Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 24 (14.6.1906)
- Date
- 1906-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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5ct1illct01t*ix'ila4c zu 2u\ 24 ,^sraolit^. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX X~X X ~x~ frLüiÜkMs^. Jiiüioii 11. WM in Der WtWsst. ifon Arthur Mahn. •־,!i Nachdruck verboten. LMniqc ^׳Jcdxn waren vergangen. Gustav war, alo er Bella nur ein einzigesmal flüchtig zu sehen be kommen!׳alle und ne bei seinem Anblick schleunigst Vcrschivand. zwei Wochen lang nicht mehr in Iechicls Wohnung gekommen. Ter neue Anzug bedurfte zwar wiederum einiger ','!erdenerungen und hing jetzt zu einer neuen Anprobe fertig in der Wcrkstättc, allein der Eigcn'.ümer dlied au», vielleicht dachte er gar nicht daran, In den Mittagspausen, wenn die Werk statt leer war, spähte Bella dort herum und deirachieie lange den »'einen 2toff. laae vergingen. ehe Gustav wieder erschien. Ewar trotz des vorgerückten Hochsommers glülxnd Heist. Iechiel war ausgegangen, seine Trau und Tlora mit Wäsche aus der Bleiche, Joseph mit Emil Korn über Tel» gegangen, nur Bella und die Gesellen allein zu Hause, als Gustav plötzlich erschien. Noch geblendet von der Helle des Tages, sah Gustav zuerst nicht. Last in dem dunklenKorridor. den Rücken ihm zugewandr. eine Gestalt vor einem Schrank stund, dessen Türen weit offen standen. Er stiest dagegen und stand plötzlich Bella gegenüber. Er entschuldigte sich, noch ganz überrascht, wegen des unsanften An- Pralls und frug, ob er ihr nicht wehe getan. Bella lachte fröhlich auf. Ihr Herz jubelte: sie hatte zu ihrem eignen Erstaunen plötzlich die angstdolle Scken vor dem Manne verloren, dessen Wesen ihr ganzes Denken ausfüllke. Nein, sie war bei seinem Anblick nickt erschrocken, wenngleich sie seine Schrille ganz überhört hatte. Sie öffnete oie Türe zur Weekstätte und nahin ihre Arbeit vor dem Sckrant wieder auf. Sie be eilte sich, damit zu Ende zu kommen, bevor die Anprobe vorüber war. aber diese war beute sehr schnell von statten gegangen. Während sie noch völlig verwirrt und im Unklaren war, ob sie den vornehmen Kunden in die gute Stube führen sollte, wie die Ellern taten, oder ihn seines Weges gehen lassen sollte, itand er plötzlich schon wieder vor ihr. Nasch schloss sie die breiten Türen des mächtigen Sckrankes und öffnete ohne ssck eines klaren Gedankens bewusst zu sein, die gute Stube, die sie weit offen liest. Nun fast ihr der Mann gegenüber, an den sie tagtäglich dachte, Len sie lieble und fürchtete zugleich. Mit zärtlichen Blicken ruhten Gustavs Augen auf dem schönen, verschüchtert ibm gcgrnübersihenden Mädchen. Er blieb nur kurze Zeit, denn ibre steigende Unruhe, die sie kaum noch verbergen konnte, verriet deutlich, daß dieses Alleinsein mit dem jungen Mann peinlich für sie wurde. Er begriff dieses auch in Abwesenheit aller Iamilicnanaeböriurn bei einem jungen Mädchen, das nicht unbefangen ibm gegenüber war. Zögc-nd. ihrer sich kaum bewusst, geleitete sie ihn an die Stiege Sckickte sich das? Sie lousste, sie überlegte es nickt. Auch Gustav blieb am Trevpen obsab zögernd sieben, er wollte etwas lagen, doch die Svracbe stockte, statt dessen streckte er ihr die Hand entgegen. Langsam legte sie die ihrige hinein: sekundenlang hielt er sie frft, dann neigte er ssck berab und küsste die kleine, barte, aber meiste Hand. flüchtig, fast unerhörbar glitt er die Stufen hinab: drunten angelaugt blickte er hinaus, wo Bella mit vorge beugtem Hauvt ihm nachgeblickt batte. Aus dein Dunkel schimmerte das meiste Antlitz des geliebten Mäbckxns, doch konnte er die Züge nickt erkennen. In erregter Stimmung schritt er durch die Gasse und wahllos hinaus auf die Lanbstrasse: seine