Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 14 & 15 (5.4.1906)
- Date
- 1906-04-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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9Jr 14 u. 15. Seite 4. Der Israelit 5. April 1900 widersetzten! Wenn ein Umschwung inzwischen ein getreten und die Geburt des Verbandes vor wenig 'Gange der Geschichte überzeugt, daß f ü r uns aus Wir sind so sehr von der Gewalt der Ideen im Monden durch eine glänzende Heerschau begangen worden ist. so liegt das nicht etwa an einem besonders stark hervorgetretenen praktischen Bedürfnis, sondern an rein idealen Momenten, die man damals nicht genügend betont hatte. Die alten Kämpen der jüdischen Reform sind nicht mehr, Ihr )deal, die Zerstörung der altjüdischen Lebensanschäuung und Lebensführung, hatte genügt, um dem geistigen Leben einer, zweier Generationen Inhalt und Spannkraft zu geben — aber einmal mich alles ein Ende haben: wo nicht mehr viel zu zerstören ist. erlahmt auch der glühendste Kampfescifer. Das neue Geschlecht ״sreigesinntcr" Juden, durch den wissenswastlichen Antiseiuitivuius zu seiner eigenen V.'rblüffung mit einer Weltanschauung und einer geschichtlichen Ueberlieserung identifiziert.;11 der man längst alle inneren Beziehungen abgebrochen hatte, siebt sich in eine geistige Rotwehr hinein getrieben, die narurgrniäsz an das verleumdete Räter erbe anknüpkt. Es wird zum point (l’honneur bas Judentum als kulturell gleichwertig zu erwrisen. ohne aber durch den u n b e q 11 e m e n normativen 15 b a r a k t e r der jüdischen Religion sich in seiner Bequemlichkeit und in seiner geistigen Assimilation an die Gegenwart stören zu lassen. Religiös jüdische G c f ü b l s k >׳ l t u r ohne jüdische Pflicht u n d ohne j ii d i s ch e Wahrheit das ist das nur selten deutlich erkannte Leitwort der neuen jüdischen Gut Wicklung, die über Literaturvereine und Logen zum - Verband der deutschen Juden führt. Dieses!.eue Judentum, das sich in i!n!!׳.er deut sicheren Umrissen ans dem in neologen Mreifen vcn der Reform binterlassenen t5haos erbebt und das in Lazarus' t5tb>k etwa seine Bibel erblicken könnte, das ncue Judentum mit seiner seltsamen Mischung von Piclät und Berneinung. von Geiühlswcirme und religiöser Gedankenlosigkeit bat sich! »1 B e r ׳ pan 0< seine u Gcsa m tlörper erzen g t Tie neologen Kontessionsjuden, die den Zionismus ablebnen. weil er ihrem europäischen Estschmacke nicht zusagt, baden sich im Verbände ein anderes geistiges Surrogat aeichafsen, das ihnen die alte, religiöse Gemeinschott ersetzen 511זי dessen areiGgree Merkmal aber ergcnklich nur in der Ablehnung des Christen tums besieht. Rur aus dieser Beobachtung beraus läsit sieb die werkwilldige Tagesordnung des ersten deutschen Judeniags erklären, die aut der einen Seite den! ״Zentraloereiu" ins Handwerk pruscht, als piüoo cke W׳si>tan«aber einen 'Vortrag über Rrs Wesen des Judentums" kulhiell. Die Einsegnung der 'Versammlung durch Herrn Prot. Dr. Maddaum und ihr Höhevun't mit dem religiösen Bortrag des 4 mit Herrn Man bäum nicht in einem Atem zu nr»nknr-ens Herrn Dr. Werner aus München drückten bem dentwürdiaen Tper Stempel ans. E-c war keine Interessengemeinschaft. nein. es war ein g e i ft i n t e Gebilde, das da geschaffen wurde. Uns kümmert es darum, wie wir offen gestehen, kürzlich wenig, ob der ״Verband" Uir die Osiiziers karrt׳ re und die richterlichc Laufbahn der deutschen Juden in die Schranken tritt oder nicht so {*> recbtigt die Vedenken sind, die Herr Dr. Eabn in diesem Punkte vorgebracht hat, vor der p r i n : i v i f 11e n Bedeutung des neuen BerbandsgebildeS. als einer Etappe weiter \ 11 m A 11 f b a 11 eine? von Gesehespflicht und sleberliefer u n g s t r e u e emanzipierten, ans Ge s ü h I s m o m e n t e n und kist o r i s ch e n Re miniszenzen z 1׳ s a in m e n g e s e tz t e n I u * d» n t 11 m s treten jene Bedenken weit in den Hintergrund. Traurig genug, dass die Erkenntnis dieser, wir möchten sagen, entwickluiigrgkscbichtlichen Bedeutung des Verbandes int gesetzestreuen Lager bis heute noch sc wenig tief aedrungen