Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 25 (21.6.1906)
- Date
- 1906-06-21
- Page
- Seite 8 (sequence 9)
- Language
- German
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Ter Israel«! N. %2'1. ■reu» >י _ Gemeinde lotbantxn ift.) Tie größten Rabbiner jener Zeii haben nämlich gutachtlich bestätigt, daß die vom ungarisch-jüdischen Kongresse beschlossene einheitliche Organisation einen von k e i u t m Gesicktspuntte aus z u rechtfertigenden Gewissenszwang gegen die gesetzt-treuen Juden involviere und daß die Berwirtlickung der Kongreß,staunen zur Untergrabung des ,irdisch religiösen Gebens füdren müsse. Ter Reichstag bat schon im Jahre 1870 oiesen Standpunlt volllommen gewürdigt. Ter obligatorisch« ^haratler der Kvngreßorgani sativn wurde aufgehoben und als ein natürliches Resultat der Glaudensfreiheit bat der Reichstag es« ausgesprochen, daß die orthodoxen Juden Ungarns e׳ne von der Kongreß,Partei ganz nnabbangige israelitische Glauvensgenossknschan bilden. "uns Tage, nachdem der Reichstag diesen Be schluß gefas-.t batte, am 22. Mär, Is71, hielten die Tistritl-präside»«-״ ihre erste konstituierende Sitzung ob. Sie errichteten damals ibre Lande« tan:lei und mit Ignorierung des erwähnten Reichslag^belchlusses verfügten sie die Einberufung eines _neuf11 Kongresses für die erben Monate IS42. T.e Herren kamen noch zweimal zu ordentlichen Jahres- Versammlungen zusammen, beschlossen wiederholt die Einberufung eineneuen Kongresses, bis ne tck'l'eß ' l׳ch zur "inficht relanairn. dastvedcr der König, noch die ::-t.:aei׳che Negierung in die Wiederholung eine- .Kongrev. Schauspieles «inwilligen würden. 'Aolle 17 Iabre baden bann die Distriktspräsidenten kein Lebens,-׳cken von sich gegeben und erft seit י'י5*ו senden wieder Jahresversammlungen statt. Tie beute siaitgebadte Tagung war aber von ganz besonderem Interesse. Tie neue re'> erweiterte orthodore Verfassung hat in der neologen Landeskanzlei eine wahre Panik hervorgerufen. Gs ist ja cuw keine Kleinigkeit: Tie eingebildeten Stützen einer 27,ädrigen Tvsivbusarbeit wurden mit eenem Federstrich unbarmherzig zcrrrüminrrt. Nach 27 Jahren Nell! es sich auch tnr den Uneingeweihten heraus, daß der ganze Kongreß mitsamt seinen Beschlüssen, ebenso wie die von den neologen 1>*e,.naU׳ batcru nach dein Kongresse inaugurierte 'Politik der Verleumdung und Tenunziernng der gesetzestreuen Rabbine!! und deien Gemeinden. eine ganz verieblte. infame Spekulation gewesen, Gs ist eine betannie Taktik der Neologen in aller Herren Länder, über die relir>1ö׳en Spaltungen im Judentum Krotodilsträ״en zu vergießen, die Orthodoren als Friedensstörer zu srvainaiisieren und die Welt glauben zu macken, daß, sie, die Ne״l״gen *ci* ״einheitliche Judentum" ciU das einzige Hochziel aller ihrer Beurebiinaei׳ oetrachten. Hier in Ungarn wird diese Gintrachtsdusrlei mit Hochdruck betrieben. Und das ba! in den hierzulande eigenartig gereaelten lonsesiienellen Ber bältniisen sk'nc״ tit'en ölrund. Taß die Ontzvdoren «10 .jure in allen Stucken eine ganz separierte jüdisch: Konfession bilden nnd an den Kongreßschwinde! in!einer Weife gebunden sind, das können unsere neologen Glaubensbrüdcr nicht veischnierzen. Friede! trinbeitlicber Kongreß! Einheitliche Organi sation! Ginkeitlic!^ Autonomie! ist ihre Losung. Tie Leidenschxistllchkkit aber, mir der untere neologen Friedensstürmer in ihrer heutigen orden'lichen Jahresversammlung für das ״einheitliche Judentum»» bcinonsrrierten, sowie der pompöse A»׳z»g zur Kultusregierung, verdient vor aller Oesseutlichteit festgenagelt zu werden, damit auch die glaudenslreuen Juden anderer Länder einen klaren Begriff davon erhalten, welch« Bewandtnis es mit der Toleranz und Friedensliede unserer sogenannten liberalen Glaudensbrüdrr habe. Wenn schon das gesttzestreuc Judentum in Ungarn mit seiner staatlich sanktionierten Autonomie fortwährend von Attentaten seitens unserer reichen, mächtigen, angesehenen und gebildeten Stammesbrüder bedroht ist, welch« Timensionen kann dann diese Verfolgung« wut annebmen in Staaten, wo die vertrauensseligen Orthodoxen aus die Duldsamten ihrer neologe« Brüder angewiesen sind! In Ergänzung meines telegre.p'ssschen Berichtes sei hier über den Verlauf der Versammlung noch folgendes mitgeteilt: Ter Vorsitzende degriißke die erschienenen 19 Tistriltsvräsidenten und erörterte den Stand der konfessionellen Autonomie, indem er daraus dinwirr, daß die in Sachen der ortbodoren Organisation herausgegebene Verordnung de-.