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Der Israelit · 1906-10-18 · 42 (18.10.1906) · p. Seite 13

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
42 (18.10.1906)
Date
1906-10-18
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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18. Oktober 1906. oder nicht. Bis ich Euere Geschichte von Euch gehört habe, kann ich darüber kein llrteil haben. Was ich also darüber gesagt habe, bitte ich als nicht gesprochen zu betrachten, Das wird sich ja alles ausklären, sobald wir wissen, uni was es sich eigentlich handelt." Darauf begann Schotten seinen Bericht über das Borgefallene. ״Am Tage nach meiner Abreise von hier, tras ich in Heidelberg mit meiuen beiden freunden wohlbehalten zusammen. Wir fuhren noch in derselben Nacht weiter und blieben beisammen bis Frcibnrg, wo sich mein freund Sander i^olb sticker verabschiedete, da er sich dort eine» Tag autlialten mußte. Ehajim Bacharach und ich fuhren zusammen weiter bis Basel, wo ich geschäftlich zu tun hatte, und Bachrach fuhr von da allein nach Zurzach, wo wir eins bis zivei Tage später uns wieder treffen und in einem Gasthanse zu sammen wohnen wollten. Ich hatte bis jetzt immer im Löwen zu Zurzach logiert. Damit wir aber zusammen sein konnten, erklärte ich mich ans de» Wunsch meiner beiden freunde bereit in ihrem Gasthause in der blauen Taube zu wohnen, n׳o Bochrach für uns Zinnner mieten wollte/ Bei dem großen Andrang von Mefffremden war diese Borsicht sehr geboten. Ich fuhr einen Tag später mit der Post nach Zurzach, >vo ich ziemlich spät am Abend eintraf und ging dann direkt in die blane Taube. Bis dahin war alles gut." Hier unterbrach der Rabbi, der aufmerksam an den Lippen seiires Gaues gehangen hatte, den Bericht mit den Worten: ״Seid manchel, Reb Aron, bis dahin war nicht alles gut. Ihr habt einen Febler gemacht, dag Ihr an der Mahnung unserer Weisen abgegangen seid, welche rät fein Gasthaus nicht zu ändern, sondern immer in das einmal gewählte wieder zurückznkehren." ״C, wie graffind die Worte der Weisen;״ bemerkte bewegt der Erzähler, ״hätte ich ihnen gefolgt, so wäre das, ivas vorgekommen ist, nicht geschehen. Ich erkundigte mich sofort nach Rabbi ^hasim Bachrach und dem für mich bestellten Iiiinner. Der Hausdiener, der mein Gepäck auf mein Zimmer brachte und mit einem Licht in der Hand mich begleitete, meinte, das; der Herr sicher angekoimnen sei und das Zimmer für mich be stellt habe. Die Namen der Fremden und ihre Äuffräge feien alle in das Wirtsbnch eingetragen, das werde sich morgen trüb schon zeigen. .Heute sei es zu spät, ich solle, da ich gewiß von der Reise müde sei, in dem angewiesenen Zimmer die Rächt verbringen, morgen würden alle meine Wünsche befriedigt. Mit diesen Worte legte er mein Gepäck ab, stellte das Licht auf den Tisch ״nd als ich seine Frage, ob ich für jetzt noch einen Wunsch habe, vernei?!te, ging er seines Weges Als er die Türe hinter sich geichloffen hatte, hörte ich wie er den Schlüssel umdrehte und mich einschloff. Das kam mir sonderbar vor, ich stand auf, drückte auf das Türschloß, die Türe w. r richtig veifchlossen. Ich nahm das Licht, leuchtete am Türschloff, konnte aber damit nichts ändern. Forsetznng folgt). Dämon und Phirrtias i« der I«derrsaffr. Bon Arthur Kahn. <־׳ diackdruck verboten. Er »var damals kaum den Kinderjahrei! ent^ wachsen, in einem Alter in dem man schnell iind alles überwindet. Dann ivar das Leben freundlich, liebenswürdig mit ihm nmgegangen und barte ihn auch so gestaltet. Armut kannte er nur ans weiter Distanz - Elend,Unglück,Menschen- 'chicksale nur aus Romanen und von der Bühne. Bon all den tausend Kämpfen, in die Armut d Entbehrung verwickeln, hatte er nicht einen kennen gelernt. Bon der Devise des Besitzlosen: ^nmpf' gegen das Leben, welches feindselig gegen ״ns kämpsG, einer Devise, die a»»s diesen Ent erbten nahlharte Streiter schmiedet, Streiter