ist. traurig genug, dass es im eiaenen Lager noch einer Begründung bedarf tür die Weigerung gesetzeslreiier Männer, sich unter Heren Mapbaums glorreicher Führung insii »'s ״rkä als treue Glieder der einheitlichen deutsch jüdischen Glau׳ v^i'sgr.ncc-.lchusi otäseiiiierrn zu lauen und durch ihre Mitwirkung einem Snstei» der religiösen Un wabrkoitiokeit die Weibe zu geben! der eben erörterten geistigen Bedeutung des Berbanoes mit Notwendigkeit die weitere Ueberzeugung folgt: Der Verband muh — wenn keine Gegenwehr einsetzt — z u einer religiösen Gesamtorganisation der Judenhetl zunächst Preußens führen, mit anderen Worten zuin Konsistorium. Allein wir wollen diesen Schluß a j»wn niemanden aufdrängen. Wenn aber unser verehrter Gegner mit billigem Spotte die Befürchtung beseitigen zu können glaubt, baß der Verband, sobald er wirk׳ lich alle ״Richtungen" umfaßt, jener Gesamtorgani sotio» mit ihrer Erdrosselung des gesetzestreuen Judentums die Wege ebnet dann möge er sich das Protokoll des letzten Gemeinde lages anseben. Die .strafte, die sich dort an der Arbeit zeigten, die preußische Judenheit in das Joch einer Konsistorialverfassung zu zwingen, sie ruhen und rasten auch hinter den Kouliffen nicht, und zum 15 r - folge fehlt ihnen nichts als der eine Hinweis: ״Hinter uns steht die gesamte preußische Judenheit, ein-- schließlich der g e s e tz e s t r e u e n ״R i ch tu n g", o i e sich ja nur durch eine etwas trengere Rüancier 11 ng der Lebensü h r u n g von unserer religiösen ״R i ch t u n g" unterscheidet! Beweis: das erhebende einheitliche Zusammenwirken von Männern der verschiede n sie n religiösen Parteigruppen im Dienste der gemeinsaiuen jüdischen Ideale — im B erband der deutch e 11 Juden!" Gegenüber diesen beiden ungeheuren Ge׳ fahren, der geistigen sowohl wie der politischen, die der Verband durch seine bloße Eristenz heraufve chworen oder verschärft hat. reizen uns auch die Dienste nicht, die er angeblich dem gesetzestreuen Judentum leisten soll und an die zu glauben die bisherigen Erfahrungen nicht gerade ermutigen. Das Eingreifen des Verbandes sowohl in Sacken der ״m-r als des Bollsschulgesetzes hat im Gegenteil zur Evidenz erwiesen, daß auch bei den Liberalen die Kraft der eigenen neologen Lebensanschäuung stärker ist als alle gesamtjüdische Diplomatie, hat zur C־oidenz erwiesen, daß die Interessen des ges? tzes reuen Judentums verraten und verlauft sind in der Hand der gewiß ii beraus wohlwollenden großen Herren, die inan uns als Führer und Leiter so gerne iifoktrohiercn möchte. Wer einen analogen Beweis auch beim L e b r e r v e r b a n d erst noch verlangt, der muß entweder die zeitgeschichtlichen Ereignisse der letzten Jabre nicht miterlebt oder aber - fick in ein Schlag Wort verliebt haben, das ibn, wie die Liebe das manchmal tun soll, blind macht gegen die harte Tat sochlichteit der Dinge. ..Fraktionierung" - heißt die Zander forme!, von deren Anwendung unter gesetzestreuer Berbandsfreund alles 'Heil erwarten zu dürfen glaubt! t5r gilt zu, daß der Durschnittsmensch zur Erhaltung feiner geistigen Geschlossenheit namentlich aus religiösem Gebier eines gleichartigen ״Milieus bedürfe, er abnt asio von Ferne wenigstens - die vernichtenden folgen, die das brüderliche Zusammenwirten »ii! den von sozialem Glanze umstrahlten Verleugnern desReligionsaesehes für das Bewußt fein der Gescizestreuen haben müsse aber er hält die ״FrakNon" tür geni'geno, um diese» Griüluc!, .,»» begegnen. Wer unseren bisherigcn Ausfiibrungcn mit einiger Aiiimerksamkeit gefolgt ist wird obne weiteres ciiennen. daß für die Beseitigung der :׳rinziviellen Bedenken, die wir gegenüber jeder nickt aus schließlich ans dem Boden des Gesetzes erfolgenden idealen Zuiammensassung!üdischer Kraft hegen, mi einer F־aktionirrung so gut wie nichts geschehen ist. Allein nickt darum handelt es sich ja im vor liegenden stalle. Rehme» wir einen Augenblick an, mit der Bildung einer gesetzestreuen Fraktion inner halb der Verbände wäre in der Tat der mtflöfenben Wirlung der Verbcmdstendenzkn auf unsere ׳eligiöse Bekenntnisireue Ginbalt getan. Wo i 11 aller Welt si r ck i u t » 11 L c e!