Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-05-29 · 22 (29.5.1906) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
22 (29.5.1906)
Date
1906-05-29
Page
Seite 18 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9887439--0392-7374895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22. Stite 18. Ttr ISraelit. ttftfutn und die freundschaftliche Hochachtung ge- -nehmigen, mit der Sie von Herzen grüßt Ihr ergebener Hirsch. Oldenburg d. 17 März 1887 (Schluß folgt.) 3nterpretation$nudien. »on Rabb. Tr. D. ^e«chtwa«g. .1 ־ Der We««berg des Naboth. ״Tie biblischen (Erzählungen tragen den epischen Charakter deutlich ausgeprägt__ Sie geben immer ein klares Bild, aber in möglichst wenigen Zügen. Cs fehlt dem hebräischen Cpiker das Wohlgefallen an der verweilenden Ausmalung der Umstände, der Neigung zur Behaglichkeit. Dem vollen Cpiker der indogermanischen Völker liegt am Gange der Begebenheit selbst und an der Umschau, und nicht am Ziele; der Hebräer dagegen scheint nur zum Ziele zu eilen: er geht, wenn auch in kurzen, doch in schnellen Schritten und in geradester Linie. Aus all' dem folgt, daß die Bivel, um genossen, um verstanden zu werden, langsam gelesen sein will. Den kurz derichteten Momenten der Crzählung muß Zeit gelassen werden, um sich im Bewußtsein auszubreitcn, hier ein Bild hinzustcllen und dieses wirken zu lassen." In einem Bortrag über die Crzählkunst der Bibel hat diese Charakteristik Steinthal (Nationalzeitung 1886 Nr. 88, •4L Zu Bibel und Religion!-- Philosophie S. 1 ff» gegeben. Daß sie richtig ist, empfindet jeder, der jemals die epischen Stücke der heiligen Schrift künstlerisch hat auf sicb einwirken lassen. Wir sind gewöhnt, den Pentateuch, die großen und kleinen Propheten, Psalmen. Sprüche etc., kurz fast alle heiligen Schriften mit Ausnahme vielleicht der Bücher der Könige und Chroniken und teilwei>׳ auch Iosua, Richter und Samuel, so zu lesen und durckzuprüten, daß jedes Wort, ja jeder Buchstabe seine besondere Bedeutung, jede Satzstellung ihren de sonderen Sinn und alle Ziveck und Absicht haben und erhalten. Bei der Skwra ist das selbstverstand lich. Weniger beachret loerden unstreitig die Serie der oben von der allgemeinen Gepflogenheit ausgenommcnen Bücher. Auch die alten Crklärer verwenden aus sie nickt die gleiche, bis ins Kleinste dringende Sorgfalt. So kommt eS, daß genaue- Zu sehen Resultate zutage fördern kann, die, weil bisher unbeobachtet, wie Cntdeckungcn ausseken und doch nickts anderes sind, als im Sert wohl beabsichtigte und im klaren Wcrtsinne gelegene Winke. Bon dicscm Gcsichtspun'tc aus sielen mir jüngst bei d.r Interpretation einiger Seite aus b-en Büchern der Kön'ge einige Punkte auf. 1. Reg. 21. L Cinen Weinberg baue Nabotb aus Iisreel, der in Iisreel lag. neben dem Palast AckabS, desKönigs von Samaria. 2. Ackab sprach zu Nabotb: Gib mir deinen Weinberg: er sei mir ein grüner Garten, denn nabe iss er meinem Hause: ich möchte dir dafür einen schöneren Weingarten geben, wenn eS dir aber lieber iss. qtlH ich dir Geld so viel er wert iss (als Kaufpreis). 3. Naboth erwiderte: Gott behüte mick, daß ich gäbe meiner Bäier Crbe Dir! Nickt ohne Abssckt sagt der Crzäbler in Vers 1 *•:־׳.Polost. in Per:2 ׳ .—:Hau'׳. Letzt-'s klingt bescheidener und aus dem Munde des .Königs be sonbcrs e.niack und scklickl: er will nickt den Anschein erwecken, als sei es pure Sucht nack Grundbesitz, die ihn treibt, cs sollte dem biederen Nabotb möglichst einleuchtend gemacht weben, daß Ackab sein Haus mit einem Krautgarten und nickt seinen P a l a st mit einem P arte umgeben wollte. Cr bietet zunächst einen schöneren Weingarten an׳ dos ist das aeceptablere Angebot und wir könnten er׳ warten, daß N. es annebmen iverde. A. iedock über׳ legt im Sprechen die Sacke und bietet Cield. Ung: zwungen aber veräußert ein Grundbesitzer sein Grundstück nicht: eher noch tauscht er eS gegen ein anderes, besseres rin. ')Rit unerwarteter Cntrüstung