Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 19 (10.5.1906)
- Date
- 1906-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seuilleton-Beilage zu Nr. des ״)sraelit". j<x:xxxxxxxxxxxx X־>Q<_k^OlX־>l>lX X X7X.>1* X X X x X x xJ< XX XX X X XX X X X X X XX Srnnon >1. Phinlins in Der ZickiM. Äon Arthur Kahn. l'') Nachdruck verboten. Die Gesellen gingen darauf trotz des leisen Regens ein wenig auf die Straße. Sie wollten, nachdem sie in dieser schrecklichen Gespenstergescllschast der Lconorr und ihres Bräutigams Wilhelm gewesen, wieder Mensck^n und Wagen mit wirklichen Pferden sehen. Peter blieb in der vor dem Regen schützenden Haustüre stehen und blickte sehnsüchtig auf das Ladenfenster von Dormagens Spezereikram. Don standen Flaschen mit grünem, gelbem, rotem und lveißem Inhalt und der Aufschrift: Anis. Kümmel, Psesferminz. Diese Flaschen hatten cs dem Schneidergesellen schon lange angetan: vielleicht auch die Laden inbaberin. die, wenn nicht gerade ihr abgezehrter, hüstelnder Mann die .Kunden bediente, viel reichlicher von den kräftig duftenden Getränken zumaß, als der kränkliche Gatte. Wahrend nun die Gesellen drunten dem Regen zusahen oder in Dormagens Laden starrten, harte Emil seine, nur sür Iecknels beide ältesten Mädchen und deren Bruder berechnete Bildunastätiakeit fort gesetzt. Dieser zweite, gewissermaßen schon eine höhere Intelligenz und Lernfähigkeit voraussetzende Unterricht sollte seine Zöglinge mit Schulfächern de. kannt machen, deren Kenntnis er sich auf der Realschule angeeignet hatte. So systemlos dieser Unrerricht auch war. hatten die Schüler schon mancherlei Ruhen daraus gezogen. Rur eine Sorge crwnch. dem Schneider daraus, nämlich, ob Emil den Jungen »um Schneider nicht untauglich machen würde. Denn bereits fehlte Joseph stundenlang in der Schneiderwerkstatt und saß dann in der Dachstube an Schreibheften oder lernte mit großer Au-dauer französische Vokabeln. Iechiel konnte keinen Lehrer und auch keinen Gelehrten erziehen, er brauchte einen Rachfolger im Schneidergewerbe. Dennoch wehrte er den beiden Jünglingen nickt. Täalick gewann er den jungen Korn mehr licb und gewöhnte sich so an ihn, daß er ihn förmlich vermißte, wenn er einmal mehrere Jage ausblieb. So froh Emil der pädagogische Erfolg. den er nach seiner Ueberzeugung in Iecknels Familie und de! dcsien Gesellen erzielte, stimmte, io unzusrieden war er mit Berez und Koppel. Obgleich jener seine An nesenheit bei der Deklamation am Schwuosnach mittag feierlich versprochen hatte, war er dock nicht erschienen, sonden schlier zu Hause und schnarchte, ais sei eS Mitternacht. Und Koppel gar unterhielt stch zur selben Stunde mit den Mädchen aus de>- Straße und überließ lierzloS die unglückliche ״Lconore" ibrem 'Sckickial. Ennl iudlte sich durch die großartige Anerkennung, die er gesunden batte, iebr geehrt. Aber, daß Koppel und Berez nickt gckonimen waren, d-aS schmerzte ihn in der Tiefe seiner Seele V. Tes Herzens Zug, des LchukialS «Imune Liebende Herzen linden andere Wege, als ne von den Llraiegen des Erwerb» ausgeklügelt werden, Enttäuschungen mancher Art verdunkeln daS!,*huf mehrerer Familien Während die beiden Söhne Korns neue Elappen geschäftlichen Erfolges schufen, ward das häusliche Glück Korns von mancherlei Trübungen verdunkelt. So ehrerbietig die Söhne auch dem Valn im Hause bcgegncten, so wenig schienen sie im Geschäfteleben ihm einen Vorrang cinräumen zu wollen. Aber de: t^«<>4« W*«• mmm *••• 4 **> 1 *׳ י*יt**Am (nt«r. <a׳'vu