Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2\ bes ״)sraelit^.?x x;x x x x ..x-.x-x_x.jc x x x xxxx x xx־y־x־x x x x x׳yyy /v ft.-C.. tümcn ü. Phisüas i8 Der ^aknganr. Äon Arthur Kahn. st Nachdruck verbolen. Korn tonnte cs nicht begreifen, das! sicb Lim dacher so dem Hannes Kraft in die Hände geben mochte. Zu allen Behältern einem Knecht, den die Leute nur mit dem Namen LimbackerS ״Meschores" lDiener, Knechts kenn,zeichneten, die Schlüssel anzuoertrauen, hätte Maier .Korn nie und ninimer getan. 'Nur einer im Hause Limdachers kontrollierte mit scharfen 'Augen den Mesckores; ein blaß aussebender, hagerer Mensch von dreißig Jahren, der bis zur Heimkehr der .Kinder seines Prinzipals, in ziemlich verantlvortungsoollcr Stellung wenig beachtet »norden war. Benjamin Rosenstein batte einen nicht ganz!eich ten 'Posten im Hause Limbachers. Bald mußte er auf die Reise gehen, bald die Bücher revidieren, Recki nungen prüfen, das Lager ausnevmen, Einkäuie de sorgen oder den Stand der Saaten taxieren, lauter Dinge, uni die sich Limbacber seit langem wenig mehr kümmerte nnd es dafür seinem Schwager, als Ge schäsisteilhaber überließ, mit Rosenstein die Geschäfte zu leiten. Bei Tisch saß Rosenstein jetzt neben Betti und dem Lchrjungen. Tie Tischordnung war so, daß Limbacber die obere Schmalseite einnabm, rechts der 'Schwager, links Gustav, ihm gegenüber Betti, neben dieser Rosenstein und die beiden Lehrlinge am untern Ende. zwei leerbleibende Sitze von dem Gelülsen Rosenitcin und drei von Gustav entfernt saßen. Wenn, ivie häutig. Gäste kamen, dann nahmen diese die leeren Plätze solcherart ein. daß Rosenstein bis neben die Lebcjungen herabrücken mußte. An b-er bei Tiicb geführten Unierhaltung nahm Rosenstei::, der iminer ernst, fast traurig dreinblickte, fast gar keinen Anteil, Iriihcr, ehe Gustav und BUti nach Hause zuriickgekcbrt, sprach Limbacber meist nur mit seinem Schwager, selten mit Rosenstein. mit den Lehrlingen niemals. Es ging bei Tisch und über. Haupt im Hause frostig zu und erst mit den .Kindern kehrte eine wärmere, anheimelnde Stimmung ein. Zugleich wurde t-er Haushalt großartiger und vorlchlvenderiscbcr, was Korns Bedenken wachries: das einzige, woran sein sparsamer Sinn Anstoß nahm. Mit ganz anderen Kiedanken als er zu Lim bacher gekommen, verließ Korn seinen freund. Rur eines brannte jetzt in ihm. nämlich, daß Limbachcr durch seines Lohnes Eingreiien ins Geschäft so über aus befriedigt erschien und in voller Uebereinstimmrng mit dessen Untcrnehniungen blieb, während er fast täglich mit seinen beiden Söhnen in Konflikte geriet, und von neuem erfaßte ihn der alte Zorn. »Ick Hab' nun einmal kein Glück mit mein-m Kindern," murmelte er zornig, und schritt ge'enktcn Haupres über die Straße. Gr mochte sich nicht ein׳ gestehen, daß es der Neid aus Limbacbrrs größere Erfolge war, der ihn jetzt so wütend auf seine Kinder machte. Bei ruhigerer Erwäaung gestand er sich wieder ein, daß seine Söhne dock lediglich das taten, was er nur billigen konnte, und ohne sie manches, was sein Geschäii jetzt sichtlich vergrößerte, unterblieben, damit aber auck'icine s>irma in den Hintergrund gedrängt worden wäre. Schließlich und naturaemäß waren doch die von ihm und den Söhnen verfolgten Intereffen dieselben; was erbitterte ihn also? Nur doch sein verletztes Ehrgefühl; daß die beiden jungen Männer ihn nicht bei jeder Transaktion trugen und wenn sie es taten, gegen seinen Willen handelten oder eine Sache fallen ließen. Er war eben aus anderem Holze geschnitzt wie Limbacher, der mit gewisiem Stolz erklärt hatte. Gustav mache es noch bester als er und brauche ihn gar nicht erst zu fragen. — ״Wenn's nicht anders mit Deinen Herren Söhnen wird." ivandte