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Der Israelit · 1906-04-26 · 17 (26.4.1906) · p. Seite 6

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
17 (26.4.1906)
Date
1906-04-26
Page
Seite 6 (sequence 7)
Language
German
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'Jir. 1ד Seile •’>. Ter Israel» •2fi. Apnl t906 wäre, ganz leer ausgrhen soll! Sind die frankfurter so bescheiden geworden, das; von ihren Lebensäußer ringen nicht» mehr zu berichten ist, oder möchte franiosuriiu, srii sie mit dem alten Mainzer Js raelr: vermählt ist. zu den guten Ehefrauen gehören, vrn tenlir man nicht spricht? Au<1> die besten Ehefrauen gehen in frantsurt am Cholhamoed spazieren, das ist uralter franksurter Minhag (älter als der Schulchcm-Aruch, selbst verständlich!) und so sollen Sir mich denn, den q-- borene:, Begleiter meiner uralten, Pardon einer uralten frantfurier f a in i l i e entstammenden Gattin, deute ausnahmsiveise als Peripatetiker genießen.!Hoch ist der kostspielige neue Reformtempel nicht ervaut, brr. die frankfurter Israelitische Gemeinoe in frankfurt W. nun schon geraume Zeit Herstellen will. Vorläufig genießt die alte Iudengasse noch den Borzug, die Stätte des Orgelklangs. der singenden Chvrdcimen und des Geiger'schen Andachtsbuches in sich zu bergen kostbarer aber als diese heiligen Vermächtnisse einer verschwundenen Zeit ist ein stiller Raum in dem Monumentalbau in der Börnesrraste: die ״Gemeindestube"! Sie können sich keinen größeren Gegensatz denken, als den zwischen dem ״BerwaltungSgebände" der Berliner Jüdischen Gemeinde und der frants.irter ״Gemeindestube". Wenn Sie ruhen!vollen und schlummern, träumen im Schatten der Jahrhunderte sein von dem widrigen Lärm des Tages und oem Gezänte der Parteien, kommen Sie, kommen Sie in die frankfurter Gemeindestube.' Zwei, drei gen ׳sie״ hafte, gutlxzahlt« Beamte — ein ohne jede Aut regung fast automatisch sunktionierender Ber waltungsapparat — Uedrrfluß an Wflb — ein sich selbst wählender Borstand indifferente Wähler Massen und ganz im Hintergründe eine kleine, ein flußreichr Gruppe von Gesetzestreuen die in Be schcidenheir lebt und leben läßt und der man um der Liebe willen und der Schützenstraße;um Trotze gerne jedwede freundschaftliche Konzession maat יiutj und out: friede, fr׳ede den fernen und den Rohen' Kaum rin ungelöstes Problem scheint nein schien die friedbofsrube zu stören, mit der man in den heil'gen Hallen unserer Gemeindestube der Antunit des Mesiias entqegenträumen konnte. Ta jh nun in den letzten Wochen das llner dörre geschehen! Ter schon vor fahren gegründete ..Zentral verein ist. Gemeindemitglieder". der, als Gegengewicht argen den .freisinnigen Verein für jüdische- (^emeindeleben" aeschassen, sich jahrelang mit gutem Erfolg der einschläfernden Atmosphäre unserer Gemeindestube binqegeben hatte, itt urplötzlich aus seinem Schlummer erwacht und ׳neckt nun mit einer in diesem Kreise disker unerhörten RücksichtS losigteit die Glücklichen in der Gemeindestube sowohl, wie seine eigenen rlihebedüntigen Leiter aus ihrem Paradiesesfrikden. Zwei '!Momente haben diese Wendung vorbe reitet- Tas Grmeindegesetz von l!">1 und das Erstarken z i o n i st i s ch e r Ten d e n z e n im S boße der Gemeinde. Erst das Geineindegesetz 1901 תסח und di.