Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 18 (3.5.1906)
- Date
- 1906-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9886801--0324-7374831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
^uilleton-Beilage zu Ar. \8 3״svacltt"\ yy־k ל<_ k^XXXXXXXXXX XXX.X 5T_X X X X X X X.X X X XX X7C.A-X XX.X.XX x >< ^,A,^ UXX Simon 11. Wnlins in Der ZnDennnffe. Bon Arthur Kahm. 1 i | sl? ,׳. ר^ K%*U(4 HltwftAiAM ' «VtVVtblt• E!ne beruhigende Stille lag auf all d»n Dächern, Mauern und Höfen ringsum. Mild wehte ein warmer Wind dom Rhein her und spielte in den aufgelösten Haaren der beiden Mädchen, Auf einer Dachfirst kam langsam und sicher eine .stütze gegangen. An einem Schornstein machte sie Halt, wandte den stopf zum Dachfenster und richrete ihre glühenden Augen auf die beiden Mädchen, Flora erschauerte leise und drückte sich fest an ihre Schwester. ״Glaubst Du. daß Hexen oder sonstige böse Geister Tiergestalten annehmen können? Vater und Mutter schwören doch drauf und mit ihnen die meisten Leute hier." ״Frage doch mal Deinen Lehrer, Gmil Korn," neckte Bella, ״wenn der Ja sagt, glaubst Du es doch bestimmt “ ״C ja," bestätigte Flora zuversichtlich, ohne die stage aus den Augen zu lasten. Diese war mit einem gewandten Sprung auf den Schornstein ge sprungen und musterte mit erhobenem Kopf ihre Umgebung. ״Da, sieh, sie starrt in den Mond: sie ist der liebt!" kicherte Bella. ״Wie Du," meinte ,Vlora dreist. ״Meinetwegen denn," meinte Bella nachgiebig, ״aber jetzt wollen wir schlafrn geben." Die beiden gingen zu Bert. Bella konnte keinen Schlaf finden. Als fühle sie sich jetzt erst vor jeder Bcodachtung sicher, überdachte sie nochmals, was sie am Tage erlebt. Es dünkte ihr wichtiger als alles, was sie bisher beschäftigt batte. Bis heute hatte sie nur flüchtig oder gleiä»gillig i der die jungen Männer himveggeblictt. Einem armen Mädchen, das der Mutter den großen Haushalt mit kärglichen Mitteln führen, zuiveilen dem Vater in seinem Ha»d1r׳erk helfen mußte, blieb nicht viel Zeit übrig, über Dinge nachzudenken, rvelche sonst und unter glücklichen Verhältnissen die jugendlichen Seelen ausfüllen. Heute war'ctwas in ihre bisherige Gleichgültig feit gekommen, was sic ausriittelte. Sie mußte an Gustav denken, als ob eine unsichtbare Gewalt sie zwinge, be׳ den flüchtigen Sekunden zu verweilen, wo ihre beiden Blicke eine Brücke zwischen ihre Seelen erschlagen. Nicht selten war sie mit beleidigenden, Hochmut, unverhohlener Geringschätzung, oder idr »-eidliches Empfinden tiefverletzender Dreistigkeit von den jungen Männern gemustert worden. Und wer waren denn diese Menscixn alle, die sich über sie so hoch hinausboben, weil sic eines armen Mannes Tochier war: Dummlopse, gut genug, eine vasiadle stasfeehaussigur im Städtchen abzugeben: Menschcn ohne besondere Vorzüge, darunter vielleicht hin und wieder ein .Halbtalrnt ohne Ideale, keines hohen Aufschwungs, kaum eines vorübergehenden schönen Impulses fähig, «ftig. wie die Gasten ihrer Stadt war ihr Horizont, kleinlich ibr Denken: die Reichen und Vermögenden satt, zufrieden und hochmütig, voller Ueberbebung gegen Alle, d;-- weniger oder garnichts besaßen. Und die Besitzlosen und Abhängigen voller Unterwürfigkeit gegen die Neichen, auch qeaen solckx. von denen sie weder Vorteil ״! erwarten noch Nachteil zu