sich Korn während der Unterhaltuna an seine Irau. ״dann werde ich ihnen Geld geben und sollen sie sich selber ein Geschäft gründen; oder ich ziehe mein Geld heraus und führe mein Geschüft wieder allein." Wenn Korn seinen Kindern zürnte, dann sagte er zu seiner Irau stets: ״hier, Deine Kinder . . ." und nur in zufriedenen Stunden sagte er: unsere Kinder. Eines Bormittags kam es wieder zu ärgerlichen Auftritten. Simon hatte geäußert, daß vom ersten Januar an die italienische Buchführung cingcführt werden solle, und Metzerthal sich mit derselben dertraut wachen möge. ״Was^" schrie Korn erstaunt und zornig zu-- gleich. .,Italienische Buchführung^ Hier im Hessischen italienische Buchführung! Ibr seid wohl ganz und gar aus dem Häuschen? In zehn Minuten bin ich drüben im Preußischen: drüben, überm Rhein blick' ich ins Ranauische und wenn ich mir einen Zweispänner nehme, bin ich in zwei Stunden im Bäuerischen. Warum keine heüische, preußische, nasiauiscke und bäuerische Buchführung? und warum gerade eine italienische? Und ich und Metzenbal sollen wobl wegen Eurer neumodi'chcn Narretheien gar noch in unseren alten Tagen italienisch lernen? Wollt Ibr denn mit italienischen Orgeldrehern vielleicht Geschäfte machen?" Die Söhne lachten herzlich. Hätte sich Korn nickt schon bereits so tief in seinen Argwohn gegen sie hineingelebt. so hätte diese augenblickliche heitere Stimmung zu einem endlichen Berständnis zwischen ihnen führen können. Simon und Siegfried überkam etwas wie Mitleid mit dem alten Mann, der so überaus zäbc an alten Gepflogenheiten festhielt und dabei so naiv sein kontcte .Korn glaubte aber, aus diesem Lachen Spott heraus zu hören, und ohne den zu einer Ber ständiguna günstigen Moment auszunutzen, wollte er nun den Söhnen beweisen, daß ein Kaufmann auch ohne die von ihm verachtete Bildung etwas Tüchliges erreichen könnte. Er vergriff sich aber in seiner Be weissübrung sowohl in den Worten, wie in den Beispielen. Auch wollte er ihnen in einer sie demütigenden Weite klar machen, daß ihre eigene Tüchtigkeit nur die Irucht der väterlichen Großmut sei. Ohne seine Geldmittel, obne sein Ansehen in der Geschäftswell, meinte er, wären sie nie etwas rechts geworden. Es:raren herbe Worte, die in Gegenwa?: Mencrtbal's für die Söhne doppelt verlcyeno sein mußten. Menerthals Stellung halte durch die Unstimmig teil zirischen dem Pater und den Söhnen, eber an srestigkeij gewonnen, als cingebüßt und Korn dachte nicht mehr daran, ibm den Stuhl vor die Türe zu stellen. Er erblickte in dem alten Geichä'tssührer jetzt seinen natürlichen Bcrbündctcn gegen die neucrunzssüchtigen Söbne und ries ihn zun! Zeugen dafür auf. was er und iein Pater Raihaniel Korn in ihrer konservativen GeschästSsührung alles erreicht hatten. Menertbal war aber Diplomat geworben, und gab b-eiden Parteien Recht. ״Was Sie sagen, hat 'was für sich, und was die jungen Herren sagen, ist auch nicht falsch," antwortete er stets mit der verhüllten Weisheit des delphischen Orakels, so oft Korn in der altgewohnten Weise sich zu ihm wandte, mit der Aufforderung: ״nun, Meverthal, machen Sie den Mund auf und reden Sie jetzt!" Wieder batte Simon die ssrage der italienischen Buchführung aufgcrollt. In seiner vermeintlichen Bedrängnis wandte sich Maier Korn an Meverthal. ״Wie hat mein seliger Vater, im Gan Eden soll er rüden, sein Geschäft angefangen? Nun. es ist leine Sckand' für Euch, seine Enkel: ich had's schon tausendmal erzählt: Mit zwei geborgten Kalbsscllen vom Jokef Rümmelsheim, von dem auch kein Knöchelchen mehr da ist. Dann hat er in sein Luach (jüdischer Laschenkalender) hinerngeschrieven: ״Bon Jokef z>r«i Kalbsfell." Vierzehn Tag drauf hat er ins Luach geschrieben: ״In der Woche