Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 14 & 15 (5.4.1906)
- Date
- 1906-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Souilleton-Beilage zu Nr. des ״)sraelit^. fewükitoflu. Stannin 11. Phintins in Drr ZnUmgnist. Vc>» Arthur Kahn. -Nachdruck verboten. Iemehr sich der Dampfer der Landunqsbrücke näherte. umsomehr Mensche» sammelten sich in ihrer Weil* an. bis sie sich zu dichten Gruppen angestaut batten. Darunter befanden sich, außer den zahl reichen fremden, fast alle Spaziergänger, deren Be kanntschaft der Leser bereits gemacht Kat. Selbst verständlick tonnicn Frau luchter und Tochter nich: unbemerkt bleiben, da sie nicht nur nach allen Seiten an ihresgleichen, den Honoratioren, Grüße anzu bringen, sondern auch zi: erhaschen suchten, wie hungrige Sperlinge nach ein paar fliegen umlxr huschen. Obgleich sie bei diesem Gebühren von der lüdischen Damenaristokratic noch fast ganz übersehen wurden. hatten Mutter und Töchter dennoch den tlkinbürqer'ichen Verkehr mit seitherigen Verwandten, freunden und Bekannten längtt schon aufgegeben. Auch die beiden Töchter des Schneiders Jechie! Fried berg, deren Schönheit in der jungen Männerwelt cerrits stille Bewunderung gefunden und ivelckx dis .-'»m ^in!rek׳,n der Erbschaft den einzigen B-ertehr de׳ jungen Bub,macherinnen gebildct hatten, fanden leine ״׳ej'kre Beachtung mehr. Bon allen diesen Leuten harte te.11 einziger einen Verwandten, von dem 'ich auch nur ein Bruchteil von vierzigtausend Talern lä.ie eil׳,»׳ lasten: kein einziger, glekrb Mendle Wächter, einen Vetter, der einen berühmten Profeffor für bare dreihundcrt Taler hatte zu einer Operation kommen lasten können, lind die große Operation des derühmikn Heidelberger Professors war so glänzend verlaufen, daß der .kranke erst einen Tag uack derselben sank! verschied. Mit diesem letztere» nicht ganz unvorhergesehenen Ereignis, lag der Er folg der glanzvollen Operation natürlich aus Seiten drr Erben. Da nun aus ganz natürlichen Gründen nichi zu erforschen war, ob auch der Erblaster mit dem glänztt.den Resultat der ärztlichen Kunsi etwa ebenso unzufrieden qeivesen sei, wie die Verwandten höchst zufrieden ivaren, so darf de? einen Tag darauf erfolgte Tod »ich! als Mißcrsolg betrachtet werden. Wenn jedoch die Leute in der Stadt behaupteten, daß oie dem berühmten Ehirurge» bezahlten dreihundert Taler der Mama Wächter als der dunkelste Punkt in der Erbschaft erschienen seien, so trafen sie doch nur lkilweise dje Wahrheit, Frau Wächter prunkte auch ein wenig, das, jemand aus ihrer Familie eine solche bedeutende Summe für seine Gesundheit, oder vielmehr seinen Tod opfern konnte. Run fügte es der Zufall, daß jetzt an der Landebrücke, ganz in der Rüde der Damen Wächter, zwei überaus einfach, fast ärmlich gekleidete junge Mäd «ix» standen, die ihre augenblickliche Umgebung eben sowenig zu beachten schienen, als sie selbst brachtet wurden. Augenscheinlich interessierte die beiden das Räherkommen des Dampfers weit mehr, als dir sich immer näher drängenden Menschen. So geslistentlich die Damen Wächter über die beiden Mädchen hinwegsahen, so eifrig schauten sie nach neu hinzutretenden Spaziergängern aus. In Begleitung ihrer Mutter und beiden Freundinnen, Emma Korn und Fräulein Limbacher, waren die Sohne Korns und Fräulein Limbacher in die nächste Rüde drr Mama Wächter gekommen. Diese glaubte sich wahrscheinlich moralisch verpflichtet, den in ihre Heimat Zurückgekehrten einen besonders freundlichen Willkomm zu bieten. Sie nickte ihnen vertraulich und süßlich lächelnd zu, worauf Simon Korn und Gustav ernst grüßend an ihren Hut griffen und Siegfried belustigt seinen Kneifer auf