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Der Israelit · 1906-03-22 · 12 (22.3.1906) · p. Seite 6

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
12 (22.3.1906)
Date
1906-03-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Nr Vi. sei» •». Der Israeli». il. Mär» 190C »t »r tz l a n v. Jüdische Politik in Rußland. <l>un unserem Korresponäenten.» Petersburg, 13. März. Ob die Juden den Rat des Grafen Witte, sich nur um die sprzistzcy!udiscykn Kragen zu tümiurr,׳. dagegen d,e Ausgestaltung des ruffischen Staats- Wesens im Allgemeinen außer Betracht zu lassen, befolgen werden, ist fraglich. (5s läßt sich nicht leugnen. daß die Juden sich in ganz anderer Lage befinden, als die Kinnen und Polen. Diese leben in ihrem angestammten Vater lande, das mit dem Reichsgcmzen politisch und ökonomisch wenig gemeinsames hat. Wenn sie nur ihre politische Autonomie haben, geht sie wirklich die RegierungSsorm, die in Rußland vorhanden ist, nicht viel mehr an, als diejenige Deutschlands oder Cng landS; ganz anders aber die russischen Juden, die im ganzen russischen Reiche zerstreut in kleineren oder größeren Gruppen unter der übrigen Bevölterung leben und daher gleich dieser an der Gestalt des russischen Staatswesrns intkressiert sind. Allein, so lange Juden unter dem Drucke der Ausnahmegesetze sich befinden, welche sie zu Parias der (Gesellschaft herabwürdigen, müssen sie zunächst einmal die soziale die politische kommt erst in zwe׳t«>r Linie Gleichberechrigung mit den übrigen Bürgern anstrebe׳, und diese können sie unter den obwaltenden Verhält nissen jedenfalls durch Vermittlung der Regierung eher erlangen, als durch das Zusammengehen mit den radikalen, regierungsfeindlicheki Parteien welche voraussichtlich in der ..Reichsduma" eine schwache Minorität au»machen werden. und wenn sie selbst die Majorität bilden würden, dennoch wenig auszurichten vermöchten, da die definitive Entscheidung über die Einführung neuer Gesetze fast ausschließlich vom Rerchsrat und vom Zaren adl,äugen wird. Wenn de russilcliru Juden sich von Gründen der Opportunität leiten lassen, werden sie keine Ideologen und Prin zipienreiter in die Reichsduma senden, sondern pral tische Leute, toelcke Prinzipien Prinzipien sein lassen, und nur den Vorteil ihrer Brüder im Auge haben. Dies uinso inehr, als solange die Juden in Rußland sich von allen Parteien sernbielten »nd ihre זדי׳סג־ל im Stillen auf und durch die Regierung wirlen ließen, sie alle die Rechtserweiterunaen er!varden, tvelche ihnen unter der Regierung des hoch ieligen Kaisers Alerander 11. zuteil wurden! seit aber die jüdische gebildete Jugend sich von de:׳. Bestreb ungen der russischen Radikalen hat Hinreißen lassen, erfuhren die Juden nur Recktsdeschränlunacn und Verfolgungen, während die russischen Radialen wohl die jiidis.ste Gleickwerkchtigung theoretisch anertennen. ״der dis!etzt nichts unternommen haben, um ihre Shmpattueen mit den so lmrtbc^rückten Juden in ׳ dbtbarcr 2 1t an den Tag zu lege». Während die radikalen Parteien so viel moralische Empfindlichkeit gegen die ungerechte Behandlung der Polen, als dort der K eiegszustand erklärt wilrde, zur Schau trugen, und beispielsweise in dem Josse der meuternden Krön städter Matrosen und des Leutnants Schmidt, über .reiche die Todesstrafe verhängt wurde, Protest Meetings und kollektive Kundgebungen ׳,׳e-ransialtet.n. reagieren sic herzlich inenig gegen die an Missionen Juden vrrüoir» furchibaren Grrurltaien. In d,׳ russischen Presse und 'סLubc 1 Literatur finden sich nur wenig arologetische Schriften zu Gunsten der Juden, die von scn russischen Radikaler, berrübren, obgleich diese sebr gern sehe», daß ein Teil de׳ jü d schen Jugend für sie die Kasianien aus dem Feuer 1!t, ,׳ ,d ni./ts dagegen haben, wenn diefel'oe sich »׳.