Ge danken waren wirr, seine Pulse schlugen, eine uniäg lich glückliche Stimmung halte sich seiner lxinäcktigt. Sv schritt er dahin, nickt der Hitze achtend, die auf dem staubigen, baumlosen Wege lagerte. Erst als da» nächste Torf sichtbar ward, hielt er inne und kehrte, seine Schritte verlangsamend, wieder um. Bella säst inzwischen in der Küche und starrte durchs Hcnster. Die widtrstredendssen Enipkindlinge״ durchwogten ikre Brust. Eine erste Liede, erwidert und gestanden, des Glückes zuviel für rin junges Mädchenheiz, das nie zuvor eine Leidenschaft erregt hatte. Und dennoch hätte sie nickt ausjudeln können. Eine unbestimmbare Turckt mischte i'ck in ihr Glucks gefiidl. So wenig Worte zwischen ihnen auch, ge fallen loare». ein Liebesgestänbnis von ihm. rin ein willigendes Er'oidern von ihr blieb cs doch. Aber ce war ein so reicher, vornehmer Mensch, sie ein armes Mädchen eines nur ehrlichen und ehrenhaften Hand iverkers was bedeutet oas viel in oer Weil' Bei ihr eine Liebe, bei ihm eine Liebschaft. Sie »ehrad zusammen bei diesem Vergleich. Doch warum sollte ein reicher, junger Mann nick! anck einmal ein arwe.> Mädchen aus reiner Liede Iieiraten? Und er hatte ihr dock einen so warmen Kuss ans die Hand gedrückt. Das Seligkeitsgfsiihl üderivog ihre ängstlichen Zweifel; sic wurde geliebt, geliebt von dem Manne, dem ihr Herz schon länast entgegenglühte. Eine erste Liebe in diesem Alter da halten Be denlen und Sorgen nicht lange Stand. Laute Tritte, welche die stiege beraustamen. rissen das Mädckxn jäh ans ihrem Sinnen aus. Die Mutter kam und schalt, dass der Kaffee noch nicht gekocht war; dann tamen die Kinder und endlich der Vater, der gleichfalls ärgerlich ward, als sein Lieblingstraul noch nickt aus dem Tisckx staub. ״Was hast Du denn den ganzen Nachmittag gemacht?" frug Iechiel die Tochter, und seine Galt!» sagte״ ׳Da siehst Du, was ick alles fertig kriege und wie es zugebt, wenn ich nur ein paar Stunden aus dem Hause bin." Schtveigend nahm Bella die Vorwürft der Eltern bin, und beeilte sich mittels Neissgholz und Stroh ein Herdfeuer o.nzusackxn. Sie blies mit aller Kraft und mit vollen Backen in das widersvenstig gliminendc Holz, bis es endlich prasselnd auf flamnite. — Zur selben Stunde hatte Betti Limbacher ihre Treundinuen zu einem Kaffeekränzchen geladen, Es waren n׳ohl zwölf junge Trauen und Mädchen an der überreich gedeckten Tafel beisammen. Emma Korn sah mit prufenoen Blicken über des feine Porzellan, die sch!veren, altmodischen Silberschalen, und die überaus kostbaren Leinendecken und Srrviettchen. Alles war geschmackvoll, ohne Aufsälligkeit. geschickt zusammengcstellt. In ihrem Elternbause gab es auch solche teuere Gegenstände, auch dort war der Haushalt reichlich, aber bei Limbachers hatte das Ganz: so viele feine Nüancen, dass es einen weit aristokratischeren Eindruck machte. Hier Herrin zu werden, das lohnte sich schon fürs Leben. Inmitten der lauten Unterhaltung dachte Emma plötzlich daran, was aus dem vielen Kucken »erde, der überreichlich serviert und zur Hälfte wohl nieder abgetragen worben, um neuen Erfrischungen Platz zu machen. Darüber schien gar keine Kontrolle zu herrschen. Dos ganze Hanspersonal konnte ihn nickt aiiftkftv. und für den nächsten Tag wurde sicher bei Limbacbers nichts verwahrt. Wo kam ali'o der Kuchen hin? Die Trage nahm Emma stark in Anspruch. Wenn sie einmal hier tverdr zu gebieten haben, sollte es ganz anders hergehen. als jetzt. Betti war eben nicht häuslich, wrver zum Nachsehen, noch zum weis licken Berechnen erzogen. Hier musste die feste Hand einer Hausfrau ordnend und strenge Zucht kalkend, walten. 