die Nase klemmte, und die drei Frauen dreist musterte. Weder Frau Schiff noch Leontine erwiderten den Gruß der Wächters. Emma Ko?n, eine Anrede der Mama Wächter befürchtend, lceß ihren Sonnenschirm so weit seitlich herabgleiten, daß Frau Wächter plötzlich sich einer blauseidenen, mit Spitzen besetzten Halbkugel gegenüber sah. Zugleich sandte Emma, wie einen letzten Scheidegruß, Frau Wächter einen ziemlich impertinenten, von eine»! malitiösen Lächeln begleiteten Blick zu, ivelcher zu sagen schien: ״Nein. Madame Wackter, soweit halten wir noch lange nicht." Gustav war diesen Vorgang nicht gewahr geworden, lieber Frau Wächters kurze Gestalt hinweg blieb plötzlich sein Blick an den beiden fast ärmlich gekleiveien Mädckxngesialten haften. So bemerkte er auch nicht, daß ein früherer Schulkamerad sich ge nähert hatte und sofort mit seiner übrigen Begleitung ins (besprach, gekommen war. Es war ein stutzcr Haft gekleideter Mensch, der nie aus seiner Vaterstadt lxrausgelommen war, wegen seiner phrasenhaften Redensarten aber für sehr geistreich galt. Der Neuhinzugekommene, Adolf Eberstadt, folgte mit seinen Augen den Blicken Gustavs. ׳)Nit einem verschmitzten Lächeln wandte er sich zu diesem: ״Du hältst ja zeitig Revue unter unserem städtischen Damenflor: soll ich Dir als Führer diene» ״Bitte, etwas leiscr," mahnte Gustav, mit dem Gesicht auf die nahe dabei stehenden jungen Mädchen Wächters deutend. ״Keine Sorge, alter Freund." fuhr Adolf leiser fori. ״Ick merkt schon, daß das Großstadtlelxn Deinen Geschmack verfeinert hat. Da drüben, die beiden, kennst Du wohl noch? Iechiels holde Weidlichkeit." Mit den Augen zu den Wächters schielend, sagte er noch leiser: ״Hier Geld und Reizlosigkeit und dort drüben, entwickelte und noch kommende Schönheit und Anmut, aber das aussichtsloseste finanzielle Nirwana. . ." Mit ohrbetäubendem Geräusch aus dem Dampfrohr verließ der Dampfer die Landebrücke. Die GcEser zerstreuten sich langsam und auch die beiden ärmlich gekleideten Mädchen wandten sich zum Gehen. Gustavs Blicke hingen wie gebannt an der Gestalt des ältern, das ihm jetzt oas Antlitz zuwandte. Ein schneeigweißes, bleiches, kleines Gesicht mit feinen, ausdrucksvollen Zügen, großen schwarzen Augen, deren Lieder ivie von feinem Kohlenstaub beschattet schienen. Das bläulich schwarze Haar quoll unter dem breitrandigen weißen Strohhut hervor und hob die Blässe des Gesichts bis zur Marmorwciße. In den feingeschnittenen Zügen lag jener resignierte lcidensvolle Zug. der jungen Jüdinnen die eigenartige ernste Schönheit verleibt, die. wie der letzte Schatten einer iveickxndcn Leidensnacht, an das Unglück ihres Volkes gemahnt. Einige Sekunden lang ruhten die Blick« der beiden jungen Menschen aufeinander; die des Mädchens ernst, kalt, abweisend, zugleich fragend: ״was willst Du von mir?" Dic Blicke Gustavs schienen sagen zu wollen: ״gebiete über mich, ich bewundere Dick grenzenlos, seiest Du auch wer immer Du bist." Er besann sich auf etwas, was er schon einmal ent zückt betrachtet hatte. — in einer großen Bildergallrrie. Ja. richtig, jetzt wußte er es: das Bild einer Esther, die vor dem König Achaschwerosch erschien. Gustav waren, solange er in drr Fremd« weilte, die Türen der angesehensten Juden offen gewesen, dank der Stellung, dir er in einem de? größten Bank- Häuser innegehabt batte. Er war mit den Töchtern der reichften jüdischen Familien freundschaftlich verkehrt, ohne daß eine tiefere Neigung, wie sie in diesem Alter häufig entsteht, sein Herz gefangen genommen hätte. Gerade der vielseitige und häufige Verkehr mit jungen Mädchen, die nicht wenigen gesellscyasi lichen Zerstreuungen in seinen