Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 10 (8.3.1906)
- Date
- 1906-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. I" Ter Jrraetit. Seile 2. De^ vergangene Donnerstag war für die preußisch,e Iudenheit ein Tag von besonderer Be deutung. Die Kommission des Abqrordne'enhousee. die dos Schulgesetz berät, verhandelte nämlich über ven g 24 des Regierungs-Entwurfes, der dajüdische Po!?Ssch׳.!!wesen regelt. Nach den Benimmüngen des Entwurfes sollte die Erkaltung der de stelxnden und die Errichtung neuer jüdischer Volts schulen in das Belieben der Lcchulverbände gestellt werden, was gleichbedeutend gewesen wäre, mit der Auslosung d-er meisten vorhandenen jüdischen Volks schulen und der Unmöglichkeit, neue zu gründrn. Die Kommission hat nun aus Antrag der Konser votiven und Nationalliberalen eine Abänderung des Entwurfes beschloffen. wonach der Absatz 1 -3 des r 24 folgende Fassung erhält: ^,für die Errichtung und U»ter>-a!lung der für uidüche minder bestinunten und »in jüdischen Lehrkräften z>1 de ׳egenden öffentlichen Pollsschulcn gelle» ins aus weiteres die icnt bestebenden Vorschriften mit der Maßgabe, daß der tz ׳.: Nr. :» des Selenes dom 22 Juli Hl? über die Acr bällniffe der 3»de» (Wfi. S. 8. 275) für de» ganze» lim sang der Monarchie zur Anwendung gelangt Werden die in den SS!!' 2:1 erwähnten öffentlichen Volksschulen von jüdischen »»,der» desiicht, so finden in Ansebung der Ausbringung der Kosten für die Erteilung von lüdischcm Rellgionsunterrichr an denselben und himichllich der Anstellung von jüdischen Lehrkräften an diesen Schulen rum Zweck der Erteilung von ,üdischem Religionsunterricht an die jüdischen Kinder, sowie binfichtlich der anderweiten Beschäftigung der dlerfnr angeficUlen jüdischen Lehrkräfte au diesen Schulen dis aut weiteres die jetzt bestehenden Beflnutuunani Anwendung. ׳Siidip t^rrichtnng und Nurrrhaliung von öffentlichen Volksschulen. an welchen nach ihrer besonderen Verfassung, abgeieden von dem ,falle des 2ldsages 2. christliche und lüdische Lehrer zngle ich aiizustellen sind, bewendet cs bei dem lKstedende» Recht " (?6 bleibt also, wenn dieser Beschlust der Kom Million, woran wohl kaum zu ziveiseln ist, die Zu stimmung des Plenums erhält, im tvesentlichen bei den heutigen Verhältnissen, nur dost der § 07, Nr. 3 des Gesetzes von 1847 auch für die neuprcustiscben Provinzen Geltung erhält. Der s 67. Nr. 3, der, da. wo die bürgerlichen Gemeinden für die Lchullasten aufzukommen haben, den jüdischen Volksschulen einen Zuschuß von seiten der bürgerlichen Gemeinden aewährleistet. hat folgen den Wortlaut: .Wo die Untcrdaltung der Srtsschulen eine Last der bürger lichen Gemeinde ist. baden die Juden im ,falle der Errichtung einer eigenen önentlichen Schule eine Be׳hül׳e aus Komniunak Mitteln zu fordern, deren Höbe, unter Berücksichtigung des Betrages der Kommunaladgaden der jüdischen Einwohner, der aus den Kommunal Kasse» für das Lrbrschulwese» sonst ge machten Verwendungen und der Erleichterung, welche dem kommunal Schulwesen au» der Vereinigung der jüdischen »,«der in eine besondere jüdisch« Schul« erwachst, zu bemessen und l» Gzmaugeluua einer grglichen Vereinbarung von den Ntiniltern der »p-ck^tchefi :c. Angelegeuheitcn und des Innern ^eitzusetzen in״ Auf Antrag der Nationallideralen wurde sodann ' ^zegen die Stimmen der Konservativen folgender Ab satz 4 des z 24 