Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-05-29 · 22 (29.5.1906) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
22 (29.5.1906)
Date
1906-05-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
83% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9887439--0377-7374880
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V״ 2.* ”iul 1 .ü Ttx ^*ratiit. seile!. '}ix Die Protefterklärung gelelie!- treuer preukiteber Rabbiner!. Ifä ist ein nach vielen Richtungen bedeuiscmies Tokumenl, das wir an der Spitze unserer heutigen Rümmer veröffentlichen und das. so hoffen wir. in seinem Ernste und seiner Bröcuiungsscywere uder all, wo in unserein Baterlande noch wahrhaft jüdische Herzen schlagen, gewürdigt werden wird. Den sachlichen Inhalt der Erklärung zu bc sprechen, die in knappen und entschiedenen Sorten das Attentat des Gcmeinbebundes zurückweisi. ist in diesem Augenblicke nickt an der Zeit. Wohl aber drängt cs uns, die T a t s a H c der Erklärung selbst -- die noch ausstehenden Unterschriften tverden zweifellos in den nächsten Tagen eingehen — als den ersten Dämmerstrahl einer beiseren Zeit zu begrüßen, die nach langer Rächt — vielleicht — für die gesetzestrcue Iudenheit Deutschlands heraufziehen mag. Zum crsrenmaie seit vielen Jahren haben sich, um den wenig zweckentsprechenden Ausdruck auch einmal anzuwenden, ״Rord und Süd" zu einer ge ki einsamen Aktion zusammenaesunden, zum ersten Male g e m e i n s a in ein Wort der deutlichen Abwehr gegenüber den verderben drohenden Be ׳trebungen der Gegner gesprochen. Wohl ist cs eine außerordentlicke, in der Geschickte der preußischen Iudenheit bisher einzig danehente Elefabr, die den allverchrtcn Leiter des Berliner Rabbinerseminars und den Führer der süddeutschen ,Intransigenten", die eine ganze Anzahl sonst politisch verschieden denkender Gesehestreuer hier -ur gemeinsamen Abwehr zusammengeführt, aber dennoch darf vielleicht um diese Waffenbrüderschaft die schüchterne Hoffnung sich ranken, dafz die zum Schaden des gesetzestreucn Judentums seit langem zerrissenen Fäden nun endlich einmal wieder geknüpst, dafz die .U(ntt geschloffen werde, die zur Freude unserer Gegner die Zusammengehörigen in zwei Parteien auseinanderreiszt. Wir danken cS darum — und wir wissen uns dabei einig mit weiten -Kreisen der Trthoboiie in Rord und Süddeutschland — wir danken es darum vor allem in dieser Stunde den mackeren Männern, die das rechte Wort zur rechten Zeit gesprochen, das; tfe der jüdischen Ceffentficfiffit diesen Festesgrüß zum Fest der Disenbarung gesandt. Auch Worte können Taten sein, und feierlicher, er hebender, als alle Hnmnen und Predigten klingt ein mannhast-ehrlicher Wistensausdruck in die dunsterfüllte Atmosphäre unserer Zeit hinein, die den Schofarrus vom Sinai so gerne um betörende Ftiedensschalmeien preisgibt und die eS darum nicht weist, bau gerade diesem Schosarrnse einende, verbrüdernde .straft innewohnt. An den Gestzzertreuen i!n Lande atKr. an aller׳ Gesinnungsgenossen in Rord und Süd ist es, geweckt von dem Ru׳e unserer geistigen Führer, die Abwehr gegen das Berstaatlichungsprojctt zu organisteren, vor allem aber zunächst dafür zu sorgen. Satz überall, wo gefetzeotreuer (ZtnNust wirksam ist, die verschiedenen tüemeinden urrd ^!vrperschasten den tyncn zugebendcn lltostn'schcnü'ntwurf nicht erst in Beratung nebmen, sondern ihn als grundsätzlich unannehmbar » limine znrüekwetsen. An jcde 'sterklaufelicruiia 'ieicr Adlebnung, an jedes halbe oder viertel große Zugeständnis würden