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Der Israelit · 1906-03-22 · 12 (22.3.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
12 (22.3.1906)
Date
1906-03-22
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Souilleton - Beilage zu Nr. \2 des ״Israelit^. *y x x xyx-srxyy y x x x arx wx x x x x v־y« >u! muuüüQ(.iüuu<■^ x-X-kjUQT i//t/i f«MÜEktl00D. Sflraon 11. Phintins in kr Znitnnnlst. Bon Arthur Kat,«. iliachdruck verboten. In einem Punkte schienen sämtliche junge Leute »ines Sintres zu sein, sowohl die Kaufleute, wie auch die vom Handwerk, nämlich möglichst vorteilhaft anszusehen. Jeder wünschte, der eine durch ein neues Beinkleid, der andere einen ganz neuen Anzug oder Hut und Kravatte Furore zu machen. Die Ladenl-'Nglingc trugen, gleich ihren höheren Ranges(;«- nassen, Eylinderhiite, loelcken Lurus die Vertreter des Handwerkerstandes sich nur beim Gang zum Gottesdienst oder aus der Wanderschaft erlaubte». Zu jener Zeit, in den 5.0« und 60er Jahren des 10. Jahrhunderts, hatte jeder rechtschaffene Handwerls bursche seinen Eyiinder. Auf der Landstraße konnte man nicht selten fahrende Handiverksburschen. den Enlinder auf dem Haupt, die Stiesel in der Hand, barfuß wandern seden. Das war die Zeit, wo der ehrliche Handwerksbursche. als wandernder Reisender an jeder Tür, an welcher er anklopfte, Zehrung unk Reisepsennig empfing, ohne als Bettler betrachtet zu werden. Spätere Zeiten verdrängten den Hand inerksbursckien, der säuberlich gekleidet, sein Ränzlein umgeschnallt, den Knotenstock in der Hand unsere Landstraßen belebte. Das Vagabundentum init seinen Landstreichern. Schnaps und Pennbrüdern schuf an Stelle des romantischen Bildes des reisenden Handwerksbursche» jenes widerliche Landstraßenbild, bas nur noch für den Gendarmen Interesse bietet. Wie eben erwähnt, trugen die jüdischen (Gesellen nur in der Synagoge ihren Eytinderhut, hingegen am übrigen Teil ihrer Ruhetage einen Leisen Filzhut. wie ibn jedermann heutzutage trägt. An Wochen tagen trug jeder Bürgersmann eine Mütze, seltener sab man, zumal in kleinen Städten einen Hut. am allerwenigsten bei den Handiverlsleuten. So konnte man denn auch heute, bei genauerem Hins,Ken, mit einigee Wahrscheinlichkeit dir jungen Männer der Handelswelt ziemlich sicher von den Eiertretern des Handiverkerstandes unterscheiden. Wenn man dieses unscheinbare Unterscheidungsmerk mal. zugleich als Trcnnungspunkt zwischen beiden Ständen annehmen konnte, so war dies kür den we׳d lichen Teil der lustwandelnden Menge völlig unauf fint'hnr. oRfni ÜHcffintinfnt, t”? mit ihrer Proteusnatur an die Hand gibt, versuchten die trauen in ihrer Kleidung jegliche Abgrenzung von Rang und Stand von unten nach oben, zu ver wischen. Am liberalsten in dieser Welt gesellschaftlicher Rangabgrenzung waren noch die Lehrlinge, junge Leute in dem glücklichen Alter, welches dem deine tratischen Gesellschafisrnpus am meissen zugänilich ist. Der Kaufmanns und der Handwerkslehrling verkehrten vaher auch zwanglos miteinander. War d-^ch auch im Grunde genommen ihre Verwendung wie auch Behandlung seiten» ihrer Prinzipale »10 einem demokratischen Gleichheitszug behaftet. Gab doch der Metzger Lorch seinen Lehrlingen eher noch חיזסזז dev seinigen. Bei Gebrüder Eherstein mußten dir Lehrlinge nicht nur dj, Scheiben putzen, die Oeken reinigen und in Brand setzen, sondern auch den Fußdoden scheuern und einen Teil der Straße fegen. Dahingegen hatte es der Lehrling des Schneidermeistcr Dintclspiel, so lange er noch sein Handwerk ausübte, lveit besser. Der brauchte