die Der Israeli». siegen oder untergchen, hatte er nur in der Theorie vernommen. Seine Freunde, seine Benvandtcn, seine Bekannten waren alle gleich ihm, Kinder des Glückes, Kinder Befftzcnder, t^nieffender, vom Kampse Befreiter, die nur die einzige Lebens aufgabe besaffcn, das Ererbte weiter zu erhalten, und zu vermehren. Und!etzt, wo sich Berges lasten von Schwicrigkciteii ihn! entgegeiiwälzkcn, wo er die schwersten Kämpfe am sich nehmen sollte, sah er nch herausgerissen ans dem Kreise jener, die nie um ihre Eristrnz zu kämpsen hatten und Rieinandeil sich zur Seite stellen, dem dieser Kamps allferlegt wird. Er sah diejenigen sich von ihm abwcndcn, die allein ihm hätten Helsen müssen. Aber wo waren die vlötzlich dingekoinmen? In tiefes, dumpfes.Hinbrüten versunken,!licht achtend der schnell vertiniiendcn Stunde», saff Gustav, >vie im Halbschlaf in dem kleinen Rani», den ehedem nur bevorzugte Geschäftsfreunde und Bertrante des Hanfes betreten dursten. Langsam öffnete sich die Türe, sein Bater trat schwerfällig, schleppenden Ganges herein. Trotz seiner Korpulen; iah Linikacher verfallen, krank und hin fällig aus. Schwer, willenlos, lies; er sich in den eichenen Sessel sinken. Seine Züge drückten tiefes Leiden ans, kummervoll blickte er den Sobi« an, der nicht »vagte die Angcn;11 erhebe». Lange saffen Barer und Sohn schweigend da. Limbacher zog nach einer Weile, als Guitav das Schweigen nicht unterbrach, zwei Briese ans der Rocktasche. Gustav betrachtete sie mit argwöhnischen Blicken.!1iathautcl Korn Nachfolger stand ans dein Siegel. Das Schreiben lautete: ״Herrn Israel Limbacher, Hier. Beunruhigende Gerüchte über die Solvenz Ihres Hauses, mit dem wir seither die Ehre harten, geschäftliche Beziehungen zu unterhalten, bestimmen uns, die letzte uns erteilte f/rder nur gegen Kaffa zur Ausführung;11 bringen. Gleichzeitig erlauben wir uns in gefl. Er innerung zu bringen, das; für den ichc»! seit 10 Tagen fälligen Betrag von :;000 Gulden bisher keine Deckung eingegangen. Wir ersuchen Sie daher ebenso höflich wie dringend obigen Betrag spätestens innerhalb drei Tage zn bc gleichen worauf wir mir aller Bestimmtheit rechne!!. Hochachtungsvoll" Der Brief trug Mepeithals Lchiistzngk und war von Siegfried nnterzcichnel. Gustav legte den Brief in ein Schubfach und schloff es ab. Mit ängstlichen Blicken war Limbacher jeder Bewegmtg des Sohnes gefolgt. Er schien eine Er klärnng zu crivartcn; aber Gustav schwieg. ״Warum sprichst du nicht?" ״Was ist da zn sprechen? Mem! verlangt dreitausend sechshundert G!r!d?!׳. die fällig waren, und will nicht weiter effektuieren ohne vorherige Sicherheit-!vas ist da also viel zu reden?" Das Haupt Limbachers sank tief herab auf die Brust. Welche Sprache sich die Leute jetzt gegen ihn erlaubten, die seither in servilsten Ans drücken geschrieben - wo in jeder Zeile, geneigten, Höftichit, gütigst, freundlichst, ergebenst angebracht!var Jetzt lag ein kühler, mifftranischer Don in diesen Briefen Der zweite Brief!var aus Mann heim, vom Hause Müller und Mahler, ivelche, gegen die getroffene Bereinbarung, ״eine sofortige Anzahlung" von einem Drittel der versunkenen Frucht verlangten. ״Es muff irgend jemand feindselig gegen uns agitieren," sagte Limbacher. ״Aber tun '•״׳ frng Gustav gepreßt. Er hatte immer noch nicht die Nähe der lierenitretenden Katastrophe erkannt. Inmitten der auf ihn einstürmenden Bedrängniffc trug er sich!weder mit neuen Plänen, dachte er über neue HilssgueUen nach, die ihn über die gegen wärtige Kalamität himvegbringen sollten, als läge hinter diesen eine klare, sonnige Zukunft. Er vergaß darüber den!vidcrlichen Borfall mit dem roten .Hannes Sein Bater nahm scheinbar gleich gilrig die Küudigmig des Mrschvrrs hin. Er war in das Alter gekommen, in dem die Menschen anfangen stumpf zu iverden. Ar. 4J Gei» 18. In der folgenden Woche fand im Eäcilicnverein und im Kasino Neuwahl des Borstands