Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 10 (8.3.1906)
- Date
- 1906-03-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ar. 11». Stile 4. Ter Israelit. strengung erreicht; — sie waren hoffähig. Für diese Hoffähigkrit mutzte aber auch ein Preis bezahlt wer» den. ein Preis, der den Wert der Errungenschaft bei weitem überstieg. Wollte man an der!öniglichrn Tafel teilnehmen, sollte man bei Hofe erscheinen, so mutzte man selbstredend etwas vom Judentum zu- Hause lassen. Man durfte doch nicht auffallen; war der König so gnädig und tolerant, ein Auge zuzudrücken, so durften doch die Juden nicht nachstehen. Es war jener verhängnisvolle Wahn, der hier wirkte, daß das treue Festhalten am (besetze eine Sache sei, der man sich zu schämen habe. Nicht die Treue, nicht das entschiedene Ausharren im jüdischen Berufe, nicht die unerschütterliche Anhänglichkeit an das gottge» botene, eigentümliche jüdische Leben zieht uns die Feiudse'.iakrit der nichtjüdischen Welt zu. Wären wir Juden, rolle, ganze Juden, erfüllten wir unsere jüdisch« Pslichten in der ganzen herrlichen Fülle des gottgezeichneien Lebens, so würde es niemanoen wagen, uns auzutasten. Selbst ein Haman hält es für nötig, dem König zu versichern .ישנו מן דסצדי das׳, dieses Volk. das, was es zu einem jüdischen Volke macht, die Pflichten ihres Gesetzes, längst ausgegeben hat. Unsere Ahnen hätten nur einen Blick in die Veraangenheit werfen müssen und das ganze Törichte ihrer Handlungsweise wäre ihnen zum Bewusstsein geko-imen. Sie hätten sich nur die eine Frage vor ׳ legen inüssen, wieso gelang es unserem Stammvater Jakob die Aegypter derart für sich einzunehmen, dass sie um ihn trauerten, wie sie vielleicht nicki einmal ihre Nationalheroen beweinten. Siebzig Tage dauerte dieser אבל כבד '4«דיש die Nationaltrauer Aegyptens um einen Juden' Was war es anderes, als ocr heilige Wandel unseres Stammvaters, seine Redlich keit und Necht'.ichkeit im sozialen Verkehr, der Adel seiner Gesinnungen, die hebre Reinheit seines Cbaraklers — mit einem Worte — seine indische ׳Lvelianschauung und die Betätigung dieser Anschauung, die ibm die Verebrung seiner Zeitgenossen sicherte. Hätte er nur etwas von seinem Judentum preisgtgtl>en. er hätte diese Achtung nicht verdient und auch nicht gesunden. Diese siebzig Tage der ägyp t,scheu Trauer um Jakob hätten den Nachkommen Jakobs als Lehre und Warnung dienen sollen, hätten ihnen sagen müssen, vas; sie sich der Freundschift des Königs nur dann würdig enveisen. wenn sie weiter an ihrem Gesetz« iesthalten. Ihr entgegenkommender Abfall gab Haman eine wirksame Masse gegen sie in die Hand. Als >-er König aus Furch vor dem Schick «al derer, die schon früher die Juden veriolgt, und dabei schlimme Erfahrungen gemach hatten, die Judrnmassakrcs vermieden sehen will, gibt Haman zu. t-aß diele Furckt berechtigt sei, er meini aber zu-;ressend, mit den Juden anzubinden, könne nur ge säbrlich sein, so lange die Juden wirklich Juden sind. Ader diese Juden haben schon vieles von ihrem Judentum vreisgrgeben und nun kommt das Schlimmste. Dieselben Juden, die ibr Judentum vreisaegcdrn. .,crft'ürn die Gesetze des Königs doch nich. indem sie das ganze Jahr hindurch die Worte in: Munde führen: שבח -יש ששח יייב e? ist heute Sabbat. es iss heute Pesack" Haben sie so vieles, ja da? Meiste vom Judentum preisgegeben, warum denn io eigensinnig an de!,׳, letzten Wenigen fesil,allen? .~ישנו ש: ־שצ und doch :r: ־את --.י דשי4;־ אינש das war die wirksamste Waffe Hamans und ist auch heute noch eine wirksame Waffe der Judenfeinde. Die siebzig Tage der Angst und des Schreckens, die zwischen dem Briet׳׳ Hamans und dem Briese Mordechais lagen, rollbrackten da?, was ein Blick aus die siebzig Tage der ägyptischen Trauer um Jakob hätten vollbringen sollen. Die Tage der Not belehrten sie, dass der Ab fall ibnen nichts genützt hatte, dass er im Gegenteil zu einer Waffe oer Vernichtung gegen sie sich kehrte, und sie begriffen den ganzen Sinn des zweiten Brieses, dass es für sie kein anderes Heil gibt, als ידידי4 "4עשי־ rrc: A» sich, zu sammeln und fest bei ihrer Person lichkeii bei ihrer Individualität »nd Eigentümlich keil u verharren. Mögen uns diese Worte der Mabnung in unser Fest dineinbegleiten. Festbalten an der jüdischen Eigentümlichkeit, am jüdischen Wesen. 