Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 10 (8.3.1906)
- Date
- 1906-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9886717--0195-7374705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AtlslXlelf uni JLef> n<\w lllluslrierle Beil Üsraelif 03c zum Line Rkisk öurch Ruhlsnö. I) u sechs Abbildung« n). leinen anschaulichen Reisebericht hat Jack M. Myers, der in Begleitung der Hiffskommission seiner Zeit die Stätten der russischen Pogrome bereiste, im londoner Jewish Ehronicle veröffentlicht, dein wir einige markante Stellen entnehmen. Petersburg zeigt in seinem Acußcren nichts, was aus furc&tbaren Sot&onA? btnbcutstc, bis in btt!c&itt! Zeit das Leben der Hauptstadt erschüttert haben. Äir kommen zu der Brücke, wo Plehwe noch nicht lange von der mörderischen Bombe in tausend Stücke zerrissen wurde, zu dem Fluß, über den die entsetzte Menge sioh, als sie bei jenem denkwürdigen Zug zum Winterpalast von dem Gewehrseuer der Kosaken empfangen wurde, zum Newsky-Prospekt, mit seinem wogenden Berkehr, vergleichbar dem Leben und Treiben ״Unter den Linden" in Berlin oder zu Picadilly in London, nichts hat sich verändert, alles trägt noch dasselbe Gesicht, wie fünf Jahre vorher. Auch die Bevölkerung, mit all ihrer Indolenz, ihrem Fanatismus und ihrem Aberglauben, scheint noch auf derselben Stufe zu stehen wie vor Jahren. Man bemerkt keineu Fortschritt, keine Spur einer Aufklärung, einer kulturellen (Entwicklung. Und man ist neugierig, ob die sozialen und politischen Stürme der Gegenwart vielleicht eine Entwickelung in dieser Richtung anbahnen werden. Rur die geheimen Zusammenkünfte der Streikkomitees, der Umstand, daß die Eisenbahnstationen von Kosaken, jenen ebenso robusten wie geistig tiefstehenden Getreuen des ZarentumS, bewacht werden und fast jede jüdische Familie und zahlreiche Häuser der vornehmen Gesellschaft ihre Frauen und Kinder ins Ausland, wo Leben und Eigentum beff'er gesichert ist, gesandt haben, zeigten, daß der Bau des SlaatswesenS von ernsten Riffen bedroht ist, die sich immer zu erweitern streben und den schließlichen Zusammenbruch herbei führen werden. Weitgehende Förderung ward der Kommission in Petersburg zu teil von seiten des Personals der Jewish Kolonisation Assoziation, unter der Leitung des Herrn David Feinberg, des Generalsekretärs der Jca in Rußlano. Zwei Tuge lang Ivtltdr die Tätigkeit der Asso- Kation selbst gänzlich eingestellt, und di: Dienste der Beamten der Kommission zur Verfügung gestellt. Herrn Feinbergs umfassende Kenntnis Rußland- (er hat mehrere Male jede von Juden bewohnte Stadt besucht) und der Lage der jüdischen Bevölkerung, sowie seine persönliche Bekanntschaft mit den Mitgliedern aller Komitees, mit denen die Kommission in Berührung kam, machten seine Dienste äußerst schätzenswert. Auch die Herren Baron Kiinzburg. Warschawski (ein früherer hoher Regierungsbeamter) und Kaminka (Direktor einer hervorragenden russischen Bank) vom Petersburger Komitee haben sich in sehr anerkennenSwerter Weise betätigt. Mr. Spring Rice erwirkte eine Audienz beim Grasen Lamsdorff, dem Minister des Aeußern, in Verwüstetes Interieur in Kiew. welcher ihm besondere Vergünstigungen für unsere Reise in Aussicht gestellt wurden: eine ähnliche Zusage gab auch Gras Witte. Bon Petersburg reiste die Kommission nach Moskau ohne andere Unannehmlichkeiten, als sie eben eine lange Fahrt in einem schlecht gelüfteten, unvollkommen deleuchteten Bummelzug mir sich bringt. Das große russische Industriezentrum zeig: in seinem Aeußeren wenig Bemerkenswertes oder Auffallendes. Es ist kein Vergnügen in den engen, niedrigen, den Insassen hin und her ׳chüttelnden, allerdings schnell fahrenden Droschken durch die schmalen, schlecht gepflasterten, sehr schmutzigen Straßen zu fahren. Der Anblick des ungeheuren Kotes der Fahrstraße wnd abgelost durch di: Aussicht auf di: nrnt-kt-n bunten Kuoveln der moschee-artigen Kirchen: und die alle Krcml-Oitadelle mit ihren berühmten Glocken. Türmen. Kapelle», Palästen und Toren, in deren Nähe der Großfürst Sergius buchstäblich in Atome zerschmettert wurde, lohnt einen Besuch. Jndeffen scheint Moskau im übrigen wenig Interessantes oder Schönes zu haben, daß man darüber vergessen könnte, daß es den Mittelpunkt der revolutionären Bewegung bildet, und der Schauplatz vielen Blut- Vergießens und großer Wirrnisse gewesen ist und noch sein wird. Die Kommission kam gerade zum Schluß des Zrmftwo-KongresseS in Moskau an. Ter Kongreß halte einmütig, ohne Debatte, Resolutionen angenommen. worin die vollständige und sofortige Emanzipation der Juden und die Bestrafung der Beamte» gefordert wird, deren Schuld an den Greueln sestgestellt worden ist. Wäbrend der Reise halte man es oftmals zum Ausdruck gebracht, daß. die fortgcschrittenen Intellektuellen, die an dem Kongresse teilnahmen, größtenteils ״Schwätzer" seien und daß die bloße Annahme von emphatischen, heftige» Resolutionen nicht viel ausrichten werde. So viel ist sicher, sag die rcoolutionäre Bewegung keinen Mann hervvrgebracht hat, von dem man sagen könnte, daß er unter seinen Genoffen als eine mutige, fähige und zur Führerschaft geeignete Persönlichkeit hervorragr. Die blühenden Gewcrvt der Moskauer jüdischen Bevölkerung hatten noch keinen Pogrom erlebt. Daran war hauptsächlich schuld die kluge und freigebige Art, wie man die Maschinerie der Behörden zu ölen gemaßt hatte. lieber 100 000 Rubel waren in der Stadt als Hilfsfond gesammelt worden, und daS dortig: Komitee war sofort bereit, die Aktion für eine Anzahl der von den Pogromen betroffenen Städte in die Hand zu nehmen. Tre Kommission übertrug ihm die Fürsorge für die Gouvernements Tschernigoff und Mohilew und die Mehrheit der außerhalb des AnsirdlungSraymiS liegenden kleinen Städte. Herr Rechtsanwalt Gorkavu ist der Präsident des Komitees. <5r begleitete wadrend des Besuches der Kommission seine Familie ins Ausland, und die Kommission traf ihn in Berlin. Seine Vertretung besorgte Dr. Fuchs, ebenfalls e«n Jurist. Der vierzehnjährige Sohn de? Herrn Fuchs wurde damals gerade verhaftet und deS Besitzes revolutionäre ס,,*}«.) ",.}"*ס.;"♦ .m,n >״״״ r,<* mtHrnnfm. wgS W|UfU«Vlty*• i/IU«• kUiin , .. die Eltern emoianden. als der Schwerverbrecher unier der Bewachung zweier Polizriosffziere nach Hanse kaw.