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Der Israelit · 1906-05-03 · 18 (3.5.1906) · p. Seite 17

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
18 (3.5.1906)
Date
1906-05-03
Page
Seite 17 (sequence 9)
Language
German
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«. Mai 1 '.*Vi ler ״)»taeUl «eite 1ל Wr Meivrich User. Gcne Grzählung von Friedrich Rot». lZZ ״Deien Sie unbesorgt," erwiderte dic Jrau!r.i; fcufuiti oeiifter ^nminf, ״irtintn kann ick nicht, mehr und schreien iverde ich nickt." Die hatten das Gnde des letzten langes beinahe erreicht, der Gefangenenwärter schloß eine sckirere eiserne Türe auf und liest die Familie eintreten. Auf einer Holzbank an der der Tür gegenüber liegen den Wand säst der befangene. Gin sfreudenlaut entfuhr seinen Rippen, als er die so heiß Grsrhnten erblickte, er wollte rasch auf stehen, aber die Jüße versagten ihm den Dienst, zitiernl sank er zucück. Seine Söbne eilten aus ihn zu und umschlangen ihn und bedeckten s-ine Hände mit müssen, ivädrend seine Hrau, auf den Arm ihres Schwagers gestützt, langsam näher kam. ״MeineKinder! — meine lieben, lieben Kinder! — Aber wo ist denn Meta?" ״Meta ist etwas erkältet," erwiderte Adolf, indem er sich bemüdte. seiner Stimme Festigkeit zu rerleihen, ״die Mutter wollte nicht zugeben, daß sic bei diesem schleckten Wetter mit kerkommt." ״Ta hat die Mutter recht gehabt. Meta ist leicht zum Husten geneigt, sie soll sich nur in Acht nehmen." ״Moritz!" sagte seine sßrau mit leiser, bebender Stimme, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte. ״Aetti, mein Kind!" — irr zog sie neben sich auf die Bank, sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und flüsterte ihm Koseworte zu, wie er solche nie von ihr vernommen, und ihre Stimme war so sanft, so süß, er hätte sie nicht wieder erkannt. Gr konnte nickt sogleich zu ihr reden, er drückte nur ihre Hand wieder und immer wieder. Tann blickte er liebevoll zu seinem Bruder auf. ״Boruck habo Gfraim!" ״Boruch nimzo," erwiderte Gfraim, indem er die Hand des anderen innig drückte. 1*5 konnte keine eigentliche Unterhaltung in Gang kommen, alle waren zu erregt, sic wechselten immer nur einzelne Worte oder Redensarten. ״Gfraim. mcin Bruder, ich möchte Dich um etwas bitten." ״Sage mir. was ich für Tick tun kann; T weistl, wie gern ich alles tue, was Du wünschest." ״Das weist ich. aber Tu mußt mir versprechen, daß Tu dieses nur dann tun wirst, wenn es Tick absolut keine Ueberwindung tostet." ״Wenn Tu darauf bestehst, will ich Dir dieses Versprechen geben. Aber bitte, nun sage mir. was möchrest Tu, das ich ohne Ueberwindung tue?" ״Wenn Tu cL gern tust, aber nur wenn Tu es gern tust, möchte ich, daß Tu wieder wie früher bei uns wohnst und auch bei uns issest, willst Tu?" ״Das will ick Tir gern versprechen und das; es mich keine Ueberwindung kostet, kannst Tu daraus ersehen, daß ich, als ick vorigen Sabbat wegen des Unwetters nicht hinaus zu Reufelds geben!vollte, bei Deiner Familie zu Mittag gegessen vave." ״Hast Tu? — Das freut mich, das freut mich! Jetzt bin ich dock sickzer. daß ich eine Gsches ckaül bade. O, «Gott ist gut! Gott ist gut!" ״Und was hast Tu für Kinder!" sagte Gfraim. ries ergriffen von den Worten seines Bruders. ״Meine Kinder — Gott soll sie mir nur gesund und leben lassen! — Adolf, mcin Kind, was Tu nur f 1ir eine tsheied getan hast, daß Du mir gleick bast sagen lasten, was Tu mit Deinem Gbes wegen des Sabbats vereinbart hast, seit dem ist noch kein Tag fcr^ari^eri, u!l uc•1 ״u» mu*1 יי״ש uva.״ möge Dich dafür ertra segnen." ״Und Alfred, was sagst Tu zu dem?" ״Alned? —" er drohte dem hockgewacksenen jungen Manne lächelnd mit dem Finger. ״der ist ein böser Junge, über den ich mich in jüngster Zeit viel geärgert habe. Kind, Kind' wie bast Tu mir das tun tonnen! Wenn es gekommen wäre, wie Du es , w s C.