freien Stunden, halten die Empfänglichkeit seiner Jugend vermindert, weu sie sich nicht konzentrierte. Und jetzt, wo er kaum einige Tage im Vaterhaus weilte, in dieser Stund-, in der er nach Jahren wieder das Mädchen sah, das er als Kind nie beachtet hatte, stieg ein eigenartige-, zuvor nie gekanntes Gefühl in ihm aus. Kein- Liebe auf den ersten Blick, der in die Seele fällt, en: zückt und beglückt ein fast lähmendes Gefühl, ein Funke, der im Herzen brennt und langsam fort glimmt. Die Sonne war hinter dem höchsten Gipfel des Berges jenseits des Flüßchens, das hier in den Rhein mündet, versunken. Der Himmel flammte in gold roter Glut. d:e nach Osten sich in einem tiefen Blau auflöste, uin sich, ganz weit, weit droben, wo sich Flusi, Berge und Aether in zartem graublauen Abendnebel einwoben, mit den ersten Schatten der Nacht zu vermahle״. In den leise heranschwebenden Dämmerschein hinein fuhr, eine iveiß glitzernde Wasserfurche hinter sich ziehend, der Dampfer siromausiväns Stimmungsbild. Gedankenvoll schritt Gustav neben seinen Freunden. Gerne wäre er den beiden süßen Mädchengestalten gefolgt, die,!venig beachtet, vor ihn: herschreitend, sich immer mehr entfernten, Adolf Eberstein, der verstohlen Gustav veobachtete, mochte wohl merken, was diesen so schweigsam gemacht hatte und da er am liebsten sich selber sprechen hörte, nahm er die Unterhaltung wieder aus. ״Nun. Ihr lieben Großstadtberren. jetzt, nachdem Ihr Euch wieder in der hiesigen Damenwelt orientiert, oder um mit Frau Wachier zu sprechen, vrieutalisiert habt, Hand aufs Herz, welche bat aut Euer versteinertes Gemüt Eindruck gemacht?" ״O, Tu Kleinstadtscele," spottete Siinon Kor», ״wie kannst Du nur gleich von Eindruck aufs Herz sprechen, wenn man nach Jahren sich wieder einmal ein paar Mädchen betrachtet, die man als Kinder noch gekann! hat!" ״Bitte sehr," fiel Siegfried ein, ״Du. lieber Bruder, schätzest unseren Freund falsch ein. Wir, die in großen Städten gelebt, vor lauter empfangenen Eindrückcn taum mehr eindrucksfähig sind, müsien mit den Verhältnissen rechnen, unter denen unser Freund, sein tugendreinec, Dasein hier unter rund siebentausend und etlichen hundert Mitbürgern vcr bracht.״ ״Stimmt, stimmt, sehr richtig," bestätigte Gustav zerstreut. Ohne sich durch diese Zustimmung unterbrechen zu lassen, »uhr Siegfried fort: ״wir sahen täglich tauscnde von Menschen, alte und junge, häßliche, hübsche, elegante und zerlumpte, Männer, Frauen und Mädchen. Selbstverständlich kommen für uns jungen Leute nur die Mädchen in Betracht. Wenig gesagt, hundert täglich, die hübsch, schön und viele, die sogar inehr als schön sind. Und das soll Jahre hindurch täglich einen Eindruck machen! Und dazu noch das Geschäft! Und nun das Gegenstück, das Adolf betrifft. Du sitzest mit Euren Kommis auf Deiner Theke oder stehst, nach hiesigem Brauch, vor Deiner Ladentür. tagein. tagaus, siehst Gaffe auf und ab, kennst schon aus größter Sehweite, wer da komm:. Kennt man sich doch hier von weitem schon an der Fasson des Hutes, der Farbe der Beinkleider, an dem Ausschnitt der Weste, an Größe, Kürze. Dick« und Gang. Trifft das zu?" ״Alles trifft zu," bestätigte Adolf Eberstein. ״Gut. Da kommt die als schön verschrieene Bürgermeisterstoebter mit ihrer Million Sommersprossen. Du machst eine ehrfurchtsvolle Verbeugung vor der guten Kundin und entdeckst, während sie hochmütig Deinen Gruß erwidert, daß sie schlank gewachsen ist, einen hübschen Gang, einen kleinen Fuß hack. Ein bischen später kommt das Pensionat, immer genau um dieselbe Stunde. Voran die kleinen, dann die größeren und zuletzt die größten Mädchen. Da mußt Du an der Türe stehen und Dich