ffck die Makadore des tstenteindebundes sickterlick׳ u!it Eifer anklammern. um damit dcr 'lbivehrbeweguug ihre straft zu nehmen 11n' unsere Reiben zu spalten und zu lähmen. stein Venn und Aber a110 ein lautes, klättiges Rein, das ist die Antwort, zu der unsere Eesinnungsgeno״en in oen tommendcn Festtagen stch straft und Freudigkeit schöpfen mögen, strait und Fleudigkcit, wie >fe unsere Bäter am Sinai beseelte, als sie mit ihrem weltciierlösciiden I a ras Feuer gct'eh ihres t'tette״ durch die Zeiten tu traaen sicki bcrcitstklltcn. Llternpflicht. Aon Heiiirict! EinstäSter, Frank1- :.׳ a ״׳; I. Eine trauliche, warme Srndc. ein reicher als gewöhnlich gedeckter Tiicb, tiellcr Ltchterscuein. heitere Gesänge, frohe Gesichter —; Freitagabend!- Die Mahlzeit ist schon vorüber, und nun um ringen schmeicheliid die munteren Kleinen den glücl lichen Bater und bitten ihn um eine Erzählung. ,.Aber am liebsten ist mir eine, die Tu selbst ge macht hast," versichert der sechsjähriac stnavr. ux׳' seine Geschwiste׳- stimmen ihm jubelnd bei. Sie haben nicht notig lange zu drängen. Ter Bater läßt sie dick! neben sich Blatz n׳bn׳en, unv naö turzer lleberlegung erzählt cr ihnen, was seine Phantasie ihm eben eingibt. ״Ricki weit von hier lieg! das tleinc Städtwen B., in dem mir wenige jüdische Familien wohnen. Während ter Werklage sind die Leine durch ihre Arbeit verhindert, öfters zusammen ׳,«kommen ,־' *:r חזס v?cfK1bb06 *inb uc b*(!0 Kin'fr bfifinsnbfT, unb auch die stinder tuchen da meistens ihre Allersge nassen auf, un> sich mit ibnen zu belustigen. So standen auch an einem Hcrbstschabdos drei Buben im Alter von '» bis 11 Ja Kren vor dein Wirtsbaus ״zur Rose" und lauschten den Tonen eines Phonographen., Ein solches Instrument hatte man nämlich bi-- dabin in B. noch niemals ge'eben und gehört. Aber - sich die wenigen Stücte, zu denen Scheiben Vorhand.,, waren, imrta und immer wiederholten, verloren sie ihren Reiz, und als schlief׳,lich gar ein großer pöaa tx mit .stelierovst daherlam und durch sein Erpoiter auf dem scklcckueu "Pflaster tcn Pdonographen über tönte, vurde die Aurmerkiawkeir vfr uinr-,! y-.׳l!»t׳.dS adaclcutt. Der "lstagen hielt vor der ״Rose". Ter Fubrinann band die Zügel fest und trat alsdann 1:t die Wirisstube. ״Hur׳a! das ist cfvas ׳'ür uns'" riet da fv.si׳!ch tcr kleine Tskar. und schon wer or auch im Begriffe, au׳ den Wagen zu steigen. Aber da hielten ihn falt erschrocken ixine dciden staincradrn fest. ״Du :air't doch keine Aepsel stehlen," sprach entrüstet der cr!׳st.:e Simon, und ״am Tctxadbos tan' man dc.b nicht auf cinen Wagen klettern," fügte schnell der etwas ältere Julius hinzu. Allein die Elinabnunaen waren orr g'bens. Tskar riß sich los. und eins. zwei, drei paar tr auf dem Wagen, fr ergriff n׳\״rt einen rotbärtigen Apfel, zeigte ihn lachend den p״e spielen und versenkte ״an» seine weißen Zä'inch-:! :t! das saftige Flei'ch. Tie beiden anderen stnaben rühlten si-b sei r ׳>u btbaglict» in siefer Lage und sic entfernten stet׳ balg, um in Stmons Hau? zu lcrnen und zu sx-iele». Tskar wollte ibnen gerade noch »in Spottwor: nach :u'en. als plötzlich der Fukirwann wieder aus de1:׳ Haufe herauskam. Ter kleine Iunae duck!« sich '׳<* in den Waa׳n, d-.sten dichte?eitenbr-tu-'r in״ derd-clien aber gen׳ 111- ׳ u!h1.;!■in יי«». -enn 1׳ iii.־:*׳ icie sich tfl׳r vor er 111.-־ •זז*׳n._ r-r TV.׳'r::ה ־ ׳ oi'nete ras \Vt!or. e o»1 ׳ י׳ daein i'׳>:' ani .־!,:;fl;.:!ל■ brachte t z!! Wogen in Pie Fck.!!:. -: Wir׳e -. Tor! ׳chirrte c» die Pferde aus. um >׳e in den 2 II ui ׳übrei׳. und nun olaudre sich aeängsti-zr.