hinzugefügt: ׳ .Liegen dir Borausjetzuugen des S 2L Abs. I für die lübischrn Kindcr vor, so bleibt es den Schulverdände» über lallen, für den Religionsunterricht nach Maßgabe der dort gegebenen Vorschriften zu sorgen. Mache» fie von dieser Befugnis keinen Gebrauch, so findet § <17, Nr. .1 de» Ge setze» vom 2:1. Juli 1M47 «Geseysamml S. 2tl:$) sinngemäße Einwendung " § 21 Absatz 4 bestilnmt, dast wenn beikpirlslveise eine evangelische Volksschule von zwölf ein heimischen katholischen Kindern besucht wird, für diese tunlichst ein besonderer Religionsunterricht an der Schule einzurichten ist. Zu dem Zwecke darf in diesem stalle eine katholische Lehrkraft an der Schule angestrllt werden, welche zur Herbeiführung ihrer vollen Beschäftigung auch mit der Erteilung ander weiten Unterrichts zu betrauen ist. Dasselbe ist nach dem angeführten Absatz 4 bin sichtlich jüdischer Kinder, die eine nichtjüdische Volts schule besuchen, für zuläffig erklärt. Der Schulderband ist allerdings nicht gezwungen, diese Einrich tuna zu treffen, sondern blos dazu befugt. Macht er aber von der Befugnis keinen Gebrauch, so hat er einen entsprechenden Zuschuß zu den Kosten eines von der jüdischen Gemeinde besonders eingerichteten Religionsunterrichts zu leisten. Ob dieser Absatz 4 im Plenum angenommen wird, ist fraglich, da ihn dort die Konservativen zu stzall dringen dürsten. Gin Antrag d«S Hreiherrn von Zedlitz, der für die Höhe des in diesem Hall von der Kommune zu leistenden Beitrags eine andere Normierung wünschte, als sie der erwähnte S 67 Nr. 3 des Gesetzes von. Jahre 1847 vorsieht, wurde von dem Antragsteller zurückgezogen. Von besonderer Wichtigkeit aber ist folgende Resolution, die von der Kommission auf Antrag der Konservativen und Nationalliberalen einstimmig beschloffen wurde: .Tie .Königliche Staalsregierung auszufordern, Mittel in den Staatsbausballsetat einzustellen, um da. wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentlich« Schulen o der seiten» der bürgerlichen Gemeinden durch An׳ »tellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen oder in a »derer Weise gesorgt ist, den Svnagogengemeinden die Beschaffung des jüdischen Religionsunterricht zu erleichtern." Zu bemerken ist noch, dast zwei Anträge der Hreisinnigen. die im Sinne der Denkschrift des Verbands der deutschen Juden gehalten waren, abgelehnt wurden. Wir behalten uns vor, zu den Beschlüssen der Kommission im einzelnen Stellung zu nehmen, so- __._X. März IHnfi bald die Verhandlungen i,» Plenum ihren Ans»,,.- genommen hoben. . * « * ✓ Die ״KonigSberger Volkszeitung" veröffentlich; nachstehendes Zirkulär, das das Königsberger Schu^. tomitee für durchreisende russische Juden an die übrigen deutschen Schächkomitees versande hat: .Ter Auswandercrjrron, von ,ungen Leuten. weich verschiedentlich sogar mit jungen Mädchen, angeblich .f raue, erschrinen. nimm, täglich stärkere Timenfionen an. Naä> unserer Sichtung gehören die Anköniniliiige satt durchwe de», .Bund" a» und sind ganz gewissen und charakterlos: Leute, von welche» unjere russischen Glaubensgenosse» über alle Maßen ,» leiden haben. Die Beförderung dcrartiqei Leute bedeutet nicht» anderes, als eine Leuche überallbin!