Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-11-01 · 44 (1.11.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
44 (1.11.1906)
Date
1906-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
83% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9894021--0845-7375330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kr. 44. Sette 2. Der Israelit. Lebensaufgabe gilt. Selbst in Blättern, denen eine judemeindliche Tendenz ternliegt, sind häufig Mitteilungen und Darlegungen zu finden, die dem jüdischen Wesen nichts weniger als gerecht werden. Die Erschetuunq ist begreiflich. ES ist schwer,!a vielleicht unmöglich, sich so in eine fremde religiöse Anschauung hincinzu denken, dasi inan ihr volle Gerechtigkeit wider fahren zu lassen vermag, llnd es kann überdies nicht erwartet tverden, dag die Tagespreise den sie im Grunde nicht allzu sehr interessierenden jüdischen Angelegenheiten eine besondere Sorcffalt widme. Hinzu kommt noch, dag es nur sehr wenigen erleuchteten Geister gelingt, sich gänzlich von den anerzogencn Borurteilen frei zu machen, die ohne bewußte Absicht das Urteil über jüdische Dinge ungünstig beeinflussen. Bielsach wird es nun dem Juden gestattet sein, über den so zustande kommenden Irrtum mit einem Lächeln hinwegzugehen. Dies ist jedoch nicht der J-all, wenn cs sich mit wichtige jüdische Interesse» handelt, die dtirch eine salsche oder schiefe Dar siellung der Sache geschädigt tverden können. Wir erwähnen beispielsweise als hierbei in Betracht kommend das Schächten, die von den A'eologen ausgehenden Bestrebtifgen zur Herbeiführung der staatlichen Organisation des Jndcutttitts, beides Gegenstände, bereit richtige Beurteilung seitens der nichtjüdische» Kreise voit augerordentlicher Wichtigkeit ist. Den Rabbinern ttnd Letzter» liegt in erster Linie die Pflicht der Ausklärung ttnd der Richtigstellung von Jrrtütnern ob, ttnd es wäre ein vclilct, die Wirkung einer sachlichen Enrgegitiing, die von einer nicht tibeuvallenden Redaktion jederzeit gerne berücksichtigt tverden tvird,zuuttterschatzen. Wo cs an de 111 nötige 11 Material ttt angelt, si tt d tv i r gerne bereit solches zur Bers ügu ng zu stellen. Zwei Ministekemennungen. Die ׳Rachrichr von der Erttennung des (ve ncrals P icg n a rt zum Kriegsminister im Kabinet Elemeneeau ha: jeden freund der Gerechtigkeit mit tiefer Genugtunng ersüllen müssen. Mil dieser Eriieiinuiig Hai der neue sranzöusche Ministerpräsident schon gleich am Anfang seiner Tätigkeit als Leiter der französischen Politik der Lüge und der Bosheit eine» surchtbaten Schlag verseht, der Wal»heit und der Humanität aber zu einem Triumph ohne gleichen verholsen. Erst jetzt, nachdem Eletnenecau. der gefürchtete Gegner der Mereier und Genossen, an die Spitze der Regierung berusen, dem Dfsizier, der int >ta>1 ps für den unschuldigen Juden so vieles erduldet, die oberste Stelle in der Armee verliehen hat, ist die Drcysusaffaire endgültig erledigt, ,";etzi erst ist das gewaltige Drama zur völligen Ab ru,,dung gelangt. Wer erkennt hier nicht den Allmachtsnnger der über der Menschengeschichte waltenden Gottheit? Ein anderes politisches Ereignis, das für die Judenhett von hoher Bedeutung ist, ist die Er nennnng des bekannten jüdischen Politikers C 61־01־ Straus zum Staatssekretär der Bereinigten Staaten.!DScar Straus, der in dein bayrischen Drte T^tterberg geboren ist, war schon zweimal nordamerikanischer Botschafter in Kon stantiuopel und genießt