- stnab-z schon gerettet. Tenn er honte, s: stier und.׳ Merkt die T beune per'.onki» zu können. Aber w e sibr baue er sich geiäascht' staum >vare!׳ die P.»e>oe im Stalle, so näherten sich schon >׳>f-׳r Sckritt.״ .׳t Z.nüüTfi *n-’fte im Seltener!.׳!, nno uitfec bi.iet L-tkar war gefangen. Er iiic. ״o-tt Wegei! beraß und tastete sich in der dunktcn Sch-'une "is an das To - T ׳st r-o»! kennte cr i:t! ui seinem gro'ktt Schrecken nur da:״n überteuaen, dast eS kein ,':v. rinnen für ihn gab. und als er nach web-eren S!un den der größten Angst und Svrae endlich den Mut faßte, am Tor zu klopfen und um Hil׳e zu r.fen. da wurde -׳r nicht gehört, denn keine Se»le '׳r׳and ׳"-ch au׳ dem nei.en Hofe. Tskars Eltern warecx sie,. .u alte!- ä-er ihren Sobti weil er zu ׳.»iincka in der?!maao׳e und nachmiitao, ׳!.»im staf'ee fehlte. Ibr sterdri!׳' ner wandelte sich jedoch in Anast als T-׳!ar u!■^׳ zur Habdolob noch nibt zu Haufe war. Ter Pater und bie tsteschnsi'ter gingen ׳'o׳ort zu stn befreundeten kleidete Musikanten iaüen: Atadchen in scharlachroten mit vielem Flitter und soiisiigen Zierraten besetzten weil herabwaltenden Ncilerkosiiiinen und Blänncr. die alle wie Bring 'tarr.eval mit farbigen Reiberbilichen geichmucki, i» läisiger richcrbcxi am riinxeinden Pferden .״ch.herrinen: auf einem. WaAen inmitten dieser farbenprächtige» Eavaleade, in deaiigftigcnber Höbe au׳ einer Pyramide sahen mid liaiiden ׳inabe» und Mädchen von etwa sieben bis fmtüehit Fahre», das war ein Anblick, der auch die rragsie Phaniasie mächtig ausrüttel»-mnnie. Wir .'tteinstadlkinder hauen noch nie ״,׳- vor elwas ähnliches erblickt: wahrscheinlich auch viele Erwachse«? nicht, denn sobald die Musik des Zuges hörbar wurde, strömten die Einwohner zusammen und liefen hnrtig, iobald er passiert war, in die nächste -nkrahe, mit das seltene nchauspiel nochmals bewundern tu können. Wir jüdischen knaben, ballen jetzi doppelt viel zu tun Erstens am Zirkus, wo wir durch die Löcher des Leinwandzelkes etwas von dem sremdarligen Zauber 1» erspähen Hostien, an den grünen Wagen, welche als Wobnung bienlen und durch ihre Frembarligkeil einen grohen Reiz auf uns üblen, und zweitens in der Lvnagoge. Am Erew Zchwuos ivurde vor deren Türe ei» ganzer Wagen junger Birkenbäume, die im stadlwald gefallt worden waren, abgeladen, Tann kamen ans .zwei Handkarren riesige Buikräuze, Blumen guirlanden und Ricsenstränhc. T!!anderbäume und fonnizc Topfgewächse, womit die snnagoge geichmückl wurde: und uns Kindern wurde vom Schammes und <s!ärlner zroümürig grftaliei. nach Kräften milzudelien. Was abends, als der Eonesdienst begann, von Reuem Verwunderung hervorriei, war die Tatsache, daß einig« von den Männern, die des Rachmittaas in prächtig pbantani'cheii .Vostümen auf den Pferden durch die Tlrahen gerillen, in die Lvnagoge kamen und andächtig milbeieken. Trotzdem di« schön ariinenden Laubbaume, bie zwischen den Bänken in groüer Zahl angebracht waren, nicht gestatteten, alle im Gotteshauie Versammelten zu übersehen, waren bie Fremden dennoch alsbald allgemein bemerkt und als em Teil der Zirknsleute erkannt worbe». '21 tfc ein indischer Zirkus. Wer noch Zweifel gebegl hätte, bei» wäre -׳r durw die Aufschrift über dem Eingang: ״Zirkus B . . lha!" genommen worden, brauche tamu x 1 erwähnen, dah das Gesprächsthema um einen bochiniere'sanien Liost dereicher! war und selbst der österreichisch.'rainv'ische >trleg darüber »1 den Hintergrund irelen muhte llud