«14l Sk Al 4 Han!reuen — eu» ifu«״׳* ׳* nicht- Gewdt sei Gott, der alles zum Guten ge Ucndet Hai!' ״Zum Guten!" rief seine Frau lwnderingend. ,.gereckter Gott im Himmel' Das nennt er zum Guten'" ״Gewiß, Retti, mein Kind, es ist rum Guten. Ta» wein ooey;ebes Kind, dop alles, was Gott tut, gut ist. Aber wenn ick das auch nickt wüßte, bas was Gott mir jetzt tut. das suhle ich, daß das gut ist, daß das eine Gnade von Ihm ist. für die ick Jbm nicht genug danken kann denn wenn ich auch nicht bei Glich bin, so weist ich ja doch, wie cs bei Guch zugebt, wie mein braves treues Weib Tag und Rächt für mich betet, und für meine braven frommen Kinder sorgt und daran» siebt, bast kein Unrecht geschieht, und wenn ibnen doch bin und wieder das Herz schwer wird, so ist mein lieber, teurer Bruder bei ibnen, der sie!röstet-und ich bin hier," fügte er mit beben׳ der Stimme hinzu, ״wo ich auch kein Unrecht tue, und wo ich Gott Tag für Tag danke das; er es mich hier büßen läßt, das; ick den Sabbat entweiht bade — und i h hohe von seiner Barmherzigkeit - er wird mir verzeihen." ״Du bist ein Heiliger!" schluchzte leine Frau, indem sie das lräneniibertlntete Antlitz an seiner Sckulter barg. ״Wir sollen alle beilig sein," erwiderte der Ge fangene, während es wie ein Lächeln über lcine Lippen zuckle. Seine Söbne hielten feine Hände, sie schienen vergebens nack Worten zu ringen. ״Jbr dürft nicht so ve-rzagt sein, wenn Gottes Weisbeit ertennc» wird, daß ick genug gebüßt hake, so!oird leine Allmacht es füaen. daß der Mörder entdeckt wird, und dann bin ich frei, bin wieder mii (such vereint. Ich habe noch gestern mit bem Töttot Beer davon gelvrochen — oder vielmehr er mit niir. daß r nicht nachlasten wird in seinen Bemühungen, nach den! Täter zu forschen ״Doktor Beer sagte Gfraim, indem er sich mit der Hand gegen die Stirn subr. ..beinahe hätte ick etwas vergeffen. Liebe Kinder." wandte er sich zu den jungen Leuten, ״ich mochte Gutem Batet etwas Mitteilen, was ihn erfreuen wird, bitte, gebet für einige Minuten hinüber, dort zu jener Wand." Die Söbne entsprachen der Aufforderung: Gfraim ließ sich aus der Bank dicht neben seinem Bruder nieder und sprach in leisem Flüsterton: ״Du kannst Dir denken, dieser Tage bar alle Welt doch von nichts anderem gesprochen, als von Deinem Prozeß und von unserem Alfred, was er für cin herrlicher Mensch ist. Auch draußen bei Reu felds war davon die Rede, Fräulein Gmmi ist ganz voll von ihm. Und gestern Abend, als sie mit den Kindern in ein anderes Zimmer gegangen war sagte Frau Irma au» einmal: ״Ich habe eine Idee eine grandiose Idee. Rock nie ist mir ein junger Mann vorgekonimev. der mir lür unsere <*mm! gut genug erschienen wäre, bis aus Alfred Weistkopf." Was meinst Du dazu. Heinrich? Und der Herr Doktor sagte: ..Das ist in der Tat keine üble Idee, ick glaube auch, daß die beiten kür einander Paffen würden. Und wenn er sein Gramen gemacht haben wird, kann er. wenn er will, als Gonzimen» vej mir eintreten und wenn die jungen Leute Gefallen an einander finden, können sie einander heiraten." Und ihr wisset doch, was ich von Gmmi Beer halte, סי wie sic habe ick noch kein Mädchen gesehen." Dem Gefangenen stürzten die Tränen a!>s den Augen- ״Gott sei Tank! Gott sei Tank! Run ist auch weine fette Sorge geschwunden, daß euer Rame durch meine Berc.r!eilu!!g gelitten haben könnte. Z, Gott ist gut! ist gut!" Aut Gsraims Wink kamen die jungen Leute wieder herbei, der Gefangene drückte beide an sein laut vockendes .herz. rlev-n, guten Kinder! V A (<» <<1 A«!«•!•A ... MtUUUH V ItlUf» r m nAnen limuMinu, vuf) .J1( 4 vtui bleiben tollt, denn ick weiß. Ihr werdet es — grüßet Gute Schwester, sie soll sich nur schonen, daß sie bald wieder gesund wird. Hb es Guck nicht vielleicht gestattet würde, mit ihr nochmals zu mir zu kommen? -Stützet Gute Mutter und folget in allem dem Rar Gutes Dnkels —." Die Söbne versprachen es. indem sie mit über strömenden Auaen die Hände des Vaters an ihre bebenden Lipzen drückten. Gleich daraus kam de^ Gcsangrncnwäricr, die ihnen gestattete Stund« des Veisuilciicriiscins Ivur vorüber. Wortlos reimte aer Gefangene leinen Söhnen und seinem Bruder noch mals oie Hand, seine Frau aber umklammerle laut schluchzend seinen Hals, ne ivollte dei ibm bleiden. wollt: d:?