in den politischen und wisscnschaftlischcn Kreisen der Union hohes An sehen. Es ist daher eine durch nichts begründete Vermutung, wenn gesagt wird, dasi Roosevelt durch Straus' Berufung in ein hohes StaatSamt die Stimmen der jüdischen Bevölkerung seinem Kandidaten für den Gonverneurposten von Newyork habe sichezn!vollen. Straus ist bekanntlich einer der Führer der Jto, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dasi er diese Bewegung in seiner netten Stellung in hohem Mage fördern kann und wird. Ein Wort über ungarisch• jüdische Cittcratur. Bon iKabbina PH. Mischer in Devavänna (Ungarn). Die nachstehenden Ausführungen befassen sich keineswegs, wie cs den Anschein haben könnte, mit einem (Gegenstand von lediglich literarischer Bedeutung. Sie suchen vielmehr den vitalsten Interessen des nngartiche.t Judentums durch die Erörterung einer szragc zu dienen, deren richtige Lösung allein es ertnöglichen wird, an der Stelle des jetzt herrschenden Ehaos eine geschlösse«? und der 9leologic gegenüber tvohlgerüstete Phalanx aller Gesetzestreuen zu schaffen. Wir »teilten die J-rage, in welcher Weise die der Ueberlieserung der Bäter Treugebliebenen zu dem Komplex von Kulturfaktoren Stellung zu nehmen haben, den man mit dem Begriff der modernen Bildung zu bezeichnen pflegt. Da stehen sich vor allem die zwei extremsten Extreme, der jeglicher profanen Bildung abholde Ehassidismus und die aus Wellhausen sche Hypo lhesen schwörende flieologic, als Totfeinde gegenüber. Diese Gegenüberstellung zeigt aber gleich, dasi die Bildungsseindlichkeit der grosien Massen unserer Orthodoxen nicht ohne iveiteres als ein Berbrechcn verdammt, sondern aus Ursachen wohl begriffen werden kann. Ein liest׳ psychologische Weisheit bekundettdes Wort S. R. Hirsch's?"צ! giebt diesem Gedanken beredten Ausdruck! ״Jede solche salsche Wissenschaft untergräbt — nicht das Judentum, das Judentum wird nnS alle überleben — untergräbt aber jedes Ansblühen, Kleines ^ettilleton. Polnische!Juden. Tic Tatsache. bah btc oiicitroi'äiichc ,־lubrnhctt uni ihrem cigcntüiitlidtrit rialcftc eine Anzahl umfannrrtdta bcuttdtrr?t'nidmt'dn inmitten des tlavtschen Bölkrrozeans bavftcllt, enthält cm mcrktvürbiges t'roblrm ber »ibifdt mittclrtltcrlidicn («cidttdttr. Sa «ncifclloo nätnltdi bicir!atfadtc cv' iuadu, bah bic g roste!1״nie ber Cft|11bcn, btc 1a den (Hiunbitorf ber )iibiidtcit '.,i'attott ausmadten, btc '.,i'ndi kommenfchatt rittet owe Deutsdtianb nmti-iuaiibntcit Be völkerung!st. so ichi •mb die Uiwtänbe. unter betten imb btc Art tote tuh biete Ü'intvanbcTung vollzogen bat, 111?־unket gebullt. Angesichts ber Millionen, bte bas jüdisch Druttdt tbre Muttcrtpradte nennen. liegt es nabe, an ben rinstmaligen Auszug grvher!tibiidter Bolkstnanrn nadt dem 17tten Europas zu benken. Davon weih aber die Geschichte ntdtts >11 bertdnen, ivtewobl bvdt soldte Bor gange nicht ebne Spuren geblieben waren?־er vrrstorbrnr Breslauer Brofetsor ^laeob Earo. benen szvrt'dtungen iiber hie pvlntsdte ('1'cichichtc epodte ntadtenbe Brbeutuna bcütfcn. hat st di ttt rinetn seiner lünftN rtsdnrnenrn Bortrage unb E"'a»s '1 bet Bolnitche ,)üben׳ betitelt ist. etngcbenb über biet'c srrage grausten, unb et eiklärt es für ein Märchen. tvrnn hie Historiker beltauptrn, bat; btc ilabiidte Toleranz btr v'\11brtt Mittel ruropas peranlah! oabe.!n grohrn Urbaren nadt ben dtr!ü lidten Ländern bes Bnens auszuztehrn Diefe Toleranz so sagt et bestaub nur >n ber Einbildung ber iMeichichiv' schreib, r K rtduenen nn Be;tag poir ,־> r t e b r 1 ch An orea Berthes,!