- früderrn Itultusministers Georg Lukacs len heimischen Gesetzen zuwiderlaufe. weshalb die Bersainmlung betonen müsse, daß sie die Bindlichkeit dieser von einem nichtkonstitutionellcii z>r>׳Minister beirührenden Verordnung nicht an erkenne. Selbstredend wuiden diese patriotischen Ausführungen von den dreizehn Präsidenten mir großer Andacht avgehörr und unter dein Eindrücke der Rede des Vorsitzenden beschloß man. den neuen Kullusminister aufzusuchen und ihn» ein Memorandum in dieser Angelegenheit zu überreichen. Tas Memorandum gibt schon in seiner Ginleilung der Zuversicht Ausdruck, daß die Wiederherstellung des konstitutionellen Neginres auch der israelitischen Konfession die Erneuerung des N e ch t s z u ׳ st a n d e s bringen werde. Tie ungesetzliche Negierung habe, ohne die Interessierten oia!) anzuhören, die ohnedies ungeregelten Auslände noch konfuser gestaltet, ja ganz auf den Kopf gestellt. Heute sei es schon unmöglich, sich im Labprinth der einander widersprechenden Verordnungen zurechtzufinden. Tie «ßntscheidung der Streitfragen geschieht willkürlich, Parteien und Behörden sind nicht crienticrt. Infolge der Reckl-unncherheit (!) herrscht in Bezug auf das Verfahren, die Wirlunastreise. die .Kompetenzfragen die größte Verwirrung. Tie politischen Behörden treffen in den Fraget! der jüdiscirrn Religion Entscheidungen nach Belieben. In den Kultuögcmcindcn fortwährender Streit und Hader. Aus der ganzen L׳nie unerträgliche Verhältiijsse, weitste durch die neueren Gravamina des Kultusministers der ungesetzliären Negierung noch vermehrt wurden. Ter beschränkte Raum dieser Leitung gestaktei mir nicht, die lange Reihe der Lamentarionen unserer nevlogen Führer detailliert anzufübren. Tie Leier dieses Blattes müssen sich mit diesen Stichproben, auf die wir übrigens nvch zurücjtom:ncn werden, nprliiufig begnügen. Bei der Ueberreichung des Memorandums an den neuen Kullusminister. Grasen Alb. A p p o n « i, sagte der Führer der Deputation. Tr. Moritz Mezei. noch folgendes: In erster Neide bitten wir, unsere a u 1 cn o in e Organisation fortsetzen zu dürfen. Tiefe Organisation muß deran festgestellt sein, daß, die Konfession in ihrer Ö'׳ önze ihr autonomes Reckt betätigen kann, damit wir unseren kulturellen Institutionen, unseren religiösen 'Angelegenheiten jene Form geben können, die sie geeignet macht, daß. die ungarische Judenbeit ihre tulturellen Pflichten der Nation gegenüber zu erfüllen perm a g. Redner verwahrt sich im vorhinein gegen die Verdächtigung, als sei ein Gingriss aus die Gewissensfreiheit geplant. ,.Ter Kongreß, den >vir verlangen, kann sich init teinerlei religiösen oder gottesdienstlichen Fragen befassen, sondern nur mit der Regelung des Rechtsverhältnisses unserer Konfesiion zum Staate, der Organisierung unserer Kultusgemeinden und der Gut- Wickelung unsere׳׳ kulturellen Institutionen in nationaler Richtung. Wir halten an der Rechtskontinuität fest, wir wollen daber auf Basis des ersten Kongresses weiter bauen. Unsere Bitte geht in erster Reibe dahin, die Verordnung des gewesencn Ministers Lukacs, welcke aus der einzigen rezipierten jüdischen Konfeffion zwei Konfessionen gemacht hat, außer Kraft zu setze». Nirgends gibt es verschiedene Iudenschaften und auch das ungarische Gesetzbuch hat nur e i n Judentum gekannt und nur eine jüdisch« Religion rezipiert. Tie jüdische galizische Torsgemeinde und die Wiener Religionsgemeinde unterscheiden sich sicherlich ebenso von einander, wie die Pcster und z. B. die Marma rosßigeter, und dennoch ist dort Niemandem einge fallen, aus diesen, auf verschiedener kultureller Stuie siebenden Gemeinden verschiedene Konfessionen zu macken. Wir bitten