יי׳• ן• -.. « v...w.. י— halten liegt, blieb nicht ohne Rückwirkung auf daS häusliche Leven: ganz unmertlich. aber unaufhaltsam fühlte Maier Korn seine väterliche Autorität schwinden. Vielleicht auch unmertlich bei den Kindern und ungewollt, verschoben sich die familiären Verhältnisse zu Ungunsten der Eltern. Die innere, die seelische Uebereinstimmung war durchbrochen und daS wirkte störend in die seitherige Gleichartigkeit von Anschau ungen und Gewohnheiten. Maier Korn, der in der letzten Zeit nicht mehr so fest schlief, wie zu der Zeit, als er noch allein die Führung seines Geschäftes leitete, grübelte oft des RachtS, wenn ihn der Schlaf floh, darüber nach, was ihn im letzten Grunde seinen Kindern allmählich entfremdete. War es die jahrelange Entfernung vom Elternhaus? War eS eine neue, ihm fremde Weltonschauung? Er wußte keine Antwort darauf zu finden. Seine kranke Gattin, die in letzter Zeit häufiger am Tage schlief, als in der Rächt, naym scbr bald die Veränderungen wahr, die mit ihrem Manne vorgegangen waren. Korn war ja einer jener guten Durchschnittscbemänner. wie sie in jüdischen Familien l äufig Vorkommen. Er ließ der Frau alle Sorgfalt angedeiben, die man lieben .Kranken gegenüber übt. Er behandelte sie mit der Rücksicht, die jüdische Männer im allgemeinen vor sich gesehen haben und gewohntermaßen weiteriibcn. Zuweilen suchte er ihr durch kleine Aufmerksamkeiten eine Freude zu bereiten, oder erzählte ihr von den ver schiedencn 'Vorkommnissen im Städtchen, oder in seinem Geschäfte. Damit war auch der Jdeenaustausch zwischen den Ehegcktten erschöpfl. Für die feineren Gefühlsregungen der zarten Fr2u hatte Korn durchaus kein Verständnis, ihm fehlten die feineren Sinne, um ihr Seelenleben auch nur zu ahnen, und trotz dieser Verständnislosigkeit Korns sür die ül>eraus subtilen Teelenregungen dieses fein fühligen Weibes, war die Ehe durchaus glücklich. Frau Korn verstand es, sich mit diesem Manko ihres Gatten einzurickten: sie vermißte mit der Zeit nickst mehr den Ausfall jener Ideenassoziation, welcher zwischen gleichgestimmten Menschen die Eh? vergeistigt und verschönt. Aber eine unverstandene Frau in dem Sinne, wie sie eine spätere Kultur her vorbrachte, war Frau Korn dennoch nicht. . . Ihr Uebergewi-stt über ihren Gatten war mehr seelisa-er al« geistiger Natur und sie hielt es sür natürlich, daß eines Mannes Gefühlsleben ein anderes sein müsie, als das des Weibes. Sie verstanden sich trotz der Verschiedenheit ihres EharakterS sehr wohl und erkannten bald jede Abweichung aus dem Alltäglichen ihres GemütslebenS. Mit den geschärften Sinnen der kranken Menschen oft eigen ist, die von der Außen- Welt großenteils abgeschlosien sind, nahm Frau Korn die Veränderung im Wesen ihres Mannes wahr. Auch die i'.rsache dieses Wandels erriet sie, ohne daß sich K!״m mit ihr darüber ausgesprochen hatte. Das harte Wesen ihrer Tochter Emma hatte im Lause des einen IabreS, das seit der Heimkehr der Söhne ver flössen war. einen sür die Eltern noch unangenehmeren Einschlag angenommen. Mit innerlickiem Unbehagen batte die Mutter bemerkt, daß Emma die Vorschriften und Gebräuche, die dem jüdischen HauShalt eigentümlich sind, und hauptsächlich dem weil׳- innen Teil obliegen, immer mehr vernachläsiigic, zuweilen sie überhaupt nicht übte. Stellte die Mutter sie in ihrer klagenden Weise zur Rete, dann lächelte «Emma in ibrer malitiösen Art, die so abstoßend bei Ulli Auch Frau Korn srug sich häufig selbst, was diesen Umschwung bei Emma bervorgerusen haben