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Der Israelit · 1906-10-18 · 42 (18.10.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
42 (18.10.1906)
Date
1906-10-18
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Leuilleton-Beilage zu Nr. <\2 des ״)sraelit". 'errilleton. vrrvssl-5cl>em von MicI>eI5ia<I». Bon ^udiius. u Nachdruck verboten. ״Ich bin mit (nntem jeder Art reichlich gc segnet," ciitgegnete der Frcnnd, ״auch meinen Kinder» und Enkeln iVt vom.Fimmel ein sorgenfreies Loos beschicden, ich I,litte daher keinen Wunsch, »nie man ihn fonft wohl an einen König stellt. Dagegen habe ich ein lebhaftes Verlangen, dast mir wieder einmal zusammen essen und trinken möchten, wie wir cs so oft als Jünglinge getan, während unsere Herden weideten. Wenn ich einen Wunsch änstern darf, so wäre es der, das; Du mich einmal zur königlick^n Tafel laden." ״Tonst nichts?" fragte der König erstaunt. ״Dein Wunsch soll sofort erfüllt werden, Du bist für die ganze Zeit Deines Auscuthaltes in Jerusalem täglich zur Königlichen Tafel geladen." Der Frcnnd nahm drei Tage an der König lichen Aatcl teil und als er sich dann verabschieden wollte fragte ihn der König: ׳.׳^״! Dr! jev-t zufrieden'" ״Wie sollte ich zusriedcii sein?" entgegnetc Barsilai. ״Du hast ja nicineu Wunsch nicht er füllt. (5s ivar mir nicht darum zu tun zur königlichen Taiel gezogen zii »vcrden, sondern mit Tix־ H'olltc ich wieder einmal speisen. Tie (5rsüllung dieses Wunsches hast Du mir versagt. Denn wohl sagest Du imnier an der Spihc der Tafel und hattest die Gewogenheit mich neben Dir sinen ״• lassen. Aber ich sah Dich nie einen einzigen Bissen geniesten lind nichts von. den kostbaren Weinen, die vor Dir standen. Mir Dir habe ich nicht gegessen." ״lieber Frcnnd," entgegnetc der König, ״mit mir kannst Du nicht eisen, denn ich »vage es nicht meine Mahlzeit auch de»! niedrigsten Diener anzttbictcn, geschweige denn einem so lrciien, altenFreunde, nne t'ii es bist. Damit Du aber nicht etiva an meine» Worten zweifelst, so will ich Dir meine tägliche Rahrung zeigen." Mit diesen Worten führte der König den »freund in ein anstostendes Zimmer. Dort stand aus einem einfachen Tisch eine kaum halbgefüllte Schale und daneben lag ein bartes Stück Brot. ״Was denkst Du wohl, »vas diese Schale ent hält? Es und die Tranen, die ich täglich und iUmitliu) vergicste. Diese sammle ich rurd ra׳.!chc in sie mein Brot. Das ist meine 'Ralirmig. Der Weg vom Hinenstab zum Kömgsszepker ist nicht io glatt und nickil so leicht ivie D» vielleicht glaubst. Biel Blut und viel Thränen beiten sich an jeden Schritt und ans dieser viel beneideten Höhe m man den Berloekungen der Leidenstha׳! und Sünde viel leichter ansgesepr, als in dem Hirtenstaiide, zu dem Du;egt!nieder znrnckkcbrst. Für die Well und ibr grobes Auge bin ich der grostr, mächtige König, aber damit mich keine Tchineichelci meine irdischen .Hinfälligkeit und Nichtigkeit vergelten lastt, lebe ich in dieser 'Weise. Das weist allster uns keine Seele und ich sage cs Dn nur als 'Beweis meiner Frenndschasl und zur Rechtfertigung dafür, dast ich Dich nicht an lncineni ׳B,ahlo bobe!eil'.'