Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 12 (22.3.1906)
- Date
- 1906-03-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9886729--0225-7374733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vr 12 3m« 4 Ter Israel» Er setzte die Gefahren auseinander. von >v«lch«n er di« Zukunft des orthodoxen Judentums in Rußland bedroht glaubte und kragte Hirsch um seine Ansicht, wie denselben zu begegnen sei. Rabbiner Hirsch meinte in seiner Bescheidenheit, daß er dre Einzel heilen des jüdischen Lebens in Rußland doch nicht genügend kenne, um eine maßgebende Ansicht aus׳ sprechen zu können. N. Israel habe aber doch gewiß selber viel darüber nachgedacht und er bitte ihn zu׳ nächst um sklne Ansicht. R. Israel orzrichiieie daraus hin als dabeste Mittel die jüngere Generation für das Judentum zu erhalten. resp. wiederzugewinnen : in russische Sprache geschriebene und von echt jüdischem Geiste durchlvehte Schriften. Der überaus heilsamt Erfolg von Schriften dieser Art sei ihm ganz zweifcllos. Das Betrübend« besteh« aber tarn,. daß diejenigen, welche in Rußland von der Wahrheit des Judentum durchdrungen seien, nicht ruffisch schreiben könnten, und daß diejenigen, welck>e sich profane Bildung angeriqnet hätten und die ruffische Sprache in Wort und Schrift beherrschten, mit v«m überlieferten Judentum gebrochen hätten, so daß die BesäEung derartiger Schriften geradezu unmöglich scheine. Hirsch bemerkte dagegen, daß es sich in diesem Falle vielleicht empfehle, in deutscher Sprache für diesen Zlr-eck geschriebene Werke in's Ruffische zu übersehen, was ia nötigenkalls sogar durch einen Richtjuden gekcheben könne. Diese Idee fand R. Israels vollen Beifall und er ersuchte Hirkch um Namhaftmachung einiger kür pieken Zvoeck aeeianeier Schritten Hirsch schlug die Sch:ikten von Salomon Bleßnrr s. A. vor. Ich er׳ laubte mir hier zu bemerken. ob sich nicht die Hirsch'schen Schriften dazu besonders qualifizierten und in erster Reihe die ״Neunzehn Priese". Hirsch entgegnete, es werde ihn seivnversiändlich in hohem Grade freuen, wenn durch eine Nebertragung seiner Schriften der guten Sacke rin Dienst ge- Es braucht nrch-t erst gesagt zu lverden, daß beide Männer keine prinzipiellen Gegner einer hebräischen Uebertetzung waren. Tie glaubten nur. daß d!e segensreichen Folgen. die sie von der Aer brcitung der Geistes dieser Sckristen erhofften, leichter und nachhaltiger eintreten, wenn das Heilmittel in derselben?Vorm verabreicht wird, in der auch der Abfall eingedrungen ist und täglich ein dringt. Sie mögen geglaudt haben, die Verächter des üderlieferten Judentums würden Büchern, die in seiner Sprach« geschrieben sind, so geflissentlich aus dem Wege geben. wie sie ebenso geflissentlich sich Schriften zuwenden, die in der Sprache des modernen Lebens sprechen, dain Hunverien von Zeitungen und Bildungsstätten zu der Heranwachsenden Jugend redet. Daß i'vwobl R. Israel Salani wie Rabbiner Hirsch einer hebräischen llebersetzung nicht abgeneigt waren. Txu■« ich späterhin aus ihrem eigenen Munde gehört. Aus dem Rachhausewege ersuchte mich Rabbi Israel ihm beute Abend noch die ״Reunzehn Briese" zu verschütten und sie mit ihm durckzulescn. damit er sich selber ein Urteil bilden rönne. Das war nun leichter gesagt als getan. R. Israel hatte damals kaum die ersten Anfänge des deutschen Lesens hinter sich und so lasen wir dis tief in die Rächt k'nein, dann nrnh einige läge am ersten Brief, und dann nach einige Wochen lang, bis wir das Buch zu Ende batten. R. Israel faßte sein Urteil darüber in die Bemerkung zusaiiimr»: ״Taö Buck müßte nicht nur in's Ruffische, sondern auch in die heilige Sprache übertragen A nmer! ung der Redaktion׳ Zu den oviaen Ausführungen des geschätzten Berfaffers be inerten wir, daß gerade in den Kreisen der ruffischen Judenheil, für die eine Uebersetzung von Hirtch's Schriften in erster Linie berechnet ist, die Kenntnis des Hebräischen besonders stark verbreitet ist. Nimmt man noch hinzu, daß eine hebräische Uebersetzung auch eine überaus wertvolle Bereicherung unsrer Nationalliieratur bedeuten