׳ da mit verknüpfte Reuregiilierung des PerhältnisteS der neologeu >st-1neindevermoltung zu der getetzeStreuen Minorität innerhalb der (Gemeinde hat dieser Minorität das aktive und passive Wahlrecht gegeben, bas man 1S77 bei der Schöpfung des sogen. Kom kromiffes nicht nur nicht erlangen konnte, sondern gar nicht gewünscht hatte. Durch den Ausschluß der gesetzestreuen Mitglieder, deren Bei näge buchmäßig nicht für Kultus und Schule ver mendet werden sollten, vom Wahlrecht. >oar ja diesen ni-.bt nur eine Gewistensberubigung in ihrem Der hälln׳;;u 1ene» beiden Bollwerken der Reform ge «eben, sondern '!e «onnten mit einer getvisten Genug trung auch daraus Hinreisen daß der den Rorme» dcs Religionsgeseße»: nicht entsprechende Gemeinde- Vorstand gar nicht i h r Vorstand sei und aus ihre Anerkennung sich jedenfalls nicht berufen könne. Richt» stumpft sich leichter und rascher ab als Ge wifsensbkdenten und so bat man denn nn fahre 1901 die Buchungstlausel zur Beruhigung einiger bvperortkodorrr Gemüter zwar bestehen lassen, dagegen mit der Wahlrechtsbeschränkunq und damit dem letzten Hemmnis einer Betätigung der (Kesrtzrstreuen innerhalb der Gemeinde aufgeräumt. Rechtver pflichten —, und die führenden Männer mochten sich wohl im Innersten ihres Herzens sagen, daß es nur eines geben könne, was ihre Politik zu rechtfertigen vermöge: Die Aussicht. mit der neu errungenen Waffe des Wahlrechts, gestützt auf die Gleichgültigkeit und Unklarheit der Masten, die Gemeindeverwaltung zu erobern und so eines Tages durch eine Reform an Haupt und Gliedern die ״Jsraeltische Gemeinde" in eine jüdische Gemeinde zurückzuverwandeln. Zwar mußte dem nüchtern Wägenden solches Ideal gegenüber den tcrtsächlichen Verkältnisten als Utopie erscheinen; aber immerhin: nur seine enk-gische Betonung konnte den Sllwin beseitigen, als habe man sich auf gesetzestreuer Seite mit den in der frankfurter Gemeinde legal gewordenen Gesetzesverletzungen abgesunden, ja noch mehr: nur seine energische Betonung hätte hindern können, daß man sich allmählich i n der Tat mit diesen Gesetzesverletz ungen abfand »nd letzten Endes Reologie und Gesetzestreue als gleichberechtigte Richtungen in einer jüdischen Religionsqemeinde an sah. Daß siattdksten der neugegründete ״Zentralrerein" sich sofort nicht etwa offen als eine Organssoiion zur Wahrung gesetzestreuer In.׳ teresten gad, sondern unter der flagge eines ״r:n parteiischen" Vereins von ״Gemeindemitgliedern" segelte, war eine folge der den leitenden -streiken nun einmal ״ן!- (Mf:pef>ntifit gewordenen Taktik: niemals um P r i 11 z i p i e n kämpfen sondern lieber in Gestalt persönlicher Gefälligkeiten möglichst viele praktische Errungentchaflen für die religiösen In tereffen des gesetzestreuen Judentums cinbeinisen und sich mit solchen Trophäen über den »nbeilbaren Schaden trösten, der auf dem Wege dieser Politik der Klarheit des jüdischen Bewußtseins zugefügt wird. So war nicht einmal eine Belebung des Gemeinve IniclrssrS, auch nur ganz im allgemeinen gesprochen, vom Zentralverein zu erwarten weil die inneren Widersprüche des grundlegenoen Prin.stos und die Lahmheit der Taktik alles kraftvolle Auftreten unmöglich machten. Eine Aendklung nach beiden Richtungen trat erst ein. als einige