Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 10 (8.3.1906)
- Date
- 1906-03-08
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 1". Lette 12. Ter Israelit. Marz llKwi leistet wird, dann gibt eS keinen Ausgleich. Der sittliche Wille steht höher als das Geld. Auch das muß die früheste Jugend schon wissen, wenn wir sie nicht ohne Ideale ins Leben entlassen!vollen. (Fortsetzung folgt.) vir jüdtsdir frau der Gegenwart. .Durch dar Verdienst frommer Frauen wurde Israel erlöst, und durch ihr Verdienst wird wieoer der Welt die Erlösung zuteil werden," lautet ein alter Spruch unserer Weisen. Dieser Ausspruch widerlegt wohl am besten den häufig erhobenen Vorwurf um serer Gegner von der Zurücksetzung der Frau in unserer Gesetzeslehre. Der ruhige Blick des Forschers erkennt leicht, daß die Achtung vor der Frau. der Mutier und Erzieherin des kommenden Geschlechts so selbstverständlich ist, daß sie nicht der Erwähnung bedarf. Es ist eben mündliche Ueberliejerung, daß während der Wüstentvanderung dir Frauen sich frei hielten von dem Abfall von Gott; sie betraten den Boden des heiligen Landes und ivaren ihren Kindern die Augenzeugen der Wundertaten. Es gibt wohl keine schöneren Verse zum Preise der Frau, als jenes Lied aus den Sprüchen Salomons, das ja noch heute am Freitag Abend, jenem höchsten Begriff echt jü׳ bischer Empfindung, gesungen wird, nach .Schul", wenn der freudige Blick über die versammelte Famil'e, über den gedeckten nrw Tisch — ד׳ ':eS השלח? אמי m — schivrift. Also das ist die Aufgabe der jüdischen Frau! Tie darf dafür sorgen, daß für den lieben Mann der Tisch schön bereitet ist. daß die Lieblingsspeisen reckt nach Geschmack sind, und — last not least — daß nicht etiva irgendwo ein Knopf fehlt, oder sonst etwas an der Toilette nicht in Ordnung ist. denn sonst ist es leicht um die schönevre׳ Stimmung geschehen! Ja. auch das gehört zu den Pflichten der jüdischen Frau: sie sorge dafür, daß jeder im Hause dem rar frob entaegensebe, daß keine Sorge und besonder» kern kleinlicher Aerger diesen Höhepunkt unseres Familienlebens störe. Wer ein echtes jüdftches Heim kennt, weiß den bedeutenden ethischen Wert gerade dieser Freitagabendbehaglickkeit zu schätzen, dieser Stunden, die eine Seligkeit empfinden lasten, unvergeßlich für jeden, der sie gekannt fat. lind der Mittelpunkt dieser Stimmung ist die Haus׳ frau. die Mutter. Sie sitzt vielleicht in ihrer Sofaecke, hält das?vohlrerdiente Schläfchen nach des Freitags Müh. man lernt, liest die Sidrab: alles ist voll des Behagens, das. ihr selbst am »wenigsten bewußt. von ihr ausstrahlt. Es sind nickt immer die klügsten, gebildetsten Frauen. die den bedeutendsten E:״sluß aus ihre llmaebung ausüben, an denen auch die erwachsenen Kinder am meisten hängen, deren Bat und Beispiel noch für die Erziehung der Enkel maßgebend ist: die Mütter sind es. die Iraner, d'ren Dichten und Trachten nur das Glück anderer ist. Sie verlangen nichts für sich vom Leben, daher empfangen sie um so reicher: lein Unglück kann sie niet׳eldrücken, da sie für sich nie sorgen und in des Dasein? schwersten Augenblicken in dem Bemühen um andere den eigenen Kummer Nergesten Jbi-e!^,tbstsostokeit ist ib׳׳ schönster Lohn. Der Wer! dieser Frauen ist nn- H־iKiiu>ur, ihr Leben wirk? wenr als die geistreichsten Auseinandersetzungen unserer theoretischen Altruisten. Der Gedanke an die edle, selbstlose Mutter ist der ׳este Schutz unserer Söhne beim Hinanstreten ins 'eben eine reine, vor jedem Schmutz bewahrte Jugend ,er wertvollste Fond für die Zukunst. Die Fra». >ie auch anderen ihr Heim öffnet und es versteht, nnaen Leuten, ftrn vom Elternbausc. bänsliches Bebaa»n zn gewähren, tut damit ein ebenso edl׳? Werk wie der Rabbi, der allabendlich leine Schüler rum Lernen um sich versginmelt Wie manche Eltern ״wen sorgenb-sreit auftitmen,?nenn sie ibr Kind in '׳er Ferne als gerngesevenen Gasi aleickaesinnter Familie nisten. Mit dem Eintritt Fremder — sc'bstvriliäiid'v!׳ religiös Glcickigesiiinirr - erweitert stch auch der i^^chtskrtis der eigenen Kinder׳ sie lernen andere Sitten und Lebensanschauungen kennen, und im Austausch der Ansichten gewinnt das Denken klare Gestalt. So finden wir auch stier, daß ''׳Kden den Spender und Empfänger stereichert. Tief in der menschlichen Natur begründet ist das Bednr» nis von dem aeistiaen Besitz lve»terz»>׳e!