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Der Israelit · 1906-03-15 · 11 (15.3.1906) · p. Seite 6

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
11 (15.3.1906)
Date
1906-03-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Sir. ii. Xe? «(iw «> Mörz 191.10 Charakter annahmen, worunter allerdings die dein Bund feindlich gesinnte große Maffe der Juden am meisten zu leiden hat. Andererseits ist vcn der Regierung nichts geschehen, was ihren Unwille» gegenüber den Judenkruwallen bekundete. Das ganze Verhalten der Regierung gegen die Judrnexzesse ist nur dazu angetan, den Pöbel in dem Glauben zu be stärken, daß die letzteren von ihr gebilligt werden. Während die Agrarunruhen in den baltischen Pro vinzrn wie in den inneren Gouvernements, grausame Ahndung gesunoen haben, svdaß bei dem lciscstcn Verdacht, an den Agrarunruhen sich beteiligt zu lzaben, ganze Dörfer von den militärischen süchtig ungsexpeditionen einaeäschert und mit schweren Kontributionen zum Schadenersatz für die ge plünderten Güter an die Vetrosfene» delastcl. die Bauern gehängt oder niedergesckoffen werden, sind die Jude:.!rawaLe bis jetzt unbestraft geblieben, 1a, einige Gouverneur- und Voüzeimeister. die sich un zwridcung daran betriligien. tzaberoerschiedentlichc Begünstigungen und Auszeichnungen erfahren: dagegen war bis jetzt von Schadenersatz an die von bei! Iudenkraroallen Betroffenen, deren Verluste aus zirka 400,000,( •oo Rubel sich belaufen, mit keiner Silbe die Rede, obgleich den von den Agrarunruken b!׳ schädigten Gutsbesitzern, deren Schaden anaeblich 4:1,000,000 Rubel ausmacht, bereits von der Regier 'ung die Zusicherung gegeben wurde, man werde den erlittenen Verlust in Horm eines Darlebens aus gleichen. Schließlich die Tatsache, daß die erivähntcn Protlamationen unter Beteiligung der Polizei und Gendarmerie, und zuiveilen des Militärs, in großen Masten unter dem Botte verbreitet iverden. und ganz besonders die okne Dementi gebliebene Enthüllung der tüsjischeu Zeitungen ״Nascha Shisn/' und ״Ru׳> . wonach die Proklamationen in Petersburg von z״ ei Koben Würdenträgern angrsrrtigt und in ^er Druckerei der ״Schuhabteilung", d. h. politischen ge drinien Polizei, gedruckt werden, all das hat die Panik bedeutend gesteigert. Ein einflußreicher Jude in Kiew begab sich hierher, um von hier aus den aus den 16. Februar anberaumten Pogrom zu verhindern, -as ihm auch durch da» energische Eingreifen einer viel vermögenden Regicrungspcrson gelungen ist. Von dieser Seite wurde den Inden der Rat er :eil:, eine Tevulution an den Kaiser selbst zu ent lenden. Der gutgemeinte Rat bestimmte die hiesigen leitenden Kreise, eine Versammlung der jüdischen Notablen aus der Provinz einzuberufen. um über diese Jrage zu beraten. Die Versammlung, an der 60 Herren teilnahmen, tagte hier in voriger Woche und beschloß unter anvercm. vorerst eine Depuiorion von Rabbinern und einflußreichen Männern der jenigen Städte, wo Pogrome stattgefunden haben, an den Grasen Witte zu entsenden. Dieselbe soll ibm ein Memorandum überreichen, worin über die P-grome energisch Klage geführt, auf deren wirllicke Ursache,׳, nämlich: das oben gekennzeichnete Ver balt'n der Regierung und aus die Rechtsbeichränkung der Juden offen und unverhohlen hingewiesen und zugleich die dringendste Notwendigkeit entschieden be tont wird, daß j»ne Ursachen endlich beseitigt und den Juden die Sicherheit der Person und des Eigen tums und schließlich die Gleichberechtigung gewährt werden. Die Versammlung wählte sofort zu Mit gliedern der Deputation den bekannten Rechtsanwalt vv B. Schlioßderg, den Rabbiner Aronlohn aus Riesin, die Kreisrabbiner Burje aus Kiew und Trozky aus Romniz, und Doktor Sacharin und Markus Kahn aus Hömel. Am 6. März, um 11 Uhr vor mittags, wurden die Herren in einer Audienz von!0 Minuten vom Grasen Wille zuvorkommend empfangen. Nachdem die Deputation ihm das Memorandum überreicht hatte, hob ibr Wortführer, Herr S ch l i o ß b c r y , unter anderem hervor, daß in letzter Zeit sogenannte patriotische Vereine ge gründet worden seien, mit dem ausschließlichen Zweck Judenexzeffe zu organisieren, und daß an vielen Orten die Juden schon mit Pogromen bedroht werden, wenn sie nickt diejenigen Personen in die Reichsduma wählen sollten, die man ihnen bezeichnen wird. Solche Drohungen lverden