Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 13 (29.3.1906)
- Date
- 1906-03-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ü>. Mir, I'.vn. Itc o»ratl11 i,lt« t Ult. 11. > r H m* VdvrKi mwSSvr« Illum IO«. Geburtstag». Am 2. April werden es hundert Jahre, daß Gabriel Rießer. der Vorkämpfer für die Emanzipation der Inden in Deutschland, das Licht der Welt erblickte. Wie weit auch die deutschen Juden in ihren Anschauungen auseinandergehen, für sie alle ist dieser Dag ein Anlaß, in Dankbarkeit des Mannes zu gedenken, der dem Kampf für die bürgerliche Gleichstellung feiner Glaubensgenossen sein Leben ge widmet hat. Ein jeder von ihnen freut sich der Frei heit, freut sich der Rechte, die im vergangenen Jabr hundert die Einsicht der Staaten den bis dahin unterdrückten, mißachteten Juden zugestehen mußte. Wer sollte da zögern, miieinzuftiinuikN in den Ehor des Dankes, mit dem das Andenken des Mannes gefeiert wird, der an der Herbeiführung dieses Wendepunktes in der Geschichte der deutschen Juden so großen Anteil hat. der alle seine Kräfte, alle scine herrlichen Geiste-- gaben einst in den Dienst dieser großen Aufgabe stellte. Es ziemt sich aber bei einem bloßen Gedenken der großen Verdienste, die sich Gabriel Rießer um seine Glaubensgenoffen erworben hat. nicht sieben zu bleiben, vielmehr dem Eharaktcrbild dieses Streiters fürs Recht betrachtend näberzutreten und - - vielleicht — dauernd Wertvolles aus der Geistesarbeit des Mannes der Gegenwart zum Bewußtsein zu bringen. Da wird freilich je nack der Verschiedenheit der Lebensanschauungen der eine dies, der andere jenes besonderer Beachtung würdig finden. Wir jedoch, die wir die Gestalten der Geschichte in ihren Beriehungen zur alten jüdischen Lebenswahrheit zu betrachten pflegen, wollen sehen, welchen Standpunkt Gabriel Rießer gegenüber den Lehren des überlieferten Thoragesetzes und seiner Bekenner eingenommen hat. Gabriel Rießer war mütterlicherseits ein fei des großen Altonaer Rabbiners Rabbi Raphael Cohn und stammte auch väterlicherseits aus einer Rabb nerfamilie. Diele Traditionen hat er, trenn er auch praktisch mit den Forderungen des Religionsgcsehes vollständig brr.ch, doch im Leben nie ganz perlenanet. Er bekennt offen, daß seine lieber,eugnngen und seine Lebenstreise orthodoxen Grundsätzen entschieden widerstreiten: ein echter Sohn jener?eit, da die in die jüdischen Kreise eindringende Auskläiung so vielen das alte Heiliae als ein Veraltetes erscheinen ließ. So radikal er aber auch in dieser Hink'cht dachte, so wenig billigte er doch den fanatischen Haß. mit dem die Wortführer der ertremen Reform die Schar der Gesetzcstreuen verfolgten. Daß es nicht übertrieben ist von einem fanatischen Haß auf jener Seite zu sprechen, das mag man daraus ersehen, daß die Jronss״rter ResnrmbeEen es Rießer außerc»rdentl-ck> übel nahmen, daß er in feinen Schriften zu den Ver Handlungen der badischen Kammer über die Emanzi« paticn der Juden die Orthodoxie nicht von dem Anspruch ans die bürgerliche Gleichberechtigung ausgeschloffen hatte. Hatte er doch dort nicht nur den Uedertritt zum Christentum, sondern jegliche Reform, durch die die Hinderniffe der Emanzipation hätten beseitigt wcrden sollen, als eine Schmach grvrand markt! ״Ick bitte Euch/ ruft er den badischen Juden zu. ״macht eine ernste, würdige Sache nicht lächerlich durch eine Reform, die nichts bedeutet! Macht sie nicht allen Freunden der