von Wajezeh dem Jokef für die F,Ue bezahlt ein Taler zehn Silbergroscken." S» hat mein Bater mit seinem Luach sein Hauptbuch und Kastenbuch in seiner Rocktasche herumgetrcg'u. D»nn hat er sich eine große Beistlasche cngeschafst, als er schon jede Woche tür wenigstens fünfzig Taler Geschäfte machte. Heute noch meine ich das Notizbuch mit dcr Brieftasche zu sehen. wo er alle seine Händel hineinschriev, und was sonst von Wichtigkeit vorkam; die Jahrzeitstage seiner Eltern, die Verheiratung seiner Schwester, die Geburtstage und Barmizwas der Knaben und noch viele» andere. Und bei dieser Buchführung ist er zu einem großen Geschäft, zu Aeckern und Weinbergen und Geld gelangt. Nun, reden Sie. ob ich ein Wort zuviel gesagt habe, Metzerthal." Maier Korn fuhr sich mit dem Taschemuch wiederholt über die schweißbedeckte Stirn und fubr fort: ״Jetzt habt Jhr'S gehört, wieso Ihr jetzt i!1 dem Kontor hier sitzt und ״Kaufmannches" spielen könnt." Simon überhörte die letzten Worte. Aber der Vater hatte sich selber widersprochen und Simon setzte sofort an der schwachen Stelle der rbetorischcn Darstellung Korns ein. ״Von der Luach ist der Großvater doch endlich zu dem Notizbuch mit der Brieftasche übergeganaen und ist also auch damals ichon mit der Zeit fortgeschritten. Und Du hast mit Metzcrthal später die immer umfangreicher gewordenen Geschässbsicher angeschasst: Du bast also doch dem Fortschritt auch stets gehuldigt: nun schreite mit uns weiter fort." ״So? ich soll weiter fortschreitend" brauste Korn auf. ״So schreitet dock Ihr fort! Ihr habt jüngere Beine: ich aber bleibe hier, in זה einem, ja, in meinem G-schäit — — Hab' ich Recht, Metze-tbal? Nun reden Sie: Sie sind doch alt bei mir aeworden-״ ״Alt und grau, vor der Zeit," murmelte oicicr halblaut, aber Simon noch wobl verständlich. Metzerthal stimmte dem alten Prinzipal in umständlichen Worten anfänglich bei: am Ende seiner Rede behielten aber die Söhne recht, freilich, mit einigen milden Einschränkungen, die zum Schlüße auch noch wegfielen. Seine Stellung im Haust Nathaniel Korn Nachfolger befestigte sich wieder mehr und mehr und er brauchte nickt mehr, wie trüber, durch raffinierte Kniffe seine Gehaltsverbesserung durchzusetzen. Tie Söhne waren nicht so enaberüg wie der Bater und berechneten wohl die guten Dienste, die der geschäftsgewandte Metzerthal ihnen leistete nnd die bei einer Veränderung wahrscheinlicherweisc zwei Gehilfen erfordert hätte. So fühlte sich dcr alte Geschäftsführer in den neuen Verhältnissen bald wobler. als der alte Prinzipal, der seine bisher unbeschiäntr: Macht, in täglichen Kämpfen langsam zurückweichend, allmählich schwinde!) sab, und immer verdrosiener, und im Familienkreise immer einsilbiger ward. Widerwillig mußte Maier Korn sich zugesteben. daß das Geschäft mit dem Eintritt der Söhne tick bedeutend vergrößerte und damit der Woblstand des Hauses stetig zunahm. Ein neuer Plan reifte in ihm. Er wollte den Söhnen zeigen, daß er auch ohne italienische Buchführung nnd obne ihre Mitarbeit wohl verstehe, Geld zu verdienen. Eine glänzende Gelegenheit schien sich jetzt dazu gesunden zu haben. Limbacber konnte nickt genug Worte finden, um Gustavs großzügige Art zu loben, wie er das Geschüft betrieb. Der Sohn war nickt umsonst die langen Jahre in dem großen Bankhause gewesen, denn er hatte gelernt, mit feinen finanziellen Schachzügen große Gewinne einznheimsen. Und von diesen Unterrehmungen blieb, wie Limbacker sagte, das alte Geschüft unberührt: es waren gewissermaßen Vrivcn- Unternehmer, welche das Geschäftsvermögen nickt in Ansvruck nahmen. Korn hörte gespannt zu, als Jomtof Schiss, der vor ihm bei Limbacker einqetreten war, eine große Summe nannte, mit der er sick an