Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 13 (29.3.1906)
- Date
- 1906-03-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Xtt Israelit. 2'.'. März 1!*06. jknr verhängnisvolle Verwirrung der Begriffe lehnen wir uns auf, die, ohne daß die Urheber es wissen und wollen, die klarsten Grundsätze einer Jahrtausende lang lebendigen Lehre mit den gegensätzlichsten Gedankengängen vermengt und die dann jeden, der sich an dem Ausbrüten dieser Kukutseier nicht beteiligen möchte, mit Borwürfen und Anllagen überschüttet. Aus dem Bouquet dieser Anklagen, die, an Herrn Provinziell Rabbiner Dr. Eahn adressiert, in Wirklichkeit an die sogenannte süddeutsche Orthodorie gerichtet sind, greifen wir wiederum nur die prinzipiell wichtigen heraus. (Fortsetzung folgt.) Auswanökrkkklknv. '."(an sollte glauben, daß die Unglücklichen, di! die russische Heimat verlassen und, um wenigstens das naetie Leben zu retten, in die unbekannte Ferne bin au-vandern, ivenn sie an der Küste des atlantischen Ozean:׳ angelangt und an Bord der Ameritadampfer gegangen sind, zwar nickt den Leiden und der Not, aber dock den Mißhandlungen rober Menschen, wie ne ihnen .bis dahin :׳.׳idersuhten, riilcünuen seien. Folgende Schilderung, die die Zeitschrift ״Erport", das Organ?es Zentralvereins siir Handelsgeographie uiio., verössentli^t belehrt uns jedoch eines ״Besseren": ״Ich wein mctil. wie die deul'chen und holländische» sch>׳׳abrisgkicll׳chai!en cbre ,iwi'chendeckspassagiere bebau dein itt 1״״:■ io'״״ Äniic dies aber aus englischen 2duזז׳,״ »cichiebi, will cch bier der Ccncutlidjfeit unter bretten im Fnieresse Hunkerttauscnder, die alljährlich aus Rußland. Ungarn, Ocsierreich und leider auca aus Tentsch land ihrcit Weg nach Amerika über Liverpool nehmen. Ich batte m׳.ch einige Zeit in England auigevailen Als ick mich dori Aniang Augun vorigen Sabres nach Fahrgelegenheiten nach Amerika erkundigte, erhielt ich von allen deutscher׳ iowadl als auch englischen und dollan knchen «veieüschanen die Liachricht, daß die Kajütenpiätze au> allen Amerrkatampiern bis in den Oktober hinein aus verkauf«, seien x\d) halte kerne Luit!.um Warten und nahm deshalb kurc euischlossen ein.Zwilchendeckbillett au» dem der t^unard Linie aebörigen Tamvier .Lueania', der am Augun von Liverpool abr'egelre Preis des Billetts ■fc" «>.l׳>. TVraucn zadtten dasselbe und rrbiesren dafür Ob, »eigen ron roden siewards gralis. Ich kalte es nie für möglich achalicn. daß ein Engländer sich soweit vergessen kann, daü er sich an armen, bililoien grauen tätlich ver greift. Aber es waren ja Zwsschendcckspassagiere, in schmutzigen stallen untergebrachl, 20 und mehr Personen in einer ״Kajüte". Die konnten wie das liebe Bieh behandelt werde», besonders arme Weiber, die sich nicht mit de» slewards verständigen konnten. Weinend kamen sie zu mir. als sie hörten, daß ich der englischen spräche mächtig war, erzählten nur von der traurigen Behandlung, die ihnen zuteil wurde und baten mich flehentlich um Inter venlion. Zch stellte den betreffenden Steward energjsch zur Rede, was de» promple» Erfolg halte, daß dieser saubere Pairon eine stunde später eine alte Frau mit dem ersten besten Küchennislrumeni derartig mißhaudelie, daß sie ohnmächtig w׳.!rde Och verlangte ioiort ,Zutritt zum Kapitän des schisses, der indessen unnahbar wie der türkische sulta» war und ttir den es offenbar nur Passagiere erster, eventuell auch »och zweiter, aber keine dritter Klasse gab. statt seiner gernhle mich ein Offizier zu empfangen, dieser wieder ließ den Ehessteward dritter Klasse