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Der Israelit · 1906-04-26 · 17 (26.4.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
17 (26.4.1906)
Date
1906-04-26
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Leuilleton-Beilage zu Nr. \7 bcs 3״sraelit“ y X־* X xV X X X X X X X X X X X X_ X X X X X X X X X X X X X X~ Juffiu» u. Pljiütnis in irr ^nirniiüHf. Aon Arthur ftabn. l'׳j Utachvruct verboten. Völlig niedergeschlagen über den unseligen Irr tum. den er an seinen beiden Kunden begangen, be schämt, das! dieser Irrtum auf so eigentümliche Beeise zum Stadtgespräch geworden, betrat Ber-z seine Wohnung, Gebrückt und einsilbig nahm er sein Nachtmahl, auf das er sich so sehr gefreut hatte. Jetzt diinlte ihm jeder Bissen mit Wermut getränkt. Die glückliche Feststimmung war dahin. Auch Sprinz war traurig gestimmt, denn lvenn Berez nicht nur Suppe und Schalet, sondern sogar die sauersüßen Fische kauni berührte dann war er entweder seelisch oder körperlich ernstlich krank. Die Lichter von der acktzinkiaen kellbinkenden Schabbesiampe und die nuf dem Tisch stehenden Stearinterzen leuchteten auf umwölkte Gesichter. Leise sprach Berez das Tischgebet. Als er an die Stelle kam: ,D mache uns frei, Ewiger, unser (Siott, baldigst von allen unseren Drangsalen, und laß uns. o Bater, nickt angewiesen sein auf die Gaben aus Menschenhand. auf daß wir nichts von ihnen leihen und erbitten müssen, sondern nur aus Deiner Hand spende uns. der vollen, der offenen und heiligen wie segensvollen, aus daß wir nicht beschämt werden und nickt in Schanden geraten, für immerdar", da rang es sich wie ein tiefes Stöhnen aus der Brust des Betenden. In der Stube herrschte eine dumpfe, schwüle Atmosphäre. Berez trat in den verwahrlosten Hof und ließ sich auf dem Dreppenstein nieder. Sprinz folgte ihm und setzte sich gleichfalls. Mit dem scharfen Gefühl, das grauen oft eigen iss. verfolgte sie den Gebankengang ihres Mannes. Seine gedrückte Stimmung tat ihr wehe und von dem Wunsche beseelt, ihn zu trösten, sagte sie: ״So was mußt Tu Dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Wirkt Du kür Iomrof und Iekeschen keine Stiefel mehr machen, wird tMoft uns dock nicht darben lassen, C*r hat Dir schon olt gar merkwürdig geholfen. Bedenke, was wir schon dulchgemacht haben: immer wieder hat uns der liebe Gott geholfen, ohne daß wir bei Menschen die Hand aufgehalten baden." Der einfache Troß verfehlte seine Wirkung nicht. D^i» v?'׳ci1׳l:l uts .UJUIltir UUlUU h׳na»f zu den Mnriaden Sternen und zu den! hellleuchtenden Mond, dessen Lickt die düsteren Mauern, die Dächer, die dunklen, fensterlosen Luken lxssrahlte. Der Schuster Berez war kein poetisch veranlagter Mensch, denn nicht alle Sckuster sind zugleich Poeten wie Hans Sacks. Aber er hatte dock ein offenes Auae für die Schönheiten der Natur. Er war ein Grübler, d-r sich die 'iOelt anders ausdackte. w׳e sie sich ihm in Wirklichkeit zeigte: nüchtern, aber voller Rätsel. deren Lotung ihm nickt offenbar wurde. ״Die Geheimnisse sind Gottes." hatte einmal der Rabbiner beim Lernen gesagt, .aber das Offenbare gehört uns Mensckien und unseren Kindern." Seine Stimmung ward beim Hinansschauen wieder rubigkr und andachtsvoll, und im Anblick der blinkenden Sterne und be-- Mondes versunken, vergaß Beier sein Mißgeschick und Jomtof und Iekeschen samt deren Stiefeln und endlich auch Bunnewitt, seinen alten Feind. Wie er nun so ruhig, dasaß und in den Sternen- Himmel hineinträumte, das Licht des heraufsteigenden Mondes die Firsten der Dächer immer Heller beschien, überhörte er vorsichtig tappende Schritte, die sich dem Hofe näherten. Sprinz wandte den Kopf dem dunklen Gang zu. ״Ach. Ihr