Freiheit gehäffig durch ein sinnloses Monopol für Juden, die -- Schinken effen! Regt nicht bei denen, deren ganze׳! Leben die Religion ausfüllt, deren Gedanken und Freuden und Hoffnungen alle aus ihrer Ouelle ge schöpft sind, die lieber alles entbehren, als einen reli giösen Gebrauch ausopsern wollten, der ibnen heilig ist, eine gerechte, würdige Opposition gegen Euere Bestrebungen mif!" Das war den Herrew in Frontsurt nickt aus dem Herzen gesprochen. Die An hänglichkeit und besonders die fromme Achtung vor lüdischem Leben und jüdischer Sitte, schreibt Rießer an einen Freund, sind ״bci dem größten Teil der Gebildet(» in Frankfurt in hohem Grade verpönt, und Du tanissi Dir keinen Begriff davon machen, was meine in dieser Beziehung bei Gelegenheit der badischen Verhandlungen geäußerten Ansichten dorr für ein eigenes Aussehen gemacht und s>ir Opposition gefunden haben. Dernburg und Creizenach machte» mir gemeinschaftlich den Vorwurf, nicht nur. daß ich die Vorurteile der Juden viel zu schonend beurteile, sondern geradezu, daß ich die Alten halsstarrig mache und in ihren eigruen Umgebungen der Sacke der Reform schade. Sie können es nicht begreifen und nicht billige», daß man über die religiösen Verhältniffe ein Wort rede, ohne mit einem Votum aus Ab schassung des Talmuds, der Sveisegesepe, auch wobl Verlegung des Sabbats wie mit einem eeteinni cftiiseo zu schließen. Es kam mir nur lächerlich vor. wie mancher sich ordentlich Müde gab, mich von der absoluten Verdammlichkeit des Talmuds zu über zeugen, wogegen ich denn freilich ganz aufrichtig meine Unkenntnis vorzuschützen genötigt war." Bei einen! Aufenthalt in Karlsruhe, im Jabre 18-26, war ihm in allen Teilen der jüdischen Bevökerung eine degeisterte Aufnahme zuteil geworoen. ״Eine Wock>e später," schreibt er. ״wurde mir ein ähnliches Fesi in Mannheim gegeben, aber das war so eingerichtet, daß nur der jüngere und sog. ausaeklärtere Teil der Ge meinde daran teilnahm: was mich weniger ansprach, zumal, da ich es auch der Sache wegen für weniger ersprießlich hct^te/ADie Abwendung von aller Reliawnsübung, sagt sein Biograph, M. Jsler. war ihm nicht das Kennzeichen eines starken Geistes. Unter denen, die damals die verpflichtende Kraft des Reliqionsgksetzcs offen leugneten, mar er der einzige, der auch dem entgegengesetzten Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren ließ. Suchten die Creizenach und Genossen die gesrhestreue Minderheit gieicyjam mn ,ßeuer und «chwert unter d,e ,sahne de» Abfalls zu zwingen, so erklärte Rießer, daß er es nicht für seine Aufgabe halte. Proselnten für seine Ansichten zu machen. Geradezu überraschend ist da» 'Verständnis. mit welchem er da« Wesen und die Bedeutung der Mizwoth erfaßte: ״Die Art. wie die Polemik hier ,11 Werke gehl, ,st gewöhnlich die. daß sie das Materielle der einzelnen Zeremonien znm Gegenstand ihrer Betrachtung macht, und, wenn sie darin den religiösen Inhalt nicht zu entdecken vermag, üe erst im einielne» und dann im ganzen schlechthin für un,!neckmäßig und unvernünftig erklärt. Wie kann man Gott dadurch verrdren, sagen iie, daß man sich dieser oder jener Speise enthält, daß man gerade oc» siebenien Tag der religiöseiz Andacht und Erhebung weiht7 Ga.