jüngere zionistische Elemente im Zentralrercin mehr in den Vordergrund traten und dem alten Körper eine neue Seele, neue P r i n z i p i e n und eine neue Taktik einhauchten. Waren Reologie und Orthodorie darüver einig gewesen, daß eine jüdische Gemeinde ein spezifisG religiöses Gebilde sei und war es darum ein innerer Widerspruch kvnderglcichcn. we?:n die ge seyeStreiik» Zentralvereinspoliiiker bis dahin vorge geben batten, sie könnten den Sieg ibres Prin zipes vorbereiten. ohne den kontradiktorischen Gegen satz dieses Prinzips, dir Reform, aus der Gemeinde Kinanszildrängen so sab das Problem unter dem Gesichtswink-I des Zionismus oder l-ester des Rationaljudentums ganz anders aus. Dem Ralivvaljudentuii׳. ist eine jüdische Gemeinde nichts anderes als eine Kommune, eine Zelle im nationalen Organismus, die keine andere Bestimmung bat, als mit möglichster Energie zu leben und die sich a l I e s lebendigen Jüdischen freut. Mag die Reform wegen ibrer Unselbständigkeit und ihrer Assimilanonsnetgung der zionistischen Anschauung noch so unsympathisch fein und mag diese andererseits den hebräischen Unterricht als Merkmal nationaler Besonderheit noch so nachdrücklich fordern im Grunde genommen lösen sich ihr die Gegensätze von Reologie und Orthodoxie doch in der ״höheren vrin beit" eines kräftigen nationalen, hier kommunalen Lebens schlechthin auf. und der auf die jüdische Der gangendeii stolze, der Zukunft des jüdischen Volkes vrrtrauende Gesetzesverächter ivird ihr ein ebenso ver edrungSwürdiger Gemeindepräses sein wie derjenige, der seinem Gotte das Opfer der Sabdatruhr und der Rahrungsbciligung bringt. So ist bier ein — zwar unjüdisches — aber klares, in sich geschloffenes und widerspruchloses Prinzip gegeben, >ws vermöge seines umfassenden, über daS ״Religiöse" dinausgrvifenden Charakters zur Agitation vorzüglich geeignet ist und dabei doch Prinzip bleibt. Wenn der ״Zentralverein", d. h. die Gruppe der Gesetzestreuen. vereinigt mit Zionisten und Mit läufern, bei den letzten Ausschußwaklen dadurch d-n Sieg errang, daß er eine in allen färben schillernde Liste (einen ״freisinnigen", einen ״Liberal Konserva tiven" und einen ausgesprochenen ״Zionisten" — wohIgemerkt nicht einen einzigen gesetzestreuen Juden) aufstellte, so hatten die Gesetzestreuen mit der Verleugnung ihrer eigenen Grundsätze die schmählichste Niederlage schon erlitten, ehe sie noch zur Wahlurne schritten — und Sieger waren allein die zionistischen Kam munalpolitiker mit ihrem nationalen, religiös farblosen Programme. Dieser zionistische Einschlag in das Gewebe des Zentralvereins aber hat vor allem eine bemerkenwerte und erfreuliche Aenderung in der Taktik des Zentralvereins hcrbeigefübrt. ״D e m o k r a t i sierung " der Gemeinde heißt die Parole und dementsprechend läuft man denn auch immer heftiger Sturm gegen die autokratiscbe Gemeindeverfastung. dialle Herrschaft in die Hand eines eigentlich niemandem verantwortlich^ Kollegiums legt und die Gemeinde selbst so aut!vie mundtot .nackt. Die Oesfentlichkeit der A u s s ch u ß s i tz u n g e n , die Offenlegung des G e m e i 1! d e b n d g e t s ist bereits er zwnngen, die empörende Praris des Almosenkastens, der die Gewährung non Armennnterstiitznng von den! Verzicht auf das Wahlrecht