kommen, lind dieser erst verbot dem rohe» Palion, die grauen zu schlagen. Das war die ganze Genuglnn»g, die gewährt wurde, Einer junge» Russin gab ich den Rat. sich selbst eine bessere zi> verschaffen, und das Hai sie auch redlich ge tan. sie Kat dem rohen Steward mit einer eklatanten Obrseige geautworlel. als dieser nch auch an ihr vergreisen wollte. Tann ern ward Rilke aus dem schiff. ״Zwischen decksvieh" wurde nicht mehr geschlagen. Tie schlafstätten der dritten Klasse ivaren entseizlich schmutzig. Angeblich sollten ne täglich gereinigt werden aber wahrscheinlich nur aus deni Papier. Wo ist die Be Hörde" Gibt es keine seepolizei in England, und kann diese dulden, daß 2<> und mehr Menschen in einer ...Kajüte" schlafen, die nur ein stall oder eine Abiallkuchc iitY Und wenn man bedenki. daß die' Hunderttausend«» iäbrlicher Z,Wischendeckspassagiere der (Europa Amerika Linien eiu Hauptsaklor der gnle» ttzeschäflslaae dieser itzcscUschaflen sind, dann kann man beinahe bel auplen, daß die Gesi-Lschatten, die diese ibre besten Kunde» so lraurig behandeln, wie es von seile» der Eunard Linie geschieh!, sich einer schamlose» Ausnützung armer Menschen schuldig machen, freilich, sie sind alle slninm. diese Auswanderer, und wenn sie ern einmal in Amerika sind, dann verdrängen die Erislenzsorgen bald die Erinnerung an ihre traurige Ainerikafahrl. Was für de» Reuenden erster und zweiter Klasse eine Erholungsreise, das iss für den armen Zwischendecksmensche» eine O.ual und eine Pein ilnd wirklich, ich habe inich für England, dieses freie Lank, das ich lieben gelernt habe, geschämt, als um־ arme russische grauen sagten: ״Ist das die englische sauber keil, iss das der Engländers Unsere Lcilt« sind anch nicht roher und wir kommen aus Kischinew und Minsk . . ." Eine Menge jüdischer Auswanderer aus Rußland und Oesserreich llngarn befand sich an Bord, sie tväreu alle über Hamburg oder Brenien gefahren, wenn ihnen die Agenten der Eunard Lnite nicht rituelles Essen an Boro des schisses zugesagt hätte». Tiefe Leute zeigten mir dies bezügliche Onseraie der Eunard Linie und sagten mir, sie machten nur deshalb den llmweq über Liverpool. Natur!ich war von r!t!!e!!em Essen keine Rebe Das in zumindest nicht ״tair" und beißt in Tentichland Vorspiegelung falscher Tatsachen'״ Es ist rin Zufall, daß diese haarsträubenden Vorgänge in die Oeffentlichkeit gekommen sind. Wer weiß aber, ob dergleichen nicht etwas Alltägliches ist! Hier wartet der jüdischen Auswanderungs׳ komitees eine große Aufgabe. Es kann nicht schwer fein. Abhülfe zu schaffen. Jedenfalls müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um eine Kontrolle der aus den Schiffen herrschenden Zustände hcrbeizuführen. Möge man den Unglücklichen wenigstens die Ueberfahrt menschrnwüroig zu czistalicr: suchen, :st doch ohnedies das Geschick, das auf ihnen lasset, hart und bitter genug. Sonntagsruhe im Londoner Last-Lnd? Kau׳!! hat man Gelegenheit gehabt, sich über die von der englischen Regierung in Aussicht gestellten den Fremden günstigen Maßnahmen in Sachen der Alien Dill zu freuen, so erhebt das Gesnenst der Sonntagsruhe in England drohend das Haupt, und cs ist nicht ganz ausgeschlossen, daß der zivrite Schritt einer illiberalen Politil, die mit dem Fremdengesktz begann, in absehbarer Zeit vollzogen Im Obcrhanse stellte jüngst Lord Avebury, ein eifriger Kämpfer für das Verbot der Sonntagsarbeit, den Antrag, die Negierung möge der Frage des Ladenschlusses am Sonntag ihre ernste Aufmerk samkeit zuwcnden. Er führte aus, daß durch die geschäftliche Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung des East-End von London am Sonntag auch die nicht jüdische Nachbarschaft gezwungen sei, die Läden offen zu halten. Es müsse also eine große Zahl von Ge׳ schäftsleuten siebcn Tage in der Woche arbeiten. Ter Erzbischof von Eanterbury schloß sich diesen Ausfuhrungcn an mit der Bemerkung, daß die eingewanderte!