4עשו־ עי4 נסשש», iss das einzige Mitlel. um uns zu erhalten. Ent lernen wir uns nur um einen Sckritt von den Grund- Knien unserer Bestimmung, so ist der ganze Boden, auf dem wir steken. unterwühlt. So lange wir Juden sind, haben wir nichts zu sürchtcn. hören wir aber auf Juden zu sein, dann kommt der Schrecken ohne Ende, dem ein Ende mit Schrecken folgt. Bebrrzigen wir die Lehren der beiden Briefe, dann zieht auch in unsere Kreise Licht, Freude. Wonne und Würde ein. .לידדז־ים דיתה אירה ושפחד. לששק דקד ב) תחיי לנוי imd Hatfortefeten. Deutsche» Reich. Berlin, 3. März. Im Architektenhause fand heute die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Theodor Barth, betonte in seiner Eröff nungsrebe, der Kampf sei leider noch nicht überflüssig geworden, da der Antisemitismus nach dem akuten Stadium in ein chronisches eingetreten sei. Aber ge rade bas ist gefährlich, weil es zu einer bedenklichen toleranten Gleichgültigkeit führt. Unsere Mittel sind die der Auftlärung. Dazu dienen uns unser Bei einsorgan, die ״Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Weiter der ״Arni emitenspiegel". der Volkskalender ״Der gute Käme׳ rav". Wir icrnoirn Redner ins Land, beteiligten uns an Wahlen, wo es galt, Antisemiten aus dem Felde zu schlagen. lieber die ״Kriminalität der Juden in Deutsch >and" referierte in einem l'^stündigen Vortrage Geheimer Justizrat Professor Dr. Liszt. Wir dürfen uns davon überzeugt halten, dass jedes Ver brechen beruht: 1. in individueller anthropologischer Eigenart, und 2. in den äußeren gesellschaftlichen Verhältnissen. Unter diesem Gesichtswinkel muß >nan auch die Kriminalitätsfrage der Juden betrachten. Redner legt drei statistische Uebersichten vor, die der deutschen Reichsstatistit entnommen sind. Im' allge meinen entfallen auf 100,000 strafmllndige Zivil Personen der gleichen Religionsgesellschaft auf Juden weniger betroffene Personen als auf Christen. 1882 waren es überhaupt 99*. bei den Evangelischen 944. bei den Katholischen 1078, Christen 991 und Juden 844. 1901 überhaupt 1222, Evangelisch« 1117. Katholische 1412, Christen 1222 und Juden 1053 Personen, lieber die Beteiligung der Juden an ein zelnen Delikten erirtiert folgende Statistik: Dir Zahl de: im Durchschnitt der Jahre 1892 bis 1901 u«rurteilten Christen verhält sich bei den nachgenannten Delikten zu der der Juden wie 100 zu 1400 straf barer Cigennuh (Veräußerung von Lotterielosen gegen Teilzahlungen, Uebervorteilnna Minder!ähriger. Vorenthaltung des Rechnungsauszuges bei Geld und Kreditgeschäften und andere Fälle), 1300 Wucher. 1100 Vergeben gegen das geistige Eigentum, 8:>0 betrügerischer Vanterott, 730 verbotene Be schästiaung von Arbeiterinnen und Jugendlichen, 680 Sonntagsruhe und Ladenschluß, 6I0 Konkurs delikte und Bankerott, 490 Hehlerei in Rückfällen. 470 Nahrungsmiiirlsäischuiig, 400 grwerbsüttd gi wohnheitsmäßige Hehlerei. 360 Zweikampf, 340 Unterdrückung von Urkunden, 330 Verletzungen fremder Geheimnisse, 33 schwerer Diebstahl. 33 ge fährliche Körperverletzung, 30 Gewalt und Bedrohung gegen Beamte. 24 einfacher Rückfall in Dieb stähle, 24 Sachbeschädigung. 23 Widerstand gegen die Staatsgewalt, 22 schwerer Rückfall in Diebstähle. 21 Blutschande. 21 Raub und räuberische Erpressung, 20 fahrlässige Eisenbabngefährdung, 18 Brandstift׳ ung, 18 Amtsverbrecheu, 16 schwere Körperverletzung, 13 Befreiung von Gefangenen. 