sitzt im Hof," klang Goldchens Stimme heraus, ״bei Euch ist's auch so heiß in der Stube; — vor allein gut Jomtos." Gotdchen nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. Berez, sonst nicht für die herumhorchende Rachbarin eingenommen, empfand ihren Besuch nicht einmal unangenehm heute Abend. Goldchen zog ihn auch nickt weiter ins Gespräch. Ihr Besuch galt ja nur Sprinz, der Nachbarin. Mt dem groben Schuster suchte sie keine Unterhaltung. Bald waren die Frauen in eine intereffantc Unterhaltung, die sich auf Zubereitung feiner Gerichte hinbewegt-, gekommen. Goldchen erzählt, bei ihren Eltern habe es an jedem zweiten Tag des Schwuosfestes einen Siebenhinimelschalet gegeben. ״Wie der gemacht wird?" wiederholte Goldchen die an sie gerichtete Frage. ״Das will ich Ihne״ sagen und wenn Sie morgen einen backen wollen, will ich Ihnen ganz gerne helfen." Sprinz dantte für die nachbarliche Bereitwilligfeit und wiederholte die Frage. ״Also, Sie macken eine mürbe Decke. Dazu nehmen Sie z!vei große Löffel Gänsefett, drei Eier, vier Löffel gemahlenen Zucker. Den Teig darf man nicht zu dünn machen. rr muß wenigstens -inen Finger dick sein." Goldchen verweilte noch einige Zeit bei der das Fundament bildenden Decke des Schaletoaucs, ehe sie das aus Arpfelschnitzcln errichtete Bellibiil betrat. ״Wenn man aber lein Gänscsett bat?" frug die Sebilstersfrau verschämt. Goldchen schien auf die Frage vorbereitet. ״Dann verdampfen Sie Rüböl mit Hartfett, oder Sie lassen Brullfctt aus und nehmen dazu noch die Hälfte gut ausgedampftcs Rüböl." ״Das tann man ja machen." sagte Sprinz ordentlich erleichtert über diesen ökonomischen Ausweg. Goldcken. welche ihre Kochkunst wahrscheinlich in ein noch günstigeres Lickt rücken wollte, fuhr bc bächtig überlegend fort: ״Wenn man keine frischen Aepsel bat. wie am Pesack oder Suktos, so kann man auch getiocknctc Aepfelschnitzel nehmen. Die werden mit einem Weinglas voll Wein übergoffen, mit reichlich Kockzucker und zu Schaum geschlagenen Eiern, vielleicht sechs Stück, und wenn mans billig macken will, auch mit zwei; ferner, kleinen und großen Rosinen gut vermengt und aus die unterste Decke geschüttet." Kovvel. ein lang aufgeschossener Bursche, trat in diesem Augenblick in den Hof. ״Vater," rief er frühlich, ״ick Hab' dem Lump Bunnewitt alleweil einen Ehapp (Stoßt gegeben, daß er an die Mauer geflogen ist. Der wird sich nickt mehr über Dick lustig machen." Goldchen, welchdie Störung, die Koppel verurtachte, höchst übel nahm, horchte auß ״Ach, nichts," veisillnile sprinz, ״Sie wissen doch, der verdutzte Baacher hat Berez verhöhnt. Nun, sagen Sie mir weiter, was kommt dann sonst noch in den Schalet?" ״Dann kommt." fuhr Goldchen ernst fort, ״eine ganz dünne Teigdecke und darauf zwei geweichte Mazzoth mit Zucker, Eigelb, etwas gemahlenen Zimmt, geriebene Zitrone, aber nicht zuviel."- So mißlaunisch Berez den ganzen Abend war, nahm ihn doch der Unterricht, den Goldchen seiner Sprinz über den Siebenhimmelschalet eben erteilte, bald so gefangen, daß er fast ebenso aufmerksam zuhörte, wie seine Gattin und seine schmerzliche Stimmnng allgemach von ihm wich. Auch Koppel hörte, da sein Vater kein Wort auf seine Erzählung von Bunnewitt erwiderte, anoächtig dem Märchen aus Zucker, Rosinen. Eiiveiß und anderen Süßigkeiten zu. Als Goldchen bereits an der dritten Etaae des x xx x x x x x x x xjk jk x x~x~x Schalets, di« aus breiten Nudeln und vielen anderen Herrlichkeiten bestand, angelangt war. da war es ihm zu Mute, wie einem Kinde, dem man ein herrliches Märchen erzählt, und er sperrte vor Verwunderung über Goldchens Geschictlichkeit weit den Mund aus. Begeistert rief er aus: ״Bei