'Wenngleich e» nun nicht üblich ist, dass in einem Kaffeekränzchen sich Herren zeigen, so wünschte Emma dock im Stillen, dass Gustav, wenn auch nur auf Minuten sichtbar iverde. Sie hatte aus ihre Toilette die grösste Sorgfalt verwendet und war überzeugt, dass Gustav bald grösseres Interesse für sie gewinnen Iverde. Wenn Mädchen ans Männer Eindruck macken wollen. W gehört dazu, dass sie sich so vor teilhaft als möglich repräsentieren. Mag man auch noch so sehr die Putzsucht der Trauen missbilligen um dem Manne zu gefallen, inust das Weib sich nun einmal mit Bedacht schmücken. Und mit Bedacht batte Emma ihre Toilette gewählte dasselbe war cuct: bei Leontine Schiff der Tall und Emma musste sich gestehen, dass ihre jüngere Ireundin in ihrem Helle», luftigen Sommerkleid sehr vorteilhaft aussah. Deshalb war es ihr auch wiederum lieb, dass Gustav unsichtbar blieb, »nd nur der alte Limbacher senior für kurze Zeit erschien, »m die Gäste seiner Iocnter zu begrüssrn. Als Gustav vor dem Dorfe »nikebrte, sah er Moickc Bruck, cen Bc-ieugänger, uieimeht suh dftftl den jungen Limbacher und er!*schleunigie seine Schritte. u׳n ihn einzuholen Er verehrte den jungen, iievenvil-üroigen Menschen, und ivollle ihm auch Zeichen seines Bertrauen» geben, indem er ihn zum Vertrauten seiner Pläne und Sorgen machte. War er deck jetzt vierzig Jahre alt und konnte stch endlich mit dem Gedanken, eine Tamilie zu gründen, ernstlich befassen. Wenn 'i’fofitK Brück einen Nückblick aus seine Bcraangenheit warf, halte er alle ltrsache, mit seinem Schicksal zufrieden zu sein. Im benachbarten Dorfe batte er feine Knab'nzeit verlebt, mit keiner Mutter in einem kleinen Häusckxn gehaust, bis zu seinem sicbenzehnlkn Lebensjakr. Seitdem er Barmizwo war. Ixitte er dein allgemeinen Brauche und der barten Notwendigkeit folgend, den grössten Teil seines Unterhaltes selber erringen müssen. Die Juden des Dorfes nahmen ssch des mit zwölf Jahren seines Ernährers kxraubien Knaben in der ihnen eigen׳», keineswegs immer zarten Weise an. An dem seinem dteizehiilr» Geburtstag seiner Barmizwo folgenden Sonntag, kam der Dorsparnes in daS kleine Häuschen, zündete seine lange Pfeife an. schlug die 'Beine übereinander, wirbelte gewaltige Rauch Wolken durch die niedere Stube, und begann, zum Tenster hinausblickend- ״Mosche' Du zakls» jetzt mit zu Minjan, was so viel besagen will, als dass Du jetzt nach unserer heiligen Tkora mit zu den Männern zählst, Ein Mann muss für sich selber sorgen und bei uns armen, gedriickten Juden, die ausser Soldat nichts werden können, nur ein wenig Handwerk und Handel, so viel sie können, treiben dürfen, ist für arme Kinder keine grosse Bräre (Wahl). Wie gut es aber ist. wenn die Leuie kerne grosse Wah! haben, das zeigt ssch darin, dass die Juden viel früher als die andern Menschen selbständig werden. Auch Du hast keine Bräre. Du musst jetzt was zu verdienen suchen. Deine Mutter geht Tag für Tag mit ihrem Korb über Teld und muss Seife, Schnur, Garn, alle Sorte» Nadeln. Wolle und Baumwolle. Haaröl und Pomade, Schnür riemen und Knöpfe verkaufen, um ehrlich durckzu kommen. Deine Mutter ist aber kein Kind mehr: bat ohnehin etwas spät geheiratet, was sse besser ganz unterlassen batte." Brendel, Mosches Mutter, die auf einem Stuhle sitzend, bisher andächtig dem Parnes zugehört hatte, sticss einen Seufzer aus. Der Parnes, einige Züge aus der Pfeift saugend, fuhr fort: ״Dein Vater ist b-fauneS (leider) früh gestorben, hat ausser eurem Häuschen, auf dem eine Hvpotbek von dreihundert Gulden ruht, nichts hinterlassen." Brendel seufzte zum zweitenmal, der Parnes passte dicke Tabakswolken. ״Wieviel hat der Schmul oft w'scholom (er ruhe in?Trieben» von der Hnpothek abbezahlt?" ״Zweihundert Guloen," antwortrie die Witioe langsam. ״Gut," sagte der Parnes. ״Also. Mosche. Du musst sehen, dass Du was verdienst. Bei mir sollst