befürchten hatten. Sie waren einmal so, weil das .Knechtische im Menschen immer in .Krähwinkel den besten Nährboden findet. Ganz anders erschien dem jungen Mädchen Gustav Limbacher. ohne daß sie sich Rechenschaft darüber gab, warum. Gs war nun einmal so über sie gekommen, mit bannender Macht: und wenn sich solches bei Menschen zuirägt. forschen sie dem Warum nicht nach. Und das ist gut so. Gben als Bella schon einschlafen wollte, sang eine rauhe Stimme aus einem Hinterhaus: Von Lieb allein kann man nicht leben, Es muß auch Bargeld dabei sein. Sonst wird die Liebe bald entschweben Und läßt zurück nur Leid und Pein. (*in häßliches Lied in dieser schönen Maien nacht, dachte Bella. Der süße Traum im halbwachen Zustand war zerflossen. Erregt schloß sie das Fenster, um nichts weiter von diesem Gesang zu vernehmen. Der Sänaer aber, der Hilfsnachtwächter Hahnemann, schwankte unsichern Ganges kurze Zeit darauf dem Gäßchcn zu. Der Hausflur wurde zu seiner Schlafkammer, denn er tonnte im Dunkeln die Trevve nid’♦ finden. Gr sank, noch leise lallend, vor derselben zu Boden und schlief dann fest ern. Vielleicht war es jene geheimnisvolle Macht die n.an Telepathie ncuni und räumlich von einander entfernte Menschen im Geiste vereint, die Gustavs Gedanken zur selben Zeit fast unablästig an Bella zu denken zwang. Gin leises Gefühl des Unbehagens beschlich ihn, daß er, der doch schon mit so manäieii hübschen und klugen Mädchen aus den angesehensten Häusern zusammengekommen war, unablästig an die Tochter des Flickschusters denken mußte. Gr saß neben der Schwester am offenen Fenster, das auf b-n Garten ging. Retti sprach lebhaft und er hörte schweigend und zerstreut zu. Doch nein, er hörte garnicht zu und als die Schwester schwieg, blickten beide, wie im tiefen Nachdenken, noch lange wortlos in den mondbeschiencnen Garten. Zu vor gcrückter Nachtstunde erst trennten sich die Geschwister mit zärtlichem Händedruck. Auch Gustav iloh der Schlaf. Immer wieder, wcnn er die Augen schloß, tauchte die anmutige Ge stakt des jungen Mädchens vor ihm ans. besten Blicke sich in die seinigen gesenkt hatten: mädchenhaft scheu und doch zugleich so stolz und ihrer selbst sicher. Was wird moraen werden > Gr wollte sie Wiedersehen. Die Stadt war ja so klein, daß man sich ja ohnehin nicht lange ausweichen konnte: und sie sollte ihn, nicht ausweichen. Am Nachmittag des zweiten Schwnostages überzogen graue Wolken den bisher klaren Himmel und bald darauf regnete es. In der Wohnstube des Schneiders Jcchiel saßen die Familienangehörigen. Gesellen und Lehrjungen, beisammen und hörten aufmerksam einem jungen Menschen zu. der aus einem Buche vorlas. Emil Korn. Ter junge Patrizier hatte sich fest borge nommen, in der braven Familie Jechiels klastische Bildung zu verbreiten und von dieser köderen Bildu»g sollte auch ei» Teil aus den Meister und die Gesellen übergehen. Um sein Auditorium zu fesseln,!rar Gmil, als Jean Pauls Werke keine Würdigung gefunden, zu Bürgers Gedichten übergegangen: da hörte die sonderbare Zuhörerschaft wieder ansmerk sam zu. Heute hatte Gmil etwas Besonderes vorbe reitet. Der feierliche Ernst in seinem blassen Gesicht, die hochgeschwungenen Augenbrauen und der gemestene Gang ließen etwas Große? erwarten. Gr nahm am Fenster Platz und sah eine Weile gedankenvoll zum bewölkten