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Der Israelit · 1906-03-01 · 9 (1.3.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
9 (1.3.1906)
Date
1906-03-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton - Beilage zu Nr. 9 des ״)sraelit^ jkijx^Kjk xx־v * x x»־x * x x x x x.x_x* *!g:x xjo* x x >ot*Jcx x xJixjc x x x x x Z0<m?am»«. Phialias i» -er ZickiM. Äon Arthur Kudu.!'1 Nachdruck verboten. Korn, der sich eben über eines der großen Bücher niedergebeugt hatte, blickte über seine Brille hinweg zu dem gegenübersitzenden Buchhalter. Sein Zorn war mit dem flinken Verschwinden seines Jüngsten schon ziemlich verraucht. ״Jetzt, Menertbal, reden S i e aber Schluß, (?in Mensch, wie (fmi!, sollte Advokat oder Raw werden können! (?in Mensch, der lauter verdrehte Bücher liest, die niemand versteht." ״Gerad' deswegen," beharrte wiederum Meyerthal bei seiner Ansicht. Bei jedem Gespräch. das außerhalb geschäftlicher Angelegenheiten lag. liebte der Buchhalter seinem Brotherrn zu widersprechen. ״Gerad' deswegen, sag ich. und wenn auch Sie die bei? 2Si?f?n sollt' ich 's Gottswill (gebe Gott), was Sie noch mehr nickt versieben-und auch ich nicht." So unehrerbietig diese Bemerkung auch gegen den Prinzipal war und einen nicht unbeträchtlichen Zweifel an bellen Bildung enthielt, io schien sich Korn dennoch nicht verletzt zu fühlen. Seit Meier Korn das Geschält von seinem Vater übernommen, nun also schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren, sah Meverthal ihm gegenüber. Ta entwickelte sich nun einmal im Laufe der Zeit eine gewille VertrauliLkeit, die nicht zu vermeiden war, und gegen die auch die Prinzipale gar nicht so empfindlich waren: besonders nicht unter den Juden. Muhten sich doch die jungen Leute auch gar vieles von ihren Lehr und Brotherren gefallen lallen, was weder schön noch ut,- beding! nötig war. lind auch Meverthal war keine Ausnahme hiervon. Jedes Jahr kam es mindestens einmal zwischen ihm und Korn zu Disserenzeu. die dann bald seitens des Prinzipals, bald seiten-: des Gischästssührrlv jut Kündigung des Dien stört heil nisies führten, ohne dasz die Trennung jemals über die Msttaasvauke hinaus ana,halten hätte. ״Wenn der Junge mir gehörte," fuhr Meverthal fort, ohne seine schriftliche Tätigkeit zu unterbrechen, ״was meinen Sie, was ich mit ihm täte?" ״Wenn der Junge mir gekörte." wiederholt׳ Korn spöttisch und mit lessem Ingrimm, ״ich wollt'. Meverthal, er war' Ihnen - nun, was täten Sie dann?" ״Studieren lieh ich ihn," sagte der Buchhalter gelallen. Maier Korn lackte höhnisch au?. ״Studitren *ölen Sie ihn lallen?" Nicht übel, ofzer lwahrbastig) nicht übel." ״Bei dem Gehalt, das ich von Ihnen kr׳ege, lönnt' ick freilich nicht' mal den Jungen — —“ Menertdal lachte höchst respekiwidrig und Korns Gesicki überzog sekundenlang eine dunkle Röte. ״Ada, alleweil kommt's heraus," knurrte er. ״Raa, nicht!" erwiderte der Buchhalter und Ge ta>ä׳!ssüdrer. die Schulter in die Höbe ziehend. ״Weil Sie so scknnant sind davon zu reden, soll ich ׳ a! :ich schenieren?" Nichts Gutes ahnend, mit einem är.zer'.'