abhängig machte und daniit unbequeme Wähler beseitigte, gebührend gekennzeichnet worden. Gin Dorn im Auge sind den Zionisten mit!stecht die koloffalen Summen, die da- P h i l a n t h r o p i n alliährlich verschlingt, jene- Denkmal aus großer Zeit, da die Reform in ihrer Sünden Maienblüte stand und von dort aus ihr Miffions» erk unter der jüdischen Jugend mit grauen vollem Erfolge betrieb. So sind denn in der letzten Versammlung des Zentralvereins scharfe 'Worte ge fallen, ja durch eines Redners Mund klang gar einmal — 0 über das Sakrilegium! -- das wahre Wort in die aufoer-gt- Versammlung bin-״ ׳-׳״Tie!drei sinnigen sollten sich ihre frei sinnigen Institutionen ü!;* Phr! an thropin, Orgel etc. doch lieber außer halb der Gemeinde schaffen, in einer jüdischen Gemeinde hätten solch: Liebhabereien keinen Platz.'" Gewiß baden sich, als dieser ketzerische AuSru» fiel, in der frankfurter Gemeindestube die ver schlafenen Heinzelmännchen in den Papierkörben ver wundert die Augen gerieben und ganz still, um Mitternacht, bat das נ־ תמי!־ in der Schützenstraße flackernd gefragt: ״Wächter, wie weit ist's in der Rächt" Sollte es wirklich schon Morgen m-rden"" - -Gebt schlafen. Ihr gemütlichen, kleinen Kobolde — leuchte ruhig weiter an Deiner stillen Stätte, heiliges, ewiges Licht! — der Morgen i V. a ch, so ferne und noch gilt es weiter allein z»« sein in o e r R a ch t : Der Vorsitzende des Zentralvereins erläßt eine Erklärung die den! ungestiimen enfant terrible derb aus die finger schlägt und die allerdings be weist, daß die Leitung des Zentralvereins, wie die Bourbonen, nichts gelernt und nichts vergeffen bat. Die wichtigsten Sätze dieser Erklärung lauten: ״ferner berichten Sir. daß ein DiskusstonSred.cer getagt babc. ..das Pbilanthropin ersteht keine Juden und kann nn möglich von der Gemeinde erhallen werden." Ich hatte es für auSgeschlosten. daß eine solche Acußerung gefallen ist. da ich ne sonst sofort zuriilkqcwieieii baden würde. Außerdem möchte ich Sie böstich bitten, den sotgende« Zeilen Aufnahme gewähren zu wollene Obwohl ich vor Eröffnung der Diskussion ausdrücklich betont hatte, daß der Verein stch nicht mit jedem TiSkustionS redncr, der ihm angedörl. mdentinzleren könne, sind au» Aeußerungen. die in der Diskussion steten, unrichtige Scklüffe aut die!enden; dcS Zentralvereins aezoqen worden. Dem gegenüber betone ich. daß der Zenträlverein weder auf die Aufhebung des PbilantbropinS. »och bie der Hauplsvnagoge binarbeiiei. vielmehr nur ertremen Neuerungen. wie der Abschattung der hebräischen Gebete und der Einrichtung eines SonnlagsgottesdiensteS, sobald solche Pläne etwa au׳ tauchen sollten.' entgegentreten wird. Hauptsächlich ist er bestrebt, durch positive Anregung das Wobt der Eemeinde;u fördern, insbesondere innerhalb der frankfurter «emeinke demokratischen Erunbsägen eine größere Eellung zu oer schasse». u»d er ist sich bewußt, aus diesem Wege. z. B durch seine Anträge betr die Hetsentlichkeil der Ausschuß sttzungen nnd die Einführung des EotteSdiensteS in der franksnrtloge, den Dank zahlreicher, auch nichlkoniervativer Mitglieder erworben zu haben." Vcrsta! Da steht's. schwarz auf weiß — ein Man«, besten persönliche Frömmigkeit über allen

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