalttätig ibr Hebens licht auSbläi't. So wird es auch mir ergeben und der Ärzt vermag mich nicht zu täuschen. Sentimentalität war nie meine schwache Seite, trotz meiner Zugend klammere ich mich nicht ans Heben und der Sprung ins Geheimnisvolle macht meine Seele nicht erschauern. Man stirbt nur einmal und wenn man in solch jungen Zainen wie ich von der Weltbübne abkreten muß, soll man. gläubig, vor dem Schicksal im Jenseits 1 weniger Schauer ums Heden empfinden, als wenn man! dabinsäbrt, nachdem ״,an den. Hebenodecher!it.isa.ut den! schmutzigen Bodensatz voll ausgekostet. ׳'.ach landläufigen Begriffen mag ich wohl e׳.ne Tür,- denn sein, aber die S trase in! Diesseits dürste, zum großen Teil wenigsten», meine Frevellat ausgewogen haben. Meine .Hcrndlungsweise den Eltern gegenüber wird! mir die letzte Stunde sehr erschweren. Das Formale liabe ich ja unter aufrichtiger Buße teilweise wieder gut gemacht und ״der die Nieren prüft" wird Gnade vor Nechi ergehen lafien, den Kummer aber, den ich meinen Evern zugesügt, die schlaflosen -Nächte, die ich ihnen bereitet, die sorgenvollen Tage, die ich ihnen verursacht, die vermag gar keine Buße wegzuwischen und die» lastet schwer aus meinem kindlichen Gewissen ... Ich will, solange es noch möglich, Imeine fieberhaften Gedlinken etwas sammeln, ste aus» Papier bannen und w meine Änsichlen firieren. Es ist dies eine Art Glaubensbekenntnis, das jedenfalls den Borzug hat, aufrichtig zu sein, und diese Niederschrift wird meine verworrenen, sprung haften Gedanken krnstallifieren. Man mag über meine Beichte wie inimer denken - ich will sie ablegen. Man niag mich entschuldigen oder verdammen, ich bin eine Fanal! kerin der Wahrheit und die folgenden Blätter sind deren ungetrübter Ausfluß ... Soll ich eine chronologische Neihenordnung einhatten^ Nein. Mein Schwächezustand gestattet keine svstemali'che Ärbeit und ick will meine Gedanken so zu Papier briugcn, wie sie mir in die Feder fließen. Meine Aufzeichnungen sollen, auch nichts Gemachtes, Entworfenes an der Stirne tragen, sondern nur als zwanglose Reflerionen und Nun erinnerungen einer schwer geprüften Seele angesehen werden . . . Mem Fenster geht auf den Donaukanal, und obwohl ich aus meinem Krankenlager das Plätschern des in Granu auadern eingezwänzten Flußarmes nicht zu vernehmen vermag, wadne im das Rauschen der Weichsel zu hören, des Hauptfiunes meines engeren Hrimütlanb" wo ich meine Fügend verlebt. Wenn ich den Donau kanal in seinem glänzendetl Nahmen, die prächtigen Gebäude, die ihn emsajsen, das üppige lebensfrohe Treiben in den Straßen betrachte, muß ich unwillkürli« Bergletche mit meinem Geburtsorte anstellen und der Kon׳ ♦T«v't brückt mich nieder. Ich stelle auch!vergleiche zrvisLrr den Bewobnern an und die materiell elende Hage meiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.