׳,bei verbrennt. Leider will unsere gegenwärtig das Wort führende Jugend von all' diesen Tchsiichtir keine Rotiz nehmen und treibt erne für die Juden verhäng nisvvlle erirem ovbosilionelle Politik, wie es neulich eie dritte in Petersburg abgekaltene Konferenz des ,Verbandes für jüdische Vsllberechrig'ing" in ihren Reden und Beschlüssen hinreichend -ffenbart Kat, und wie ganz besonders die höchst leichtsinnigkn Ausfälle be׳״״f-״ , die die jüdische Zeitung ״Wofckwd" gegen die obenerwähnte Versammlung und die von dieser gewählte Deputation a.i den Grafen Witte und ׳nsbe lindere aegen Ken ledteren selbss sich erlaubt. Dieses Organ Hot an die Deputation die Frage gerichtet, ,ob sie das jüdische Volk gefragt, oder ob die Depu tativn oon ihm bevollmächtigt worden ist. sich beim Grafen Witte für dasselbe zu verwenden," wobei es außer Acht läßt, daß die Deputation den Juden, wenn auch keinen Nutzen, so doch jedenfalls keinen Schaden gebracht hat, daß er. der ״Woschod", aber auch das jüdische Boll nicht gefragt hat und noch weniger *־ י« י יי יי« י.« י< "יי«. t'f •יי V « י t ... •ft ^fs VMM r/tv|VM1 (AV1׳utuuu^uy4 tWiiüa »f», uio u ׳״ d: sches Preßorgan" über den jetzt allgewaltigen Grafen Witte mit den gröbsten Schimpfereien herzu fallen, was am allerwenigsten geeignet ist, ihn für die Juden einzunehmen. ui vvngri -uiuua ijici lugrilvr .׳iuiu.jciu Versammlung hat sich angelegen sein lassen, sich über die Notlage der von den jüngsten Judenkrawallen betroffenen Bevölkerung Klarheit zu verschaffen und neu? Mittel zur Linderung der Not ausfindig zu machen, da die zur Verfügung deS Zentralkomitees stehenden Mittel bald erschöpft sein werden. — Aus den Mitteilungen der Dclcgicrtrn erwies sich, daß die Not an vielen Olten schreckencrregende Dimensionen annimmt, da in den meisten Fällen die Bevölkerung nicht nur unter dem Verlust ihrer sämtlichen Habe, sondern auch unter absoluter Arbeitslosigkeit leidet. Biele Delegierte wiesen darauf hin, daß an den Orten, wo die Pogrome statt fanden, der Handel stark zurückgegangen sei, weil ein bedeutender Teil der Bevölkerung noch bis jetzt geplünderte oder zu Spottpreisen bei den Plündere n getaufte Waren vorrätig bat. An manchen Orten bezahlen die Plünderer getaufke Waren mit Gegen ständen, die von ihnen voiher geraubt wurden. Die Zahl der von den Pogromen betrosscncn F a m i (i e n beträgt nach den vorgenommenen Nachforschungen; im Tschernigow'fchen Gouvernement ca. 6,500, im Pollama'säien Gouvernement gegen 4,000, im Jttaterinoslaw'scben circa 5,000; in Rostow 1,-'»"", in Kiew 0,000. Die Versammlung beschloß, den Geschädigten, soweit möglich, den Kredit zur Wiederherstellung ihrer Geschäfte zu vermitteln. Für kleinen Kredit soll eine Reihe von Leib׳ und Sparvereinen gegründet werden für die Organisation großen Kredits wurde oorgeschlagen, eine befondere Bant zu gründen, die sich gegenüber verschiedenen K!!witinstiO!!ionen für an größere Kaufleutr 1׳! ver leihinde Beträge verbürgen soll. (5ine derartige Bank mii einem Grundkapital von 1.000,000 Rubeln könnte eilicii Kredit von 3,(>00,000 sichern, wobei eine umsichtige Geschäftsführung das Grundkapital fast unberührt crhalien könnte. Weiter wurde über die Versorgung der von den Crschlagenen zurückgelassenen Waisen beratcn. Die Zahl drrsrlbcn beträgt etwa 11*00. D׳: Konferenz beschloß alles zu tun, um für diese Waisen bis zur Volljährigkeit sorgen zu können. Aus de׳. Konferenz erwies es sich, dass die Möglichkeit vorhanden sei. eine Anzahl Waisen in ausländischen jüdischen Familien unterzubringen. Aus dem Aus land sind eine Reibe von Anerdietungen eingelaiifen, aus Rußland jeooch last gar keine. Von dem Gedanken der Gründung eines Waisenhauses ist man abge kommen, da die -Konserenz eine solche als nicht dem Geiste des jüdisch?» Voltes entsprechend er achtet. Die Konferenz beriet auch über die herrschende Arbeitslosigkeit, kam aber zu dem Schlüsse, daß es unmöglich sei, auf dem Wege der Wohltätig feit die gegenwärtige äußerst schwere Lage zu er leichtern. Cine der Ivichrigsten Fragen, welche die Konferenz beschäsiigte war die Lage der Wohltätigkeits und gemeinnützigen Institutionen, welche infolge des vollständigen Mangels an Mitteln sehr traurig ist. An einig-n Orten ist man bereits genötigt, Krankenhäuser zu fchtiesieu. da die Mehrzahl von ihnen kein beständiaes Kapital haben, sondern ausschlief'lich von einmaligen Spenden existieren, Gegenwärtig ist aber der Zufluß von Spenden sehr gering infolge der allgemeinen Krisis, und dazu ist oaS Vedürsnis nach der Hülfc iener In stitntionen bedeutend gewachsen. Die Konferenz be