Himmel hinauf, als sei dort etwas ganz Besonderes zu sehen. Auf den Gesichtern sciner Zuhörer prägte sich die höchste Spannung ans: nur Jechiel lächelte vergnügt. Bella saß mit ver schränkten Armen neben ihrer jüngeren Schwester ,Vlora. die mit >>׳>». leuchtenden Blicken, die großes Entzücken verrieten, unverwandt den Vorleser ansah. Im Hintergrund der Stube saßen Peter unv Herzchen und folgten klopfenden Herzens und mit angstvollen Mienen dem Verlauf des packenden Gedichtes. Tatsächlich verstand es Gmil vortrefflich, seine angenehme Stimme nach dem Inhalt des Ge dichtes zu modulieren und erweckie rin Gefühl von Neugier und Furcht bei seinen Zuhörern. Mit tierer Grabesstimme frug er: ״Graut Liebchen auch? Der Mond scheint bell. Hurrah! die Toten reitcn schnell. Graut Liebchen auch vor Toten?" Und mit Hellem Klang ahmte er Leonorens Stimme nach: ״Ach »ein! — Doch laß die Toten!" Eine ängstliche, fast gedrückte Stimmung herrschte in der dnmp-en Stube. Jechiel, dem abergläubischen Menschen, ward es ganz bänglich zu Mute, und den beiden Gesellen kroch ein kaller Schauer nach dem andern durchs Gebein. Peier rückte ängstlich an Herzchen heran, welcher wiederum furchtsam zur Türe blickte. Ihm war, als miiß:e der schreckliche Reitersmann jeden Augenblick uir Sinbe hereinkommen. Nur das Bewußtsein, daß eine 'Mesusze vor der Türe hing und den Eintritt böser Geister wesentlich erschweren mußte, gab ihm einige Beruhigung. Tie Mesuße dünkte Herzchen ein zuverlässiger Talisman gegen alle bösen Geister. Um aber doch meb: Sicherheit auch aus der Umgebung zu gewinnen, schielte er nach Peter, der aber jetzt keine Miene aus gesetzt hatte, die Herzchen' hätte beruhigen können. Mit erschrockenen Augen starrte der chrisiliche Geselle auf Emil und in seinem mageren Gesicht zuckten alle Muskeln, wie in unbändigem Grausen. Und ats der Vorleser mit erhöhter SUinme und satanischem Gelächter sortfuhr: ״Ha sich! Ha sieh! Im Augenblick Hnlu! Gin gräßlich Wunder! Zum Schädel ohne Zopf und Schopf Zum nackten Schädel ward sein Kopf" — da wars mit Peters Kurage zu Ende. Krampfhaft faßte er Herzchen am Arm und stöhnend stieß er das Stoßgebetlein bervor: ״Alle guten Geister loben ihren Meister, Loben Got! den Herrn- Dbne der Störung, die durch Peters halblaute.' Schuhgcbet hervorgerufen wurde, zu achten, belle micrte Gmil nur noch lauter und erzielte damit einen Schlußcffckt, wie ibn sich der beste Rezitator m:r wünschen kann. Das ganze Auditorium saß sekundenlang mit angsterfüllten Gesichtern da, bis endlich JechielS brave Gattin den Bann löste. ״So, jetzt wollen -wir Kaffee trinken," sagte 1" und erhob sich von ihrem Stuhl, auf dem sie eingcnickt war. Nur wenn Gmil seine Stimme zum donnernden Fortissimo erhob, war sie für einige Grffunt'fn eriraAi iyCitf fcenn vrivt*fr Dclt• ticicii rechts, bald nach links einige tiefe Bewegungen des Hauptes gemacht.und den Kopf vor- und rückwärts fallen lasten, wobei leise, schnarchende Töne ibrem halboffenen Munde entflossen. Trotzdem meinte sie. nachoem sie wiever munter geworden unv vir De!!-.׳.- mation zu Ende war, es sei sehr schön gewesen. Gmil ist ein sehr geschickter Mensch und Hab« eine Stimme wie der städtische Ausrufer. Nach diesen geistigen Genüssen, für die mar Gmil sebr dankbar war, wurde Kaffee getrunken. (Fortsetzung folgt.)