mochte. Ohne sich! darüber ausgesprochen zu haben, begegneten sich die Gedanken der beiden Gatten bei derselben Frage. In einer dieser schlaflosen Nächte kam es zwischen beiden zu der erlösenden AuSsvrache. Der gemeinsame Kummer, den beide vor einander verborgen hatten, brachte die beiden Ehegatten in dieser einen Aussprache seelisch näher, als das seither ungetrübte Glück der ganzen voraufgegangencn Gemeinsamkeit vermocht hatte. ו/ז nurfi trfc ss mir nnhsvc " seufzte die Frau, ״wenn einmal die Kinder wieder zusammen im Familienkreise mit uns leben würden." ״Das soll die neue Mode sein," sagte Korn. ״Wie ich jung war. hat kein Mensch etwas von Vildung gewußt. Ich glaube bestimmt, wir Ware,, beide schon längst verheiratet, bevor ich etwas davon gehört hatte. Und dennoch sind wir gut ohne sie ausgekommen. Ich weiß heute noch nickt, was es eigent lich bedeuten soll. Etwa, daß man sich über die alten Leute lustig macht, die anders denken, als wie die jungen? Soviel steht fest, daß die Eltern sich keffer dabei gestanden haben, wie heutigen Tages." (Fortsetzung folgt.) Heinrich Meer. Sine Erzählung von Friedrich Rott. [45 Gleich nachdem Meta Waldherr ihre Zeugenaussage abgegeben und von dem Vorsitzenden des Ge richtshofes die Erlaubnis erhalten hatte, sich zu einfernen, hatte sie, begleitet von ihrem Bruder, das GerichtSgebände verlaßen. Mehrere Minuten schritten sie schweigend neben einander einher, bis in die Nahe eines Droschten-Halteplatzes. ״Wenn es Dir recht ist, fahren wir zu unserem Hotel," tagte Hermann, ״Dr. Beer wird vermutlich sehr bald sprechen, ick möchte seine Rede nicht ver säumen." ״Meinethalben brauchst Du Dich nickt zu genieren." versetzte ste, die Hand, die ne aus ihres Bruders Arm gelegt hatte, zurückziehend. ״Du kannst sofort wieder bineingeben. ick werde Dich im Hotel er׳ warten." ״Daß Du im Hotel ans mich wartest, ist selbst verständlich, aber ich werde Dich hin begleiten und fahre sofort zurück." ״Und hast vielleicht die Hälfte von Heinrichs Rede versäumt," erwiderte sie, während eine leise Röthe ihre Wangen überzog. ״Sei nickt unver nünftig, Herrmann. Du kannst es Dir ja denken, daß ich ihn am liebsten selbst hören würde." ״Ja. warum hast Du denn fo-rtgehen wollen? wir hätten doch dort bleiben können." ״DaS war auch meine Absicht, aber — aber ich glaube — es schien mir wenigstens, als ob ihm das nicht angenehm gewesen wäre." ״Wem sollte es nicht angenehm gewesen sein. Heinrich? — woraus glaubst Du das schließen zu müssen?" ״ES ist mir so vorgekommen, als ob er meinem Blicke dort nickt begegnen möchte." ״Ich glaube- Du irrst." Sie schüttelte den Kopf. ״Ick irre nicht. Aber ich bitte Dich, Herrmann, gehe jetzt gleich wieder zurück, damit Du seine ganze Rede hörst und und mir dieselbe möglichst ausführlich wiederholen kannst." ״Wenn Du daraus Wert legst, gehe ick sofort, aber Du darfst mich nicht sobald zurück erwarten, denn ich beabsichtige, während der ganzen Verhandlung dort zu bleiben." ״Gut. daß ick das weiß, da können wir beute nicht mehr abreisen." ״Wenn Du nichts dagegen hast, bleiben wir auck, noch morgen hier, ich mochte mich über Verschiedenes crienlieren." Sie blickte fragend zu ihm empor. ״Ich verstehe Dick nicht." ״DaS kann ich mir denken," versetzte er, ge zwungcn lickend, ״eigentlich versiebe ick mich selbst nicht. Aber es ärgert mich, es schmerzt mich mehr als ick sagen kann, daß Heinrich die Verurteilung seines Elienten erwartet, von dessen Unschuld er überzeugt ist. Ist daS Gerechtigkeit?"