schloß, denselben eine einmalige llnterftiir.una aus den dem Zemraltomitee zur Verfügung stehrnden Summen zu gewahren und außerdem Mittel zu suchen, um ihnen solange helfend beizustchen. dis sie sich wieder selbst erhalten können. Aus den Mineil unoen der Revräfentanten verschiedener Komitees ging hervor, daß die Emigration außergewöhnlich gewachsen ist, und ztoar auch in hemiftelteren Kreisen, Das Zentralkomitee hat bis jetzt über 314. Millionen Rubel verfügt, ausschließlich der Summen, die an den verschiedenen Orten für lokale Zwecke gesammelt worden sind. Im Ganzen sind in Rußland 1K. Millionen Rubel aufgebracht worden; aus dem Aus lande sind drei Millionen Rubel eingelaufen. u u k *e' V« London, 18. März. Die Londoner jüdische WohltatigkeilSverwaltung, der ״Board of Guardi ans", hielt vergangene Woche seine Monatsversamm li'.ng ab, in b-r der Jahresbericht fiir 1005 o»f b-r Tagesordnung stand. Die Verwaltung hat in diesem Jahre in 6746 Fällen Unterstützung gewährt. Außerdem hat er eine bedeutende Wirksamkeit seiner Leihkaffe zu verzeichnen, die 4284 Mal in Anspruch genommen wurde, und kann auch auf vielen anderen Gebieten auf eine segensreich« Tätigkeit zurückblicken. Die für Hilfszwecke gemachten Ausgaben betrugen etwa 600,000 Mk. Von besonderer Wichtigkeit iß die Arbeit veS ״Board of Guardians" auf dem Ge biet der Vermittlung von Lebrlings-!teilen. Die Zahl der im Jahre 1905 einge laufenen Gesuche 423 - übersteigt die der vorhergehenden Jahre um ein Beträchtliches. Während des Jahres vollendeten 104 junge Leute ihre Lehrzeit. (5s ist sehr schwer, eine genügende Anzahl geeigneter Lehrherren zu finden, um die wachsende Zahl der Nachsuchendcn zu befriedigen. Diese Schwierigtcit, sagt das für diese Angelegenheit eingefetzte Komitee, wird noch vergrößert durch die Weigerung vieler Prinzipale, die Lehrlinge an Sabbat und Feiertagen von der Arbeit zu disp e n s! e r e n. Hierzu wird bemerlt, daß aelegent?ich der Vorschlag gemacht wutde, die jungen Leute auch ohne den Vorbehalt der Sabbat- und Feiertags ruhe :!׳ die Lehre zu geben. ״Aus alle diese Vorschläge," heißt es in dem Bericht, ״a n t ׳ wertete der ״V v a r d v f G u a r d i a n s ". daß die Beobachtung des Sabbats ja gerade die Bedingung ist, durch welche er sich von anderen der׳ artigen K ö r p e r f ch a f i e n u n t c r s ch e i - det, daß also die Bewahr u n g dieses Prinzips erst seinen eigentlichen D a sein s g r und bild e," An diesem Per halten des englischen ״Board of Guardians" kann sich gar manche, ähnlichen Zwecken dienende Vereinigung in deritscken Landen ein Beispiel nehmen. Amerika. (5 i n n c i n a t!. (Jüdische K v l o n i st e n in (5 n g! i s ch O jl a s r i! a.) Der in Cincinnati erscheinende ״American Jsraelite" veröffentlicht eine interessante Zuschrift aus Nakuru. Der Ort liegt mitten in dem seiner Zeit von der englischen Regier ung den Zionisten offerierten Gebiet, und das bloße Angebot genügte schon, um 18 Juden in die ver׳ lortiir Gegend zu locken; von diesen sind 7 Farmer, während 11 Handel treiben. Am Rvscb Haschonab und Jom Kippur haben sie ein Minjan veranstaltet, das sich demnächst zu einer ständigen Svnagoge herauswachsen dürfte. Jedenfalls war der Gouverneur so grnig, dev Leuten den dazu erforderlichen Plai׳ zu garantieren. Das Klima ist gesund. Im übrigen wimmelt es da von Löwen. Leoparden, Ele sanken und Rhinozerossen. Der Briesschrciher bitiet sich allen amerikanischen Svortsmännern, welche in jener Gegend große Raubtiere jagen wollen, als Führer an. Auch ist er bereit, Löwenfelle, (ßlefanienzätme und Rhinozerosbärner als Jagdtrophäen gegen billiges Geld zu verkaufen. Man muß ׳,ugeben. daß dies-. Cinnabmequesse ßch für das Gros per russischen Emigranten wenig eignen und so dürste Cngisch-- Ostafrika als arvßes jiidifches Jmmigrationsland für die nächsten Dezennien wohl kaum in Betracht kommen. Freilich erwähnt der Briefschreiber o״ch das Gerücht, wonach nicht wcit von Naluru Diamanttetder entdertt worden sind. Aber selbst i» Hirsen. Falle dürsten die Juden aus Cnglisch Ostafrika nur mäßige Vorteile ziehen können, denn Diamanten graben die Engländer selber gern.

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