.ctien "יי»'•‘ Meverthal, verlies; Korn, indem er die Hui .:i'i’ctxn die Lippen nahm, das Kontor. Meyerthal hatte nämlich eine für seinen Brot geber höchst unangenehme Gewohnheit, über die sich Korn schon öfter sehr aufgeregt hatte. Fast vor jedem Feiertag versuchte der Geschäftsführer seinen Prinzipal auf irgend eine listige Weise zu einer Gehaltserhöhung zu nötigen. Mochte das Gespräch noch so fernabliegend beginnen, immer verstand er es, dann auf eine Zulage zurückzukommen. ״Latz' nur erst heute meine Söhne zurückkommen," murmelte Korn vor sich hin, ״dann will ich Dir schon eine Gehaltszulage geben, an di« Tu denken sollst," ״Rücke nur immerhin aus." lachte der Buchhalter vor sich hin. ״Zulage muht Du mir dock! geben." Er fuhr mit der Hand durch das ergrauende Haar und blickte einige Augenblicke in den Hof. Geich darauf tvard Korns scheltende Stimme wieder vernehmbar: dazwischen redete Emil in pathetischem Tone. — ״De׳׳ Junge ist ein Stnßel und der Alte ein Zornickel." sagte Wolf Süelheim zu Jhikchen. — Eine Stunde bevor der Festgottesdienst in der hell erleuchteten Synagoge begann, waren Korns Söhne angekommen. Laden, Kontor, Keller, Speicher und Hoftor waren geschloffen und mit starken eisernen Stangen und Vorhängeschlössern versehen worden. In der Wohnung herrscht Festesstimmung. lieber dem Tische brannte die Sabbatlampe, aus dem festlich gedeckten Tisch standen schwere silberne?sinfarmtge Leuchter: überall im geräumigen Zimmer waren Zlumen verteilt. Korn war mit seinen Söbnen zur Svnaaoae gegangen. Seine Frau, die immer kränkelte, sah, in einer farbenreichen Decke eingehiillt, in der Sofaecke hinter dem Tisch. Frau Korn fröstelte auch an fjj Vn£rm#« &t£ ÜHb btC b??t bfTT ausstrahlende milde Wärme schien ihr wohl zu tun. Sie blickte mit ihren dunkeln Augen träumend in die kleinen Flämmchen. Ter stille, leidende Zug in ihrem blutleeren Gesicht, war jetzt einer wiederum stillen Freude gewichen, Ihr Herz war freudig erfüllt von dem Bild der heimgekehrten Söhne. Sie waren beide richtige Männer geworden. Sie atmete un׳ willkürlich tief auf, als eben ihre Tochter säst unhörbar an sie herangetreten war. ״Woran dachtest Du. Mütterchen?" srug Emma, indem sic sich über d!e bleiche Frau herahheuale. Zch dachte, jetzt, wo Deine Brüder zurückgekehrt sind, um nun bei uns zu bleiben, wird auch zwischen Deinem Vater und Emil ein besseres Verhältnis eintreten." Ueber Emmas Gesicht flog ein Schattet! des Unmuts. ״Emil ist ein Mensch, der sich immer mehr zuni Sonderling auswächst. Er stellt Vaters Geduld auf gar zu harte Proben: zu nichts kann tvn Vater gebrauchen. Anstatt im Keller aufzupasten, wenn die Küfer drunten arbeiten, liest er bnri״ ebenso ninckü er es auf dem Speicher: wird er zu einer Komnuffion fortgeschickt, kommt et unverrichteter Sache zurück. Kat die Hälfte vergessen, die andere Hälfte falsch ausgerichtet: er widerspricht mit hochtrabenden Redensarten und schlägt mit unnützen Dingen die Zeit tot. In zwei verschiedenen Lehrstellen ist er lvegen seiner Unbrauchbarkeit entlassen worden: hat den Vater viel Geld gelosict, viel Berdrutz uns allen bereitei. Und obendrein sucht er sich noch Gesellschaft aus, die alle Leute in Staunen setzt. Denke Dir doch, was er vorige Woche tat, und Du nicht weißt." ״Nun, was war's? etwas Schlechtes doch nicht?" tinterbrach die Mutter mit ängstlichem Gestckstsaus druck, ״Etwas Schlechtes?" wieverbolte nie Tochter erregt und hart. ״Das fehlte uns noch. Nein. Mütterchen." fuhr sie ruhiger fort, ״das nickt. Also, ums kurz zu erzählen, schickt ihn Vater au? die Spar kasie, um dort das Geld für einen Wechsel zu er Heden, Eine kalbe, eine ganze Stunde vergeht, und eine »weile. Wo mag nur Emil stecken? Unser junger Mann wird auf die Kasie geschickt, eriäbrt. daß Emil schon!angst das Geld erhoben Hai und wieder fortgegangen ist. Man iucht ihn in allen Strassen und bei allen Bekannten, «her er ist nirgendwo zu finden. Der Later wird schon ganz ängstlich und denkt an ein Unglück. Inzwischen sitzt Emil in der Schneider- Werkstatt Friedbergs und liest Jechiel und seinen Ge sellen Gedichte und Geschichten vor. Von da begab er sich gewissenloserweise zu