nur den kleinen Albert herumzutragen oder in den Schlaf zu wiegen und durste, wenn er das Essgeschirr säuberlich aufgespült hatte, jeden Abend ein halbes Stündchen zu seiner Muhme in der Sckarngasse schlüpfen. Wenn der Küfer und Kellermeister Salm von seinem Lehrjungen unweigerlich forderte, daß er am Martibrunnen zweimal täglich zwei schwere Eimer Wasser hole so war dies gewiß nicht unbilliger, als wenn die geplagten Lehrjungen bei dem Manufakturwaren- Händler Bullmann allabendlich nach Ladenschluß und vor dem Schlafengehen sämtliche Schuhe und Stiesel des Prinzipals, der Prinzipalin. der beiden Töchter und der beiden Söhne blank wichsen mußten. Dieses kleine Kuliurbild aus der Lehr- und Leidenszeit des Kaufmannstandes in kleinen und Mittelstädte», einer noch nicht sehr fern liegenden Zeit, wäre noch sehr unvollkommen. wollten wir nicht auch erwähnen, daß, je nach der Natur des (Geschäftes und seines Betriebes, dem Lehrling, wie auch dem Kommis, noch piele andere Arbeitsleistungen aufgebiird-t wurden, die ein moderner HandelsbeKissener m׳t tiefster Entrüstung zurückweisen würde. Im Weingesckxift half der Kommis nicht nur Flaschen schwenken, fülle», verkorken und rtikettierrv., sondern auch einwickeln und in Kisten verpacken. In zwischen half der Lehrling, sofern ein solcher eingenellt ivar, die Fässer schivcnicn, einschwefeln, füllen, ver spunten und mittels Schablonen zeichnen. Selbst nach unseren etwas engherzigen europäischen Anschauunaen bildet die Verrichtung jeglicher in den Berus einschlagenden Arbeit leine Schande. Im Meingeschäst beispielsweise war es selber für den Prinzipal keine Schande, wenn cr zuweilen höchsteigenhändig mancherlei Arbeiten verrichtete, deren sich deute sogar ein Lehrjung schämen würde. Derartige Handleistungen geschahen sogar nicht nur ohne Beihilfe der Angestellten, sondern mit völligem Ausschluß der Oesfentlichteit. Und nicht nur etwa aus zarter Rück sjcht auf die Leistungsfähigteit des Lehrlings und Kommis, sondern auf solche des Geschäftsgehcnn nisses. Die tatsächlich« Mitarbeit des Prinzipals in ven Kellereien streiften hinüber in das Gebiet der Ebemie. Da aber der Lekrherr gegenüber dem Lehr ling und Kommis wohl die Verpflichtung übernahm, die zukünftigen Handelsherren zu tüchtigen Geschäftsteilten, nicht aber zu Ebemitern heronzuditdrn, so war es kein Unrecht, wenn der mit Wein handelnde Prin zival gewisse Kcllerardeiten ohne Zutun und Wissen seines Personals selber verrichtete. Wenn er gewisse Wunder, etwa wie man aus iveißem, Rotwein macht, nicvi an die grobe Glocke hing, sondern dieses Geheimnis im innersten Schrein seines ״Ertratabinets" fest verschloß, so geschah dieses weniger aus selbst loser Bescheidenheit, als vielmehr aus wohlerwogenen Gescbästsprinzipien. Wenn wir den ׳n seiner Vielseitigkeit geradezu bewundernswürdigen Werdegang des jungen Kaufmann״ noch weiter entwickeln ,vollten. so dürften wir nicht unerwähnt lassen, daß das Fensserpiihen, Dreienscheuern. Kohleneinschaufeln, Stiefelwichsen. Schneeschippcn und Bettenmachen. das Kind in den Schlaf wiegen, oder Fcueran zünden, nicht die einzigen Vorstudien zu seinem Beruf ausmachten. Der junge Merkursohn mußte auch Kisten öffnen und zunageln können, dem Prinzipal oder dessen Angehörigen die Handtaschen und Koffer zur Bahn tragen und abholen, den Kunden die Waren in's Haus bringen und störrische Kunden, welche den Laden obnc zu lausen verließen, mit Anwendung mebr vder weniger sanfter GewAt und allem Aufgebot rednerischer Begabung ziiriichbringen. Webe dem armen Lehrling