.ehmeu lasse." Sinnend batte Aron Schotten diese Erzäblnng angehört. Tie hatte ,hn offenbar ernst gestimmt. Der aiismerksame Wirt war daher bedacht, diesen Ernst durch ein heiteres Nachwort zu mildern. ״Die Geschichte siel mir ein, als Ihr den 'Wunsch ansspracht mit mir essen zu wollen. Als Barsilai seinen königlichen Freund niemals an der Tafel esscii und trinken sah, mochte er geglaubt haben, dast König David noch besonders ausgesuchte Leckerbissen nabe, wie sie selbst die offizielle fürstliche Tafel nicht bot. Aber lvas ich esse und trinke war Euch doch kein Geheimnis, warum habt Ihr Euch einen ganzen Schabbos mit meinen Speisen begnügt und dasjenige zurückgewiesen, was wir Euch zu Ehreil hergcrichtet hatten?" Der Gefragte schwieg einen Augenblick, dann envidcrte er: ״Je öfter ich zu dem Rabbi komme, desto mehr fühle ich den grosten Abstand zwischen mir und dem Rabbi. Ich meine nicht, was die KentniS der Thora betrifft, denn da wäre es vermessen, ivenn ich nur dran denken ivollte mich mit den! Rabbi zu vergleichen. Sondern die Eigenschaften des Eharakters, Eure Menschenliebe, Eure Bescheidenheil, Eure Anspruchslosigkeit, nicht das Gllte, das der Rabbi tut, sondern die Art lind Weise, wie es geübt wird, von allein dem cm psindc ich, dast ich cs nie in dieser Vollendung zu erreichen vermag. Deshalb wollte ich's einmal i» einem einzigen Zug versuchen es dem Rabbi »achzutun, und wenigstens die paar Stmidcn, die ich das Glück habe in diesem Hause zu sein, so schlicht und kärglich speisen ivie es der Rabbi das ganze Jahr hindurch tut." ״Es ist aber nicht recht", eiitgcgncle der Rabbi, ״dast Ihr gerade den Schabbos für dieses Erperiment aussucht. Für mich bedelitet meine Art zu enen und zu trinken längst keine Ueberwiudüng und Entbehrungich würde mich im Gegenteil unbehaglich fühlen, ivenn ich Fleischspeisen und andere schiver verdauliche Nahrungsmittel zu mir nehmen sollte. Aber für Euch ist diese Speise cnvas migewohmes, daS Ihr besser einmal an Wochentagen probiert." ״Aber ich Mllst ja heilte Abend Weiterreisen und innst gestehen, ich trete diesmal nicht so zn vcrsichtlich die rvcite Reise wie sonst an. Auch drückt cnvas schon ׳'eit ich meine Familie verlasten habe und ich suhle mich so beklemmt, dast mir vor der Reise diesmal graut." ״'Wer wird sich auch solchen Stimmungen hingeben", meinte leutselig der Wirt. Mit diesen Worten erhob er sich, um mir seinem Gaste zum Abendgebet zu gehen. Nach Beendigung des׳ selben verabschiedete der Rabbi den scheidenden Schabbos, begrüstte die irische Woche mit flackernder Kerze, mit perlendem Wein 1utb mit dus tendem Gervürz nnd reichte dem Gaste den Becher mit den Worten: ״So, Rcb Aron, den trinkt aus bis ans den lebten Tropfen und seid guten Muts, Ihr iverdet glücklich reisen nnd glücklich ivieder benntonnnen. Euer Rückweg führt doch »׳jeder übcrMichclstadt?" ״Wer kann sage» ivvhin sein 'Weg führt?״ erividerte beklommeii der Genagte. ״Wer kann sagen, ob er überhaupt zurnckkonnnr?" ״Wie kann man sich nur solche Gedanken machen? Wer solche Ansichten hat, der sollte überhaupt nicht reisen. Aber ihr seid doch sonst ein tüchtiger Geschästsinaiin. Ihr iverdet I^echajim ulscholnuui in vollendeter Lcbeiisiülle reisen und zutnckkouiineu. Das garantiere ick, Euch. ׳ ״Wie kann der Raobi mir das garantieren?" ״(stanz einfach, ich mache Euch zum Schliach Mizwo, zum Boteil für eine von Gott gebotene Bstickn, nnd Ihr ivinel, dast solche Boren kein Schaden nifn, nicht ans der Hinreise und nicht bei der Rückkehr. Ich ,vünsche Euch glückliche Reise und gute Geschäfte. Vom Reingewinn der lepleren gebt Ihr einen Teil des Maaner Zehnten I für meine Ieichiba und bringt ihn aus dem Rück ■ weg Ku'ci hierher.