• verbreiten und unsere Glaubensgenosse» anderer Länder in Grfahr zu bringen. Wir habe« daher beschlossen. die Unler stützung »nd Beförderung derartiger Elemente gänzlich aus zuschließen »nd hoffen wir. daß Sie >u gleicher We,,e vcr fahren. Mit AchlungM Perlniann “ E«gen dieses Vorgehen des Königsberger Komi:ees must von der jüdischen Oeffentlichkeit nach drücklichst Einspruch erhoben werden. Zunächst er scheint es uns gar nicht denkbar, dast das Komitee imstande sei, die Ankömmlinge mit Bestimmtheit als Mitglieder des ״Bundes" zu agnoszieren. Aber selbst wenn das der Hall wäre, so ist damit das Ver fahren des Königsberger Komitees keineswegs ge rechtfertigt. Wir dürfen das umso eher aussprechen als ,vir stets aufs schärfste gegen den Bund und seine nicht nur politisch, sondern auch religiös ä »sters. destruktiven Tendenzen aufgetreten sind. Das Königsberger Komitee ist doch nicht die Stelle, die diese Leute für ihre Verfehlungen zu bestrafen batte. Sie aber zu besseren, ruhigeren Menschen zu er ziehen, dazu dürfte der von jenem eingeschlagene Weg, sie wieder unter den Druck des Zarentums zu zwängen, am allerwenigsten geeignet sein. Theodor Mdeke. Zu seinem siebzigsten Geburtstag. Vor wenigen Tagen feierte die gesamte one» talisch-wissenschaftliche Welt das Jubiläumsfest des 70. Geburtstages Theodor N ö l d e k e s. Es war eine wahre und aufrichtige Kundgebung seiner vielen Schüler und Verehrer, die tiefbewegten Herzens, voller Liebe und Verehrung, den Gefühlen der innigsten Dankbarkeit für ihren großen Lehrer Ausdruck verliehen. Nur sehr selten ist es in unserer Zeit einem Lehrer vergönnt, daß die liebevolle Erinnerung an ihn in tausend dankbaren Herzen so kräftig und unqe schwächt wach erhalten bleibt, wie dies be! Nöldete der Hall ist. Wenn seine unzähligen Schüler und Verehrer noch so sehr von dem Bewusttsein durchdrungen sind, dast sie reichste Geistesschätze aus dem unversiegbaren Born seines Wissens geschöpft haben, so hat doch die j^lemrs MmReilsm. Uw Londoner Sbetto. So» unseren: Korrrsssudenten.) London, 5. März. Vor einigen lagen bat Herr Tajan Heldmann in einer Londoner litterarischen GeseUichasl eine» außcrordenl lich inkercffanlen Vortrag über das Leben und die Arbeit in. Londoner Gastend gehalten, der die Ausmcrksaiukeil wei lerer Kreiie verdienl, zumal Herr Heldin:»»! als einer der gründlichste» Kenner der indischen Bevölkerung des Londoner Ghettos angesehen werden iiiun Ter Redner wies eintci iend daraus bi», wie da» Bild, das man aus den Berichle» der Wob'.latlgkeus Gesel!ichasten und der Statistik von den! Lcdensdurchschnili des Londoner Gast G»b gewinnt. ein durchaus einieillgee sei. Gilt es doch in der Regel nur den äußere» Rahmen von Glend und Armut zu «nasse». um di« Siunpalie und die werktätige Hülse der Außenwell aut zuru'k» Was aber in der Regel ״nberixkfichiigl bleibt, bas ifi da» rege ״nb m seiner An eigeiiiiiinliche :nnerc Leben ,euer 'Arinen. das n»l all seinem Lichie sich umso Heller von de!» dunkel» Hiiilergrund« ihres lraurige» <Se iö-iicke» abbebt,;i״ den wenig bekannten Schichien der toastend Bevölkerung gehört ei» '»»nierdin 2000 Seelen >1»,lallender Kreis von Gbaifidim. innerhalb deilen die ver )chiedenücn Scklen aus Rußland und Galizien vertrete» find Sie alle ׳üblen ׳ich noch »»,»er iinier dem Patronate des ferne» .sabik und Redde und schiäeii ibre Spenden bei jeder »l׳c» diese» ge,׳,igen fubrern ,n die Heimat 3'm religiöses Leben konzentriert sich in den zahlreichen sogenann len ..Gbasfidim Siüblach" und sie zeichnen sich unter anderei» durch eine in bewunderungswürdigem Maße entwickelte Brüderlichkeit »nd Menschenl'ede ans, 'verbiinden mit jener de» Gbasfidim eigentümlichen Freudigkeit der LedenSauf »allung, die von einem »ndegrenzten Gotlvertrauen ge trage» wird. fiinireb» bi« zwanziatansend Inden des Gaffend grup׳ vieren sich um die sogenannten.kleineren Evnaaogen". deren es :!