״Fraktionierung" beim Verband de IbfuHififn Juden oder beim Lebrer verband, von der unser Gegner so angenehm träumt, wo ist auch nur der K e i m zu einer Fraktionsbildung zu erspähen, der zu der Erwaitung berechtigte. daß eine solche Fraktionierung in Zukunft sich vollziehen werde? Die Männer, die an der Spitze des Judenverbandes wirken. sind wahrlich klug genug, um ein- Zusehen, daß sie auch nur solche scheinbare Zugeländnisse heute nicht mehr zu machen brauchen. Beim Zionismus freilich stand die Sache anders. Dort galt's die russischen Massen zu gewinnen, und die vier Millionen russischer Juden, die trotz allem Elend der neuen Fahne nicht ohne weiteres folgen wollen, waren der kleinen Unbequemlichkeit einer von oben herab zu duldenden Fraktionsbildung schon wert. Und btt Lehrerverband? Ein Faustschlag von so entzückender Grobheit, wie es das Gutmann'scye Exvostwar. ist sobald nicht mehr zu erwarten, und die vorsichtig gewordenen Herren am Steuerruder sorgen schon dafür, daß etwa aufkeimende Frattio nierungsgelüste sehr rasch als Schädigung der ge- Mtinsaiiien Jnlercssen überwunden werden. So ist es ein Traumgebilde, eine tut» moi'ffana, die unser verehrter Gegner als ״Weg der Reit ung" preist, und wenn es ihm — woran wir nicht zweifeln ernst ist um die Bedenken, die er gegen die f r a k t i o n s l o >' e Zugehörig feit zu den Verbänden hegt, so müßte er Schulter an Schulter mir uns den Kampf gegen jene 'Verbände führen, deren Daseins g r u n d wohl materielle Interessen sind, die aber belvußt und unbewußt ihr Ziel finden in der Aufhebung der religiösen Gegensätze, in der Degradation des gesetzestreuen Judentums zu einer ״Richtung", zu einer ״Partei", zu einem vergänglichen Blatte an dem vielästigcn Baume der ״jüdischen Gesamtlzeit". Wir sind nicht so optimistisch, daß wir an die unmittelbare Wirkung dieses Appelles an das innerste jüdische Empfinden eines Gegners glaubten. Zu sehr ergreift die Partei die ganze Persönlichkeit des Menlchen mit seinen Svmpathieen und Anti tatbieen. und auch die aus den ersten Anblick befremdende Erbitterung, mit der uns derselbe Gegner als Feinde des ^z als kalte, gegen alle Not der Gesamtheit taube Egoisten zu denunzieren sucht, belehrt leider drüber, wie — gründlich der Kukuk sein Werk tut. wenn er in warme jüdische Nester seine giftgefüllten Eier legt. Auf Vorwürfe solcher Art. mögen sie im ״homi letischen" Gewände oder im Alltagskleide einhergelM, zu antworten, entspricht nicht der Würde der Männer, gegen die sie gerichtet sind, und deren ganzes Leben dem selbstlos-sten, allerdings nicht in Volksversaminlunaen zutage tretenden Wirken für י?־אי ss: ge weilst war and ist. Rur eines sei hier noch einmal ausgesprochen. Sehen wir selbst ab von dem, was nach unseren Ausführungen das Wesen und den ganzen Rechtscnspruch der jüdifchen Gesamtheit ausmacht, geben wir einmal hnpothetisch der brutalen Masse die Ehre, die sie verlangen zu dürfen glaubt mit welchem Rechte, so fragen wir, stolziert jeder Verein, jeder Verband, jede Bewegung die heute auf jüdischem Boden bervorgetrieben werden, als derkörpcrter 1לי* '?־אי: einher, olle diejenigen als Separatisten oder als Winkeljuden schmähend, die nichts als Juden sein wollen und z» diesem Behufe Ivel er die Zahlung eines Schekels noch eines Ver filr nctiq frscfjtfn? Inmitten der freien offenen Volksg e s e l l s ch a s t, die keine Verbände und keine künstlichen Organisationen kennt, möchten wir. sei es als Einzelne oder in wahrhaft jüdischen Ge wcinden gesammelt, unsere Ideale zur lebendigen Verwirklichung bringen. Aus dieser freien offenen Volksgemeinschaft ziehen nickt wir uns zurück, die wir uns eins' fühlen init den G-schlechrern der 'Vergangenheit und mit M i t־ lionen unserer Brüder im Osten, sondern diejenigen vielmehr, die um neue Fahnen die Massen sammeln und die in die jübische Volksgesamtsieit hinein ibre Sonderverbände a ת l׳ tute neu gezimmerten Organ» seit Zonen pflanzen! Diese Neubildungen mit ihren auf unjüdischen Voraussetzungen envacksenden Konzentrationsprinzipien.