Gw. Gxcellenz, all das, was dem Standpunkte widerspricht, den die ungarische (.Kesetzg.'dung in der Iudenfrage von Beginn an eingenommen bat. adändern zu wollen." Redner bittet schließlich den Minister, das Memorandum seiner Aufmerksamkeit zu würdigen und die darin vorgebrachten Bitten mögl,«stst bald zu erfüllen. _ el. Juni uh*0 Kultusminister Gras Apponyi erwiderte hierauf Folgendes: ״Sehr geehrte Herren! Ich danke Ihnen für das herzlich« Vertrauen, durch ivelches Sie si.h leiten ließen, als Sie mich durch Ihr Grscheinen beehrten. Glauben Sie mir, daß gerade bezüglich der jüdischen Konfession diesem Ministe-- lium Ausgaben er'.oachsrn, für deren Lösung ich mich ganz und gar nicht kompe-! e n t erachte. d e r. n hier i st von Fragen die Rede, bei welchen das Mi n i st e r i u m aufgefordert wird, in jüdischen rituellen Angelegenheiten zu entscheiden. Ties ist aber das denkbar größte Absurdum in einem Staate, der auf der Basis der ölewissenofrei'heit und Selbständigteil des r e l i g i o s e n L e b e n s a u » g e b a u t ist. Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, w a s keinem meiner V o r g ä n g e r gelungen i st, die Lchwierigteit zu lösen, die in der gegenwärtigcn Lage der heimischen Iudenschaft zu finden ist. Und obwohl, wie mein sehr verehrter Freund und gewesener A b g e 0 r t> ־ 11 e t e n t o l l e g e. Ihr Sprecher und Präsident, es nahegelegt hat, manchmal irrtümlicherweise Berusung geschehen ist aus das Prinzip der Gewissensfreil-eit. so muß dennoch diese mir als Leitstern dienen. Ich kann zwar unterscheiden, wann darauf grundlos Berufung aelckiehi und wann nicht, aber von der Befolgung dieses leitenden Prinzips t a n n ich n a t i, r l i ch nicht a b g e h e n. Ick gestehe ein, daß ich noch nickt genug orientiert bin. um in dieser Frage mehr zu sagen." Ter Minister versprach noch, in der Frage der staatlichen Dotation nach Billigteil vorzugehen und die Lösung versckiedener anderer Probleme mit der größten Obiettivität und Unbefangenlieit ׳u fördern. Obwohl der Kulturminister die patriotische Tüchtigteit und politisch« Bravheit, mit der die Herrn aus seinen ״oersaffungswidrigen" und ״unkon stilutivncllen" Vorgänger zu wiederholten Malen Hingeiviesen, nicht durch ein besonderes Streicheln honorierte, so nahm die Deputation doch diese Antwort des Kultusministers, die wir in einem zweiten Artikel noch würdigen werden, mit stürmischen Gljenrufen auf. Tie Herrn Neologen scheinen mit der ihnen erteilten Antwort zufrieden zu sein, die orthodoxen Juden sind es ganz bestimmt. Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unerwähnt lassen, daß der Protest der preußischen Rabbiner gegen die Organisationsbestrebnnaen des Gemeindebundes in ungarischen gesetzestreuen Kreisen großen Gindruck gemacht hat. Wer die Tragweite einer staatlichen Gesamtorganiscilion der ,üdischen Gemeinden nicht ermessen kann, der komme nur nack Ungarn. Hier ist es noch jedermann in lebhafter Grinnerung, welche Verheerungen die Kongreßorganisation während der kurzen Zeit ihrer Verbindlichkeit im Kultnsleben vieler Gemeinden angerichtet hat. Gs gibt keine größere Gefahr für die jüdische Gesetzestreue, als die Bemühungen, die nun einmal bestehenden gegensätzlichen religiösen Anschauungen mit aller Gewalt unter einen Hut zu bringen. « 11 U n ». London. IS. Juni. Die Jüdische National bank in London veröffentlicht ihre Bilanz für loorj. Wie das Direktorium mitteilt, hat das Geschäftsjahr 1903 die von der Leitung ge׳ hegten Erwartungen nicht erfüllt. Infolge der Gr׳ eignisse in Rußland mußte die Bank ihre russischen (Geschäfte zuerst bedeutend einschränken und schließlich gänzlich einstellen. Diesem Umstand, in Verbindung mit dem Rückg.ing der ruffischen Valuta, ist es zuzuschreiben, daß der Gewinn hinter dem vorjährigen zurückblieb.. Mit einem gezeichneten Kapital von 201,430 Psd. wurde ein Gewinn von 3740 Pfd. 4 Sch. erzielt, wozu noch ein Gewinnvortrag aus 1904 mit 272 Pfd. 2 Sch. 6 P. kommt. Bezüglich der russischen Ausstände hegt zwar das Direktorium für den Fall, daß nickt unvorhergesehene Greignisse