׳> im Gastend gibt. Ihr religiöses Leben äußert sich 11» fieißigen Studium des Gesetzes in den relativ zahlreichen Bol be Midrasch, die mit einer großen Zahl jener Synagogen verbunden find. Tag und üiacht trifft man dort Lernende an und entweder sic selbst oder angestellte Maggidim tragen dort aus de» verschiedenste» Teilen der Bibel und der Ge ietzeslehre vor. Reich eniwickelt ist das Wobltätigkeitswesen und!war das von den Bewohnern des Ghetto selbst geschaffene. Z.ahlrcichc Vereine für Kraukeupsleg« u»d vor allem für Kranken besuche trage» Licht und Liede in die Hauser derer, die vom Leid beinigesucht oder vo» Trauer detrost'e» werden. Tadei nebmen die Vereinigungen der frauen eine dervorragende Stelle eins Gbarakteristllch find dicicnigen Vereiuigunge», die durch GiNäbrurg von klc׳ren Tariehe» »lauchei» arm:» Ge werde׳reib,»den sei» Taicin erleichtern, andere, dir Beiträge zur Mitgift für cnnie Bräuic ousdringe». Auch Sparkaffen iür ,fronen, die ihren Angehörigen zur Zeit der Not 7'<j Schilling gkwahrleific». sind eine Amabl vorbanbrn. Aber aich der Geist der Seldslbülte dal >׳ch in größerem Umrange und mit weit ausichauendem Ziele ‘ in den rrw den Gbeltojude» gelchafienen sogenannten ..Beuefit Socielies" cn wickelt. Von stncn wrrden?lrbeiter. die von Kranireit »c׳mge»ch» , nd. >1, der LliVe m b ra<ch iiiner stützt, und so davor bewahrt, daß fie der öffentlichen Wehltäligkeit auheimsallen. Witwen und Waisengelder werde« ausdezahlt, und einen bemerkenswerten Einfluß üben diese G-lellschaften aus die Nkuzurrandernden auch nach der Rich tung aus, daß ihnen die Anpassung an die neuen Verhält nisse erleichtert werde. Jetzt ist sogar die Rede davon das Svstcm der ärztlichen Hülse durch Gründung einer eigenen Apotheke und chic« Gcl1csungvhci»1cs z» occdcsscrü Ter Redner wie» zum Schluß daraus hin, daß der Idealismus in seiner reinsten und edelsten f orin wie nirgend sonst seine Stätte im Londoner Ghetto hat. Ter Geist der jüdische» Lehre weiß sich auch dort zu bewähren, wo soziale Not un» politische Zurücksetzung sich mit einander verschworen habe», um den Menschen der Sitlenentarlung preiszugeben. Die Gbeitojuben. so schloß er, mögen Träumer sein, aber ihr«!räume halten fie aufrecht. Sie bienen dazu, ihr Leben er iräglicher )u machen, innerhalb einer Umgebung, deren robufle Tatsächlichkeit fie sonst sittlich und materiell vernichten würde tSortsetzung.) .Ter Israels des Neunzehnten Jahrhunderts' 1 I!>>, eine andere Resormzeitung, mar hauptsächlich religiöser 9iatur. hatte aber auch manchmal eine literarische Richtung. Aktueller nndlänger andauernd war Jnrst'S.Orienl' I *-Mt1 M1, er war avgen eine» Inhalte», und mit einem sepa raten Litrralurdlatt versehen, welche« beute noch eine wahr« f undgrude für Siubicrende der jüdischen Literatur, Geschichte und Archäologie bildet: .Lion" 42), eine andere wis'enschasiliche und religiöse iReform-) Zeitung, und .Sinai" 1840 für .Jüdi'ches Lernen und jüdische Elbik" möge:^ midi erwähn» werden.?if einzige Zeitschrift, die außerhalb Teutschland» ge