statt. Gustav wurde nicht wieder gewählt. Statt seiner wurde Adolf Ebcrstein im Eäcilienverein gewählt, Siegfried Korn nn Kasino mit nur einer schwarzen Kugel ausgenonnnen. Der Berkchr mit den bisherigen Freundeskreisen staute merklich aballerdings war jetzt nicht die Zeit zn Ausstügen und Geselligkeiten. Der grassierende Tnphus malmte ohnehin die Menschen zu enthaltsame! Lebensweise. Zu Schiff ging Gustav täglich, oft ziveimal. Iomtot Schiff ivar nach Aussage des Arztes gegenwärtig außer Lebensgefahr, die Kraft der Krankheit gebrochen, hingegen die Schwäche so groß, das; noch nicht zn bestimmen war, ob er sie überwinden iverde. Leontine lag in tiefer Be wufftlosigkeil, die Krankheit hatte nch kompliziert, eine Lungenentzündiing, ivelche die beiden Aerzie als ״hupostatisckn׳" bezeichneren, war binzugetreten und die Aerzte nieinten, inan müsse den weiteren Berlaus der Krankheit der Natur überlaffen. Das hieß soviel, als: ״wir sind mit unserer Weisheit zu Ende." ״Wenn dieser schlassüchrige Zustand noch weiter anhält, so geht er in Eoma über," sagte tiefsinnig Doktor Moldau. Bor der Türe fügte er hinzu: ״es geht zu Ende mit Leon tinchen." Die Aerzte warnten Gustav sich nicht unnützer Weise der Ansteckungsgefahr anszufetzeu, doch er achtete nicht darauf. Bon Schiffs Stube aus sali er ins nächste Zinnner, ivo Leontine in marmorner, engelhafter Schönheit mit geschlossenen Augen reginigslos dalag. ״Äe weiß nichts von sich," flüsterte die barm׳ herzige Schwester Gustav zn. Er itickte und blickte unverwandt auf das abgezehrte Gesichtchen, daS in dem tvirren, schwarzen Haar eingewühlt lag. Er versank in ivehmütige Betrachtungen. Zum erstenniale im Leben überkame» ihn Todesgedanken. Ihm dünkte dleier träum, und bewußtlose Zustand gar nicht so schrecklich. So krank werden, und ohne Ahnung des nahenden Todes zn sterben, konnte nicht so bitter sein, wie das Leben, das einen heransrcifft anü sonnenbeschicnenem Blumen Hain in das dornige Gestrüpp eines steinigen Ab gründe». AnaesichtS der Todesschatten,die dräuend über diesem Krankenlager fchrvebten, kam ihm sein durch die moralische Ausschließung von seinen Ehrenämtern gekränkter Ehrgeiz recht kleinlich, sogar dumm vor. Wie konnte ihn das >etzt über Haupt beschäftigen! So lange er im Hause Schiffs!veilre, fühlte er eine Beruhigung, die er im eignen Heim nicht inchr fand. Er war in steter Furcht vor neuen Sorgen, die jetzt von allen Senn: auf ihn eindrangen. Er sehnte sich nach seiner Schwester und dennoch wünschte er sie letzt nicht hier, wo ihn seit vielen Tagen so viele Demütigungen getroffen. Wenn Schiff jetzt gesund!väre, der würde trotzdem er Limbacher ein beträchtliches Bennögen anvertraut hatte, sicher ratend und helfend den! alten Frcmid zur Seite gestanden haben. Es schien als habe ein böses (beschick alle widrigen Zufälle znsamniengchänsl, um den Sturz des alten Hauses herbeiznführen. ״DaS Sch'cksal rvtll uns zermalmen," sagte (Gustav für sich, ״mit mir ivird das Haus Limbacher erlöschen ״ Nach der Mittagsmahlzeit pstegte er ins Eafv zu gehen und mit drei Freunden, m der Regel den beiden Korn und den! Sohn eine» Fabrikanten Karten zu spielen. Kam er später als die andern so übernahm gewöhnlich ein befreundeter Guts besitzer einstweilen feine Partie, für einen der Söhne Korn spielte bis zu deren Erscheinen Adolf Eberstein. Als er an den! seit Jahren von ihm . eingenommenen Platz erschien, wo er sonst sofort zu ׳vielen begann, saß der Fabrikantensohn und der Gutsbesitzer an scmem Stammtisch, Adolf Eberstein mischte gerade die Karte. Anstatt!vie se'ther, ihm alsbald den Platz zu räumen, blieb Adolf sitzen, gab, ohne aus seinen Gruß zu achten Karten aus und begann von neuem daS Spiel. Kaum daß die drei von feinem Erscheinen Notiz nahmen. Gustav, seit Tagen schon überreizt, und überemunndlich, blieb hinter Ab»1» stehen, bis das

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