•-׳!da >!«,»:. ״Wenn hie westeuropäischen Staaten in unbulbsatnetn Eiter ben ,zuben den Ausrntball nr ihren!'Schieten unerträglich grtnadtt batten, wenn namentlich in Deutschland wie;uv ^cit ber Krruzzüge unb späterhin Massenversol gtingen etngetreten waren, bann griffen sagt man bic Berzweifelnben;um Wanbrrstabe unb fanbeit unter betn Jntig ber tlavischen Dulbsamkeit eine Heimstätte, in ber sic ihren Kultus ptiegen, ihre Wetmbe betreiben und tu einem großherzig bemessenen (SSrahe von Autonomie bic Eigenart ihres kommunalen Zusammenhanges entwickeln konnten. Die slavische Gutmütigkeit wirb babei ge'chickt in einen bramatischen!Gegensatz;nr germanischen Herzens härte gebrach! unb so wirkt die sdtöne Epopöe nach allen Richtungen mit ausstrablenbrt» Lidue. bas nationale Selbst bcivrihtstin steigernb. unb btc Ehre vor den Nationen rrböbrnb. Velber fehlt ber schonen Dichtung nur bas eine sehr wesentlidiste Element - bic Wahrheit.״ ,,Es muh überhaupt wohl bemerkt werben, bah kein!eil ber!übtschen (Mcfdtirittc, ti'ic sie so von Depping, Basnaae. ,)vn. Nträtz u. a. vorgetragen wirb, so durchsetzt in von Hkihverstänbninrn, Leichtgläubigkeit unb Phantasterei als ber bte ilavischen ,zubrn betrrnenbe. Sir stüven nch tait ausnahmslos aus bie Werke von Aarus;ew1e;. E;ackt unb Velrivel. Aber biese Autoren, im Zeitalter brr Autklärung lebenb. in welchem reltgioie Dulbung für Schwäche;u halten, noch nicht Mobe war. haben mehr mit prangen der Dialektik als historischer (Slewissenhafttgkett auch biescn tbealrn Ruhm für ihre ׳.'tatton einschlachten;11 münen geglaubt.״ Die vielfach als Beispiel ber >zubensretmblid1ke1t pol nn'cher Könige angeführte Er;äblung von ber ziübtn Enberka. die Ka'itmr ber!Strohe;tt seinem Weib aemacht unb btr ihm ..unrrmehlichr Borrechte" für ihre Ltammesgenonen ab;ugew,nnen gewuht haben soll, nennt Earo einen'schönen Noman l beim bie;eugenösttscheu (f>eschlchtsschretber, aut; bie es hoch vor allem ankame, winen von ber gan;en Br! gebenhen nicht bas Mmbeste;u ber dtten. Unb bemgegen l. November ISO« tvahrer Wissenschaft im Ittdentnme, indem es allen mit der Wiffenschast nicht vertrauten aus richtigen Juden, ersahrungsmäsiig, wiffenschast liches Streben als das Judentum gefährdend er scheinen laffen muß". ,Ieschurun VII. B S. i\~ü . kultursreundlicher unsere hierländischen neologen Brüder sind, desto fester glauben viele der!Srlhodoxen in Ungarn au die Schädlichkeit der modernen Kultur. ״Die innigste Bermählung des Judentums, und zwar des ganzen uuver kürzten Judentums mit dem (leiste aller ächte» Wiffenschast. und Bildung . . . dasi dies Juden tum, das ganze Judentum, nv'vn 'הייה ה, nicht der antiquierten Bergangeuheit, dasi es der Gegentvart, mit deren ganzem frisch lebendig pulsirenden Leben angehört, ja, daß die ganze Zukunft mit alle» geistigen ttnd sozialen Problemen, deren Lösung die Menschheit von ihr erwartet, eben dem Judentum, dem vollen, ganzen Juden tum angehört," > Hirsch, a. a. £\) - diesem Lo sungsworte des großen Meisters stehen daher die grosien Massen noch immer verständnislos gegen über. Entweder die einsame Klause oder Abfall, — gilt noch immer hierzulande. Die Jugend aber, — insoweit sie nicht mehr am יבוה!:" geschickt tvird, sondern Ghmnasien, Handels schulen :c. besucht, geht durch diese salsche Anschauungsweise, die darin ihren Triumph seien, dasi die Mehrzahl der ungarischen ortho doxen Rabbinen und Gemeinden sich um den Religionsunterricht der Gymnasiasten .