doch sollte das Fnlerestanieste erst noch komnie». Am nächste» Morgen, als mein Barer »och tut ,Früh goiiesdienst 1 Tchachrisi war. kam eine christliche Frau in unsere Wohnung eS mochie ein halb acht Uhr ׳'ein und wünschte dringend nieine noch schlafende Btutter zu sprechen. Fm ״Fndenzirkus", sei etwas painerl und der Zirkusvaler liefe ganz perzwei'elt uniber, »rage nach allen Fudenhäusern, czeirane ׳ich aber in dieser Frrike nirgendwo einzulreien. Tie Frau war in nieinem Eliernhauie gut dekannt »nd ׳and daher auch sogleich Znlrirt zur Tchlaistube meiner Mutter. Fn unglaublich kurzer Zeit war meine Mutter anAekleibel und kramte, beror sie das Haus verlieh, im Wäfche'chrank herum und legte, wie ich eben aus der Tvnagoge kommend, wabrnehmen konnlr. eine Lage Wäich»- stucke zusammen, deren Zweck ich nicht erkenne» konnte Inzwischen Hanen meine Schwestern den »a'ieetnch bereit gestellt, an dem mich am mersteu von den drei Kuchrnsonrn der wundervoll geratene Käsekuchen interessiert«. Anher dem slreuiel- und Raps. oder wie man am Rhein sagt ״Bunt kuchen". lagen noch groh« Barche« Im meiner Heimat Taaifcher genannt׳, woran mein Vater ״Mauze" machen sollte, und Boles «Schnecken׳ auf dem Tifch. Es batte reich lich für viermal soviel Leuie hingereichl und von alle dem schönen Gebäck bekamen wir io gui wir nichts ab. Wir warteten aus bie Rückkehr meiner Mutter, welch« auch nach einer halben stunde in freudiger v»rregung, di« ich auch später nicht recht bearist. zurückkam Ter Zirkus war nämlich um ein neues, vorderhand noch maklives. männliches Mit» glied vergröhert worden. Tie Umstande, unter denen es ׳einen ersten Lebeiisniorgen erblickie. der u! wunderdarer Früblingsschonkei! ״der der X^rde ausaegcste» lag. metto« wohl nicht» weniger als glanzvoll geweie» ׳'ein. Tie Kou kutteaz der bernhmxen!׳miieui und Uienz ivar wobt >uc den ״Zudenzirkils" von erdrückender Wucht, denn nach den Berichte» meiner Mutter war in de» klemei! Wagenbäuschen zur das zahlreiche juduche ,Zirkusrolk kein ׳estto.gllcher Ftuh stucksliich vorgesehen und dort alles andere eher zu n»de:1, a!s Uede1!!׳.׳tz Mein Vater war. wie immer, wen» er von ׳Roi >!nd Elend horte, mächtig erarmen und trug, w!e die Leute ׳aale», nicht umsonst den Ramen Rathan, der Tven dende. Fm Uebenckiwang ׳'eine« schönen Mitgefühl« packte er alle» zusammen, was von ttzeback auf dem Tuch stand und verlieh ohne eiwa» zu sich genommen zu haben, mir meiner Mutter das Harro Wir Kinder waren an solch« Vorkomiiiniste schon io gewohnt, dah wir kaum überrascht waren und ich, als lungite» der sechs >>Xeschw>ster, batte zuvor schon de» angenehmen Trost, dah noch mehr Kuchen da fei. Aber auch von diesem '«?Ute ich nur sehr wenig bekommen «ehr bald kam mein Vater in Begleitung von fünf!!!ngen Leuten, drei Mädchen und zwei Manueeu. und etneux Knaben von etwa zwölf und einem Mädchen von etwa elf Fahren zuruck Ter Tuch warb von Reuen! gedeckt. Fch betrachtete inzwischen unsere seltsamen Ggste. Tie Mädchen hatte» lange, etwas aastaaenbe Mäntel an. sahen wie die Männer verfroren oder müde au« und waren sehr schüchtern. Am besten gestelen mir der Knabe und ta« Nein Mädchen, aus besten zartem Gesichlchen, da« wahrsch«ln!1.t! noch nicht mit schmink« verdorben war. zwei aroh« drci:ne Augen altklug in die Welt laben. Als der Kaste« aus den Tu'ch kam. -erliehen wir un auställiz da« Zimmer, damit unsere rtinf nicht ichemert seien Und da» war sehr nchitg-, denn auher allem schwuoS-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.