bezeichnenderweise gerade letzt, vor den Osterfeiertagen, ausgestoßen, zur e׳gent lichen Saison der Judenkrawalle. Der Graf der sichrrre, daß oir Juoeniruivuur jevrnsull» »ich, uim t*r Regierung organisiert wurden. Nicht bloß kein Minister, sondern auch kein Gouverneur gehöre zu solchen Organisationen, dagegen könne er zur nrinrre Beamten nicht bürgen. Was Hömel betrifft, so warie er auf den Bericht des Mitglieds des Ministeriums des Innern, Ssawitz, welcher eben aus Home! zurück gekehrt sei. Die I»den tonnten auch höheren Orte» ihre Reckte nachsmche»: die Welt lollrde sich dann über׳ zeugen, daß vor der Regierung alle ruffischen Unter tonen gleich viel gellen und alle in gleicher Weise den Schutz der Behörden genießen. Graf Witte berührte auch die Tatsache, daß e,n Teil der jüdischen Jugend {•י*׳ n זז^ין}ו^ו)?ר׳חח freit Die Deputation erklärte ihm, daß die Beteiligung der jüdischen Jugend an der Revolution Proportionen dm Anteil der Städtebevölkerung an derselben nicht über steige, daß daran dir Lage der Juden, deren gerechte Unzufriedenlzeit mit dee Negierung schuld sei und daß jedenfalls die Inden als Gesamtheit dann« nichts zu schaffen habe. Ter Graf räumte ein, daß Millionen Inden keinesiveqs die Schuld einzelner und sogar tausender Revolutionäre zu büßen hätten. Daraus ging er zur ^xrage dee Teilnahme der Inden an Vcn Wahlen für die Reichsduma über. Die Home ler Deputierten machten die Mitteilung, daß sich anfangs die Judo! sehr lebhaft für die Wahlen interestieri l)ätten, seit dem Pogrome aber liege ihnen das be greislicberweisc fern. Graf Witte gab den Rat. die Juden sollten nur Juden wählen, einerlei, zu welcher Partei dirse gehören. Die Juden sollten ibre eigene Politik führen. Dort, wo sie keine Juden wählen können, sollen sie sick, nicht mit den linlsstehercken Parteien. sondern mit der Regierungsoartxi ver einigen. In der Duma sollen die jüdischen Dele gierten sich zu allen jfragrn bis aus die südiscbe in different verhalten. Nur wenn die indische?frage ocrül,!. wird, sollen sic energisch und entschieden austreten und init allem Nachdrucke Rechte für Juden forden,: die Regierung werde ihnen dabei zur Seit, sichen. Wenn aber jüdische Delegierte für fremde Inter«ffen kämpften, die sie als Juden gar nickt» angehen, dann würden sie dadurch ihre eigenen beem׳!,äcktigen. ..Warum," fragte der Graß interessieren sich die I-innen und Polen nicht für das, was in Rust!and borge hi? Sie intereflieren sich nur für ibre eigenen Iragen: nur die Juden verfahren nicht so, sie t-enkcn nur an andere und nickt an sich. Die Tinnen baden nichts dagegen, daß in Rußland ein monarchischer Absolutismus sei. wenn sienur ihre Ire'hkit gesickert haben." Daraus ging man wieder zu den Pogromen über: die Deputation berichtete über einzelne Jalta. Der Gras versprach das Memorandum im Ministerrat zu verlesen und ersuchte darum, wenn sim irgendwo Snmpivme drohen der Pogrome zeigen sollten, ihn sofort in Kenntnis zu setzen: es werde dann seine Sacke sein, den Ansdruck derselben zu verhindern. Holland. Judentum und Iuöknhkit in Holland (Von unterem Norretpond'nteiil. «I. Amsterdam,^. März. Im I. 1557, so beschlossen wir unseren letzten Bericht wurde das Gesetz, den Volksschulunterricht betreffend, angenommen und wir stellten die?frage: Welchen Ginfluß hat die neutrale Schule auf das traditionelle Judentum ausgeübt? Unsere Antwort lauter unveoingt: Einen sehr ungünstigen. Sowohl die Würdigung als die Kenntnis unserer heiligen Religion ging zurück. Schon damals gab es in christlichen Kreisen eine ziemlich große Strömung, mit Groen von Prinsterer als Jührer, die sich mit dem Prinzip des neuen Gesetzes nicht vereinigen konnte und die ״Neutralität" sowohl für eine Un möglichkeU. als für eine Gefahr hielten. Auch unter unseren Glaubensgenossen hatte das Gesetz Gegner, die jedoch dünn gesät waren. Diese wenigen fühlten tief und innig, daß es ein Irrtum war zu meinen, daß der einzige Weg. jede Ueberzeugung zu achten, wäre sie zu verschweigen oder nicht in Betracht zu ziehen. Das ängstliche Ignorieren religiöser lieber- Zeugungen, dos Totschweigen der religiösen Idee konnir die Religion nicht nur nicht fördern, sondern mußte ibr notwendig schaden. Eine Ueber schätzung des menschlichen Wiffens, der Geistesbildung, der- PUUütll IMU ClIiCC VKUliy (U/U yuny, luniL't