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Der Israelit · 1906-03-08 · 10 (8.3.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
10 (8.3.1906)
Date
1906-03-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum!(gründet non Dr. Lehnnnn in fflninz 47. Jahrgang. «« .»•;■י* ״,,*.״״«״״.״ . U IO. Der Israeli! erscheint jeden Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. l.50 vicrlcljährUch, HestauSgabe auf »unstdruckxapirr Mk. 3. v.e.leliahrtich «Auslands preise für die gew. Ausgabe: Oesterreich 2 Kr., Rußland l Rub., England 2 8b, Amerika 50 ct», 'JUcbttUnbt 1,20 ä.> Abonnements bei allen Ponanfiailen, Buchhandlungen, sowie di«kt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt, Inserate: 30 Pfennig« für dir sechsgclpaltene Eolonel Zeile: R.rball nach Tarif, Znseratenannabme nur durch Hassen stein A Bögler A, - G. 1» Frankfurt a. M, und deren Filialen, Adsmukilsdillise vra I. Huttil l!ll)li. Wir beginne» ייItte Mär« mit der (''in־ ztebung der Tlbommnentsfyträge pro Quartal 1900 Die Erhebung erfolgt durch X»eh«»ha»e unter L»nehl»g der Stpenea. Wir empfehle« daher dringend vorherige fr'. In/.»hl»■#■ per Pow■ Anweisung, zwecks Portoersparais ist die gleichzeitige Einsendung des Betrages für das »weit«- Quartal sehr zu empfehlen. Oerlag des ״Israelit" V. m. b. R. Jlnti$emitf$mu$ und flnglopbobie. Von •Aschkenasi. Gegenwärtig geht eine tiefgehende und darum bemerkenswerte Bewegung durch die deutschen Lande, die in ihren politischen Folgen zur Zeit noch nicht abzuschen ist. Man sucht wiederum ein freundschaft liches Verhältnis mit England anzuknüpfen, man wünscht eine Annäherung beider großen Nationen, nachdem jahrzehntelang Mißstimmung, Entfremdung, ja offene Feindschaft geherrscht. Man crkennt und anerkennt auf beiden Seiten, daß die beiden stammverwandten Völker nur zum eigenen Schaden die Fortdauer eines solchen Zustandes ruhig belassen könnten, wo so mannigfache Fragen der Kultur, der Weltpolitik und des Nationalwohlstanves in gegen׳ seitigem Jntereffe Hand in Hand zu gehen dringend empfehlen. Tie Erfahrung vergangener Jahre hat deutlich bewiesen, wie für Handel und Industrie es nicht gerade ratsam erscheint, mit einer so mächtigen, auf dem Weltmärkte tonangebenden Nation wie Eng land in Zanl und Hader zu leben. Die Erkenntnis h׳ach s:ch immer mehr Bahn, besonders nachdem man aus dem Friedenskongreß zu Luzern englischerseits die Deutschen zur Besprechung der bedrohlichen Veeinfluffung der öffentlichen Meinung Englands eingeladen hatte. Seitdem fanden in zahlreichen Stäoten unseres deutschen Vaterlandes Kundgebungen in dieser Richtung statt. Daran beteiligten sich die besten Kreise und alle Schichten der Bevölkerung: Großkaufleute. Industrielle. Universitätsprofessoren. Volitiker, Handelskammern, Adel und Geistlichkeit, Ber waltungsbeamte. städtische Bürgermeister u. a. Zum Jahreswechsel tauschten der Lordmanor von London und der Bürgermeister Berlins Grüße und Wünsche aus, im Reichstag streckte Bülow die Hand weit über den Kanal," und Eampell Bannrrmann ließ es in London auch nicht fehlen an der Versicherung, daß man dort die Anbahnung eines Freundschaftsverhält nisses zu Deuttchland mit lebhafter Genugtuung be gleite. Wir hätten ohne Weiteres keinen Grund, uns in diesen Blättern mit genannten Vorgängen zu be fassen, wenngleich wir als Juden die friedliche An Näherung der Nationen mit inniger Freude begrüßen, v/nt/mcn 10׳u; me ^jutcu vcv 4veufr1eoens unc oer Menschhritsverbrüderung mit zu den großen Hoff nungen, welche der Glaube an die meffianische Zeü für uns in sich schließt. Schon von diesem Standpunkte aus wissen wir die englandfreundticben Kundgevungen der Gegenwart vollauf zu würdigen. Allein es kommt noch etwas Besonderes hinzu, was für uns deutsche Juden immer der Beachtung wert ist. Wenn wir den Ursachen der Entfremdung zwischen Deutschland und England nachgehen - und das gesäneht doch allenthalben so ist ein Moment nicht zu vergessen, nicht zu unterschätzen: der deutsche Antisemitismus! Genau mit der Entsteh ung dieser Gcisiesverirrung fäll! auch der Beginn des Engländerhaffcs zusammen. Und gerade die Antisemiten und die ihnen nahestehenden Gesinnunge verwandten waren die cisrrgsten Hetzer, dir