״ ״Roch eine ׳Bitte, Rabbi! gebt mir etwas znm Andenken an Euch, '.sticht als ob ich den Rabbi vergessen könnte, aber es wird mir zur Beruhigung, eine Art greifbares Unterpfand für die lrostvollen Zusicherungen sein, mit welche» der Rak bi mich beglückt hat." Der Rabbi suchte auf dem Tisch nach irgend etwas, daS er dem reichen Manne hätte schenken können. Der Tisch war abgeräumt. Es standen nur zwei brennende Talglichter daraus und ein nicht angezündetes halbes Talglicht. Dieses Licht ergriff der Rabbi, gab eS dem scheidenden Gastfreunde mit den Worten: ״Es soll Euch Masol nnd Brocho (Glück und Segen) bringen." Der Gast ivickclte die halbe Kerze vorsichtig in ein seidenes Taschentuch, steckte sie in die Brusttasche seines RockeS, neigte das Haupt, damit der Rabbi seine Hände segnend auf dasselbe lege, nnd verliest dann das gastliche HauS, um in seinem längst bereit stehenden Listigen weiter zn reisen. Vl. Drei Wochen tvaren verflossen, seitdem sich Aron Schotten von dem Baal-Schein verab schiedet hatte. Er hätte jcstt zurück sein sollen, aber iveder er noch irgend eine Nachricht von ihn; war da. Das beunruhigte den Rabbi. Tag lich schaute er nach der Richtung ans, von welcher er den Freund erivartete, als endlich am viernnd zivanzigstcn Tage gerade mit Einbruch der Rächt Aron Schotten nut seinem Gcschästsfrelinde Sander Goldsticker aus Koblenz nngefahren kanr. Er liest vor dem Hause dcS Rabbi halten, ohne erst in seinem Wirtshaus vorzufahren. Ein Blick, den der Rabbi aus seinen Gast freund gcivorfen batte, überzeugte ihn von einer merkivürdigen änstcren Veränderung, die sich in Schattens ganzen׳. Auftreten bemerkbar machte. Scharren, ein Vierziger mit dunklem Bart und blühendem Gesicht, halte in den viermidzwanzig Tagen, die seit seinem jüngsten Besuch verflossen tvaren, graue Haare bekommen und den heiteren Zug verloren, der sonst immer mn die Lippe» spielte. ״Mir sind merkwürdige Dinge passiert, seitdem mir uns nicht gesehen haben", begann der E!!1 tretende sofort nach der ersten Begrnstnng. ״A,cu> Leben war so gut »nie verloren und Ihr Rabbi habt's mir gerettet. Gott habe ich für die ivunderbare Rettung schon gcdaiikt und in Znrzack! Gomel gebenscht (der ScgcnSspruch, den von Gefahren Errettete in ösientlichcr Versammlung vor der heiligen Thorarolle sprechen׳. Jetst muh ich auch Euch danken, für das >vas Ihr mir getan habt". ״Ich Euch getan?" fragte der Rabbi. ״Was könnte ich zu Eurer Rettung getan haben, von der ich bis zn dieser Stunde nicht einmal Kenntnis habe? Bei mir habt Ihr Euch nicht zu bedanken." ״Diesmal", bemerkte ernst der Gast ״cymciU mir der Rabbi einen schlechten Dienst mit ferner grosten Bescheidenheit. Mein Begleiter Reb Sander, der auch einen grasten Teil an meiner Rettung har, konnte es schier nicht glauben, dast ich nächst Gott dem Rabbi meine ivunderbare Rettung ver danke. Deshalb habe ich ihn bestimmt, mit hierher zn kommen, um cs aus des Rabbis eigene» Mund bestätigt zu erhalten, dast sich die Sacke so verhält. Wenn aber der Rabbi alles von fick zuxückweist, so stehe ich ja wirklich lvie einer da, der inir dein Emmes Wahrheit., nicht gewisse!!!)!׳.׳: umgeht. dann bat ja " Der Begleiter unterbrach seinen Freund mir der Beincrkmig. dast er riie a» der Lvabrheit der ganzen Darstellung Schottens gezweiselt habe und d. st er ans einem ganz anderen Grunde mir nach Ac'ichelstadt gereist sei, den er nachher auch sage» werde, sobald Rcb Aron seine Geschichte erzählt habe. ״Also, sangt einmal an, Rcb Aron", forderte der Rabbi ׳einen Gast aut zu sprechen. ״Es wird sich aus Euerer Erzählung ja bald ergeben, ob ich Euch wirklich einen Dienst erwielen habe,

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