> Ke. kt» mii igiu uiitll uns nur immer ge lang es seinem liebevollen Zureden und den Bitten der andern, stc zum Heimgeben zu betvegen. Dock es mußte geschieden sei». Wieder ging sie zwischen ihren beiden Höhnen, die sie sorgsam stützten. Gfraim Weißkopf folgte. Der Kerkermeister geleitete sie durch die ibnen »v btkannten «Ringe bis zum Ausgang: gerade hatten sie das Gebäude verlassen, als der Ilntersuckiungs richtet in dasselbe eintrat. Alfred batte ibn erkannt unwillkürlich »wchselte er bie Farbe und zog grüßend den Hut. Ter Richter erividerte seinen Gruß und nikte ihm wohlwollend lächelnd zu. ״Vermutlich die Familie des unlängst Ver urteilten, *if diese» besucht hat." ״Zu dienen. Giier Gnaden." erividerte der «de fangenwärter, indem er schwer ausatmete, ״schade um die armen Menschen ״Freilich ist es schade um ffe." stimmte der Richter bei, ״namentlich um den jüngsten, man sollte es kaum glauben, baß er der Sobn eines Mörders ist." ״Ist er auch nickt. Gurr Gnaden," erklärte der andere mit Bestimmtheit. ״und ivenn der Gerichtshof ihn auch zweimal verurteilt hat. der Verurteilte ist unschuldig, das söge ick!" Betrollen blickte der llntersuchungsrichter aus den im Dienst Grgraulen. den er noch njj״ a|,״ liifwr Grrequng aesehcn. ״Bedenken Sie auch, Rubitschek. was Tie da sagen" Zweimal hat ein hoher Gerichtshof ibn als schuldig erkannt." Ter Wärter zuckte die Achseln. ״Halten zu Gnaden, alle Menschen können irren und ein hoher Gcrichtsbos vcsieht auch nur aus Menschen." ״Run ja freilich, aus was sonst sollte er be stebci.? ׳ - Ader sagen Sie mir ums Himmelswillen. irie kommen Sie aus die absurde Idee, den vom Ge ricktshof als schuldig «Erkannten als Ilnschuldigen zu bezeichnen?" ״Wie ich dazu komme'" Gr drückte den schweren eisernen Schlüssel, den er noch in der Hand dielt, argen die pochenden Schläfe als wolle er sie kühlen, ״wie ich, dcnu komme? Halten z» Gnaden gnädiger Herr, aber wenn man. w!> jch, ijhfr dreißig Jabre die Gefangenen im Strashaus bedient bat dann kennt man sich aus, namentlich «nenn man sie mit ihren Leuten reden Hort und sie nickt winen. doß man sie bort." ״Das ist nicht so ohne — da sollte jeder Ge ricktshes eigentlich die «Gefängniswärter zu Rate ziehen." Ter Wärter überhönc den Sport. ״Könnte schon sein, daß. dann manches Urteil anders aus fallen würde." meinte er treuherzig, ״möglich wär's." Ter Andere lachte laut aut. nickte dein Graukop» freundlich zu und entfernte sich, aber die Morte des im lang'äbrigen Verkebr mit Häßtkinczen Gegrauten lasteten schiver auf seiner Brust. War in Wirklichkeit eiu Unschuldiger verurteil» worden? Gr fühlte wie be: diesem Gedanken jedes einzelne Haar auf seinem Haupte sich empor richtete. Dock warum das? — ei hatte ihn nicht verurteilt, die Geschworenen hatten nach langer eingehender Beratung ihn schuldig er tannt — freilich auf Grund der von ihm geleiteten Untersuchung und des Zeugenverhörs. Aber die Zeugenaussagen, dic vielen vielen Zeugenaussagen, batte nickt gar viele einander widersprochen? Und die einander nicfyt widersprochen halten, hatten die nicht auch auf ihn den Gindruck des Gingelernten ge ncuchi? Den Gerichtshof hatte das nicht gekümmert, nicht das erste mal und nicht das zweite mal — er batte frisch drauf los sein ״Schuldig" gesprochen und ejn Mensch war verurteilt worden zu lebenslänglichem Kerker. Und wenn er nun doch unschuldig war?- Aber warum hotte er erklärt, die Straf« sofort antreten zu wollen? ,'Fortsetzung folgt.)

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