fltliS Iili! einer dumpfen Gleichgültigteit für die Anforderungen und Ansprüche des Gemütes, mußte die Verhängnis volle Tolge sein. Religion wurde statt Hauptsache Nebensache, und die Religionsschule war kein Voll werk, stark genug, um das Höchste und Erhabenste jenen verderblichen Einslüffen gegenüber zu schütze::. Daneben drängte sich eine andere Troge ans: Ist Ncutraliiä! nicht eine Illusion' Sträubt sich gegen Neutralität nicht die menschliche Natur? Ist es wostl denkbar, daß diejenigen die einer bestimmten Richtung oder Ueberzeugung zugetan sind, sich der Aeußerung ihrer Meinung enthalten können' Ist es denkbar, dast, wenn sie auch nicht unmittelbar Pro paganda machen tiir ihre Ideen, sie beim Unterricht, hauottächlich oon Physik und Geschichte, diese ihre Meinung ganz und gar unterdrücken? Und kan״ überhaupt ein Gesetz das verhindern' Allerdings schrieb Art. M des genannten Gesetzes vor: Der Lehrer trägt Sorge, nickt-: zu lehren, zu tun oder zu gestatten, was der Achtung vor den religiösen Be griffen Andersdenkeüder soiderstreitet. Aber bot dreie Bestimmung wohl genügende Garantie gegen Miß brauche beim Unterricht, bei welchem meisten» nie inand gegenwärtig ist, als der Lehrer und die Kinder und diese unwillkürlich in sich aufnehinen, was der Lehrer allem Anschein nach ganz harmlos ihnen als Wahrheit oorträgt' Doch es war noch ein anderes, was jenen tiefblickenden, vorzüglichen Männern, da mo.Is große Besorgnis verursachte. Abgesehen davon, daß die allgemeinen Lehrgegenständc an den öfsent lichen Slaatsschulen der Beförderung religiöser Oiesinnung, der Wertschätzung der Religion nickt dienst bar gemacht werden sonnten, dachten sie mit Ent'etzen an die Nachteile,!oelche für den Religion»׳ unterricht aus diesem neuen Schulspsicm erwachsen würden. Alle Zeit wurde in An spruch genommen durch den allgemeinen Unter rächt, für die Religionsschule blieben nur Mußestunden. Was ivar die?folge ’?für das Kind ward die öffentliche Schule die Schule xr/.r ׳»'/׳. die Religionsschule etwas Minoerwertiges, Nebensächliches. Und dann: wenn andere Kinder froh sind, die Schule oerlaffen zu lönnen. müffcn die unseren, schon ermüdet und ad gemattet, mit einer Materie sich beschäftigen, die die volle Aufmertsamkeit des Lernenden fordert, oft in noch böherem Maße als der profane Unterricht. Wenn das weitverzweigte, vielumfaffende Thorastudium sich begnügen muß mit dem Abfall der dem Schüler zur Verfügung stehenden Stunden, wie kann es dann zu seinem Rechte kommen und dem Kinde jene vor׳ tresslichen Schätzt geben, mit welchen es für das Leben ansaerüsici werden svllle! Diese und mehr Tragen erhielten eine kleine Sckar gesetzestreuer Je hildim in banger Sorge und ließen sie warnend ihre Stimme erbeben gegen die Aushebung jüdisch-ton feffioneller Schulen. Das damaliae Haupt des Amsterdamer Rabbinats. der Rabbinatsaffeffor Josef T s e w i Hirsch s. A., nahm unter ihnen eine erste Stelle ein. Wiederholte Male wies dieser energische .Kämpfer für das traditionelle Judentum auf die Gefahr hin. welche dem jüdisch-religiösen Leben von der Seite der nenkalen Schule drohte. Seine Stimme fand wenig Widerhall. Der Liberalismus mit seinen Aimultanschulen hatte selbst die Edelsten und Besten, die angesehensten Männer der Orthodoxie berauscht. Allerdings war diese Erscheinung erklär lieh. Die Illusion der Gleichberechtigung, der Men'chenoerbrüderung. der gegenseitigen Würdigung aller als Bürger eines Staates hatte sie blind ge macht für die bedenklichen Konsequenzen dieses Schulsyslems. Im öffentlichen Leben eins sein mit allen anderen, und dies schon von der ersten Jugend, o das wäre ein solch herrliches Ideal! Und warum sollte dies nicht erreicht werden können, ohne Schaden für die Religion? Bietet dos Gesetz nicht eine Garantie oeaen Verletzung der Neutralität? .... Aber der Rabbinatsaffeffor Hirsch und mit ihm die Wenigen, die für das Alte in die Schranken traten, saben tiefer, unendlich weiter, s i e waren ייאי; אד, ו״־ייד und die Resultate haben ihre Behauptungen und Befürcktunqen leidrr nur allzusehr bewahrheitet. Die reli a׳'öse Gesinnung ward nach und nach schwächer Thoratenntnis und Gesetzestreue nahmen ab, Tugenden, wie Ehrfurcht vor Königtum und Obrigkeit waren nicht mehr Allgemeingut, das ־.ע־ב• בד־ם'

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