׳en. der richtrgen Erkenntnis dessen erwachsen vielleicht die größten sozialen Erfolge. Die allwachsenden Forderungen des Lebens stellen die höchsten Ansprüche an jeden Einzelnen, und auch das junge Mädchen, dessen Aufgabe früher darin bestand, durch Hilfeleistung im Haushalt der Eltern oder Verwandten sich auf den künftigen Hausfrauenberuf vorzuberciten, ist jetzt oft genötigt, selbständig 'in den Kampf ums Dasein einzutreten. Das frohe Bewußtsein, aus eigenen Füßen zu stehen, erleichtert die Arbeit, der Charakter wird gestählt, die Begriffe erweitert. Die Befürchtung, die echte Weiblichkeit möchte bei der Männerarbeit verloren gehen, hat sich als übertrieben erwiesen. Hochsinnige Frauen fanden auch hier den richtigen Weg, um den arbeitenden Mädchen einen Ersatz für das Elternhaus zu geben: sie begründeten die Mädchenheime, in deren gemütlichen Räumen die Mitglieder die arbeitsfreien Stunden verbringen können. Sie finden dort mütterliche Freundinnen, die ihnen gern mit Rat und Tat zur Seite stehen ihnen auch Anleitung zur geistigen Fortbildung und zur Beschäftigung mit weiblicher Handarbeit geben. Ain Schabbos steht das Heim den ganzen Tag offen, und die Möglichkeit zur Bereicherung des jüdischen Wissens wird dem Suchenden gern gewährt. Das in jeder Frau vorhandene Muttergefühl findet leicht den Weg zum Herzen, und der schönste Lohn ist das Bewußtsein, unserer Jugend im Kampfe gegen die Versuchung in religiöser und sittlicher Beziehung beizustehen. Auch der Unverheirateten erwächst iin Dienste der Nächstenliebe mit der Uebernahme dieser Pslicksten eine Befriedigung, die die berühmte ״aUe Jungfer" früherer Jahre nicht gekannt hat. Hat ji: nicht das Bedürfnis, sich durch eigene Arbeit erhalten zu müssen, so verivertet sie gern ihre Kräfte für d«׳ Allgemeinheit. Es kann ja nicht genug mitgcarbeitct werde» auf sozialem Gebiete, und gerade diese Arbeit entspricht wohl a!n meisten der Natur der Frau. Als die Notlage i?n?ner mehr Mütter zwang, sich den ganzen Tag von ihren Kindern zu trennen, um das Notdüiftige zum Leben zu verdienen, erwuchs die Frage r!!n dir Versorgung der Kinder, sic und uns zu schützen vor ihrem moralischen und körperlichen Verderb. Man gründete Kinderkrippen, Kindergärten für die Kleinsten und Horte zur Beaus sichtigung der Schulkinder. Größientcils freiwillige Kräfte bieten sich hier als Helferinnen an. Gerade dieses Feld is? es. das der Unverheirateten die größte Freude gewährt: hier sindet sie den Ersatz »ür die Mutterfreuden,׳ die das Schicksal ihr versagt hat. Ter Anblick der hilflosen Kleinen eriveckt die tiefsten Gefühle, jede Mühe belohnt sich durch das Gedeihen der Kinder, die Kleinen verlangen selbstlose Hingabe, aber sie zahlen mit dem .Köstlichsten. Unschätzbaren, ihrer Liebe! Ost drangt sich schmerzlich den Pflegerinnen der Gedanle auf an diesen Raub, den sie an den Eltern begehen müssen. Diele Arbeit ist das echte Gcmiluth Chest'ed. und wie uns die Thora gebietet, den Zehnten unseres Verdienstes den Armen zu geben, so sind ihre Lehren durchdrungen von dem Gedanken, auch einen Teil unserer Kraft zu verwerten für den ihrer Bedürftigen. Mit freudiger Genugtuunq sehen >vir diese Erkenntnis sich Bahn brecken auch bei Nicktiuden. und wenn wir noch weit ent fernt sind von dem Ideal des Zedek. das die Thora lebri. so sehen wir doch die hohen ethischen Grduukri» des Judentums, Besitztum der Menschheit werden. £twas von jüdischer wokltätigkeitspflicht. (Fortsetzung.) Ungewöhnliche Zeiten heischen außerordentliche Mittel. Die Notlage des Lebenskampfes iveckt im Individuum die Kraft, ihn zu bestehen. Das Be!vußlsein der Leistung aber löst den Anspruch auf Beir-ertuttg aus. Srlbslüiivigkeit und Freiheit bilcen die Pflicht und die Forderung unserer Zeit. Und wie der Ruf der Pflicht an jeden ergeht, ohne Unterschied des Geschlecktes, so tönt der Freiheitsrus aus aller Herzen. Ist die Freiheit nicht gerade der mäcktigsie Hebel zu vornehmer Erzieh»!»