Schuster Berez und liest auch diesem die tollsten Dinge von Gespenstern und Spukgeschichten vor. Vater war natürlich ganz außer sich und hätte Emil seinen ganzen Zorn fühlen lassen, ivenn nicht Meyerthal auf die Straße und ihm entgegengegangen wäre. Klugerweise schickte ihn Meyer thal sofort mit einer Kommission über Feld, von der er vor Abend nicht zurück sein konnte." Frau Korn lächelte schwach. In ihren Augen wog das Vergehen ihres jüngsten Sohnes nicht so schwer, wie bei der Tochter. Diese fuhr fort: ״Ich weiß nicht, ob Du mit mir übereinstimmst, wenn ich mich auf Vaters Seite stelle und eine sehr strenge Behandlung Emils befürworte. Wozu soll denn ein solcher Mensch, der bereits achtzehn Jahre alt ist. und nichts leisten kann und leisten mag. einmal nütze iverden? Denke doch, Mütterchen, nicht nur, daß er z» solchen Menschen in's Haus gebt und bei Schuster und Schneider Vorleser spielt, soll er. wie ich von ihm selber erfuhr״, Friedbergs Kindern sogar Unterricht erteilen, höheren Unterricht, wie er sagt, damit sic eine bcsiere Bildung bekämen. Zu diesem Zweck geht er jetzt sogar mjt dem Schneidersjungen öffentlich spazieren. Und da soll ich mich nicht cntrüsten? Und Vatcr soll nicht böse werden? Ist da nicht Strenge geboten? sage nur selbst." Emma war offenbar empört: ihre Stimme war lauter und härter geworden. Das bisher heitere Gesicht der bleichen Frau wurde wieder traurig. Wie von Schmerzen gepeinigt, zog sic dir Lippen zusammen und mit einem vor wurfsvollen Blick sab sie die Tochter an. ״Du sprichst ja wie ein Staatsanwalt, der einen Angeklagten verurteilt sehen will. Aus Deinen Worten höre ich keine Liebe klingen." ״Ja. aber Mütterchen, Du bist gleich verletzt, wenn man etwas auf Deinen Emil sagt, was für Ihn nicht schmeichelhaft klingt." ״Deinen Emil, Deinen Emil, sagst Du? D u , seine einzige Schwester?" Es klang schmerzlich und klagend, wie die Mutter das sagte und Emma schien betroffen und schwieg eine Weile. ״Liebes Kind." fuhr Frau Korn fort, indem sie über ihre Slirn und dic eingefallenen Schläfen hin strich und den schwarzen Haarscheitel etwas hervor rückte. ״Ich dachte immer, wenn ich nicht mehr sein werde, wird mein jüngstes Kind von seiner Schwester gehegt werden. . . ." ״Ja, aber nicht verwöhnt," unterbrach Emma ihre Mutier. ״Aber Mütterchen. nimm mir's nicht übel. Emil müßte viel strenger erzogen werden, eben weit mit ihm sonst nicht ausztüoinmen ist, und Vater nimmts auch ernst und ist streng. Da versteckt sich aber Emilcken hinter seine Mama, weil sie schwach gegen ihn ist- ״— schwach bin ich?" unterbrach die Mutter, ״schwach? betrachte diese Hände. Kind, durch die das Blut nur noch langsam hindurch pulst: war ich stärker gegen Euch? Haben diese abgezehrten Hände Euch strenger behandelt? Diese fleischlosen Arme sollen vor Eures Vaters Strenge schützen können?" Tie blasse Frau streckte ihre wachsigen Hände aus der Decke hervor, streifte den Aermcl zurück und lief} die dünnen, weißen Arme sehen, durch deren zarte Haut die Adern bläulich durchschimmerten. Wie in Mitleid mit sich selber betrachtete Frau Korn ihre Arme und Hände. Dann fuhr sie. wie mit sich selber sprechend, leise fort: ״Emma, mein Kind. Du kennst Dein eignes Geschlecht nickt. Tie Stärke einer Mutter sitzi nicht in den Armen, sondern ruht im Hetzen . ." Wie um erst Atem zu schöpfen, fuhr sie fort: ״Du bist nicht so hart, wie Du tust und Du witst noch lernen, warum eine Mutter anders denkt, wie ein junges Mädchen." Emma lachte gezwungen. ״Vielleicht erfahr' ich das nie: vielleicht bleib' ich ledig, vielletcht-

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