׳. Juden des East-End, wenn sie die Wohltaten und den Schutz des englischen Staatswesens genießen wollten, auch die Unannehmlichkeiten hinnehmen müßttn, die ihnen daraus erwachsen, daß ihr Staat als ein christ Itches Gemeinwesen für die Beobachtung des Sonntags Solche trägt. Lord Tweedmonth gab namens der Negierung die Erklärung ab, die Negierung stehe dem Antrag Lord Avebury's nicht feindlich gegen über; aber er fügte hinzu, daß man die besonderen Verhältnisse der Juden, die den Sabbat heiligen, in weitgehender Weise berücksichtigen müsse. Es ist zweifellos, daß die englische Regierung, die auch in Sachen des Fremdengesetzes ein recht anerkennensweites Verlzalten an den Tag gelegt, vorurteilslos genug ist, um mit den Bestrebungen einer verdeckten Judenfeindschast nicht zu sympathisieren. Diese Regierung will sicherlich das Beste: und wir wollen hoffen, daß sse dem Drängen jener ganz anders gesinnten El!:1׳.entc auf die Dauer wird widerstehen tonnen. Vorläufig hat das Oberhaus den Antrag Lord Avebury's angenommen und dem Vorschlag der Regierung gemäß die Einsetzung einer aus Mitgliedern beider Häuser des Parlaments bestehenden Nntersuchungskommission verlangt. Die englischen Juden sehen der weiteren Entwickelung dieser Ange legenheii mit begreiflicher Sorge entgegen. ״s Kkw!*B jsemUersm. Rcb. nur ein Mädchen! Et«» familiär, Plauderei. Tie ineissen Eller» Kegen still in ihrem Inner» den heißen Wunsch, ja sie senden wohl zuweilen daheim im ei» sauten Käunuerlein das sichende W<׳«!׳! zum Himmel, daß das zu erwartende Kind ei» Knabe (ei. Ob dieser Wnni'ch Berechtiguna bat" Za' Wen» ihm der Gedanke zugrunde liegt, baß des!üblichen Knaben ei» größerer Kreis von Pflichten warte, die tre» zu erfüllen des echten Inden wahres Glück iss. wenn es de» Pater verlangt, die Lehre, zu der uns Metes verpssichlet.!» deren ganzer Liese uns Ausdehnung at» geistige» G,u au» eine» Knabe» zu ver erde», dann mag man mil Achlnng und Ebrsurchi wie vor Hannas Gebet NM זרע אדציט vor solchem sehnen ssiüe sieben und mil einssmnnen 1» den Fndcl wenn die glückliche Mutter den schreienden kleinen Man» zum ersten Male a» ihr Herz druckt. Wv solche südliche Gesinnung die Gemüter dederrkcht da wird auch die Bersagung des elterlichen Gebets kein Gefühl der Bttlrrkeil. kaum das der Eiitiauikvung an» kommen lassen, und in der neugedoreneir Tochter werde» die Ettern en> Pfand der göttliche» Liede erblicke», die ihren Men'ckheiisdau aus Man» und Weid, aus dr» ״Adam und seine »dm cdeudurlige ״Gehilfin״ gegründet. Allein nicht überall leite״ >ss auch >n indische» Kresse» die!« Aunässung die herrschende Wir kennen Fatnilien. die dei der Nachricht. daß der neue Ankömmling wieder ..nur" ein Mädchen war. unisr einer ssarken. seelischen Tepreksien liiieit. und wir wissen von einer Mittler, die dei einer iolchen Nachricht in tonvulsivischee Dchlnchzen anSdrach. Dir meinen, daß ein derartiges Gebahren ganz un würdig und von jedem denkenden Jude» scharf zu ver urteile» iss. Beriuchen wir. den Gedankengang solcher Etter» zu erraten. Tie begüterte» erblicken in dem Knaben ei» Wesen, dessimntt. den vorhandene» Besitz der Ettern zu mehre», neue Güter zu den alten zu sammeln, sie kennen den