entgegnet N. Seine Antwort ist pointiert und muß in dieser Tsorm unebrerbietig. verletzend erscheinen. Steht doch der tiniack« Untertan einem mächtigen —. » Bönig gegenüber, der noch weit mehr Macht über jenen hat als Friedrich der Große über den Mühlenbesitzer neben dem Potsdamer Parke. Jedes Wort in der Crwiderung des N. ist ein Dolchstich für A. ״Gott behüte mich;" die Anrufung Gottes, gegen den A. so vielfach gesündigt hat. dessen Dienste er abtrünnig geworden ist; die große Pietät, welch« in den Worten ״Crbe meiner Bäter" liegt, wovor A. so furchtbar wenig Respekt gezeigt hat. und dann das an den Schluß gestellte Dir!, gerade Dir, emphatisch hingesetzt; dies alles ist fein empfunden und so mußte Achab tief getränt! weroen. Denn IM Sinne ver Rede liegt deutlich: ״Biellcicht gäbe ich den Weingarten einem anderen, aber Dir. dem Gottesleugner, Götzendiener, dem pietätlosen Cnkel frommer Ahnen, Dir nicht!" 4, Nun kam Achab in sein Haus mißmutig und zornig über das Wort, das Naboth der Iesreelite zu ihm gesprochen: ״ich gebe dir nickt das Crbe meiner Väter, er legte sich ins Bette, »vandte sich um und aß nichts. Wir begreifen den Zorn und Mißmut Achabs; nicht, daß er den Weingarten nicht erreichen kann, kränkt ihn; der König hätte »vohl Mittel und Wege gefunden, seinen Willen durchzusetzen. Die A r t der Ablehnung wurmt ihn. Und er hat Grund und Ursache dazu. Nabolh's Antwort war entschieden ungebührlich und einer Majestät gegenüber höchst unüberlegt! Damit findet, die Ricktigkeit der bisherigen Bc obachtungen vorausgesetzt, auch ein hierher gehöriger Midrasch seine psvchologisckc Crtlärung. Pesikta rabb. 25 § עש־ ידמה (zitiert im Jalk. Reg. Sect. 221, Prov. 932. Sckibb. Hal.Cnde § -4, Tanj. rabb. Cap. 3, vgl. Bet Jos. הל:׳". נ־כ־ה ־.ש־־ :יה und Pes. d. R. K. עש־ Sect. XI ed. Buber und Anmerk. 27, 28), findet.sich über Nabotb das folgende: •א:־ ם; ־עיי:. - :־: יי? עי שלא ערל* יי־שי■: ל:ב־ א: הק:ה בסד ש־::׳, יד־ ש : אד־ r— יש:-. ד־) •לא ׳־:־־ איש א; א־צך כעיי־״ך ל־א׳־., יא— ע־ה יא דייי. פ׳ .איב־ :פש׳ בעבי־ דני; :־:׳ Dies זוז offenbar die korrekteste Lesart, welche ich nach Danja rabb. wiedergebe, der sie wieder dem Sckibb. Hal. entnimmt. In allen anderen Zitaten sind Varianten. Nebenbei sei auf die allenthalben bekannte und geläufige und dennoch apokrnphe und nirgendswo authentisch zu findende Ueberlieferung hingewiesen. 5:אי ־.ק־א :־׳:ך איא :-׳ , welche nach dem übereinstimmenden Urteil der Kritiker (vgl. Buber l. e. und Dauchumah Abschn. "יא Note 33 und Hurivitz in seinen kritischen Noten zum Dranja rabb. Cap. I I I. Pag. 13 (7> Am». 9» von einem späteren Leser der Raschistcllc zu Prov. III. 9 beige fügt worden ist, woselbst sie auch in Klammern gesetzt ist. Das al likro hat offenbar gelautet: 5."א' ".־יא :״ א־א כ־•— (vgl. Tosaf. Kidd. 31n. s. v. ״:: und Jerus. Peak l, 1.) Wie aber. '0 »ragen wir mit Recht, ist die merkwürdige Midrasch-Deutung zu erklären' Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich vermute, der betreffende Ausleger habe empfunden, daß Naboth in seiner Antwort höchst unziemlich und unvorsichtig gewesen sei. Cr hätte ״mit freundlicher Stimme" und in versöhnlichen Worten erwidern können, um den König von der Billigkeit seiner Weigerung zu überzeugen. Hingegen sprack er hart, unehrerbierig, verletzend, deshalb verfiel er der Strafe. So wie derjenige straktällia wird, der seine schöne Stimme nickt in den Dienst Gottes stellt. 