grimmig sten Hasser in Bezug auf England. Dhpisch ist hier die bekannte Aeußerung des weiland preußischen Ho׳ Historiographen, des verstorbenen Prof. Heinrich von Treitschke: ״Wenn ich auf Juden und Engländer ׳,» sprechen komme, dann werde ich nervös, dann ist me.n Urteil nicht mehr obzektiv." Wir erinnern narb ,in die auch in diesen Blättern hervorqehobene Tatsache, wie vor drei Jahren gerade die Antisemiten es waren, ioelchr an die Deutschland dkrciscnoen Burrngriierulc sich herandrängten: wir erinnern daran, drß man gerade von judenfeindlichrr Seite der deutschen Neicysregierung oft Knüppel zwischen die Füße warf bei ihrem streng neutralen Verhalten England gegenüber, die Kaiserrrise nach England bekrittelte und kritisierte, in der Presse und im Parlamen* den rüdesten Ton anschluq, unbekümmert um die Per legenhrit sozusagen , dir man der Negierung damit bereitete. Gegen ״Engländer und Juden" ist alles erlaubt! Antisemitismus und Anglophob!» sind kein zufälliges chronologisches Zusammentre'^n. es besteht ein innerer pshchologischer Könner. Unbemußt wirkt die gleiche Triebfeder in beiden Ver irrungen des menschlichen Geistes. Der Antilemitis mus ist reaktionär bis auf die Knochen, ein Feind der Freiheit und ihrer gerechten Forderungen: er ist die häßliche Ausgeburt einer blöden nationalen Ueberhebung. des engherzigen und kurzsichtigen Chauvinismus, der die oft beobachtete Begleite׳scheinung des Aufschwungs staatlicher Kraft und Selbständ'gkeit bildet. Kurz nach 1870 konnte auch der antisemitische Eigendünkel Wurzel fassen. Ihm kam freilich auch das freie England in die Quere. Dort hatte man für antisemitische Lügen und Allüren weder Verständnis noch Neigung. England blieb seinen großen Traditionen von der Freiheil und Gleichheit aller unentwegt treu. In aller Form und unzweideutig gab man dort zu verstehen, daß für mittelalterlichen Judenhaß, den man aus Deutschland zu imvortiercn hoffte, Albion kein Boden sei. Die deutsche Modckrankheit konnte nicht über den Kanal dringen. Sran Bewunderung der ott als Muster hinaestellten Entwicklung Englands in kommerzieller, merkantiler und industrieller Beziehustg, statt Aner kennung seiner bislang angestaunten sozialen Qrgani ׳alionen folgte Verklcinerungssucht, Nörgelei und Abneigung, die sich zu offenem Haß steiaerte. Es war ein merkwürdiger Umschwung, den wir in den achtziger Jahren England gegenüber erlebten. Man haßte nicht nur die handeltreibenden Juden, man crachteke das Krämervolk jenseits ves Kanals ihnen c b e n b ll r t i g. Wie hätte man sonst dort auch den Juden in so skrupelloser Weise die höchsten Sluatsstellen einräumen können, im krassen Gegensatz zur deutschen Stöckerr, Ulid Muckerei! Und als mal. dort gar in Meetings Stellung nahm gegen den Antisemitismus, als man den verfolgten russischen Brütern gastfreundlich und menschlich entgegenkam da war es vollends aus, England galt als .oerjudet"! Das wurde bei der ,gebildeten" deutschen Jugend zur fixen Idee. Freilich drehte sich die i^rde deshalb ruhig weiter um ihre Achse: in der Weltpol tit iSft sich mit antisemitischen Schlaqwörtcrn und Flunkereien wenig erreichen, gar einem machtvollen Staat wie England gegenüber. Das ist im Nr.chs tag gar oft betont worden: allein man b«1t jeden, d-r 1׳ v sp.ach, ü.v!Mltgi.r«׳ der »a^^Afchutzlruppe oe: lästert, als Söldling Englands und der Juden bin f.v n K Mti(« H mfinnh#« Mi hei*. '.IMI, v(t •.»II V'WtSI »Ut»V »I1UV» **II« Itlllt-vt» )M *׳V» raten bereit sei. ll n d jetzt? Es dämmert und dämmert, der Morgen bricht an. Treitschkc dreh: im Grabe um, man kapituliert vor der Vernunit. vor der Freiheit, vor der Gerechtigkeit, vor den׳ ce sunden Fortschritt, vor der Macht sittlicher J>een. Die deutsche Neichscenürun., ist osstubar erfreut von der neuesten Wendunz der Dinge. Auch wir Juden finden darin eine Genugtuung, ja wir hoffen zuve׳ sichtlich, daß im Lause der Zeit noch manche Tatsache werden wird wogegen antisemitische Dickschädel stch bislang heftig sträuben. Sie müssen n<>Ien-i v«»Irn!< zuqeben: Und sie bewegt sich doch! Der vüstoriler wild einst nicht vergcssen, den ״Anti den :echten Vers in's Album zu schreiben. L——1

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