würde, so muß man ihr entschieden dev Vorzug vor einer russischen Uebersetzung geben. falsche Zchlagtvone. «cm Professor tt. «. Berliner in Berlin. IV. Es dürfte nicht überflüffig sein, beim Beginne dieses neuen Artikels die am Schluffe des vorigen Artikels mitgeteilten Worte Steinthals zu wieder holen, allerdings nicht, um sie zu widerlegen. Denu nach dem Ausspruch« unserer Weisen widerlegt man nicht den Löwen nach seinem Too«. und ein Löioe war Steinthal, wenn er, wie der Herausgeber seiner Vorträge von ihm sagt, in sich vereinigte die Kraft eines Freidenkers, eines Philosophen und eines frommen Juden zugleich. Aber wir wollen seinem Zornesausbruch gegenüber, wie er sich im Inhalt und Ton seiner Worte kundgibt, unseren eigenen Stand- Punkt klar darlegen. Steinthal sagt im Vorworte: ״Sollte es aber in Israel Männer geben, denen nicht die Sittlichkeit, sondern die Zeremonie in erster Linie steht, welche das Band der Einheit, das die Sittlichkeit um uns schlingt, durch die Zeremonie zerrissen glauben, so rufe ich Israel zu: Hibodlu mitoch ha-edah hasoth! Scheidet euch von dieser Gemeinde, wie sich Israel von der Rotte Korahs schied! Mögen sie sich nennen, wie es ihnen beliebt, mögen sie ihre Väter nennen, wie sie wollen, mögen sie sich mit ihrem Eifer und ihrem Märtvrertum trösten, wie sehr sie wollen — sie gehen uns nichts mehr an." Ohne weiter oarauf einzugehen, erklären wir, vom Standpunkt der Gesetzestreue aus. da wir alle Religionsvorsckriften als den Inhalt sinaitischer Offenbarung erkennen, daß nimmermehr der Jude Jude sein kann, ohne Mensch zu sein, wenn auch der Mensch Mensch sein kann, ohne Jude zu sein. Ja noch weiter: Ein Mensch von sittlichem Werte kann!!!,l immer Achtung ein.slößen: einen Juden aber ohne Sittlichkeit werden wir verachten, weil er außer der Gesktzesüberirctuiig auch noch das Odium auf sich ladet, einen:־ייי י?ז zu begehen, eine Entweihung des göiilichen Namens! Nach Ablegung dieses Be lenntnisses wollen wir nur noch auf zwei Phrasen in der Auslassung Steinthals Hinweisen, um sie als falsche Schlagtvörter zu bezeichnen, ״das Band der Einheit" und ״die Rotte Korachs", die wir anderswo füllen und finden werden. ״Das Band der Einheit, das die Sittlichkeit um uns schlingt," ist eine wohlklingende Phrase, loelche die ganze wunderbare Geschichte Israels und seinen Hochberns mitten unter den Völkern völlig in Frage stellt. Dazu kommen dann noch zahlreiche Aussj׳rüche in dem talmudischen Schriftlume. welche dm Fr'edm und leinen hobcn Wert preisen. Sie bilden kostbare Perlenschnüre um den Hals — des Resormpredigers, der unerschöpflich sich stellt, wenn er aus die Einheit in Israel und aus den damit in engstem Zusammen׳ hange stehenden goldenen Frieden zu sprechen kommt. Aber jener prophetische Ausspruch in Techarjah 8, 16 ׳: א^נ,pt rcK־r bleibt vergessen, lveil er ein richtiges, logisch gedachtes Schlagwori ist. Die Wahrheit liebet und dann den Frieden — erst die Wahrheit und dann den Frieden; aber wenn die Wahrheit, dann a u ch den Frieden Gern hätte ich hierbei die unvergleichlich schönen Ausführungen von S R. Hirsch im Jesckurun V. S. »12 ff. wiedrrkolk. Wenigstens seien einige Sätze daraus mitgeteilt. ״Der erste Tempel sank, weil sie den Frieden liebten und nickt die Wahrheit. Der zweit! Tempel sank, weil sie die Wahrheit geliebt und nickt den Frieden. Der dritte Tempel wird nur erstehen, dauernd er stehen, wenn wir die Wahrheit lieben und den Frieden." .,Wenn lvir die Wadrlleit lieben und oen Frieden: wenn uns die Wahrheit nicht einmal um den Preis des Friedens feil ist. und wenn wir die Wahrheit nur um der Wahrheit willen lieben." Man lese da weiter! Die Wahrheit aber schließt nickt das Sittengesetz allein ein, tvelches alle gebildeten Völker von uns erhalten Kaden, nickt von den Griechen und Römern des Altertums. Die!