׳ I!a» die Nahrung mit dem Glauben, die Reitp. der Wochentage mit der Andacht zu >!,» ’ Ist eine Speise undeitiger als die andere, der erste Tag d׳r Wrche tueniger heilig als der siebente' Ader eben diese Art und Weise der Ausiaffnng zeugt v״n eiium gänzliche» Verkennen der Natur religiöser Formen: eben dieser Art der Kritik wird sich keine Religion unterirersen. Betrachtet die Gebräuche, die shn! bolischen Handlungen irgend einer Religion als äußere Tatsast»e11, losgerissen van ihrer lebrndigcn Bldkutung, Von ihrer Wirksamkcil in den Gemütern, van dein Gedanken, de:: das Bewußtsein derer, die sie üben, daran knüpft, so werden sie euch leer und nichtig erscheinen, wie die verworrenen Klänae einer Sprache, dir ihr nicht versteht, lim den Wert solcher Formen pan,, ,11 erkennen, muß »׳an sie empsnnden. muß mau darin geledt baden. Denn so >vie t־• eine zweifache Art gi> t, wie der Leib Wärme empfindet, die eine, indem er b,e eigene ans sich ׳eivn eniwicielie Lebenswärme einem an sich kalten Gegenstand׳ mitteilt, und üe non ihm auf sich zuriickwirlen Iäf t, so kann auch die empfindende Seele nicht nur aus dem ihr gleichariigen geisiigen Elemente, sondern a>׳ch aus dem bedeutungslosen Stoffe der Sinnenwelt, nachdem sie ihn mit dem eigenen Hauche belebt, wiederum Leben und Nahrung zieben. Gleichwie sie ans dem gleichgültigen Chao» der Töne sich die Sprache gescharfe», ein Oraan. nickt minder geiitig, als die Welt der Gedanken, die es kund gibt, seelenlos'- nur dem der sie nickt versieht, gan, Leben und ^m״kind׳ ung dem Berstebenden: so hat sie der Religion ans dem rohen Stoffe der Körttrwelt, den sie sich iLenst dar gemacht, ein Gewand und ein Oraan aebildet. das jeder ihrer Empfindungen Form und Ausdruck und Mitteilbarkeit verleiht. Gleich wie der bloße Klang des Wortes nichts bedeutet, und erst durch die Würde der Bezeichnung, des Gedanken«, die ihm die Seele aus freier Wahl erteilt, Wert »nh Leben erhält, so kann das religiöse Svmbol auch etwas als äußere das Ziel, den Töchter» der höheren Stande eine obcrstäch liebe Kenntnis in allen möglichen Fächern zu vermitteln, nnd nimmt zu wenig Rücklicht daran», ob die Töchier das Eclernte auch in ihrem spateren Leben praktisch verwerten können. Ferner kann die Leiterin einer loschen Privat'chnle unmöglich die Gesetze der Sbjeklivilät wallen lauen, Sie Irängt pekuniär von den Eltern ihrer Zöglinge ab und muß danach trachten, in stetem Einvernehmen mit diesen zu bleiben. Infolge der knappen Mittel werden auch die Lehrerinnen schlecht honoriert, so ist das Lehrerrnateriai meist nur :uiuder wertig, was »ür die Ausbildung der Mädchen auch nicht gerade von Vorteil in. Tie künftige Generation. — ich rede hier besonder« der weiblichen bas Wort, muß aus der Schule die .Kraft »nb die Freudigkeit zu lebenslangem Weiter lernen mit ins Leben hinausnehmen, bas jehnenb« Verlangen, sich dereinst einem ernsten Lebensberuse und die Eb« ist gewiß der höchste zu weihen und somit ein nützliches, brauchbares Glied der Meni'chengesellschaft zu werden, ״Erst wenn der Mensch nicht mehr beständig mit stch selbst de schästigt!st. nicht mehr an sich allein denkt, bekommt er auch die Freiheit des Geistes und den vollen Gebrauch der in seinem geistigen Vermögen liegenden Kräfte " Eine gegen unsere Bestrebungen gerichtete Lppontio» kluger Ellern wäre uns unerklärlich, schon aus dem Grunde unerklärlich, weil zahlreiche Mädchen gerade in der Ausübung irgend eine» ernsten Berufes der Eltern Stolz und Freude sind, nnd nicht festen ihre materielle Stütze Andererseits liegen uns viele Fälle vor, in denen die Söbne. bei deren Geburt