oder .Kommis, wenn der entwichene Kunde zum Konknrienten ging! Eine Flut von Tadel und Vorwiirkerr waren dem jungen Manne sicherer als das Paradies. Ja. es mar ein mühseliger, langsamer Weg. ehe ber Lebrling Kommis. Vuchsührer oder Reisender I ioerden konnte, und die von Kälte und harten Arbeiten aufgesprungenen Hände zeugten davon, daß der junge Mann weder zum Klavierjprelen noch zun! Malen angehalten worden. (Fortsetzung folgt.) Eine Erzählung von Friedrich Rott. 3» Langsam und unter fortdauerndem Stimmen zewirr entleerte sich der Saal. Die anwesenden Ver wandten und Freunde des Angeklagten batten dessen Angehörige umringt und sprachen ihnen ihre Teil nabme aus, alle waren tief erschüttert. Auch Heinrich war zu ihnen getreten und drückte beiden die Hund ״Das war großartig!" sagte er gepreßt. ״Ihre Familie tann stolz sein auf den jungen Mann — aber, leider! leider — er hat sich vergebens geopfert." ״Sagen Sie das nicht," entgegnete der ältere Weißkopf, indem er mit dem Tuch« über seine feuchtei׳ Augen fuhr, ״mir war ja auch zuerst — ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie. -— Aber dann, mit einem Mal. da ist es über mich gelommen - als hätte ■c* eine Bas >tol vernommen: es wird noch alles gut werden! Uuk ich sage Ihnen, Herr Doktor, c: wird noch alles gut werden ich bin sicher, cs wird noch alles gut iverden. — Der allgerechte Gott har dock׳ das Kind geseken — das läßt er nicht unbelokm." Seine Stimme bebte. Tränen entstürzten seinen Augen. Heinrich drückte ihm schweigend die Han^ und schweigend setzten sie ihren Weg fort. Aber dci alte Mann rang vergebens nach Fassung. ״Adolf." begann er nach kurzer Pause, ״Adolf mein Kind, Du mußt Dich zusammen nehmen. Du darfst nicht nach Hause kommen mit solch betrübtem Gesicht!" Der junge Mann wechselte die Farbe. ״Was soll ich der Mutter sagen?" fragte er leise. Der Onkel atmete schwer auf. ״Was Du ih: sagen sollst? Alles kannst Du ibr sagen, nur »ich: die Wahrheit." ״Verzeihen Sie," fiel Heinrich ein, ״einen Teil der Wahrheit müssen Sie, meiner Ansscht nach. Ihrer Mutter doch mitteilen." Adolf fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ״Der Kopf ist mir so wüst, ich bin keines klaren Ge danlens fähig. Bitte, Herr Doktor, raten Sie mir was soll ich meiner Mutter sagen?" ״Sie müssen ihr sagen, daß die Sache noch uichl entschieden, daß die Verhandlung abgebrochen wocden ist und erst in einigen Wochen wieder ausgenommen wird. Sie können hinzufügen, daß mehrere B« lastungszrugen der Unwahrheit überführt worden sind und die ganze Angelegenheit auf's neue einge leitet wird." ״Ich danke Ihnen, Herr Tottor!" sagte Avois. die Hand des Advokaten ergreifend. . und gestatten Sie mir auch. Ihnen meinen wärmsten Dank aus zusprechen für alles, was Sie für meinen Vater getan haben und noch tun werden." ״Lieber junger Freund," erwiderte neinrick. ״ich will mit Ihnen hoffen, daß Sie mir reckt bald Dank schuldig sein werden — vorläufig sind Sie es leider noch nicht." ״Vorläufig mußt Du nur ein anderes Gesicht macken, Adolf, mein Kind, sonst würde die Mutter erschrecken — und Du!veißt, sie hat ohnehin genug zu tragen." ״Mehr als genug." sagte Adolf leise und ein schwerer Seufzer entrang sich ferner Brust. ״Aber was soll ich der Mutter sagen, wenn sie nach Alfred fragt?" ״Sage ihr. er läßt grüßen und benützt den Abendzug nach G., damit er die Unterrichtstunden, die er morgen zu geben yc>7. man Deriieii.3 Der junge Mann wechselte die Farbe und preßte die Livpcv. aufeinander.

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