2.9 Jagd und Fischereivergehen. Diese Uebersicht hat den Mangel, daß sic nur die Czireme zeigt. Es fehlen alle die Delikt,, wegen deren ein Jude in zwei Jahrzehnten überhaupt nicht verurteilt worden ist. Dazu gehören: Hoch- und Landesverrat. Unzucht unter Miß *■ Marz brauch eines Vertrauensverhältnisses, Mord, Kinds» t'ötung, passive Bestechung. Den Vermögensdelikten liegt keine Raffen-, sondern eine Berufsursache zu Grunve. Berbrechen sind krankhafte Erschein ungen im Leben einer bestimmten Gesellschaftsgruppe. Landwirtschaft, Industrie und Handel haben ihre bestiinmtkn Straftaten. Das hat Dr. Lindenau im 23. Bande der ״Zeitschrift für Strafrechtspflege" überzeugend nachgewiesrn. Bei den Angehörigen des Handels steht Wucher als Straftat an erster Stelle, 26 mal so stark wie im Durchschnitt die jüdische Br- Vö'ierung. Sie ist am Handel mit 34,56 Prozent beteiligt, die gesamte Bevölkerung Deutschlands nur mit 9,644 Prozent. Dies erklärt die starke Anteilnähme an Len Lermögensdelikten. Die jüdische Kriminalität kann und muß all die Schäden aufweisen, die der Handel überhaupt zeigt. Daneben sprechen noch Wohlstand und Bildung, städtischer oder ländlicher Wohnsitz mit. Die jüdische Bevölkerung unterliegt nicht einer besonderen Raffenkriminalität, wie die Antisemiten durchaus unwissenschaftlich behaupten, sondern sie untersteht dem Gesetze der allgemeinen Kriminalität, die vom Beruf ausgcht. (Lebhafter Beifall.) Zum Schluss wurde der aus 80 Personen bestehende Gesamtoorstand per Akklamation gewählt. Den engeren Vorstand bilden: Dr. Theodor Barth, Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm Förster, Stadtrat H. Flinsch und Charles Hall gartcn-Frankfurt a. M. Aus S ü d d e u i s ch l a n d. (Rituelle Verköstigung bei der palästinenfischen Gesellschaftsreise.) Ein Bekannter ist durch mich veranlasst worden, die für den Februar ursprünglich geplante Reise nach dem heiligen Lande mitzumachen. Da ihn sein Weg ohnedies nach Jialieu führte, setzte er sich mit der Direktion in Verbindung, sich der Gesellschaft von dort aus anzuschliessen und!»«gab sich bereits im Januar nach Italien. Ich weiß daher nicht, ob der Herr die Februarreisr in fahrplanmäßigen Zügen und Darnpfern mitmacht oder ob er sich dem für Ende April projektierten großen jüdischen Reisezug in Separaizügen und -Dampfern anschließt. Das aber »reiß ich. dass ich zu keiner Reise angeregt hätte, bei der für rituelle Verköstigung nicht die er forderliche Fürsorge getroffen ist, wie sie z. B. die Persönlichkeit des Herrn Oberrabbiner Horowitz aus AUo-Kubin garantiert. Ich sehe nun aus einer Budapester Notiz in der jüngsten Nr. des ״Israelit", dass dir rituelle Ver köstigung dieser Tebruarreise nicht der Inspektion des Herrn Oberrabbiner Horowitz untersteht. Das hätte aber die Direktion vorher erklären müssen, nachdem sie diesen Namen einmal durch so grosse Reklame mit der Februarreise in Verbindung gebracht hat. Die Mitteilung, daß rituelle S o n d e r ein ricktunaen bei fahrplanmäßiacn Zügen und Dampfern unmöglich sind, schließt ja die Annahme nicht aus, daß für rituelle Küche genügend gesorgt sei, auch ohne Sondereinrichtungen. Daß das aber tatsächlich nickt der Fall ist. liegt auf der Hand Ich wüßte nicht einmal, wie dem Religionsgesetz eni sprechende Milch zu beschaffen wäre. Auch die Kon fernen, aus ivelche verwiesen wird, sind für gewissenhaste ׳irdische Reisende nicht genießbar, wenn nur das Fahrkarten Bureau der Kgl. Ung. Staatsbahnen sie für rituell zulässig erklärt. Cs wäre unter diesen Uinstönden eine öffentliche recktsgiiltige Erklärung der Direktion am Platze, wenn wenigstens bei der Aprilreise die rituelle Ver köstigung der Aussicht einer allgemein bekannten und religiöses Vertrauen genießenden Persönlichkeit unterstellt ist. Frankenthal. Zu der in unserer vorigen Nummer besprochenen Blättermeldung, wonach Herr Kantor Levy aus Frantenthal in einer Berhandluirg des dortigen Landgerichts das Gutachten abgegeben habe, das Sukkothfest sei kein eigentlich religiöses Fest, sondern stelle eine Art Kirchweih dar, veröffentlicht Herr L. folgendes Schreiben, durch das die Angelegrnheit ivesentlich verständlicher erscheint, wen« wir auch seinen Standpunkt nicht in allem teilen. Herr Levy sckreibi: ״In der Annahme, daß Interessenten der hier