«», zu bewußtem Wandel in LiUe und Reckt? Mit der Befreiung der Geiaiinluslheit und der Einzelnen begann Gott die Gründung unseres Voltes, und Freiheit legte er als Grundstein unseres Volksgebäudes. Die Behandlung der Menschen als gleichberechtigten, freien Bruders is! die sicherste Garantie für das Gelingen seiner Leitun.׳ zu den höchsten Zielen der Menschwürde. Ach. daß das nur die Sozialpolitiker der Staaten erkennen und daß nur die Nichtjuden ringsum sich keine Mühe verdrießen lassen uno keine Opfer scheuen, das Men schendewußtsein im Menschen zu Pflegen, und daß wir, die Herolde der Freiheit im Sklavenlande der Pharaonen, unseren armen Brüdern und armen Schwestern nicht gewähren und nicht geben, was 'wir in unserer Gesamtheit mit Recht von unserer Umgebung verlangen! Haben wir genug getan, wenn wir Thora lehren und verbreiten im Kreise der be güterten Brüder, haben wir unserer Pflicht genügt, wenn wir Abend für Abend Vorträge halten? Unsere Weisen ernannten tiefer das Leben, wenn sie meinen, ״gerade die Söhne der Armen in Ehren zu halten, denn von diesen gehe die Lebte aus in Israel." Unsere ״Damen" sitzen aufhorchend im Vorträge und ״erbauen" sich an Geist und Erhabenheit des Thora Wortes, ivenn nicht gar nur am Organ und dem Auf treten des Vortragenden, und unsere ärmere Schwester, die einer Lebenswürze, einer Abivechselung und Aufmunterung viel eher in der Eintönigkeit und Fesselung ihres Lebens bedürfte, steht am Herde und würzt den Braten, dainit der Tisch gedeckt ist, ivenn die Herrschaften nach Hause kommen und schon wieder vergessen haben, daß sie eben ״so schön" vernoinmen haben, daß es in Israel keinen Klaffen- und Rang unterschied gebe. Was die Vorträge gefrommt, das werden die ״Dienstboten" am besten begutachten können. Die berüchtigte ״Dienstbotenklage" wird wohl häufig inehr eine ״Herrschaftsklaae" sein. Je mehr Freiheit, desto mehr Gegenseitigkeit. Je mehr Freiheit, desto mehr Empfänglichkeit. Je mehr Freiheit, desto niehr Lust und Liebe zu ihrer Erwiderung. Beschämt müssen wir gestehen, daß auf diesem Gebiete von uns Juden — in Deutschland wenigstens -- unseres Wissen nur noch in einzelnen Städten etwas geleistet wird. Mit Hochachtung bewundern wir es. wie auf den Bahnhöfen bei Tag und bei Nackt, bei Wind und Wetter Damen aus nichtjüdischen Kreisen ihres hohen Amtes walten, unbekannte Menschen schiveitcrn, die unerfahren reisen, zu erwarten, um sie in siechere Obhut zu geleiten und mit Rat anszurüsten: wie die verfallensten Schlupfwinkel des Lasters aus gesucht werden, uin gefallene Menschen wieder der Gesellschaft und sich zurückzuschenken: wie die ersten Stänre an den Haussestlichkeiten von Mädchen- Heimstätten, die nebenbei mit allen Einrichtungen der Bignemilchkeft und Wohnlichkeit ausgestattft sind, teilnehmen, um einen Freudenstrahl in das ooppeli empsinosaine Herz der ״Abhängigen" zu senken und ihnen das Gefühl des freien Menschen zu erhalten: wie die Religionsgemeinschaften die ׳l»r'.׳m Glaubensbekenntnis angehörenden ״Dienstboten" an freien Tagen um sich und ihre Geistlichen scharen, sie in Bibelstunden und Stunden der Geselligkeit zu sammriihaltrn, Feste und Ausflüge veransiasten, um sic so von dem entsittlichenden Leben bei Bier und Tanz zurückzuhalten und ein richtiges Gefühl für Edles und Gutes auch im ״Dienstboten" zu erhalten, zu pflegen und zu fördern. Und was tun die jüdischen Kreise für die >.bm Religionsgemeinschaft angehö-rendrn Dienstboten' Zaghafte Anfänge hat man gemacht, die Verkäuferinnen vor dem sicheren sittlichen Untergange zu retten. Aber weder ist schon genügend das Augenmerk auf die Notwendigkeit des Eiugnsss gerichtet, noch ist häufig der Versuch gemacht worden, bei solchen Ver anstaltunaen, ivo sie getroffen wurden, im Sinne des jüdischen Gesetzes für die Heiliqhaltnng des Schab bos zunächst und siir die Beachtung des Religionsgesetzes in seiner Gesamtheit Entsprechendes in's Werk zu setzen. (Fortsetz, wlat.1 Briefkasten. Für das russische Histswerk von Herr» .Eppstein in «och Mk. 10. T—0 in R. «Bauern»: Ter m Ansührungszeichcn ge setz'e Latz in de», Artikel ״Josephs Brüder vor Pharao" i1׳u1 fei!» Eital. Tje Hefte des ersten Jahrganges sind bei der Redaktion erhältlich