5. Jsedel, sein Weib, kam nun zu ihm und sagte: Warum bist Du so mißmutig und ißt nichts! (1. C r erwiderte: ja ich svrach Naboth aus Iesreel und jagte zu 1dm: ged mir Dernen Weingarten siir Geld oder, wenn eS Dir lieber ist, gebe ick Dir einen anderen Wein derg dafür: er aber bat gesagt: ״Ich gebe Dir meinen Weingarten nicht." Ackab erzählt den Vorfall kurz, aber eindrueksvoll: er ändert einige Kleinigkeiten: diese aber genügen, um auf Naboth ein möglickst schlechtes Licht zu werfen: andererseits wieder verschweigt A. Cinzel beiten. die ihn selbst in Verlegenheit brächten und _2N. Mai 1W6. deren er fick offenbar schämt. Cr erzählt, er hätte dem Naboth z u e r st Geld, das minder Annehmbare und dann einen anderen, besseren Weingarten angeboten, während es, wie wir wissen (s. oben), um. gekehrt gewesen ist. Tie Antwort des Naboth entstellt er absichtlich und meldet, er habe völlig u n b e - gründet sein Anerbieten ohne weiteres und schroff zuiüclgewieien; er spricht vorläufig nicht von der unter Anrufung Gottes in N.'s Antwort gelegenen M a j e st ä t s b e l e i d i g u n g. Später allerdings teilt er Jsebel offenbar den vollen Inhalt ver Antwort m׳t; Venn vic Anklage wird auf Gotteslästerung ( חלילה 5ה > und M a - jestätsbeleidigung (ל;־) erhoben. Cs muß aber gleich bemerkt werden, daß der Crzäbler in seiner feinsinnigen Darstellung natürlich nickt die wirkliche, sondern nur die mögliche, aus den Worten N.'s bei bösem Willen herauszudeutelnde Schuld N.'s aus drücken will. 7. Js-ckel entgegnete: Tu, jetzt zeige Deine Herrschergewalt in Israel «oder: Du willst Herrscher sein in Israel?» steh' aus, iß und sei guten Mutes, ich werde Dir den Weingarten des Jesreeliten Naboth verschalten. Was Ackab daraus erwiderte »vird absichtlich vcschwiegen. Das ״V erschaffe n" ist Jsebels Sache; Ackab soll seine Hand nickt im Spiele haben; sie ist solcker Streicke fähiger und tveniger skrupelös. Stilles Cinverständnis herrscht freilich zwischen dem edlen Paare. Aber der Schein der Unschuld Achab's soll vor der Welt gctvahrt »verdcn. 8. Sie schrieb Briefe in Achab's Namen, gesiegelt mit seinem Siegel und schickte sie an die Äellesten und Cdlen seiner «N.'s» Stadt, die bei N. ivohnien. 9. Sie schrieb in die Briese: Bernser eine Ver sammlung ein und setzet Naboth an die Spitze des Volkes. 10. Sie sollen zwei nichtswürdigc Leute ausstellen gegen ihn, die Folgendes aussagen sollen: ״Tu hast Gott und den König gelästert;" man soll ibn hinaussühren. steinigen, daß cr sterbe. Jsebel weiß reckt gut, daß anständige Menschen sich nicht finden würden, welche falsche Zeugenschaft gegen N., den offenbar allgemein beliebten und geachteten Mann und Mitbürger ablegen wollten. Auffallend ist. daß die Aeltesten und Cdlen sich zu gefügigen Werkzeugen der ruchlosen Pläne Jsebels hergeben. Cs ist aber möglich, daß sie in der Meinung hanteln, Naboth wäre wirklich ein Verbrecher. Wahrscheinlicher jedoch ist, daß die Kornlption unter den Vornehmsten und Cdelsten des Volkes weit genug gediehen »var, um sie zu Schergen Jsebels zu machen. Was sie befiehlt, geschuht. Nach Vollstreckung des Todesurteils wird sie davon in Kenntnis gesetzt und eilends teilt sie es ihrem Gemahl mit. 15. Aus, nimm in Besitz (erbe יש) den Weinberg des Jesreeliten Naboth. der sich geweigert hat, ihn Dir für Geld zu geben, denn Naboth lebt nickt mehr, er ist gestorben. 16. Als nun Achab hörte, daß Naboth gestorben sei, erhob er sich, um in den Weinberg N.'s zu gehen und ihn in Besitz zu nehmen (יר־ש־ד Jsebel verschweigt in ihrer Mitteilung die Art, »vie 9(. gestorben ist (nickt *ד'׳, sondern r: ,אי; הי) obzwar sie ganz gut weiß, daß Achab nicht vorausfegt, daß N. eines natürlichen Todes gestorben »rare. Die doppelte Ausdrucksweise .״: und ~;אי ist nicht unbeabsichtigt. Wir Wissens, II .Kön. 9. 26, daß nicht nur N. sondert, auch seine Söhne ermordet worden sink: er lebt ::icht nur nicht, er ist völlig ausgestorben Cs säx'int nun in der Tat, daß. nach::!» kein männlicher Elbe übrig geblieben ist, Aarau den Weinberg als dem S'oaisgut. oder dem König heimgefallen betrachten und erben kann. Daher die ausfällige, absichrlrche Ausdrucksweise: ־, ־׳: ־שrr־' 17. Nun erging das Wort des Cwigen cn Clijahu, den S.lchbiten: 18. Aus, gehe hinab, dem Ackab, König rrn Israel, entgegen, der in Samaria ist: er »st im Weinberg des Naboth, in welchen er ksir.abgrgangen ist, ibn in Besitz zu nehmen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.