Erfahrungssatz. daß Geld «Rettung verschassi und richten die ganze Erziehung darnach ein. um den Jungen mil Kenntiiisse» auszuttätte». die auch ihm dereinst Reichtum und somit Aiisebc» vcri'chassc». Allen. Bcgülenen und Unbe gütcrlen. erscheint cS das höchssc, ersiredenswertesse Zdeal, den Lohn '0 zu erziehe», daß er dereinst eine gute Partie mache, und was viele dieser Braven unter einer guten Partie versieben, in eine mil ,״alrcirLrN Gütern und malrrieller Ledensanschauung degadie Tamc, deren Aus fassung vom Lebe» darin besieht, ein möglichsi deguemeS t airin zu sichren, mögnchsi vielen Berguügungen nachzu jagen, der es Tasccnszwcck erscheint sich mit racnuiertcstem Lurus zu kleiden, deren Gedankensphäre keine höhere Regung kennt, als durch äußeren Glanz zu itrablen, gleichsam als iollic» die goldenen Ringe an den Finger» und die kosi baren Uhrkcllen, sowie das übrige «Keschmeide die innere Hoblbeir verdecke». Ader »un die Mädchen' Leider erblicken zahlreiche Eiiern c» ihnen Weien, deren ausschließlicher Bern» es in. geheiratet zu werden, und wen» dir nötigen pekuniären Mittel »ich« da sind, wird der Besitz einer Tochter und gewiß mehrerer, als ein wahres Unglück einpiunde». und die Rrsierio», daß der Tochter dereinst keine Biilgift zur Bersügung sieht, entlockt dem Elternauge manche schmerzliche Trane. sollte es den» den Ettern gar nicht möglich sein, sich pon dieien überaus ruckitandigen Porsiellungen zu emanzi ■ piere» :' J>> nur das ihnen das wahre Weid, das die Haus > ׳rauenpsiichren er׳'ülll. das kochl. bügelt, nabt, »*trieft, Kinder badet und wickelt״: Betreu Euch von der 1,1 Euch fest gewur,zellen Anschauung, daß Küche und Kinderstube des Weibes einzige und ausschließliche Wirkungsstätte seien' £ Ist bas sittlich, ist bas jüdisch gedacht k ctzewiß Hai das Weib sowenig wie der Mann seine LedenSdeilimmung erfüllt, wenn ihm das barte Loos be schieden iss, ehelos durchs Lebe» zu wandern: allein die Häcle solche» Geschickes wird doch ganz wesentlich gemildert, wenn — und sei es auch nur zur Betäubung und zur Sicherung einer bescheidenen Erisrenz die Arbeit, ei» fester Berus die Leere des Taieins auStüllt. Wenn die Eltern alle ihre Kinder, auch die Töchter, einen ihnen zusagenden Berus erlernen lassen, dann braucht ihnen tür deren ,Zukunst in keinem Falle zu bangen. Den Töchtern, denen es gelingt, Hausfrau zu werden, kommen die erworbene» Kenntnisse in der Ehe nicht minder zu statten, während die unvcrbeiratctcn ihre», Berufe nachgehen und ihr Brot selbständig verdienen, ohne auf daS Gnadenbrot dieses oder jenes Famillenmiiglicdcs angewiesen zu sein. Möchten doch die vielen, einsanien alten Mädchen den Eltern die Mahnung ins Herz pflanzen, die Erziehung der Töchter fortan anders als bisher zu gestalte». Alle denken de» Eller» sollten in Zukunft bestrebt se»n, ihre Töchter init praktitchen Kenntnissen auszustallcn, sollten in ihnen den Grund zu legen suche» zu reichem, praktischenl Wissen und s! e und s i ch damit vor der Benuchung sichern. Eben zu schließen, die »ur versorgen solle», ohne daß ihnen die reine ssltlich« Weihe iiincwohm. Leider lassen die meisten Mädcheii-schulen der Gegen wart noch das nötige Interesse für die zweckmäßig« Erzieh u»g vermissen. Man schafft mustergiltige schulen für Knaben, und vernachlässigt die siir Mädchen. Die höheren Töchter schulen sind in ihrer Mehrzahl weaen ihres unmäßigen Hono rars den llndcmmette» verschlossen, und was die Privat schule» andetnsst, auch aus anderen Gründe» unzulänglich Die heutige Lebrmetode in diese» schulen venolgt mei'tens