üdische Wahrheit umfaß! alle Gesetze unserer Religion, eine Eigenart, welche durch die Jahrtausende unserer Geschichte erhalten und bewahrt worden ist. Erst aus der Treue und Liebe für das ganze Religionsgesetz entwickelt sich das Band der Einheit, «unzerreißbar rinb unvergänglich. _22. März 1906. Nun wollen wir untersuchen, wer es ist. der diese Einheit stört, oft ganz vernichtet, mit anderen Worten, wer denn ״die Rotte Korachs" ist. von der man sich zu trennen hat. Sir Samuel Montag« und dar rnglilcde Obwabbinat. Sir Samuel Montazu, der Vorsitzende der Federation of Synagogues im Londoner Ostend, führt schon geraume Zeit mit dem dortigen Oberrabdiner einen Kampf, der auch für die nichtenglische Judenbeit von Interesse ist. Ein Mitglied d:r Londoner Religionsschulverwastung hatte in öffrn:!ich-r Bcrsaminlung die Grundprinzipien des Judentums verleugnet, ohne jedoch die Konsequenz dieses Ver-- Haltens zu ziehen und aus dem Verwaltungsrate auszutreten. Der Chief-Rabbi Dr. Adler schwieg zu dem Vorfall. Sir Samuel Montagu erhob nun bei dem Ober-Rabbinat Protest gegen das iveitere Verbleiben des betr. Herrn in der Leitung der Religionsschulen; aber der Chief-Rabbi reagierte nicht darauf. Die unbequeme Interpellation einer einzelnen Person konnte Dr. Adler unbeantwortet lassen. Aber Sir Samuel gab sich nicht zufrieden, sondern brachte die Sache vor die Synagogenvereinigung und diese be-- schloß, an das Obercabdinat ein Schreiben zu richten, in welck-em die Frage gestellt wird, ob es zulässig sei. daß eine Person, die öffentlich das Religionsgesetz einschließlich der Zehngebote negiert habe, der Verwaltung der Religionsschulen als Mitglied angehöre. Diese Frage, die nicht übergangen werden durste, beantwortete der Oberrabbiner in einem höchst sonderbaren Briefe, worin er einen Unterschied macht zwischen solchen, die dem jüdischen Gesetze den Gehorsam auftündigen. und solchen, die die Göttlichkeir der Thora leugnen. Ein Mann. der das erstere tue. könne allerdings nicht Mitglied der Schulverwaltung sein, das gibt der Herr Oberrabbiner zu; aber er er klärt es für unmöglich, daß das fragliche Mitglied soweit gegangen sei. Die Tatsache, daß der Betreffende sich bereit finden lasse, einer Institution zu dienen, die den Unterricht der Jugend in der Religion bezweckt, beweise, daß er das Gesetz und die Zehn geböte nicht praktisch verworfen haben könne. Wer aber sich darauf beschränke, über drn Ursprung der Thora ״eine mit dir traditionellen Ansicht nicht übereinstimmend« Meinung zu hegen" — wie zart ist das doch äusgedrückt! — der habe noch immer die Qualifikation zum Mitglied der Schulverwaltung, sofern er nur nicht daraus ausgebe, seine Anschauungen in den Unterricht selbst hineinaetragen zu sehen. Die Satzungen der Religionsschul-Verwaltung bestimmten ja, daß der Unterricht nach den von den geistlichen Autoritäten der jüdischen Gemeinschaft in England gebilligten Grundsätzen erteilt werde, sodaß derartige Versuche nicht zu be׳ fürchten seien. Darum könne gegen das Verbleiben des betr. Herrn in seinem Amt nichts eingewendet werden. Es ist wirklich unverständlich, wie Herr Dr. Adler eine solche Entscheidung treffen konnte. Ist es nickt ein Hohn, daß ein Mann, der nickt nur nicht wehr auf dem Boden der Thora steht, sondern sich sogar bemüßigt fühlt, das öffentlich kund zu tun überbaupt irgend etwas mit Angelegenheiten des jüdischen Reliaionsuntcrricbts zu tun bat? Und ist es wirtlich denkbar, daß der Unterricht von den .Herren, die in der Verwaltung sitzen, gänzlich unbe- »influßt bleibt? Sir Samuel und die Synagogen- Vereinigung beruhigten sich denn auch nicht mit dem Schreiben des Oberrabbiners und setzten den Kampf fort. In der letzten Versammlung der Federation erklärte man, daß die Antwort des Cbiet Rabbi durchaus unbefriedigend sei. Sir Samuel führte aus. daß die Bewohner des East End in ihrer großen Mehrzahl gesetzestreue Juden sind und sich nicht von den Nkvlogen des Westends in religiösen Fragen am Göngelband fuhren lasten wollen. Die Juden des Osiends wissen selbst, wie sie ihren Pslichien als Juden nachzukommen haben, und jene können von ihnen in dieser Hinsicht vieles lernen. Die aet'etzestreue Bevölkerung sei bereit, für ihre Ideale jedes Opfer zu bringen, und empfinde es als skandalös, wenn Leute, die sich leichthin über die Grundlagen