so 'nem Schalet muß man sich dock wahrhaftig in den siebenten Himmel versetzt glauben!" ״Wär's denn sonst auch ein Siebenhimmelschalet?" frug Goldchen würdevoll. Nun bat Koppel die Mutter, doch von der Nach darin Anerbieten Gebrauch zu machen. Doch Sprinz schwieg. Sie hatte bereits berechnet, daß das Feier tagsgericht zu kostspielig würde, ganz besonders in Anbetracht der erforderlichen Größe, welche der Appetit ihre? Mannes und Sohnes voraussetzie. Koppel war schon seit mehreren Jahren im Wachsen, was seine Mutter ganz besonders beim Essen wahr nehmen konnte und es hatte den Anschein, als wollte er. — seine Ve.dauungskraft und Verdaiiungsge schwinbiakeit in Betracht gezogen ein Riese werden. Entsetzt den .Kopf schüttelnd, folgte Sprinz mit erschrockenen Augen der Nahrungsaufnahme ihres Sohnes, der. unbekümmert um das intervenierende Räuspern und ähnliche Ablentungsversuchen der Mutter, einen Eßwcttkamvs mit seinem Vater ein ging, bei dem dieser nur mit Mühe seine Ueberleaen heit wahren konnte. Und solchen zwei Kostgängern einen Siebenhimmelschalet! Der armen Schustcrssrau kam bei diesem Ge danken fass eine Dkmmackit an. Als Goldchen, die heute Abend ein ganz ange nehme׳ Besuch war. gegangen und von Sprinz bis an die Haustür geleitet war, blieb Berez nach lange im Hof sitzen. Ter Mond beschien jetzt den Hof, der in dem blaß,bläu licken, magischen Lickt von eigen׳ artigem melancholischem Reiz war. Die unsnm metrischen Dächer der Hinterhäuser, die schwärzlichen Wände, die teils fensterlosen Dachluken, die teilweise ihrer Scheiben beraubten Fenster, erzählten von längst vergangenen Zeiten. Da wohnten in diesen jetzt kaum noch für Gerümpel benutzten Bauten. Men scheu, die von einer feindseligen Außenwelt hier hin cingezwängt worden; hier wuchsen sie aus, erlebten Leiden und Freuden, die alle übrigen mit ihnen teilten. Hier feierten üe ihre Ruhetage und Feste und alle diese jetzt verödeten Räume, in denen Katzen und Mäuse hausten, Tauben und sonstige Vögel nilleten. waren dann von Lichtern erhellt. Lieder und Ge bete schollen über die Höfe, alte ehrwürdige Greise in kleinen Käppchen, hinter großen Folianten, wür big- Matronen mit großen Hauben saßen am Tisch. Knaben und Mädchen spielten hier in dem unbe fangenen Glücke ihrer Kindheit, blühende Jung flauen und Jünglinge träumten hier ihre Jugend und Liebesträume hinaus in das warme Sonnen licht und hinein in das leise, zitternde Flimmern Heller Mondnächte. Dessen konnte sich Berez noch wohl erinnern und mancher derer noch, die hier ein von der Welt gewaltsam abgeschlossenes Leben ebten. Und dennoch ein reiches, herrliches Innenleben in inniges, liebedurchqlübtes Familienleben, ohne lüunsch nach dem Getümmel der Welt. Und alle c!, *,, . e jf. , e 1». ״ ««u« * — tuciupc ijicl neu vT« h uuu t1nr׳uu;1׳H tOVAM AI ttltt eigenen Familienstand gründeten und trotz der Enge dieser kleinen Welt nicht unglücklicher waren, wie ihre Vorfahren, waren längst dahingegangen. Die Nachkommen verließen die engen, kleinen Hofbäuscknn und zogen in die größeren, geräumigeren Vorder Häuser und die darauf folgende Generation verließ, auch endlich diese und zog in andere Straßen, in neue, noch größere Häuser. Alles hatte sick geändert, für jede hinaeaangene Generation war eine eigene andere Zeit gekommen und gegangen. Nur was über dem Wandel der Erde thronte, war geblieben. Die alte Sonnbeschien neue Geschleckter und die zer fallencn Gebäude: dieselben Sterne funkelten in e'vsger feierlicher Strahlenschänheit auck zu den Enkeln herab, deren Vlicke da hinauf sich richteten :0 Andack' und Bewunderung, wie einst die der Vor

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