man sich doch glücklich schätzte, baß es Löhne und keine Töchter waren, den Eltern Schmach und Schande bereiteten. Ich persönlich weiß meinen, leider so früh Heimgegangene» Eltern seligen Andenkens nicht Tank genug, daß sie, selbst streng grsetzrstreue Juden mein Vater widmete stch den größten' Teil des Tages dem Torastudium, — in jeder Weis« m:!n Streben nach Erweiterung und Vermehrung meiner Kenntnisse zu unterstützen. Es war ibnen eine große Freude und Genugtuung. daß ich es in der Ausübung eines mir lieb gewordenen Berufes zur eigenen Selbständigkeit gebracht balle, ohne meinen jüdischen Berns ׳,!! verleugnen Meine teuren Eltern hingen mit einer Liebe und Zärtlichkeit an mir, wie sie sie inniger und titttr nicht einem Knaben hätten znwenben können. Hoffen wir. daß di« Zeit »ich: »,ebr fern ist, wo die alleingesessenc Anschauung, die Mädchen nnlalig a» die heimischen vier Pfähle z» keilen, selbst wenn ne den Berus zur Arbeit, ,,:! ernstem Schapen in sich nikle», einer w»r digeren Tenkungsart Platz macht. Tie Zeit wird kommen, wo nian mit Grauen an all d!e früh verblühten und verwelkten Mädchen zurückdenkl, die, weil man ne jedem Wirkung» kreis« entzog, ein unbesriebiqies Leben fristeten, das in viele», vielen Fällen zu Güster!« führte Tie Etter» werben in Zukunft, um niil einem modernen Philosophen zu sprechen, die Bildung der Töchtrr begre׳"« als di, all mähliche Entwicklung innerer Kraft zum Rechten und Wahren, mit dem ,-,wecke der Erhöhung und Betretung des eigene» geistigen Wesens au» den Banden der Sinnlichkeit, intt der es in dir Weit iiiii, and ieincr Erziehung zu einem höheren Lebensniveau in voller geistiger und körper lieber Gesundheit, Tann erst, wen» diese Zieie erreicht sind oder doch wenigstens ernstliH angestrebt werden, dann erst werben di« niedrigen, autzerstlllichen Erwägungen, dir beule dir Elternireub« beim Erscheinen eines kleinen Tochlerchen« oftmals trüben, ganz ausgrschaliet und der Bode» für!rne Anschauung bereuet sein. d»e in den herrlichen Worten eines unserer alten Lehrer ihren Ausdruck nndel: ״Himmel und Erde rufe ich zum Zeugen über mich an es ׳ei Mann oder Weid. Knecht ober Magd, Jude oder Richlinde, je nach den Taten des Menschen rubt der Geist Gotte« auf ihm"!- S. lEi> merkwürdige» Kuuststück.s Ter berühmte italrenische Arzt und Tichrer Epbraim vu;zal0 ,geb. zu San Tainele Friuli I7A>, gest zu Lausanne, Schweiz. gab im Jabre 17!״;, wahrend er Spitalarzt in London war, unter dem Titel "״אלד, ך;׳ יעעוריס einen Band lieblicher und irischer hebr Plenen heraus, von welchen Meier Leiter! s in Wie» i»! Jahre G G eine zweite Austage veranstaltete, I» diesem Bändchen, da» seit mehr als einem halben Jabr hundert vergr»sj«n ist. veri'enkt stch der Tichker 0*1 in liefe Einpsindsamkrit. ö»'ler »och stattert er in leichten ironischen Scherzen i» sonnige Hobe, Im Ganzen liebt er kurze Vers maße mit einer Fülle von Reinie». Als merkwardiar» Kunststück sei folgende Grabschrut milgeteilt. die bebrä'sch und italienisch dieselben Lanie bat: Ali: l’nom "ר*ב misero « 1 1|\ i 1» T Se motte, e ׳!׳. * o » •«ty peue e lai?;די אל'ז »siiine! א>;*ד י• ■Saol eihar שא\ל?זג־. Chi naxce muor, לוי;ד,?;:!4י־; animAti ״>» H»« ״11 «* * י A voi ״iammai U»" י י«* <— וי Avvenga mal U» *יייל יו•: 1 - T*r ah: che pass»! ׳־* י * r• Uebrigens eristiert ein Sonnet in gleicher Art und sogar mil e urigem Auk'.aug :ליל' '.יליד׳ ג von Jebnba An» Modena.