־;׳., als ohnedies verlorener Seelen, bluttvenig kümmert. - die Jugend, die Ztt!!t!׳.ft gehr zun? großen Teile hierdurch der s?rthodoxte verloren. Hand in Hand hiermit geht noch ein anderer tiestrauriger Umstand. Der magyarische EhauviniSntns feiert täglich nette Triumphe. Eine Jolge hiervon ist, dasi ans den jüdischen J-amilien immer mehr und mehr die Kenntnis der deutschen Sprache vcr drängt wird. Es ist heute ein hüung vorkom tuender J-all, dasi die Elter» nur ungarische Ant-- Worten auf ihre noch deutsch oder im ״Jargon" gestellten J-ragen non ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern erbalten, ja, dasi diele bloß das Ungarische gut verstehen. Woher aber, — fragen wir und fragen mit uns alle Klarsehenden woher werden diese des Hebräischen und auch des Deutschen oder Jüdisch Deutschen Unkundigen Rahrung -für die Bedürs nisse ihres Geistes und Gemütes nehmen > Woher werden sie die Kenntnis ihrer. jüdischen Lebens aufgabe, ihrer jüdischen Lebenspslichten schöpfen ״ Die Neologen sind besser daran. Sie haben bereits eine ihren Zwecken und Zielen ent sprechende ungarisch jüdische Litteratnr geschaffen. Auch haben sie eine ausgezeichnet geleitete ung. jüdische Presse, die infolge geschickter Leitung, über will eS weitic; besagen, tucttti man auch heute nadt jcbrin Urciiibcn in ber Nähe von .Krakau ben hohen Enberka herg unb bie Stätte bes Enherkagrabes als Beweise nn bic Wahrheit!euer Erzählung zu zeigen pflegt. ״Die mit Klios Maske fidt verkleibenbe Scheherazabe weiß, uns noch eine ergol-lichere Untrrhaltnng zu bereiten Den Hintergrund bildet brr polnische Reichstag, und;war in der konvulsivischen Autregung einer Königswahl. Es kann ben Umständen nadt nur die vom Fakire I'>72 ober die von l'>KN gemeint sein, ,'ui artsrührerifchen Sdtarnt tummeln tidt ans bem Wahlselbe b!e unzähligen Ebelherren von benen Bolen so überreichlich strotzt. Magnaten, Würden träger, Ritter unb jener Bettelabcl, der arbeitsscheu am Hungertudte nagenb, sich für ent sättigendes!'Scrifttt b>e AUÜtnttc ber Besitzenden gefallen läßt, aber mit Recken stimme von seiner adligen srretheit unb adligen Gleichheit brüllt. Aber heute gilt er etwas in ber Welt. Zürnen unb Herren haben ihn um die Wette werbend den Klang ihrer seelenverberbcnben Dukaten hören lassen, unb seine Leibensdtast wirb titanenhaft. Die blanken Säbel blitzen die Vanzenfähnlein schwirren nr ber Lust, die Reiter drängen sich in Hansen, bereit auseinander zu stürzen, um dem irraktionsgeiste eine blutige Hekatombe zum Dptcr bar zu brtngen. Da tritt Herr Rabziwül vor die stürmisch he wegten Massen, unb ruft: ״Arirbe, ,>riebe! Da wir uns um keinen Thronbewerber einen können, so lasit uns hier ben v'>ubtn Saul;um König machen, unb wär s anck nur auf eine Nacht. Denn über Nacht kommt Rat". Unb alle gehorchen. Die Säbel senken sich, die Lanzen lehnen an den Sattelknops. und irtbelnb grüsit man den jübitchctt Kötug Saul, der b!c Nacht hinbrtrck dir Krone irägt^ unb ne erst am Morgen ablegt, um fortan ben Namen -'■'‘,r‘. im bürgerlichen Leben zu tragen. Was kümmert trat Scheherazade bann», bat; bub Wort . Wohl" ein btiMdtes ist, unb bas; dir Bolen doch polnisch zu reden pflegen was liegt ihr daran, das; bei keiner Wahl rtn Rabztwvt ein fo bezwingendes llcbergewidtt ausgcübt hat, um auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.